Vor drei Jahren hingen in Frankfurt große Plakate an den Wänden, die auf ein Konzert von Helene Fischer im Stadion hinwiesen. Ich dachte mir: Okay, wenn ich im Lande bin und eine Arbeitskarte bekommen sollte, guck ich mir das mal an. Beim zweiten Blick erkannte ich, dass das Konzert 2026 stattfinden sollte. Wahnsinn, drei Jahre im Voraus plakatiert. Doch die Mühlsteine der Zeit mahlen unerbittlich – und zum angekündigten – und ausverkauften – Konzert wurde noch ein zweites eingeschoben. Und ich hatte tatsächlich eine Arbeitskarte.

Und da ich sogar noch zwei zusätzliche Tickets organisieren konnte, erklärte sich Freund Flo bereit mitzukommen, später kam auch noch Lorena nach. Jetzt ist es ja nicht so, dass ich der Musik der Frau Fischer viel abgewinnen kann – und am Ende kenne ich nur ein einziges Lied; klar: Atemlos. Und es ist nicht gerade mein Lieblingslied. Als sie vor neun Jahren im Berliner Olympiastadion zur Halbzeit des Pokalfinales Eintracht Frankfurt gegen Borussia Dortmund mit diesem Lied auftrat, wurde sie von beiden Fanlagern gnadenlos ausgepfiffen. Weil solche Einlagen beim Fußball nichts verloren haben. Dachten wir damals. Heute wären wir froh, wenn es nur dies wäre. Und ich fragte mich, ob beispielsweise Social Distortion auch ausgepfiffen worden wären. Ich glaube, Helene trug damals ein halbiertes BVB/SGE-Trikot. Wo ist das eigentlich? Wäre eigentlich was für unser Museum.

Diesmal konnte man sogar Helene-Fischer-Trikots besorgen. Mit der Nummer 20 – für ihre 20-jährige Bühnenpräsenz. Pia verbot mir, eines zu kaufen. Dazu später mehr. Erstmal radelte ich durchs Nord- und Westend bei gepflegten 35° und als ich bei Flo ankam, lief mir die Brühe. Eine Apfelschorle später machten wir uns erneut auf den Weg. Emser Brücke. Camberger Brücke. Main-Neckar-Brücke – und schon gondelten wir durch Niederrad. Es war früh am Abend, der Andrang war noch überschaubar und gegen halb sechs erreichten wir Tor 3 am Stadion – dort war mein Bändchen hinterlegt. Mit diesem spazierte ich vor zum Museum, das für den Sommer vom Roten Kreuz belegt ist, und holte die Tickets von Flo und Lorena. Die Ersten standen schon an den Getränke- und Essensschlangen. Ich übergab Flo das Ticket und gemeinsam trieben wir übers Gelände. Erst wunderte ich mich, dass kein Merch-Zelt zu sehen war, dann erkannte ich die Lage: Der Eintracht-Fanshop hatte sich kurzfristig in einen Helene-Fanshop verwandelt . Mit besagten Trikots. Unter anderem.

Wir umrundeten das Stadion, betrachteten das Treiben. Kunterbunt das Publikum: die ältere Frau im Rollator, die drei Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, in „I Love Helene“-T-Shirts. Die Typen im Oederweg-Slipper-Outfit, die Ganzkörpertätowierten, die Frauengruppen und Pärchen in nagelneuen Helene-Trikots. Die unvermeidlichen Helene-Fischer-Ultras-Shirts. Sie alle wedelten sich mit Sponsorenfächern Luft zu. Natürlich auch die freche Kurzhaarfrisur und der Cowboyhut. Aber es blieb friedlich und entspannt. Wieder mal ein Tag, an dem im Stadion das Wort „Hurensohn“ nicht zu hören war.

Im 38er Block, Flos Fußballheimat, warfen wir einen ersten Blick in den Innenraum. Die 360°-Bühne war mittig aufgebaut – vier Laufstege gingen auf jede Tribüne zu. Um die Stege herum waren exklusive Sitzplätze angeordnet. Rundherum dann die herkömmlichen Stehplätze im Innenraum. Riesige Leinwände zogen sich nach oben. Das Dach war geschlossen. Und konnte nach Publikumseinlass auch nicht mehr geöffnet werden. Im 38er war es drückend schwül. Noch drückender stand die Luft auf den Stehplätzen. Viel war noch nicht los, die Menschen bevorzugten nachvollziehbarerweise die frische Luft. Üblicherweise drängen sich ja die Ersten schon Stunden vor Anpfiff vor der Bühne. Das schien heute nicht nötig, man hätte ja nur vor den Laufstegen warten können. Eine DJ sorgte schon für musikalische Unterhaltung. Freed from desire …

Ich spazierte in den Business-Bereich, begrüßte einige Bekannte, derweil sich eine Frau bitterlich beschwerte, dass sie 250 Euro bezahlt hätte und von ihren Plätzen auf der Haupttribüne nichts sehen würde. Ich wunderte mich, die Ersatzbänke waren ja abgebaut. Später erkannte ich, dass Essensstände direkt vor der Tribüne platziert waren. Praktisch für die durstigen Steher und unpraktisch, so du etwas kleiner bist und in der ersten Reihe sitzt.

Flo holte Lorena zwischenzeitlich an der Straßenbahn ab und just als wir gemeinsam durch den Tunnel Richtung Innenraum spazierten, ertönten die ersten Klänge. Und als wir einen offenen Blick ins weite Rund warfen, schwebte Helene im roten Latexkleid und hohen roten Stiefeln von der Höhe der Haupttribüne (Bernd-Hölzenbein-Tribüne) an einem Drahtseil unter großem Jubel auf die Bühne. Dort tummelten sich Musiker:innen, Tänzer:innen, es war alles in Bewegung – und auf den Leinwänden sichtbar. Das Publikum zückte die mobilen Telefone, alleine die Bewegungen der Zusehenden hielten sich den Temperaturen geschuldet in Grenzen. Auf der Bühne war mächtig Spektakel, alleine Frau Fischer bespielte abwechselnd einen der Laufstege, sodass du sie dann nur auf der Leinwand sahst. Gitarristin Yasi Hofer, die auch schon mit Robbie Williams auf der Bühne stand, sorgte für rockige Momente; Posaune und Schlagwerk produzierten einen Sound, der im Laufe des Abends immer klarer wurde – doch insgesamt überzeugt mich die Musik nicht wirklich. Es ist okay, nicht peinlich, aber auch nichts, was mich staunend macht oder gar beseelt. Die Texte, soweit ich sie verstehe, handeln von Gefühlen und Träumen und vom Herzbeben. Herzbeben, lass uns leben, wir woll’n was erleben – Herzbeben, vorwärts, Herz, lass es beben, beben …

Das ist für meinen Geschmack vielleicht das größte Manko und gleichzeitig das Erfolgskonzept: Schalt den Verstand aus und die Gefühle an. Nie wird sie konkret, es bleibt alles im Vagen. Seele, Nacht, Gefühl, unendlich, Liebe, nur mit dir. Die Komplexität des Daseins wird ausgeblendet, das Leben reduziert auf Refrains. Traurigkeit und Schmerz sind, wenn überhaupt, antiseptisch, von lyrischer Umwolkung veredelt und niemals existenziell. Von daher kann ich nicht lauthals mitsingen – wie bei Amy Macdonald oder Heather Nova – oder entschweben wie bei Sophie Zelmani oder Kari Bremnes. Das ist schade, da auch die Musik nicht wirklich packend ist.

Dass das Konzert und somit der Abend dennoch mitreißend ist, liegt am Schwung der Akteur:innen und der unglaublich sympathischen Art von Helene Fischer. Bei den wenigen Ansagen verweist sie auf ihre Verbundenheit mit Frankfurt, wo für die in Sibirien geborene Sängerin alles begann, sie bedankt sich immer wieder beim Publikum – welches auch artig applaudiert.

Mittlerweile weht sogar ein Lüftchen und die Dunkelheit legt sich sachte über Frankfurt, sodass die Beleuchtung erst richtig zur Geltung kommt und es sich gut aushalten lässt. Ein Song jagt den nächsten. Flammen schießen empor. Rauchfontänen stieben in die Luft – die Tänzer:innen rennen auf die Laufstege, tragen Helene auf Händen, mal sitzt sie auf einem Thron – und wenn die Musiker:innen ihre Einlagen haben, zieht sich Helene um. Mal glitzerblau, mal ganzkörpersilber und am Ende schwarz. Im Oberrang waren einige Blöcke nicht besetzt. 

Helene geht auf die hochgehaltenen Schilder ein (Kevin, schenk mir dein Trikot), macht ein paar Selfies mit vom Personal hochgereichten Handys und lässt eine Frau auf die Bühne, die ihrem anwesenden Gatten einen Heiratsantrag macht, welchen er sogar annimmt. Sie ist geduldig, verzeiht die eine oder andere Aufregung und dann geht’s weiter im Takt. Atemlos nicht als Zugabe. Um uns herum tanzen ein paar Menschen, viele Videos werden gedreht – vor allem, als sie bei uns auf dem Steg ist. Dann fliegt Helene durch die Luft. Dreht sich. Wirbelt. Singt und schmachtet ihren Gatten, der sie in der Höhe im Arm hält – ein Anflug von Kopulation und damit verruchter Wildheit simulierend – durchaus glaubwürdig bei „An meiner Seite“ an. Gebannt schauen alle nach oben.

Dann wird es wieder gewohnt züchtig bei aller gezeigten Haut, und nach einer kurzen Zugabe gehen nach über 2,5 Stunden endgültig die Bühnenlichter aus und Helene schwebt, wie sie gekommen ist, ins Nichts der Haupttribüne. Die Leute sind glücklich– und wir machen uns auf die Socken und holen unsere Räder.

Der Abend mit Helene Fischer war ein Erlebnis. Keine Offenbarung – aber für einen Moment fühlst du dich durchaus ein wenig gereinigt, entspannt und relaxed. Ich bin überrascht von mir selbst. Vielleicht sollte die Welt doch ein bisschen mehr Helene sein, als ich bislang dachte. Und vielleicht sollte Helene doch ein bisschen mehr Welt sein. Vielleicht mal ein Duett mit Nick Cave singen.

An der Aral-Tanke ist die Hölle los. Flo trinkt ein Binding, ich ein Jever Fun, wir beobachten das Treiben, die sich verknäuelenden und hupenden Autos und entkommen dann in die Nacht. Großes Kino für uns zwei. An der Friedensbrücke trennen wir uns, ich radel am Main an der den lauen Vorsommerabend genießenden Jugend vorbei, an den Lichtern der Big City und verschwinde in der Dunkelheit. Habe ich da gerade „Atemlos“ gepfiffen? Aber das kann ja gar nicht sein.