Zuweilen höre ich ganz gerne Musik aus den Regionen, in denen ich mich gerade befinde. Und da ich vor gar nicht so langer Zeit in Portugal weilte, ist es wenig verwunderlich, dass während des Aufenthalts an der Algarve häufiger ein Fado aus den Kopfhörern perlte. Jene oftmals eher traurigen Klänge, von denen man gerne behauptet, dass sie Ausdruck der portugiesischen Seele seien, geprägt durch den Begriff der Saudade – irgendwo zwischen Sehnsucht und Weltschmerz.
Dieses Jahr hörte ich vorwiegend Musik von Cristina Branco. Auch sie beruft sich auf die wohl bekannteste Interpretin des Fado, Amália Rodrigues, die Königin des Fado. Zu ihr finde ich allerdings keinen Zugang, vielleicht weil mir die Stimme nicht zusagt, vielleicht weil ich irgend etwas nicht begreife. Amália starb Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seinerzeit galten Madredeus als moderne Vertreter des Fado, heute sind es wohl Ana Moura, Carminho, Cristina Branco, Mariza oder die leider unlängst verstorbene Mísia. Das klassische Begleitinstrument ist die portugiesische Gitarre – aber auch Akustikgitarre, Piano, Kontrabass oder Schlagzeug können dazu gehören. Manchmal ist Fado die Hauptmusik, manchmal fließen Elemente des Fado in Jazz- oder Pop-Arrangements ein.
In den vergangenen beiden Jahren hatte ich das Glück, in der Igreja da Misericórdia in Tavira zwei Konzerten lauschen zu dürfen – jeweils in der klassischen Besetzung aus Gitarre, portugiesischer Gitarre und Gesang. Leider ist der Gitarrist Virgílio Lança kurz nach unserer Rückkehr verstorben. Doch das Leben geht weiter, und der Zufall wollte es, dass ich einen Tag nach der Heimkehr aus Portugal entdeckte, dass Cristina Branco am 12. Juni ein Konzert in Kaiserslautern geben sollte. Kurz entschlossen holte ich mir ein Ticket und entschied, mein Deutschland-Ticket zu nutzen.
In Kaiserslautern war ich bislang ja nur zum Fußball – wie wahrscheinlich die meisten. Kurz bevor es losging, realisierte ich, dass es wohl keine vernünftige Möglichkeit gab, nach dem Konzert mit dem Deutschland-Ticket von Kaiserslautern nach Frankfurt zu kommen. Wäre nur das Geringste schiefgegangen, wäre ich mitten in der Nacht in der Walachei hängen geblieben. Von daher buchte ich in einer halbwegs günstigen Pension eine Übernachtung und war somit auf der sicheren Seite.
Und so fuhr ich mit meinem alten Rad nach Bornheim Mitte, nahm die U4 zum Bahnhof und den Regionalzug nach Mannheim. Dort wartete ich ein paar Minuten und stieg dann in den Anschlusszug Richtung Koblenz, den ich nach 45 Minuten in Kaiserslautern verließ. Weshalb es nicht möglich war, diese Strecke auch in umgekehrter Reihenfolge zu buchen, wissen die Götter. Oder die DB.
Hallo Kaiserslautern, die Stadt, in der die grüne Ampel einen kickenden Jungen zeigt.
Ich spazierte mit meinem neuen Rucksack auf dem Rücken gemächlich Richtung Innenstadt, warf einen Blick auf das über den Häusern der Stadt thronende Fritz-Walter-Stadion und ließ mich bis zur Touristeninfo treiben. Dort besorgte ich mir ein paar Informationen und einen Plan, verspeiste eine Pfälzer Bifana – ein Fleischkäsebrötchen – und mäanderte über die Fußgängerzone langsam in die Unterkunft. Auf den ersten Blick bist du in Kaiserslautern als Fußgänger, aber auch als Radfahrer ganz gut aufgehoben. Das Stadttempo scheint eher gemächlich zu sein, auf vielen Wegen sind Autos auch nicht priorisiert. Löblich.
Die Pension hatte ihre besten Zeiten wie der FCK fürs Erste hinter sich, doch sie erwies sich als absolut tauglich für meine Zwecke. Sauber und zweckmäßig, wenn auch etwas angejahrt. Ein riesiger TV hing an der Wand – und von meinem Fenster im Erdgeschoss hätte ich Kirschen pflücken können. Zwar etwas abseits der Altstadt gelegen, war der Weg nicht weit zum Hauptfriedhof. Und so stand ich urplötzlich am Grab von Fritz Walter – passend zum Auftakt einer Weltmeisterschaft, die von ihrer Ausrichtung und Inszenierung nur wenig mit den vom Fritz verkörperten Werten zu tun hat.
Nachmittags machte ich mich auf, die Konzert-Location in Augenschein zu nehmen. Kulturzentrum Kammgarn. Genauer gesagt: Cotton Club im Kammgarn. Wiki weiß Bescheid: Die Kammgarnspinnerei nahe dem Zentrum der Stadt Kaiserslautern wurde 1857 gegründet und ging 1981 in Konkurs. Seit Ende der 80er Jahre hat sich das Kulturzentrum Kammgarn etabliert, gegenüber befindet sich die Hochschule, dahinter erstreckt sich ein Wald. Graffiti im Hof und Steckdosen für die Nightliner der konzertierenden Bands an der Wand. Der meterhohe Schornstein wacht über das Gelände.
Als ich gegen 19 Uhr wiederkehrte, regnete es leicht. Zwar soll der Cotton Club um 19:00 Uhr seine Pforten öffnen, doch als ich brav mein Ticket vorzeigte, waren die besten Plätze schon belegt – oder reserviert. Dennoch fand ich im dezent beleuchteten Saal ein Plätzchen an einem leeren Vierertisch, der nicht lange leer bleiben würde, so viel war sicher. Der Raum fasst, sofern er bestuhlt ist, 150 Zuschauende, die auch im Laufe der nächsten Stunde eintrudelten. Zwei von ihnen setzten sich zu mir an den Tisch – blieben aber friedlich. Eine Kreditkarte wird zwar beim Ticketkauf akzeptiert, nicht aber als Zahlungsmittel an der Bar. Wohl dem, der oder die ein paar Euro eingesteckt hat. Jazzmusik läuft im Hintergrund, und auf die Frage, was denn mit einem Getränk passieren würde, sofern der Bestellende kein Bargeld hätte, meinte die Bedienung lächelnd: „Dann nehme ich es wieder mit.“ Man möchte sofort einen Fado schreiben. Über Bargeld.
Pünktlich um 20:00 Uhr betraten die Musiker die Bühne, die leider durch Pfosten gestützt wird und dadurch nicht das gesamte Ensemble im Blickfeld erfasst werden konnte. Das Instrumentarium bestand aus Piano, Kontrabass und einer portugiesischen Gitarre – sowie der Stimme von Cristina Branco, die auch den Abend eröffnete. Die nächsten 70 Minuten vergingen wie im Flug. Branco, im schwarzen Kleid, mit streng zurückgekämmten Haaren, schilderte auf Englisch charmant kleine Anekdoten zur Entstehung der Lieder, die allesamt auf Portugiesisch vorgetragen wurden. Eine wunderbar unaufgeregte Stimmung entfaltete sich, zwischen Andacht und leichtem Wippen. Das überwiegend ältere Publikum war durchaus entzückt und freute sich am Schluss über eine Zugabe und zwei weitere Songs. Ich natürlich auch. Schade, dass mein Portugiesisch so überschaubar ist.
Dann entflammten kurz und schmerzlos die Lampen, das Konzert war zu Ende, der Abend noch nicht, und ich trieb beseelt durch die Kaiserslauterner Nacht, vorbei am Rathaus und der Fruchthalle. In der Altstadt feierte die Jugend das beginnende Wochenende, ich aß noch eine Kleinigkeit und marschierte anschließend in der anbrechenden Dunkelheit zu meiner Pension. An einer Ecke spielten lautstark Kinder, deren Treiben verstummte, als ich näher kam, um alsbald wieder von Neuem aufgenommen zu werden.
Am folgenden Morgen erwachte ich früh, packte meine Habseligkeiten in den Rucksack und lief Richtung Bahnhof. Unterwegs verpasste ich unfreiwillig zwei Busse, erblickte noch einmal das Stadion auf dem Betzenberg und nahm nach einem Kaffee den Zug Richtung Koblenz. Durch die sonnige Pfalz rollte ich auf grüner Strecke bis nach Bingen, – drei Enddreißigerinnen schnatterten fröhlich beim ersten Sektchen des Tages – und von dort über Mainz nach Niederrad. Dort winkte ich dem Konterfei von Tony Yeboah zu. Die U4 fuhr ja nicht, also nahm ich an der Konstablerwache die Straßenbahn bis Bornheim Mitte, schlängelte mich über den Markt und freute mich, dass mein Rad noch da war.
Wenige Minuten später war ich nach knapp vier Stunden Fahrt wieder zu Hause. Mit dem PKW hätte ich wahrscheinlich keine 90 Minuten gebraucht – so wird das nichts mit der Verkehrswende. Pia guckte aus dem Fenster, und ich freute mich, wieder zu Hause zu sein. Obwohl Kaiserslautern gar nicht mal so schlecht ist. Auch ohne Fußball. Oder vielleicht gerade deshalb.















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