Mit Göteborg hatte ich eigentlich nie viel verbunden. Ich wusste, dass Perkele eine Göteborger Band sind und dass es einen Fußballclub namens IFK Göteborg gibt. Das war’s im Grunde schon. Schweden jedoch war schon immer ein Wunschziel, allein hat es bis letzten Juli gedauert, bis ich es immerhin nach Malmö geschafft hatte. Nun stand die Frauenmannschaft der Eintracht im Halbfinale des Europapokals. Gegnerinnen waren die Frauen des BK Häcken aus … Göteborg.
Mir schien das eine gute Gelegenheit, unverhofft erneut nach Schweden zu kommen. Nur die Anreise mit der Bahn erwies sich als zu kompliziert, sodass ich dann doch auf das Flugzeug umstieg. Und die Flugpreise gaben es her, dass ich von Dienstag bis Sonntag buchte. Satte fünf Nächte also. Leider hat die Buchung eines Zimmers unten am Fluss nicht geklappt, letztlich kam ich einige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums unter. Immerhin war von Tolered aus das Stadion fußläufig zu erreichen. Und ein Bus sollte mich binnen 20 Minuten ins Zentrum bringen.
Zu allem Unglück fing sich die Eintracht im Hinspiel eine 0:3-Klatsche ein und die Wettervorhersage verhieß mehr oder weniger Regen. Kurz zuckte ich, die Reise abzusagen, auch weil mein Airbnb-Zimmer winzig und eigentlich nur zum Übernachten gedacht war – aber dann rollte ich doch zum Flughafen. Einen Tag zuvor war ich ja aus Kassel zurückgekommen – jetzt musste ich Pia schon wieder schweren Herzens allein lassen.
Am Flughafen traf ich Simone, die den gleichen Flieger gebucht hatte – und trotz einer Mail, das Handgepäck aufzugeben, verweigerte der Automat bei uns beiden die Annahme. Immerhin war der Schalter nebenan hilfreich. Pünktlich hoben wir ab, pünktlich landeten wir bei strahlendem Sonnenschein in Göteborg Landvetter. Auch die Ticketbeschaffung für den Flughafenshuttle klappte tadellos und ein paar Minuten später rollten wir an Liseberg vorbei Richtung Bahnhof. Dort trennten sich vorerst unsere Wege . Ich versuchte, mir eine Drei-Tage-Karte für den Regionalverkehr zu ordern, scheiterte aber daran, dass mir keine Bestätigungsinfo über die Kreditkarten-App zugeschickt wurde. Telefonieren klappte auch nicht. So kämpfte ich in der Sonne mit der Technik – bis mir die rettende Idee der Nutzung meiner zweiten Kreditkarte kam, die auch tadellos funktionierte. Mit meinem Ticket im Handy schlurfte ich nun zum Brunnsparken, um meinen Bus zur Unterkunft zu nehmen. Zunächst verwirrte mich die Vielzahl der Haltepunkte, immerhin erwischte ich relativ bald einen 25er-Bus, der sogar in meine Richtung fuhr.
Bislang hatte ich ob der Checkerei kaum Augen für die Stadt. Als ich nun aus dem Fenster blickte, überquerten wir die Göta über eine gigantische Brücke. Rundherum ein Autostraßengewirr, welches auch dahinter nicht besser wurde. Zumindest auf diesem Weg würde ich nicht in die Stadt laufen – wie eigentlich geplant. Sechs Minuten dauerte allein die Fahrt von Lilla Bommen, der letzten innerstädtischen Haltestelle, bis zum ersten Stopp auf der anderen Seite. Und wirklich schöner wurde es dahinter auch nicht. Zumindest lud der Bereich nicht wirklich zum Flanieren ein.
Nach knapp 25 Minuten hielt der Bus an meiner Haltestelle. Gegenüber harrte eine weiße Kirche der Dinge, ich überquerte einen Zebrastreifen und bog um die Ecke. Dahinter verbargen sich ein Solarium, eine Kebab-Pizza-Hotdog-Bude und eine kleine Bäckerei. Nach wenigen Schritten erreichte ich mein Ziel, ein kleines Reihenhaus irgendwo in Schweden. Da ich vor der Zeit gekommen war, stellte ich meinen Koffer ab und nahm den nächsten Bus zurück in die Stadt. Die Rückfahrt machte mir diese Seite Göteborgs nicht wirklich schmackhafter.
Brunnsparken sollte sich zu meiner Basis-Haltestelle entwickeln. Grundsätzlich gilt aber: Wenn du in einer Stadt nicht weißt, wo du hinwillst, geh an den Fluss. Und das gilt gerade für Göteborg, eine Stadt, die von Wasser durchzogen ist. Vorbei am Gustaf Adolfs torg schlängele ich mich über Baustellen ans Stenpiren, der Anlegestelle für Stadtfähren, und nehme eine kostenlose Fähre über den Fluss und zurück. Anschließend mache ich noch eine kleine Stadtrundfahrt auf dem Wasser. Die alte Werft ist schon lange stillgelegt, ein Kran mit der Aufschrift Eriksberg dient nun als Wahrzeichen, die Gegend scheint gentrifiziert.
Das Gute hier ist, dass die Fähren in die Schärengärten auch in den Tagestickets enthalten sind. Diese Boote fahren von Saltholmen ab, eine 35-minütige Busfahrt von der City entfernt. Nach dem Einchecken in der Unterkunft laufe ich durch mein Viertel, das zunächst aus vereinzelten Holzhäusern besteht, bis ich nach einer guten halben Stunde am Stadion lande. Dann bringt mich eine Bahn wieder zurück in die Stadt. Simone steigt später zu mir in die Straßenbahn und wir fahren am großen Friedhof und Villengegenden vorbei nach Saltholmen an den Fähranleger. Die Sonne schickt sich an, langsam zu versinken, und als wir an den im Hafen schaukelnden Bootchen vorbeimarschieren, höre ich hinter mir „Gude Beve“. Florian hatte die gleiche Idee wie wir und gemeinsam klettern wir über die Felsen und blicken über den Kattegat in den Sonnenuntergang. Morgen plane ich, erneut hier aufzuschlagen, um mit der Fähre auf eine der Inseln zu tuckern.
Auf dem Heimweg steige ich am Järntorget aus, esse noch eine Wurst mit Kartoffelbrei und wandere durch das nachtdunkle Haga. Die Läden sind geschlossen und ich werde müde, sodass ich mir in einem Supermarkt noch ein paar Kekse kaufe und wieder Richtung Unterkunft fahre. Meine Gastgeberin ist jetzt auch zu Hause, erklärt mir nochmal alles ganz genau – ich mache mir noch einen Tee und schlafe alsbald rechtschaffen müde ein.
Tag 2
Nach einem Frühstück mit Kaffee und Zimtschnecke in der kleinen Bäckerei nehme ich wieder den Bus in die Stadt und fahre von dort mit der Linie 11 nach Saltholmen. Meine Fähre kommt in einer halben Stunde, ich drehe noch eine Runde durch den Hafen. Die Sonne vom Vortag ist nun einem diffusen Grau gewichen, es ist neblig. Als die Fähre ablegt, gehe ich ans Oberdeck und stelle mich alleine in den Wind. Eigentlich wollte ich nach Brännö, steige aber an der ersten Anlegestelle aus. Asperö Östra wirkt verlassen, fast aus der Zeit gefallen, kaum jemand verlässt die Fähre .
Auf den Ohren das neue Album von And Also The Trees, umgeben von Steinen, Hügeln, Birken und der nebligen See durchstreife ich die nahezu menschenleere Insel, wandere zu einem kleinen Badestrand mit Sprungturm, der verlassen auf den Sommer wartet, blicke in den Nebel und erreiche einen Aussichtspunkt. Unten liegt das Dorf, dahinter eine weitere Insel. Zwei Männer mit Hunden, ein See, ein Ruderboot am Ufer – viel mehr passiert nicht. Autos gibt es hier nicht, stattdessen Lastenmopeds mit großen Ladeflächen. Und einen zweiten Anleger: Asperö Norra.
Die nächste Fähre Richtung Göteborg kommt in einer guten Stunde, danach erst wieder in zwei. Ich lasse es darauf ankommen und wandere auf der anderen Inselseite zurück, und kaum bin ich an dem Anleger, an dem ich ausgestiegen bin, erkenne ich die Fähre am nebligen Horizont, die mich wieder nach Saltholmen bringt. Kurz darauf rasselt die 11 an und es geht wieder zurück Richtung City. Da ich auf halber Strecke ein einladendes Café entdecke und schräg gegenüber eine winzige Wurstbude, steige ich an der nächsten Haltestelle aus, trinke im Café Marmelad einen Kaffee und bin erschüttert, dass der Wurstverkäufer nur Kronen nimmt. Oder Swish – eine Art schwedisches PayPal, für das man allerdings ein lokales Konto braucht. Ein paar Euro habe ich noch in der Tasche, wir werden uns einig.
Es bleibt trüb. Ich durchstreife Haga, eine für Touristen inszenierte Fußgängerzone mit etlichen Cafés und Souvenirshops. Weiter oben thront die Festung Skansen Kronan, die ich alsbald erklimme. Unter mir breitet sich Göteborg aus, gleiten die blauen Straßenbahnen wurmgleich an Baustellen vorbei durch die Stadt. Nahezu von überall siehst du den Karlatornet, ein 2024 fertiggestelltes Hochhaus, das höchste Skandinaviens. Es ist frisch, ich bin ziemlich müde, und so wandere ich noch einmal ins Röhsska Museum, dem hiesigen Designmuseum. Dort besorge ich mir für 150 Kronen bei der freundlichen Mitarbeiterin eine Jahreskarte für vier Museen – da das Wetter nicht besser werden soll, meine Alternative für regennasse Tage.
Anschließend geht es mit dem 25er-Bus wieder Richtung Kurzzeitheimat. Während die Tram Richtung Fähre vorwiegend Einheimische und Touristen befördert, fährt der 25er-Bus vorwiegend Migranten in die Vororte – oder deren Nachfahr:innen.
Abends treffe ich mich noch einmal mit Simone und wir nehmen am Stenpiren die Fähre auf die andere Seite. Von dort laufen wir in der anbrechenden Dunkelheit von der Technischen Fakultät an Kunstwerken vorbei bis nach Eriksberg. Gegenüber thront der Seemannsturm. Darauf wartet eine weibliche Skulptur, die „Frau am Meer“, auf die Rückkehr ihres seefahrenden Gatten – als hätte sie nichts Besseres zu tun. Andere Stimmen besagen, sie sei ein Mahnmal für die gefallenen schwedischen Seeleute des ersten Weltkrieges. Dass sie dabei nicht in Richtung des Kattegat blickt, verwundert.
Wir aber nehmen die Fähre zurück und essen in der Innenstadt noch einen Burger.
Matchday
Am nächsten Morgen breche ich gegen neun Uhr auf und besorge mir eine Zimtschnecke in der Bäckerei ums Eck. Ich würde gerne eine Fähre nach Brännö erwischen, dazu fahre ich wieder mit meinem 25er-Bus in die City und von dort mit der 11 nach Saltholmen. Diesmal ist schon mehr los, die Menschen wollen über Ostern nach Hause. Auch Brännö hat zwei Anlegestellen, das Wetter ist noch immer grau, vereinzelte Tropfen rieseln, allerdings hat sich der Nebel verzogen, die Fahrt mit der Fähre ist weniger mystisch als gestern.
Am Pier in Brännö warten wie schon in Asperö vereinzelte Lastenmopeds – auch hier sind Autos nicht erlaubt. Eine zwei Kilometer lange Straße verbindet die Anlegestelle Brännö Husvik mit dem Ort und der Haltestelle im Norden.
Ich durchwandere die Insel, die bewohnter und größer ist als Asperö. Die Briefkästen sind individuell gestaltet, die Häuser aus Holz, die Menschen sind mit dem Rad oder ihren Lastenmopeds unterwegs. Andere Motorräder sind auf der Insel nicht gestattet – und ich bin ein bisschen verliebt in die Flakmopeds, die zum Teil schon viele Jahre auf dem Buckel haben. Als ich auf der anderen Seite ankomme, habe ich die Qual der Wahl: Entweder nehme ich die nächste Fähre oder dann erst wieder eine in drei Stunden. Da ich auf drei Stunden auf der Insel heute keinen Nerv habe, drehe ich noch eine kleine Runde in der Stille, komme an einem idyllischen Fußballplatz mit Meerblick vorbei und kehre zurück ans Wartehäuschen in Brännö Rödsten.
Die Fähre ist pünktlich und spuckt uns alle in Saltholmen wieder ans Festland. Dann treibe ich noch ein wenig durch die Innenstadt, checke im Bahnhof die Schließfächer und entdecke den Eintrachtbus, bis es langsam wieder in Richtung Unterkunft geht. In der Göteborger Innenstadt fahren nur wenige Autos – und an Zebrastreifen bist du sicher wie in Mutters Schoß. Ein völlig ungewohntes Gefühl.
Gerade als ich mich zu Fuß zum Stadion aufmachen will, beginnt es zu regnen. Ich kehre um und warte an meiner Haltestelle mit Windschutz auf den 25er, der bald kommt und mich zum Wieselgrenplatsen bringt. Von dort sind es nur ein paar Meter bis zum Stadion, das heute „Nordic Wellness Arena“ heißt. Die Flutlichtmasten sehe ich jedes Mal aus dem Bus, wenn ich auf dem Heimweg bin.
Vor dem Stadion ist wenig los, eine Bude verkauft für kleines Geld Kaffee und Zimtschnecken. Gude hier und Gude da, der Einlass ist kurz und schmerzlos. Das komplette Stadion ist überdacht, das Banner der Nutriabande hängt schon im Block, Simone ist auch schon da. Ich stelle mich mit meiner leuchtenden orangenen Jacke ganz nach vorne, wohlwissend, dass mich etliche Fans wie immer auf die Jacke ansprechen werden – die ich mir eigentlich für Rollerfahrten besorgt hatte und die auch bei eher kühlem Regenwetter einen guten Schutz bietet. Die Auffälligkeit nervt, nehme ich aber in Kauf.
Nina und Floyd gesellen sich zu mir, die Mannschaften wärmen sich vor unseren Augen auf – und für ein Europapokal-Halbfinale bleibt die Kulisse überschaubar. Trotz des 3:0-Vorsprungs sehe ich Häcken noch nicht im Finale – und die Eintracht in ihren weißen Trikots übernimmt von Beginn an das Kommando, wird von uns angefeuert und verlagert das Spiel fast durchgehend in die gegnerische Hälfte. Doch es dauert lange, bis das erste Tor fällt. Nach 31 Minuten ist es Anyomi, die die Hoffnung am Leben hält. Kurz vor dem Halbzeitpfiff hält uns Altenburg mit einer überragenden Parade im Spiel. Mittlerweile trafen die ersten Nachrichten ein: „Ich habe dich im Fernsehen gesehen“.
Die zweite Hälfte bietet ein ähnliches Bild. Zwar bricht der graue Himmel auf und wir blicken in den Sonnenuntergang, während weiterhin Möwen über das Spielfeld kreisen – die Eintracht belagert durchgehend Häckens Strafraum, findet aber kein Durchkommen. Ich wundere mich, dass bei den vielen Ecken die kopfballstarke Ilestedt nicht eingewechselt wird und später Raso den Vorzug vor Chiba bekommt – aber etliche Wechsel stellten mich auch schon bei den Spielen zuvor vor ein Rätsel.
Angriff auf Angriff rollt auf das schwedische Tor, doch die Abwehr ist vielbeinig, den Rest erledigt die Torfrau, die sich provokant viel Zeit bei ihren Abschlägen lässt. Ilestedt kommt spät, am Ende zu spät. In den letzten Minuten lassen die Kräfte nach, aber nicht der Wille – doch es sollte nicht sein, das Tor fiel nicht mehr für die fightende Eintracht. Kurz vor Schluss musste Doorsoun verletzt raus. Drei Minuten Nachspielzeit waren gelinde gesagt eine Frechheit, dies sahen Co-Trainer Arnautis und Videoanalyst Rellas ähnlich und fingen sich von der nicht zwingend überzeugenden Schiedsrichterin jeweils eine rote Karte ein. Doch an ihr lag es nicht, dass die Eintracht ausgeschieden ist. Vermeidbare Fehler, eine überragende Schröder im Hinspiel und eine vielbeinige Abwehr im dazu noch glücklosen Rückspiel – daran hat’s gelegen.
Die Frauen traten total geknickt vor unsere Kurve und wurden wieder aufgepäppelt. Zum Dank flogen die Trikots zu den Fans – und ich hatte Glück und konnte das von Jella Veit mit der Nummer 25 fangen.
Ausklang
Immerhin sollte mein Flieger erst am Sonntagabend starten, so verblieben mir noch drei volle Tage in Göteborg. Freitag in der Frühe nehme ich wieder einmal die 11 Richtung Saltholmen, steige aber auf halber Strecke aus und lasse mich an den Fluss treiben. Dort führt ein Uferweg bis zur Röda Sten Konsthall unter der mächtigen Älvsborgsbron. Kurz dahinter biege ich ab und marschiere über ein weitläufiges Gelände neben dem Sjöbergen zur Straßenbahn. Erneut nehme ich die 11 bis Saltholmen, springe auf die Fähre und entere ein zweites Mal Brännö.
Diesmal habe ich mehr Zeit eingeplant, wandere ins Naturschutzgebiet und erreiche über eine kleine Brücke das Naturreservat Galterö. Kaum jemand ist hier unterwegs, herrliche Blicke bieten sich über die Insel, aber auch über die Schärengärten. Ein kontrolliertes Flächenfeuer lässt Rauchschwaden über die Insel ziehen. Weiße Kreise mit einem blauen Punkt in der Mitte weisen den Weg. Ich laufe über Felsen und Steine, über Bohlen und feste Wege, passiere einen toten Schwan, historische Grabplätze und eine Feuerstelle. Oberhalb einer Lagune geht es in militärisches Sperrgebiet – einen Weg, den ich tunlichst meide. Ich umrunde die Lagune und wandere wieder über die Brücke und Treppen zurück nach Brännö. Dort spaziere ich zum Anleger Husvik, nehme die pünktlich eintuckernde Fähre und gehe ans Oberdeck. Bei strahlendem Sonnenschein steuern wir noch mehrere Nachbarinseln an, bis wir wieder in Saltholmen landen.
Abends fahre ich noch einmal runter an die Oper und lasse mich im Abendlicht am Wasser bis Stenpiren treiben.
Die folgenden beiden Tage stehen im Schatten der Museen. Ihr erinnert euch, ich hatte mir ja die Jahreskarte besorgt. Erst geht es ins Seefahrtsmuseum und ins Aquarium, dann fotografiere ich endlich einige der Bauzaungraffitis, die ich immer wieder aus der Bahn gesehen hatte, um anschließend das Stadtmuseum zu entern, welches sich derzeit völlig hinter abgehängten Fassaden versteckt. Beide Museen lohnen sich durchaus. So erfährst du beispielsweise, dass die heute so pittoreske Haga einst als günstige Wohnungen für Arbeiter gebaut wurde und große Teile bis in die 1980er-Jahre gegen den Widerstand der Bevölkerung abgerissen oder kernsaniert wurden.
Der letzte Abend führt mich noch einmal auf die andere Seite des Flusses. Ich fahre bis Eriksberg und laufe von dort wieder durch die Abenddämmerung, bis mich die gleiche Fähre auf dem Rückweg wieder aufnimmt und nach Stenpiren bringt. Ein atmosphärischer und versöhnlicher letzter Abend neigt sich dem Ende entgegen.
Pläne ändern sich
Am Abreisetag packe ich meine Siebensachen zusammen und checke kurz vor elf aus. Ich hatte mir in der Nähe des Bahnhofs eine Gepäckabgabe bei einem Friseur gebucht, übergebe nun meinen Koffer in treue Hände und spaziere über den Wallgraben die Kungsportsavenyn entlang, eine der Hauptstraßen, an deren Ende sich der Götaplatz, aber auch das Kunstmuseum befindet. Dort bestaune ich die alten nordischen Meister, aber auch Bilder von Van Gogh, Picasso oder Monet sowie mir unbekannte Maler. Etage um Etage gleite ich durch das Museum – bis ich Hunger bekomme und mir in der Vasagatan in einem Hemköp ein Krabbensandwich besorge.
An mir zieht mit Getöse eine Palästinademonstration mit wehenden Fahnen vorbei, die von zufällig anwesenden Göteborg-Ultras beschimpft wird, was die Hamasfreund:innen mit Mittelfingern beantworten. Göteborg musste heute im 60 Kilometer entfernten Borås antreten, die 0:2-Niederlage schien die Stimmung nicht zu heben.
Da ich zufällig am Designmuseum vorbeikomme und mir noch eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt Richtung Flughafen bleibt, schaue ich mich noch ein bisschen um. Gerade als ich einen Osterhasen für Pia besorgen will, erreicht mich eine Nachricht der Lufthansa. Mein Flug wurde gecancelt. Drei Stunden vor Abflug. Ich buche hektisch auf einen Flug nach München um, der mich von dort eine Stunde später nach Frankfurt bringen soll. Jetzt ist Eile geboten, da der Flug nach München eine halbe Stunde früher abhebt.
Ich haste zum Friseur, nehme meinen Koffer in Empfang und eile weiter zum Bahnhof. Dort erreiche ich das Busterminal und warte auf meinen Flughafenbus, der in wenigen Minuten abfahren soll – aber noch nicht vor Ort ist. Punktgenau rollt er an, pünktlich fährt er los und ich sehe aus dem Fenster noch einmal etliche Stationen meiner Reise.
Als ich am Airport ankomme, bin ich gut in der Zeit. Der Security-Check geht flott, ich setze mich ans Gate und hoffe, meinen Anschlussflug in München noch zu erreichen. Um mich herum sind einige Mitreisende, denen es ähnlich geht. Am Gate nebenan wird es hektisch, irgendetwas ist mit dem Flug nach Brüssel. Bei uns tut sich nichts, obgleich das Boarding so langsam hätte beginnen können. Wir warten – bis alle auf ihr Handy starren. Der Flug nach München wurde ebenfalls gecancelt.
Ein Mitarbeiter gibt nonchalant durch, dass wir uns selbst um Hotels und Taxis kümmern sollen. Sonst könne er nichts für uns tun. Unsere Flüge wurden auf den nächsten Tag, 14 Uhr, verschoben. Immerhin ohne den Umweg über München. Ich sage meinen Arbeitstermin für den folgenden Tag im Museum ab und habe schlechte Laune.
Ich frage eine Gruppe jüngerer Frauen, mit der ich zuvor schon Kontakt hatte und die nach einer Weile am Aufbrechen sind, was ihr Plan sei. Sie haben sich ein Zimmer im Scandic am Flughafen genommen, lautet die Antwort – und ich buche es ihnen gleich nach. Die Nacht am Airport ist teurer als die fünf Nächte in Göteborg. Na sauber – aber die Lufthansa wird es schon übernehmen.
Das Hotel liegt direkt im Flughafen, am Check-in wartet schon eine kleine Schlange, die hinter mir immer länger wird. Es zieht sich. Die Eintracht geht während ich warte in Führung, erhöht auf 2:0 und fängt sich noch den Ausgleich. Ich warte immer noch. Als ich endlich dran bin, kann ich zwar problemlos einchecken – die Rezeptionistin weigert sich aber, mir eine Quittung auszustellen. „Das sei Sache von booking.com“, während mich Booking ans Hotel verweist. Na klasse.
Da hinter mir viele Leute warten, gehe ich erst einmal in mein Zimmer im sechsten Stock. Leider ohne Badewanne.
Ich ruhe mich ein wenig aus und drehe dann eine Runde durch den leeren Flughafen. Scheinbar wurden alle Flüge gecancelt. Zwei Mitarbeiterinnen bescheinigen mir, dass ich auf alle Fälle eine Quittung brauche und mir auch eine fürs Abendessen geben lassen soll. Dies mache ich auch, sitze im Restaurant und esse einen Burger. Anschließend versuche ich noch einmal mein Glück an der Rezeption und frage nach einer Quittung. Die gleiche Rezeptionistin wie vorhin verweigert sie mir immer noch. Als ich kurz vorm Verzweifeln bin, bekommt eine Kollegin es mit, erklärt der anderen in wenigen Sätzen etwas und zack – kommt mein Beleg. Anstatt sich zu entschuldigen, wird sie schnippisch. Ich bin froh, einen Beleg zwecks Rückerstattung in den Händen zu halten. Immerhin habe ich mit Frühstück gebucht. Müde falle ich in die Koje.
Am folgenden Morgen habe ich eigentlich reichlich Zeit – Frühstück gibt es allerdings nur bis 9:30 Uhr. Es ist reichlich und lecker. Anschließend chille ich bis zum Check-out, verlasse das Hotel keine Minute zu früh und spaziere nach einem kurzen Sicherheitscheck an das vermutete Abfluggate. Die Zeit zieht sich wie Kaugummi, zumal sich der Flug um dreißig Minuten verschiebt.
Zu allem Überfluss sind in meiner App und auf meiner Bordkarte zwei verschiedene Plätze ausgewiesen und natürlich bin ich wie immer in der letzten Boardinggruppe. Als ich mein Handy beim Boarding auf den Leser lege, wird mir der Einlass mit einer roten Lampe verweigert. Ich muss wieder meinen Weg verlassen und ans Desk. Um sicherzugehen, dass ich auch wirklich als Letzter ins Flugzeug komme, wird mir eine manuelle Bordkarte ausgestellt. Immerhin kann mir die freundliche Flugbegleiterin ganz genau sagen, wo ich sitze. Fast ganz hinten. Natürlich sind alle Gepäckfächer belegt, sodass ich mich wieder nach vorne kämpfen muss.
Irgendwann sitze ich, irgendwann hebt der Flieger ab, irgendwann setzen wir zur Landung an – und sofort springen die ersten auf, stehen mit schiefem Kopf vor ihrem Sitz und warten, bis sich etwas bewegt.
Ich bin wieder in Frankfurt. Pia ist in Reichweite. Endlich. Die Regionalbahn bringt mich zum Bahnhof, die U5 zur Konsti und die 12 ins Nordend. Ich bin viel zu warm angezogen. Nach wenigen Metern bin ich zu Hause und falle Pia in die Arme. Endlich. Wurde wirklich Zeit.
Ich reiche meine Quittungen bei der Lufthansa ein – und erzähle von meiner Reise, bis mir die Augen zufallen. Bis heute habe ich außer einer Bestätigungsnummer noch nichts von der Fluggesellschaft gehört. Morgen Abend geht es nach Berlin. Diesmal wieder mit der Bahn. Mal schauen, was das gibt.
Es folgen einige Bilder der Reise. Wenn euch der Bericht gefallen hat, oben rechts ist ein PayPal-Link.















































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