Wieder einmal zog es uns an die Algarve – und wieder einmal verging die Zeit viel zu schnell. Im Vergleich zum vergangenen Jahr hatte sich auf den ersten Blick nicht allzu viel verändert. Das ist gut, da die Langsamkeit der Zeit in manchen Momenten herrlich entschleunigt. Der zweite Blick zeigt ein anderes Bild. Das ist schlecht, da die allgegenwärtige Wandlung weiterhin in großen Schritten voranschreitet – und nur wenige Einheimische davon profitieren.
Dies betrifft vor allem die Bauten. Überall schießen neue Häuser aus dem Boden, exklusive, die in die Hände von Deutschen, Niederländern oder Franzosen wandern. Die Menschen, die hier leben, können weder die Häuser noch die Mieten bezahlen, zumindest jene mit einfachen Jobs. In der Nebensaison stehen ganze Viertel leer – und im Hochsommer sind sie völlig überfüllt. Wenn du mit den Leuten hier sprichst, singen sie überall das gleiche Lied.
An der Ostalgarve ist es bei der Ankunft warm, die Sonne lacht über Faro; wir nehmen ein Uber und sind 20 Minuten später in unserer Unterkunft, die wir uns wie in den vergangenen Jahren mit anderen Gästen teilen. Manche bleiben wie wir mehrere Tage oder Wochen, andere sind nach einer Nacht wieder weg. Vier Zimmer werden vermietet, wir teilen uns das Bad mit dem Nachbarraum, die Küche, Terrasse und die Dachterrasse mit allen. So lernen wir im Laufe der Zeit Elsa aus den USA, Inneke aus den Niederlanden oder Pedro und Julie aus Paris kennen. Im Hof fällt hie und da eine Zitrone auf den Boden, die wir gerne nutzen. Manche Gäste sind redselig, andere schweigsam, mancher Abschied fällt leichter als der andere.
Die Tage ziehen leicht dahin, wir treffen Antonio, der uns gleich nach der Ankunft freudestrahlend aus einem Café entgegenkommt, freuen uns über die violett blühenden Jacarandas, die sich stets, wenn wir vor Ort sind, mächtig ins Zeug legen. Mitte bis Ende Mai ist ihre Zeit – und seit dem Finale in Sevilla auch unsere. Auf dem Weg über die kleine Brücke kommen wir an der Grundschule vorbei, die Kiddies kicken oder versuchen sich im Radfahren – manchmal ist es auch leise, dann lernen sie hoffentlich fürs Leben.
Unten am Platz trifft sich Groß und Klein, die Männer sitzen im Pescador auf den roten Stühlen und trinken Bier, die Frauen in der Bäckerei an der Straße bei einem Galão oder Pão de Deus. Dazwischen flanieren die Tourist:innen, meist höheren Alters, mit seltsamen Sonnenhüten. Viele sind mit dem Wohnmobil gekommen, das auf dem hiesigen Campingplatz steht, die E-Bikes im Gepäck.
Eine Fähre bringt uns über die Ria Formosa auf die vorgelagerte Insel und damit ans Meer. Meist sind der Kapitän und sein Helfer dieselben wettergegerbten Gesellen, die jeden Fisch und jede Welle auf dem kurzen Weg kennen. Wir laufen am Atlantik entlang bis zur nächsten Fährstation, die uns nach Olhão bringt, neben Tavira der nächstgrößere Ort mit seiner Markthalle aus Backsteinen und dem Weg der Legenden.
Die alte Eisenbahn der Linha do Algarve verkehrt noch immer. Wir fahren mit ihr an der Küste entlang bis nach Faro und eines Tages sogar bis nach Lagos. Dort war ich erstmals nach dem Abi 1984 mit der Ente und meinen Freunden Höke und Kalli. Aufregende Tage damals, die mit einem Raub in Marokko endeten. Aber das ist eine andere Geschichte. Diesmal müssen wir in Tunes auf den Zug aus Lissabon warten, wie uns der Zugbegleiter treuherzig mitteilt.
Entlang des Kanals schlendern wir in Lagos bis zum offenen Meer, Tücher wehen im Wind und die kleinen Agenturen versuchen, ihre Bootstouren an den Mann oder die Frau zu bringen, in der pittoresken Altstadt herrscht mehrsprachiges Gewusel. Die Restaurants sind gut besetzt, im Sommer möchte ich nicht hier sein. Hinten im Café Osiris arbeitet ein junger Mann, der neun Jahre in Deutschland gelebt hat.
Die Bahn bringt uns zurück nach Faro, und fährt dann weiter über Olhão und Tavira bis zur spanischen Grenze, aus meinen Lautsprechern tönt Cristina Branco. In Tavira genießen wir in einer Kirche ein Fadokonzert, diesmal singt Helena Candeias, begleitet von zwei Gitarristen. Wir radeln über Moncarapacho nach Quelfes und von dort über Olhão zurück. Ein Bücherschrank, getarnt als Kühlschrank, steht auf der Straße und wartet auf Leser. An der Eisenbahnlinie hinter Quelfes das Gedenken an Etienne und Sandrine, die hier von einem Zug erfasst wurden, als sie versuchten, mit dem Rad die Gleise zu überqueren. Nebenan füttert ein Storch seinen Nachwuchs.
Von unserer Dachterrasse sehen wir hinter der Ria Formosa das Meer, Schwalben sausen über uns hinweg und an guten Tagen ein Flamingoschwarm . Wir kochen oft selbst, für mich frische Camarão vom Händler oben an der Hauptstraße, futtern zuweilen eine Bifana oder ein Tosta Mista im Cafe Arco Iris, dessen Inhaber nicht englisch spricht und deshalb kaum von Touristen besucht wird. Im Recreativo gibt es natürlich Pastéis de Nata mit einem Meia de Leite oder wie Pia sagt: „Leia de Meite“. Azurblau der Himmel.
Manchmal gehen wir abends essen: Lachs, Dorade, Barsch. Die großen Grills voll glühender Holzkohle haben viel zu tun. Menschen warten auf freie Plätze. Die Bedienungen arbeiten freundlich, strukturiert – jeder Handgriff sitzt. Antonio schenkt mir ein Trikot von Benfica. Es sitzt ein wenig eng – jetzt freut sich Pia. Die Boote liegen nebenan im Kanal in Reih und Glied. Glücklich, wer einen Liegeplatz auf dieser Seite besitzt. Auf der anderen Seite liegen die Salinen, unzählige Vogelsorten singen ihr Lied. Oder meckern. Oder beides.
Wir besuchen Peter, der an seinem Häuschen werkelt und dabei manchmal verzweifelt. Unten am Wasser eine Art Bundesjugendspiele, mit Kajak und Dauerlauf – Aus den Lautsprechern krächzen Anweisungen, weiter oben an den Häusern blühen die Bougainvilleas. Eine Katze schläft auf einem gemauerten Straßenschild.
Schön war die Zeit.


















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