Diesmal hatte ich Glück. Die Terminierung des ersten Heimspiels der Eintracht-Frauen brachte es mit sich, dass das Spiel gegen den 1. FC Köln am Samstagmittag um 12 Uhr angepfiffen wurde. Dies bedeutete für mich, dass ich sowohl die Partie verfolgen als auch im Anschluss gemächlich mit dem Deutschlandticket im Zug nach Bruchsal reisen konnte – immerhin hatte ich seit ein paar Tagen ein Ticket für ein Konzert von ZAZ im Schlossgarten in der Tasche. Und eines für Amy Macdonald einen Tag später dazu.

Ich tuckerte bei bestem Wetter mit dem Roller ans Brentanobad, Götz war auch schon da und wir erlebten mit 3.000 Gleichgesinnten eine muntere erste Halbzeit, in der Laura Freigang die Eintracht mit zwei Treffern verdient in Führung brachte und Ereleta Memeti das Spiel antrieb. Sie entwickelt sich in ihrer zweiten Saison zur Führungsspielerin, die auf und neben dem Feld sehr präsent ist. Mal schauen, wie lange sie noch das Eintracht-Trikot trägt – nach den vielen Abgängen der letzten beiden Jahre.

Die zweite Halbzeit war weit weniger ansprechend, die Eintracht zog sich zurück und die Kölnerinnen konnten ihre Räume nicht nutzen, sodass sich der Himmel langsam zuzog und es beim 2:0 blieb. Die ersten drei Punkte  waren eingetütet– aber mit Luft nach oben.

Als ich mit dem Schlusspfiff auf den Roller stieg, tröpfelte es – doch ich erreichte den Hauptbahnhof halbwegs trocken. Die Bahn wartete schon, ich fand einen adäquaten Sitzplatz und rollte pünktlich Richtung Mannheim. Von dort ging es dann mit dem nächsten Zug nach Bruchsal. Bei strahlendem Sonnenschein stieg ich aus, hatte aber dank Pias Rat einen Mini-Regenschirm im Gepäck. Man weiß ja nie.

ZAZ

Im Juni hatte ich ZAZ erstmals live gesehen, damals in Erlangen – und war recht begeistert. Von daher schaute ich nach Tickets für weitere Konzerte und wurde für Bruchsal fündig. Für überschaubares Geld schoss ich mir ein Front-of-Stage-Ticket – die Karte für Amy Macdonald hatte ich ja schon weitaus länger im Wallet. Dass beide Konzerte am gleichen Wochenende stattfanden, ließ mich kurz überlegen, hier zu übernachten – ich entschied mich aber für die tägliche Anreise. So spazierte ich nach Ankunft durch die Ortsmitte, in der am Rande mit einem Denkmal des jüdischen Faßnachters Otto Oppenheimer gedacht wurde, der den hiesigen Volkssong „Brusler Dorscht“ schrieb und 1938 Deutschland verlassen musste.

Auf dem Weg zum Schloss regnete es – ich freute mich über meinen Schirm und winkte Pia. Dann tauchte die Sonne die Straße in ein magisches Nachregenlicht, ein Regenbogen spannte sich über die Dächer und verzauberte die Szenerie rund um die Schlossanlagen. Passend dazu hing am Vorplatz neben der Deutschlandflagge und der Landesfahne Baden Württembergs auch eine Regenbogenfahne. Ein schönes Entrée.

Die Schlange am Einlass schien relativ lang, doch es ging flott vorwärts. Meine Karte wurde jedoch gar nicht gescannt. Ich wartete ein Weilchen, da der Ordner sich nebenan beschäftigte, doch da ich den Verkehr nicht unnötig aufhalten wollte, ging ich weiter – und trat vor der Zeit aufs Gelände.

Eigentlich wollte ich den Front-of-Stage-Bereich checken, um mich dann ein bisschen rumzutreiben,  doch zuerst zickte meine Karte bei der Kontrolle – die Mitarbeiter rissen sie kurzerhand ein – und ich enterte das vordere Territorium. Doch was heißt vorne? Der FoS-Bereich zog sich über etliche Reihen nach hinten – mit einer normalen Eintrittskarte warst du echt schon weit weg von der Bühne, zumal mittig noch der große Technikturm aufgebaut war. Ich spazierte nach vorne, noch war es früh, und stellte mich mittig in etwa die achte Reihe. Dort blieb ich. Fürs Erste – und letztlich für das ganze Konzert.

Pünktlich um acht trat die Vorband auf, der Paderborner Sänger und Gitarrist Matthias Lüke,  – der mit launigen Ansagen und netten Liedchen, begleitet von Tim Rustemeier am Cajón, das Publikum unterhielt. Die Leute hat’s gefreut – mein Fall war es nicht und ich war nicht böse, als der Auftritt nach 30 Minuten vorbei war.

Erfahrungsgemäß wurde es jetzt nicht nur in den ersten Reihen voller. Das bunt gemischte Publikum kämpfte dezent um Zentimeter, mein Turnbeutel mit Regenschirmchen und Joppe hielt mir die Leute von hinten vom Leib – nicht jedoch von der Seite. Ich mag es nicht, in solch einem Rahmen berührt zu werden – außer beim Tanzen, wenn es nicht vermeidbar ist. Da der Kollege neben mir hinter einem größeren Mann stand, versuchte er, an ihm vorbei zu gucken – und immer wenn ich, um Distanz zu schaffen, ein Stückchen nach rechts rutschte, kam er hinterher und touchierte mich all naselang ein bisschen. Das beschäftigte mich und lenkte mich fürchterlich vom Wesentlichen ab. Auf der anderen Seite ist es schon klasse, auch mal weit vorne zu sein. Irgendwas ist immer.

Erstmal erschien während der Umbaupause an den schmalen Videowänden der Hinweis, dass der Platz aufgrund eines Unwetters sofort zu räumen sei. Da keine Durchsage kam, reagierten die Leute erstaunlich gelassen, nämlich gar nicht. Der Hinweis verschwand, wie er gekommen war, weiter ging es mit Werbung – bis gegen neun die Leute langsam unruhig wurden. Die Musik verstummte, die Bühne verdunkelte sich, die Band erschien und, wie schon in Erlangen, filmte sich ZAZ selbst, als sie mit einer Ansage gegen die Angst aus dem Off auf die Bühne kam und die Leinwand den Auftritt übertrug. Je pardonne. Das war auch der erste Song.

Je pardonne pour oublier – Ich vergebe, um zu vergessen
Je pardonne pour respirer – Ich vergebe, um aufatmen zu können
Pour arrêter de remuer- Um nicht mehr
Les couteaux dans mes plaies – Die Messer in meinen Wunden hin und her zu bewegen
Je pardonne pour faire de la place – Ich vergebe, um Platz zu schaffen
Pour laisser glisser les angoisses – Um die Ängste loszulassen
Et pour reconnaître l′enfant – Und um das Kind wiederzuerkennen, 
Que j’étais dans la glace – Das ich im Spiegel war

Wenn dies gelingt, ist es eine Kunst.

Es folgte ein weiterer grandioser Abend voll Freundlichkeit, Freude und Melancholie. ZAZ liebt die Bühne, legte sich auf den Boden und wanderte durchs Publikum. Trommelte auf das Schlagzeug. Mon cœur, tu es fou. Hier und da ein Stubser von nebenan. Erstaunlich, da weder von hinten noch von rechts Berührungen kamen. Ich versuchte, mich davon nicht ablenken zu lassen, und lauschte ZAZs Worten, die auch davon handelten, dass der Schnee alles schön mache. Sogar die Stille. 

Erstaunlich, dass wie schon in Erlangen das Ende des Konzertes mit meinem Abgang zur Bahn korrelierte. In weiser Voraussicht, dass „Je veux“ das letzte Lied sein würde, tanzte ich während der ersten Zugabe langsam aus der Reihe und hörte die letzten Töne beim Abgang. Es ging um Minuten, die App zeigte pünktliche Abfahrt – und ich eilte zum Bahnhof. Sollte ich die Bahn verpassen, würde ich eine geschlagene Stunde später in Frankfurt sein.

Ich war pünktlich. Allein die Abfahrt verzögerte sich laut Anzeige um 10 Minuten. Aber die Bahn fuhr nicht ab. Es gab auch keine Infos. Erst als klar war, dass ich meinen Anschluss in Heidelberg auf jeden Fall verpassen würde, setzte sie sich in Bewegung. Über eine halbe Stunde zu spät. Von daher fuhr ich durch bis Mannheim – und erwischte den Zug, der als finale Alternative eingeplant war. Der stand schon bereit. Währenddessen erschien der Hinweis, dass die Züge R68 und R60 zwischen Weinheim und Darmstadt mit Beeinträchtigungen rechnen mussten. Ich saß im R70 – der nicht abfuhr. Wieder hockten wir über 30 Minuten ohne Infos in der Bahn. Immerhin setzte sie sich irgendwann dann doch in Bewegung und zuckelte langsam nach Frankfurt. Anderthalb Stunden später saß ich wieder auf meinem Roller und sauste Richtung Heimat. Je pardonne.

Amy Macdonald

Müde und etwas ungehalten fiel ich in der Nacht in die Koje. Immerhin konnte ich morgens ausschlafen und später zum Sport. Ich druckte meine Karte für Amy Macdonald aus und packte meine Siebensachen. Nach dem etwas hektischen ZAZ-Abend wollte ich es diesmal ruhiger angehen. Den Stadtspaziergang sparte ich mir und reiste so an, dass ich quasi pünktlich zu den ersten Tönen der Vorband um 20 Uhr auf dem Gelände stand. Ich rollerte zum Frankfurter Bahnhof, stellte ihn vor dem Ibis-Hotel ab und spazierte von der Südseite durch den ganzen Bahnhof zu Gleis 17.

15 Minuten vor Abfahrt stand der Zug schon bereit – und war gut besetzt. Ich erwischte einen Fensterplatz, leider gegen die Fahrtrichtung, stopfte meine Kopfhörer in die Ohren, hörte Songs von Amy als wir pünktlich los rollten . Die Sonne strahlte durch die Scheiben und ich las 1913 von Florian Illies, eine Zeitreise im doppelten Sinne.

Wir landeten pünktlich in Mannheim, ich wechselte die Gleise, die S 2 rollte an und schon ging es weiter nach Bruchsal, dessen Bahnhof ich wie einen guten alten Bekannten begrüßte. Es war ein herrlicher Spätsommerabend, ich spazierte an den Tourbussen vorbei, die hinter dem Schloss parkten, und umrundete das Gelände. Am Zaun hatten es sich Gäste bequem gemacht und freuten sich auf den akustischen Genuss – ich freute mich, Amy gleich zu sehen.

Am Einlass war nichts los, meine ausgedruckte Karte funktionierte beim Scan tadellos, mein Turnbeutel wurde nicht beanstandet und fünf vor acht marschierte ich über das Gelände, die Pommes für sechs Euro. Ich wanderte so weit ich kam und hatte vor, mich heute nicht verrückt zu machen und mich irgendwo hinzustellen, wo ich Platz hatte und ein bisschen was sah. Diesmal gab es keine Front-of-Stage – was ich viel besser finde. Diese künstlichen Privilegien gehen mir seit jeher auf die Nerven. Die Abschaffung der Klassengesellschaft steht seit jeher fest auf dem Programm. Ob bei der Bahn, beim Arzt, bei Konzerten und Fußball und gesellschaftlich sowieso. Irgendwie landete ich elegant in der vierten Reihe, war weiter vorne als gestern und die Leute ließen sich gegenseitig Platz. Das war angenehm.

Und dann ging es los. Schon kamen die Musiker auf die Bühne. Kurz darauf erschien Amy und ich dachte: „Oh, singt sie auch bei der Vorband?“ Nein, beschied mir mein Nachbar. Diese hätte schon gespielt. Oha – aber ich war nicht böse drum.

„Is this what you’ve been waiting for?“, fragte sie im ersten Song und dann ging es Schlag auf Schlag. Neben ihr standen noch zwei Gitarristen auf der Bühne, wobei einer dazu die Keyboards bediente, ein Schlagzeuger drosch auf die Drums ein und ein Bassist sorgte für den Rhythmus. Amy trug zu Beginn eine Jacke, die sie alsbald auszog und fortan in schwarzer Hose, schwarzem Shirt und schwarzen Glitzersambas musizierte. Die schmalen Leinwände an der Seite übertrugen diesmal das ganze Konzert.

Sie versuchte, „Bruchsal“ adäquat auszusprechen, erzählte mit ihrem Glasgower Akzent Stories vom schottischen Fußballteam bei der WM und spielte fröhlich Lied um Lied. Unkompliziert hatte sie ihr textsicheres Publikum im Griff, routiniert und mit ihrem tätowierten schottischen Charme verging die Zeit wie im Flug. Slow it down.

Down, down, down, Down, down, down, down, Down, down, down, Down, down, down, down, Down, down, down, Down, down, down, down, Down, down, down, Down, down, down, down

Ein flotter Song jagte den nächsten. Natürlich ist sie ein Profi, weiß, was ankommt, und wirkt, aber ein Amy-Macdonald-Konzert macht Freude, du pfeifst nach Niederlagen und gehst weiter durch den schottischen Regen. „This is the life“, sang sie und alle tanzten dazu.

Nach 75 Minuten verschwanden sie kurz von der Bühne. Amy sang anschließend alleine mit Gitarre „We survive“, dann rockten alle gemeinsam „The Glen“ von Beluga Lagoon, bevor sie mit „Let’s start a band“ den letzten Song einläuteten. Von mir aus hätte sie noch eine Stunde weiterspielen und singen können. Doch wie schon gestern drängte die Bahn. Mit den letzten Tönen spazierte ich nach hinten und kaum verklang der allerletzte Ton, machte ich den schnellen Schuh.

Zwei Minuten vor der geplanten Abfahrt saß ich im ordentlich gefüllten Zug, der pünktlich losrollte und pünktlich in Mannheim ankam, sodass ich meinen Anschluss erwischte und über zweieinhalb Stunden früher als gestern wieder in Frankfurt landete. Mein Roller stand auch noch an der Südseite und so glitt ich flott durch die ruhige Nacht. Mitternacht schloss ich die Tür auf. Pia schlief schon.

Ich war dankbar für die vergangenen Stunden, auch wenn nicht alles glattgegangen war. Aber zwei so unterschiedliche und starke Musikerinnen mit Band auf der Bühne erleben zu dürfen, ist schon ein Ereignis. ZAZ, komplex, kämpferisch, poetisch, und Amy hemdsärmelig straight – aber beide mit der Botschaft der Freude und der Liebe zur Musik in ihren vielen Details.

Dazu die oft fröhlichen und offenen Eintracht-Frauen, deren Kapitänin Laura Freigang und nach ihrer Auswechslung Ereleta Memeti wie selbstverständlich die Regenbogen-Binde tragen, während sich bei den Männern sowohl auf dem Feld als auch auf den Rängen nicht nur zu diesem Thema Dramen oder eine Farce abspielen. Es ist natürlich auch bei den Frauen nie einfach oder problemlos. Aber es ist meist freundlicher. Das ist viel wert.