Dieses Jahr begann verheißungsvoll, was Konzerte angeht. Den Anfang machten für mich Tocotronic in der Batschkapp – alte Helden in einer Location, die mir überhaupt nicht mehr gefällt. Zu viel Business, zu wenig Freundlichkeit, zu eng, wenn ausverkauft – und dazu Toilettenpersonal vor Ort. Ich finde das schäbig. Einerseits kassieren sie am Umsatz, andererseits empfinde ich die kurzen Begegnungen jedes Mal als entwürdigend. Für alle. Tocotronic waren liebenswürdig wie immer.
Ein echtes Highlight war der Auftritt von Marleen Lohse in der Brotfabrik. Frau Lohse kennen wir aus der Krimiserie Nord bei Nordwest, in der sie die charmant-fröhliche Tierärztin Frau Christiansen spielt. Vor einigen Monaten hat sie ein Album veröffentlicht, das mir ob seiner unaufdringlichen musikalischen Verspieltheit außerordentlich gefällt. Und genau so war auch der Auftritt. Die Brotfabrik war gut besucht, aber nicht zu voll. Ich stand ganz vorne, und Marleen samt Band waren durchweg guter Dinge. Nervig allein der Typ, der sich mit dem Rücken zur Band vorne auf die Bühne setzte, sein Glas abstellte und sich ausschließlich mit seiner Freundin beschäftigte. Erst geriet er mit mir aneinander, als er mir mitten im Lied auch noch auf die Schulter tippte und irgendetwas wollte. Dann spielte der Schlagzeuger ihn an, was er überhaupt nicht raffte, und nach dem Konzert gab der Drummer ihm noch einen freundlichen verbalen Einlauf mit auf den Weg. Trotz allem ein wunderbarer Abend. Pia machte – ganz gegen ihre Art – sogar noch ein Selfie mit Marleen.
In der Alten Liebe trommelte Tom beim Stefan-Fendt-Terzett. Das war sehr unterhaltsam; spielten sie doch ausschließlich Songs von AC/DC aus der Bon-Scott-Ära – und zwar im Stil von Nouvelle Vague, sprich im Easy-Listening-Style. The Movement gingen ein paar Tage später im proppevollen Dreikönigskeller ordentlich ab – welcher wiederum eine tolle Location ist. Manchmal allerdings sehr voll. Dann ist es nach einer Weile für mich Zeit, mich anderweitig umzuschauen. Leider machte mir der Streik ein, zwei Wochen später einen Strich durch die Rechnung, als bei vereisten Wegen keine Straßenbahn fuhr und ich nicht wirklich zu den Les Tres bien und vor allem nach Hause kam.
Dann Amy Macdonald im Wiesbadener Schlachthof. Schon die junge Vorband Better Joy aus Manchester lieferte gefälligen Indiesound und verbindet funkelnde Melodien mit hellen, kraftvollen Gitarren und pulsierenden Basslinien, umhüllt von Texten, die tief in die Verletzlichkeit eintauchen. Sängerin Bria hatte – wie die Jungs an Schlagzeug, Gitarre und Bass – sichtlich Spaß. Nach einer dreißigminütigen Umbaupause, in der Springsteens Born to Run lief und bei Country Roads sowie Sweet Caroline das Publikum mitsang, wurde es dunkel im Saal. Obgleich die Halle ausverkauft war und ich relativ weit vorne stand, kam kein Gefühl der Enge auf; die Menschen ließen angenehm Raum.
Es war tadellos angerichtet – und zu den Takten des Titelsongs des neuen Albums Is This What You’ve Been Waiting For betraten die Musiker die Bühne. Amy, ganz in Schwarz mit wenigen Glitzermomenten gekleidet, spielte ihre Gitarre, und das Publikum ging vom ersten Moment an mit. Natürlich flogen die Handys in die Höhe – aber durchaus im Rahmen. Und natürlich gibt es immer den einen älteren Herren, der konzentriert mit seinem Telefon filmt, und den anderen, der alles derart verwackelt, dass man sich die Aufnahmen nicht anschauen kann – aber es ging gesittet zu, selten genug. Mit Dream On und The Hudson ging es munter weiter. Mit einem fröhlichen „Guten Abend“ wurden wir begrüßt, anschließend lobte sie den Schlachthof in allen Bereichen – es war das erste Mal, dass sie hier konzertierte. Vor ein paar Jahren sah ich sie in der Alten Oper; die war damals bestuhlt und nicht wirklich prädestiniert für diese Art von Musik, die mindestens zum Mitwippen animiert.
Ohne großen Firlefanz präsentierte die Band – neben Amy fünf weitere Köpfe – Song um Song, unterbrochen von diversen Geschichten, die durch Amys schottischen Akzent geprägt sind. Ich finde das sehr unterhaltsam. Sie sprach davon, dass sie schon oft bei Länderspielen der schottischen Nationalmannschaft die Nationalhymne gesungen hat – und ihre Darbietung auf dem Rasen angesichts der meist dürftigen Leistungen des Teams oftmals die beste war. Bei Slow It Down wurde das Publikum animiert mitzusingen, und mit ihrem Überklassiker This Is the Life, in dem sie eine nächtliche Tour und die morgendlichen Kopfschmerzen beim Aufwachen besingt, beendete sie nach 75 Minuten den ersten Teil – doch recht zeitig. Natürlich folgte noch eine aus drei Songs bestehende Zugabe, darunter eine mitreißende Version von The Glen, einem Song der schottischen Band Beluga Lagoon. Mit Let’s Start a Band entließ sie uns in die Wiesbadener Nacht. Leider spielte sie einige Songs nicht, die ich gerne gehört hätte, etwa Forward, Beautiful Light, Woman of the World oder 4th of July – aber alles kann man nicht haben und so bleibt für ein nächstes Mal die Hoffnung..
Es war ein ganz wunderbarer Abend, an dem alles gepasst hat – sogar die Bahn war pünktlich. Und ich konnte mir am Schalter der DB noch eine Sitzplatzreservierung für eine andere Fahrt organisieren, von der ich schon Wochen zuvor wusste, dass der gebuchte Zug gestrichen wurde. Wäre das Leben wie ein Konzert von Amy Macdonald – die Welt wäre eine bessere.




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