Nachdem wir im Winter schon ein paar Tage in München verbracht hatten, lag es nahe, sich die Stadt einmal im Sommer anzuschauen. Da wir noch die Gutscheine von Aldi hatten, buchten wir uns wieder im Premier Inn ein. Diesmal allerdings nicht am Sendlinger Tor, sondern in Schwabing. Dass es allerdings ganz im Norden von Schwabing etwas ab vom Schuss liegt, fällt uns erst auf, als wir die Buchung schon abgeschlossen haben. Endhaltestelle Schwabing Nord.
Rückblick: Wieder einmal wandern wir in aller Frühe zur U-Bahn, die Rollkoffer klackern zaghaft über den Bürgersteig und pünktlich auf die Minute treffen wir und die Bahn in Bornheim Mitte ein. Auch der Zug, der seine Fahrt im Ruhrgebiet startet, rollt justintime in Frankfurt ein und – auch mit uns – wieder ab. Gepflegt rollen wir durch Süddeutschland, im Abteil bleibt es ruhig, aus den Kopfhörern pluggert Boy George, Danger Dan oder Gianna Nannini. Aschaffenburg, Würzburg, Nürnberg – hie und da dämmern wir weg, bis wir pünktlich auf die Minute den Münchner Hauptbahnhof erreichen. Dort mäandern wir durch die Gänge bis zur U-Bahn. Angekommen an der Haltestelle, weisen uns freundliche Münchner den Weg zum Bus – leider in die falsche Richtung. Doch nach einmaligem Umstieg landen wir schließlich in Schwabing Nord. Immerhin können wir gleich einchecken und schon sind wir wieder auf der Straße.
Direkt neben dem Hotel gibt es a) einen Aldi und b) eine Straßenbahnhaltestelle, die wir aber zunächst rechts liegen lassen auf unserem Weg in den Englischen Garten. Wir wandern durch das angrenzende Viertel, hohe Mehrfamilienwohnblöcke, gepflegte Grünanlagen im Domagkpark. Ein Gelände mit bewegter Geschichte. Und einem Kunstwerk aus gestapelten Bänken.
Wir entdecken hinter der Studentenstadt die Schwabinger Bucht und spazieren vorbei am kleinen Sandstrand, durchqueren den ruhigen Park bis zum Stauwehr Oberföhring. Auf den Steinen in der Isar liegen Sonnenanbeter und genießen das wenige Wasser. Weiter vorne fließt ein Großteil des Eisbachs in die Isar, Sonnenanbeter und Spaziergänger, Paare und Passanten – ein gemächliches Treiben herrscht in diesem Teil des Englischen Gartens. Hie und da sausen Radfahrer an uns vorbei. Am Tivoli-Pavillon legen wir bei Leberkässemmel und alkoholfreiem Weißbier ein Päuschen ein. Hier scheint die Welt in Ordnung.
Mit einem legal erworbenen Weißbierkrug mit Henkel setzen wir unseren Weg fort, inspizieren den Paulaner-Biergarten am See und fragen uns, ob dies der aus Funk und Fernsehen bekannte Biergarten ist. Ist er nicht. Der liegt am Nockherberg. Dafür liegen hier bunte Tretboote im Wasser und warten auf Kundschaft. Der Biergarten am Chinesischen Turm fasst übrigens 7.000 Sitzplätze – und ist nicht einmal der größte Münchens. Irre.
Am späten Nachmittag breche ich auf in Richtung Haidhausen, 1985 verbrachte ich hier schon einmal ein paar Tage. Ich war 20 und wollte mich einfach mal umschauen. Heute hat das Viertel nichts von seinem Charme verloren – jedoch dürften sich die Mieten verzehnfacht haben. Über den Ostbahnhof und Orleansplatz treibe ich durchs Viertel, vielleicht ist es bislang die Gegend, die mir am besten gefällt. Bunt gemischt, Cafés, Restaurants, Läden und Wohnhäuser, Galerien, Sozialarbeit – und die Menschen sitzen an den Plätzen und lassen es sich gut gehen. Zumindest hat es den Anschein. Wenn du hier ein paar Mark oder Euros in der Tasche hast, kannst du es dir gut gehen lassen. Das Vivo! hat noch geschlossen, deshalb fotografiere ich die auffällige Eingangstür. Über und über mit Stickern versehen, wirbt ein Schild für die sofortige Mitgliedschaft bei 1860, die hier erworben werden kann. In einer anderen Straße präsentiert eine Galerie fantastische Fotos von Slim Aarons. Die Sonne bescheint derweil den blütenreichen Weißenburger Platz, ein Tag wie gemalt. Später hole ich Pia am Ostbahnhof ab und auf der Suche nach einem Abendessen entdeckt sie … das Vivo! Das passt.
Abends wartet noch ein Vortrag in der Sternwarte auf uns. Wir wandern auf die Rückseite des Ostbahnhofs, durchqueren eine Großbaustelle und entdecken die eingerüstete Volkssternwarte ein paar Straßenzüge weiter. Ein rasselnder Aufzug und eine metallene Treppe bringen uns auf der Baustelle nach oben – und kaum betreten wir die Räumlichkeiten, befinden wir uns zeitreisengleich gefühlt Anfang der 70er-Jahre. Seit 1947 existiert die Sternwarte, die heute von einem Verein und ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben wird. Rührend schildern uns die Kollegen das Sternenpanoptikum. Erst in einem kleinen Hörsaal, dann im Planetarium (wobei wir im Westen sitzen und die wichtigsten Projektionen über uns stattfinden, die wir nicht sehen können) und anschließend noch in einem Museum, wo sogar Pluto noch eine Rolle spielt. Nur auf dem Dach spielt ein wolkiger Himmel nicht mit. Der Saturn, den wir entdecken, ist ein Dia. Der Rückweg führt über das belebte Werksviertel. Auch mit bewegter Geschichte.
Schliersee
Am nächsten Morgen entscheiden wir uns bei Sonnenwetter für einen Ausflug an den Schliersee. Dass wir nicht die einzigen sind, liegt auf der Hand, die Bahn ist rappelvoll. Gleich drei Züge sind hintereinander gekoppelt, die letztlich aber in verschiedene Richtungen fahren, der vorderste endet in Schliersee. Schon an der nächsten Münchner Station wird es eng für Fahrräder. So rollen wir brav durch Bayern, passieren Miesbach (Christa Kinshofer [Kinsi]) und landen letztlich in Schliersee (Markus Wasmeier [Wasi]). Die allermeisten Fahrgäste zieht es zum Radeln oder Wandern weiter, einige treffen wir beim Metzger im Edeka bei einer Leberkässemmel wieder.
Wir wandern am See und an der Straße entlang, bis wir am Seebad landen. Dort gönnen wir uns einen Sonnenschirm, Pia eine Liege und finden ein nettes Plätzchen. Zwar liegen vor uns ein paar Urlauber auf Liegen mit separaten Kopfstützen, die den Blick auf die umliegenden Hügel verbauen – aber es lässt sich aushalten. Zumindest bis irgendwann klar wird, dass die vor uns liegenden Handtücher nur Platzhalter für die Freunde der Urlauber sind, die nun ihrerseits mit allerlei Strandgut gefüllten Taschen aufschlagen und beginnen, turmhohe Liegen und Schirme aufzubauen. Diese Erste-Reihe-Platzreservierer hab ich ja überall gefressen. Statt Berge sehe ich nun Hinterköpfe und ziehe mit meinem Handtuch um.
Es wird nun immer voller. Im See selbst ist das Baden toll. Aber an Land rückt die Gefahr immer näher, bis nur noch Millimeter fehlen.
Die Leute liegen um Haaresbreite beinahe auf meinem Handtuch und tropfen mich voll. Einmal noch geht es ins Wasser, dann packen wir unsere Siebensachen und spazieren zum Bahnhof. Dort nehmen wir den nächsten Zug nach München – und erwischen nur noch Stehplätze. Letztlich steigen wir an der Donnersbergerbrücke aus. Hier unten finden sich jede Menge Graffiti.
Anschließend geht es mit der Bahn zur Eisbachwelle. Ein paar Meter weiter unten macht sich die Jugend der Welt einen Spaß und hüpft ins Wasser, lässt sich treiben und steigt ein paar hundert Meter weiter vorne wieder aus. Die einen laufen zurück, die anderen nehmen die Straßenbahnlinie 16 und fahren pudelnass zurück zum Ausgangspunkt – ein Mordspektakel. Ich habe große Lust, es ihnen gleichzutun. Später essen wir in einer nahe dem Hotel gelegenen kleinen Gartenwirtschaft zu Abend. Zwar muss ich auf Knödel verzichten, doch die hausgemachten Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat schmecken wirklich superb. Die Sprüche des Wirts gibt es gratis dazu. Wirklich ein Kleinod in all der Foodfluencer-verseuchten Welt.
Sonntag
Wir rasseln gemächlich mit der Straßenbahn Richtung Olympiapark. Aus dem Fenster entdecken wir mehrere nette Cafés, sodass wir uns später entscheiden, wieder die Bahn retour zu nehmen, zu frühstücken und erst dann in den Olympiapark zu rollen. Da Pia noch mit ihrer Hüfte kämpft, spazieren wir nicht auf den Berg, sondern schlendern mit einigen kleinen Pausen durch den Park, vorbei am See, vorbei am Stadion – bis mir auffällt, dass mein Turnbeutel nicht mehr auf meinem Rücken hängt. Ach herrje.
Schnurstracks kehren wir um, eilen dem Rastplatz entgegen. Das Frühstückscafé erreiche ich nicht telefonisch, sodass ich in relativer Sorge bin. Wir nähern uns dem Bänkchen unter Bäumen – und da liegt er so unschuldig wie ein Kleinkind im Frühsommer auf seiner Gänseblümchendecke. Mir fällt ein Stein vom Herzen.
Unsere nächste Station ist das Lenbachhaus – mit der Sonderausstellung zur Weimarer Republik. Durchaus interessant, auch mit den Parallelen zu heute. Erschütternd, wie aus den modernen Jahren der Faschismus erwachen konnte. Die Rolle der Frau, Queerness, Kunst. Von der Höhe der Zeit ist es nur ein kurzer Weg in die Barbarei.
Die Hauptausstellung widmet sich dem Blauen Reiter, Marc und Kandinsky, aber auch Gegenwartskunst und Joseph Beuys. Alles in allem an den heißen Tagen ein bisschen viel, aber alleine für die Weimarer Republik hat sich der Eintritt gelohnt – und für den bezaubernden Sommergarten.
Anschließend gucken wir den Surfern auf der Welle zu – nach einer Straßenbahnfahrt mit der 16, in die auch die patschnassen Wellentreiber einsteigen, aber den seriösen Fahrgästen dankenswerterweise die Sitzplätze überlassen. Ein Heidenspaß. Anschließend wollen wir den Frankfurter Musikkenner Matthias Westerweller besuchen, der auf der Terrasse des Hauses der Kunst auflegt, leider nicht, als wir dort aufschlagen. Und so treiben wir über den Englischen Garten, einer Leberkässemmel im Tivoli, Richtung Münchner Freiheit und von dort zurück ins Hotel. Eigentlich steht die Überlegung im Raum, dem Open Air am Backstage noch einen Besuch abzustatten – aber wir sind groggy. Es reicht nur noch für eine Pizza in Schwabing Nord. N Guatn.
Montag bei Manns
Wir stellen morgens unser Gepäck an der Rezeption ab und rollen mit der Straßenbahn in die alte Heimat von Thomas Mann. Nachdem die Manns in München zunächst in der Mauerkircherstraße logierten, erwarben sie 1913 das Grundstück an der Poschingerstraße 1 und ließen dort ihre Villa errichten, in die sie 1914 einzogen. Dort lebten sie bis zur eher unbeholfenen Flucht 1933. Nach dem Krieg wurde das nunmehr heruntergewirtschaftete Grundstück verkauft, das Haus wurde abgerissen, ein Neubau erwuchs, der ebenfalls abgerissen wurde und durch ein an die alte Villa gemahnendes Gebäude ersetzt wurde. Heute lautet die Postadresse Thomas-Mann-Allee 10 – einen Steinwurf von der Isar entfernt. Interessant, dass du in dieser lauschigen Straße kostenlos parken kannst, was die Wohnmobilbesitzer weidlich nutzen.
Wir tuckern weiter Richtung Nockherberg, werfen einen Blick ins dortige Paulaner und schlendern gemütlich bis Gasteig und von dort ins schnucklige Haidhausen, vorbei am Üblacker-Häusl bis zum Café Lotti. Urlaub.
Dieser läuft alsbald seinem Ende entgegen, vom Ostbahnhof fahren wir über die Münchner Freiheit, ins Hotel, holen unsere Siebensachen und nehmen ein letztes Mal die Tram bei Schwabing Nord – dann verschluckt uns der Hauptbahnhof. Der Zug ist pünktlich. Auch in Frankfurt landen wir punktgenau zum Sport. Leider schafft es Aileen Kuhn bei der Leichtathletik-Europameisterschaft im Hammerwerfen nicht unter die finalen Acht. Aber man kann nicht alles haben.
München im Sommer. Wenn du nicht dort bist, wo alle sind – eine prima Sache. Wie die folgenden Bilder.


























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