Die Karte für Zaz steckte schon länger in meiner imaginären Brieftasche. Hatte ich sie noch im März wegen anderweitiger Verpflichtungen im ausverkauften Wiesbadener Schlachthof verpasst, so stand ich nun beim Kauf vor der Wahl: Bonn oder Erlangen. Da ich vor zwei Jahren mal für einen Tag in Bonn gewesen bin, entschied ich mich heuer für das Open-Air-Konzert auf der Kulturinsel Wöhrmühle in Erlangen. Leider schien es logistisch unmöglich, noch in derselben Nacht mit dem Deutschlandticket nach Frankfurt zurückzufahren.
So buchte ich noch eine Übernachtung im Nürnberger Premier Inn dazu. Diesmal etwas außerhalb der Innenstadt am Leipziger Platz. Mit wenig Gepäck machte ich mich morgens auf den Weg. Der Regionalzug nach Würzburg rollte mit zehn Minuten Verspätung ab – dort sollten ursprünglich 20 Minuten zum Umsteigen eigentlich reichen. Eigentlich. Bis Kahl ging auch alles glatt, sieht man einmal davon ab, dass ich mein Buch noch zu Hause liegen gelassen hatte. Aber ich hatte Noise-Cancelling-Kopfhörer und lauschte den Klängen von ZAZ, während ich wahlweise auf den Handybildschirm oder aus dem Fenster schaute.
In Kahl ging es dann erst einmal nicht weiter. Etwaige Ansagen hatte ich wegge-noise-cancelt. Aus zehn Minuten wurden 20, dann 30, dann 40. Wir standen am Bahnhof, bis die App plötzlich einen Notfall im Zug anzeigte, weitere Infos: Fehlanzeige. Mittlerweile war klar, dass der Anschluss in Würzburg nicht zu schaffen war, auch der nächste, eine Stunde später, stand auf dem Spiel. Also entschied ich – und nicht nur ich –, den Zug zu wechseln. Dieser war eine Stunde später in Frankfurt losgefahren und rollte bis Würzburg. Beim Wechsel des Gleises erspähte ich eine Patientin auf einer Trage. Der ankommende Zug hatte nur ein paar Minuten Verspätung, und schon rollten wir mit 70 Minuten Verzögerung Richtung Würzburg. Dort erreichten wir den Anschluss spielend, sogar die Fahrgäste, die im ersten Zug, der nach Bamberg fuhr, sitzen geblieben waren, kamen noch an.
Bald rollten wir über Kitzingen und Fürth durchs Frankenland, bis wir halbwegs pünktlich am Nürnberger Bahnhof landeten. Dort gönnte ich mir eine trockene Brezel und nahm dann die U2, die mich binnen weniger Minuten zum Nordostbahnhof am Leipziger Platz brachte. Von dort war es nur ein Steinwurf zum Hotel, in dem ich schon eine Stunde vor der Zeit einchecken konnte. Und kaum warf ich meinen Rucksack aufs Bett, war ich schon wieder unterwegs – und erwischte die S-Bahn nach Erlangen pünktlich auf die Minute.
Keine halbe Stunde später spazierte ich an der Einhornstraße vorbei in die Fußgängerzone. Meines Wissens war ich noch nie in Erlangen, dabei gibt es so viel Wissenswertes über Erlangen.
Dass mich die Schönheit der Stadt überwältigte, kann ich jetzt nicht gerade sagen – aber Schlosspark und Uni überzeugten, und viel mehr habe ich neben der Fußgängerzone auch nicht gesehen. Hinter dem Bahnhof liegt die Kulturinsel Wöhrmühle. Es sind nur wenige Meter Fußweg von der City zum Veranstaltungsort. Mit mir marschierten etliche andere Konzertbesucher ins Grüne, der Einlass ging trotz längerer Schlange flott, und schon stand ich auf dem Gelände vor der großen Bühne in der Sonne. Die Ersten lagerten in den ersten Reihen – mir war es dort allerdings zu warm, und so schlenderte ich übers Gelände, vorbei an Getränkebuden und belegten Strandstühlen.
Musik blubberte aus den Lautsprechern, die Stimmung war entspannt, das Publikum auch altersmäßig bunt gemischt. Ich fand an der Rampe zu den Rolliplätzen einen Platz, wo ich mich zuweilen am Geländer abstützen konnte, und so langsam füllte sich das Areal. Insgesamt verfolgten letztlich 3.500 Leute das Konzert, das um Viertel nach sieben mit einer Musikerin startete, deren Namen ich leider vergessen habe und auch sonst nicht in Erfahrung bringen konnte. Das Bemerkenswerteste waren sicherlich die beiden Störche, die über uns hinwegglitten. Etwas nervig war die Dame, die sich – obwohl auf dem Gelände viel Raum war – langsam neben mich ans Geländer drängte. Aber die Zeit verging durchaus unterhaltsam, und nach einer Umbaupause enterten die Musiker die Bühne. Es folgte Zaz, deren Weg vom Backstagebereich von einer Kamera begleitet wurde.
Je pardonne hieß der erste Song. Je veux, ihr wohl bekanntestes Lied, beendete das Konzert. Dazwischen lagen 90 Minuten poetischer Lebendigkeit. Mal nachdenklich, mal quietschvergnügt, aber nie banal zelebrierte die französische Sängerin ihr Programm, das niemals langweilig war. Mal warf sie sich auf die Bühne, mal wanderte sie durchs Publikum, und die eigenen Gedanken kreisten nicht mehr um den Alltag, um die Sorgen und Nöte der Gegenwart, sondern flogen mit Zaz in die untergehende Sonne. Trotz des Bewusstseins der Schwere der Zeit durchdrang ihre Performance eine Leichtigkeit, die fröhlich stimmte.
Allerdings wurde es für mich langsam eng, was die Abfahrt Richtung Nürnberg betraf. Während vor zehn die Öffentlichen alle Viertel- oder halbe Stunde fuhren, so sah das nach 22 Uhr ganz anders aus. Es schien auf die Frage hinauszulaufen, ein paar Minuten früher zu gehen – was aller Voraussicht nach bedeutet hätte, Je veux zu verpassen – oder aber wegen weniger Minuten eine Stunde zu warten. Aber Zaz hatte ein Einsehen und beendete ihr Konzert punktgenau, sodass mit einiger Beschleunigung der Zug um kurz nach 22 Uhr zu schaffen sein müsste. Die leichte Eile war zwar ein bisschen schade nach der Entschleunigung der Gedanken zuvor – aber in irgendeinen sauren Apfel muss man ja beißen.
Zeitgleich erreichten Bahn und Beve den Bahnhof, und pünktlich auf die Sekunde rollten wir gen Nürnberg. Warum sind Züge, die ein bisschen Verspätung haben könnten, immer pünktlich und die anderen immer zu spät? Ein Phänomen.
Als ich in Nürnberg eintraf, regnete es leicht. Ich spazierte einige Minuten durch die spätabendliche Altstadt und nahm einen wartenden Bus, der mich bis zum Nordostbahnhof brachte. Am folgenden Morgen checkte ich gegen halb zehn aus und marschierte mit meinen Habseligkeiten am Stadtpark vorbei Richtung Burg und blickte über die Stadt. Neulich war ich mit Pia für ein paar Tage hier, kurz vorher mit der Eintracht auf Spurensuche. Nürnberg ist immer eine Reise wert.
Letztlich erreichte ich ob meiner Bummelei meinen Zug in letzter Minute, und ohne besondere Vorkommnisse landte ich zunächst in Würzburg und anschließend in Frankfurt. Da sowohl die U-Bahn als auch die Straßenbahn scheinbar auf mich gewartet hatten, kam ich ohne große Nerverei zu Hause an und konnte Pia in die Arme nehmen.
Es ist immer besser, wenn sie dabei ist – aber manchmal geht es halt nicht. Und wenn ihr mal die Gelegenheit habt, Zaz live zu sehen: Nutzt sie.















Die Musikerin, die das Konzert am 21. Juli 2026 um 19:15 Uhr eröffnet hat, war die deutsch-kenianische Jazz- und Soul-Sängerin Hannah Sikasa.
https://www.instagram.com/p/Da2m2SBNiXt
Ah, super. Danke.