Da wir im Dezember ein paar Tage in Thomas Manns Lübeck weilten und es uns durchaus gefallen hatte, waren wir neugierig auf Lübeck im Sommer. Und da wir sowieso noch Gutscheine für Übernachtungen im Premier Inn am Bahnhof einlösen konnten, buchten wir Ende des Winters ein langes Wochenende in Lübeck. Die Bahnfahrt war zudem recht preiswert – und so stand einer Reise in die Sommerfrische nichts mehr im Weg.

Dass es das heißeste Wochenende aller Zeiten werden sollte, stand damals allerdings noch nicht im Raum. Als wir am frühen Donnerstagmorgen losrollten, wussten wir jedoch, was auf uns zukommen würde. Immerhin, die Bahn war pünktlich, sodass wir in Hamburg den nächsten Anschluss in Richtung Lübeck problemlos erreichten. Unterwegs dämmerte ich hie und da ein bisschen weg, träumte aus dem Fenster, hörte Songs von Amy Macdonald und besorgte mir ein Ticket für ihr Konzert im Sommer in Bruchsal. Noch war es nicht zu heiß, womöglich aber für die ungewohnt unfreundliche Rezeptionistin. Barsch beschied sie uns, dass wir erst um 15 Uhr einchecken könnten – wir jedoch wollten fürs Erste nur unsere Koffer abstellen, was sie uns herablassenderweise genehmigte.

Derart erleichtert frühstückten wir im nahegelegenen Café Schüler – auch hier trat die Fachverkäuferin ungewohnt forsch auf, womöglich schlägt im Norden die Temperatur schon früher aufs Gemüt – uns war’s egal. Wir spazierten vor dem Holstentor am Stadtgraben entlang, überquerten die Wielandbrücke und wanderten Richtung Buniamshof, Lübecks zweitgrößtes Stadion. Aus dem Wald hörten wir Klatschen und Anfeuerungsrufe und ein paar Minuten später erfuhren wir die Hintergründe: Schüler:innen liefen bei hitzigen Temperaturen ein kleines Rennen durch den Wald und die Lehrer feuerten sie an. Wenige Meter dahinter im Stadion war Endstation, Musik wummerte aus den Boxen und die Kids labten sich an Getränken.

Wir aber marschierten zum Krähenteich. Dort standen wir im Winter und blickten durch die kahlen Bäume aufs Wasser. Jetzt lagen einige Menschen im dortigen Schwimmbad gegenüber auf der Liegewiese und ich wurde auf der anderen Seite ob meines orangenen Shirts als Holländer gefeiert. Dopeschwaden zogen durch die Lüfte. Am Schwimmbad parkten einige Räder, eine lauschige Atmosphäre herrschte im Bad und wir kamen mit dem freundlichen Kassierer ins Gespräch und planten, nach dem Einchecken mit unseren Badesachen wiederzukehren.

Gegen 14:30 Uhr erreichten wir unser Hotel. Die gestrenge Rezeptionistin begrüßte uns zwar nicht, aber beschied uns kategorisch, dass erst um 15 Uhr Einlass sei. Tja, volltätowierte Arme und lässige Adidas-Sneaker müssen kein Hinweis auf Coolness sein – auch wenn sich optisch bemüht wird. Keine zehn Minuten später checkten die Ersten der sich nun bildenden Schlange ein, der Kollege war freundlich und bemüht – und um 15 Uhr standen wir mit unseren Badesachen wieder auf der Straße, um den 7er-Bus in Richtung Krähenteich zu nehmen. Jetzt ergab sich dort allerdings ein anderes Bild: Die Anzahl der Räder hatte sich wie die Anzahl der Kleinkinder massiv erhöht. Wir zahlten nicht nur den Eintritt, sondern liehen uns zudem einen Sonnenschirm, den wir an einer freien Stelle in den Rasen klöppelten.

Die Kleinsten planschten im vorderen Wasserbereich, die etwas älteren hüpften von der Pontoninsel ins Wasser, und immer wieder sausten Kiddies völlig aufgeregt an uns vorbei. Suchten Kumpels, Freibadpommes oder ihre Eltern – ein Tag im Schwimmbad am Krähenteich. Das Wasser war angenehm, ein paar Wasservögel betrachteten das Treiben und die Badegäste rückten immer näher an unser Badetuch. Eine gemischte Tüte später brachen wir auf.

Während Pia sich in Lübeck herumtrieb, spazierte ich zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug nach Travemünde, 20 Kilometer von der Altstadt entfernt. Im Winter fuhren wir mit dem Ausflugsboot hierher und blickten auf den quasi menschenleeren Strand. Jetzt war der Zug relativ leer – dies änderte sich jedoch an der Endhaltestelle am Travemünder Strand. Karawanen zogen den Weg vom Strand zum Bahnhof hinauf, drängelten an den Gleisen und machten sich auf den Rückweg. Ich spazierte an ihnen vorbei, bis ich an die Ostsee kam. Strandkorb an Strandkorb, soweit das Auge blickte. Ich trieb weiter an der Promenade, bis weiter hinten zunächst die Strandkörbe und dann der Sandstrand ein vorläufiges Ende fanden. Dort begann der Grünstrand. Rasen. Um ins Wasser zu gelangen, musst du die Promenade überqueren und über Steine in die See klettern. Hier war der muslimische Teil der Gesellschaft zu Hause. Sogar einzelne junge Mädchen, Kinder, trugen eine Art Tschador. Sollen die Erwachsenen machen, was sie wollen, aber Kinder derart zu verpacken, zeigt bei den Temperaturen Spuren von Kindesmisshandlung.

Insgesamt war Travemünde selbst um 20 Uhr für meinen Geschmack am Strand viel zu überlaufen, obgleich die Strandkörbe Feierabend machten – sodass der Plan, morgen mit der Bahn zum Chillen an die Ostsee zu fahren, gedanklich gecancelt wurde. Ich war mir sicher, Pia würde dies genauso sehen. Ich wanderte zum Strandbahnhof, nahm den nächsten pickepackevollen Zug Richtung Lübeck, der statt nach Hamburg nur bis Ahrensburg weiterfuhr (was meinen des Deutschen nur rudimentär mächtigen Sitznachbarn vor die Herausforderung SEV stellte) und traf Pia in einer Pizzeria mit Blick aufs Holstentor. Und wir beschlossen, uns morgen Räder zu leihen und einfach eine Radtour zu machen. Nachts waren wir nicht böse um die Klimaanlage. Die deutsche Nationalmannschaft verlor gegen Ecuador und ich schlief den Schlaf der Gerechten.

Die Ostsee

Nach einem kurzen Frühstück im Café Schüler spazierten wir über die pittoreske Hüxstraße zum Fahrradverleih der Sonntags Dialoge. Für jeweils 10 Euro am Tag bekamen wir zwei Räder in die Hand gedrückt, die uns völlig genügten. Im Büro fand ein Deutschkurs statt, die Mitarbeiterinnen waren ausgesprochen freundlich und wir beschlossen, die Räder gleich für zwei Tage zu mieten – die Rückgabe nach Büroschluss stellte kein Problem dar.

Alsbald radelten wir in Richtung Trave. Der eigentliche Plan sah vor, über das Naturschutzgebiet Schellbruch und Gothmund bis zum Bus-Shuttle zu radeln, dann die Trave zu unterqueren, um in Travemünde mit der Fähre nach Priewall überzusetzen und über Dassow heimzuradeln. Zunächst zeigte sich der Weg aus der Stadt raus eher unwirtlich. Wir durchquerten ein großes Industriegebiet, suchten mehrfach den Weg und landeten am Ende im Naturschutzgebiet. Von einem Moment auf den anderen befanden wir uns in einer anderen Welt. Die Bäume spendeten Schatten, wir erreichte einen Aussichtspunkt am See, bewunderten die reetgedeckten Häuser in Gothmund und rollten an der Trave entlang. Vereinzelte Bötchen zogen an uns vorbei – man hätte es für einen schönen Sommetag halten können – wenn für die nächsten Tage nicht noch heißere Temperaturen angekündigt gewesen wären.

Da es weit und breit keine Brücke über die Trave gibt, führte uns der Weg zum kostenlosen Busshuttle, der Radler und erstaunlich viele Mofas unter der Trave hindurch ans andere Ufer bringt. Dort führte der Weg durch Wald und kleinere Ortschaften bis nach Travemünde. An der dortigen Lorenzkirche liefen die Vorbereitungen für Spontanhochzeiten. Da wir ja schon verheiratet sind, ließ uns das Angebot eher kalt und wir spazierten durch den Ort, futterten am Fischereihafen ein Fischbrötchen (wohl auf die Möwen achtend) und drehten eine Runde an der Promenade entlang. Vorbei am Maritim Hotel und retour. Der Asphalt glühte. Es bot sich das gleiche Bild wie gestern in der gleichen Struktur – und wir warfen unsere Pläne über den Haufen.

Statt über den Priewall machten wir uns auf den Weg zu den Brodtener Steilklippen. Es war eine gute Entscheidung. Nach einem kurzen Anstieg über dem Hundestrand blieben wir auf der Höhe, blickten über die Lübecker Bucht, auf das glitzernde Wasser und die Segelbötchen mit ihren weißen Segeln. Ein fantastischer Weg, vorbei am Gedenkstein für diejenigen, die in der Lübecker Bucht beigesetzt sind, vorbei am Seetempel, der schon in den Buddenbrooks erwähnt wird, und rasteten an der Hermannshöhe mit einem Kaffee samt Zupfkuchen (Sahne 1,50 €) und Blick auf das Wasser.

Nur wenige Radler und Wanderer begegneten uns. Sandige Pfade führen die Klippen hinab – von oben konntest du unten vereinzelte Badegäste erkennen, die den Weg ans Ufer gewagt hatten. Wir hielten alle nasenlang an und konnten uns gar nicht sattsehen. Kurz vor einem offiziellen Abstieg wurde die Route umgeleitet, nun wurde es nach einem kurzen Umweg an der Küste belebter. Wir kamen nach Niendorf, einem für Urlauber ausgerichteten Badeort an der Ostsee – der einen aufgeräumten Eindruck machte. Kleine Villen hinterm Strand, allenthalben gab es einen Strandkorbverleih, die Getränke an den Buden schienen recht günstig – insgesamt machte die Gegend einen durchaus charmanten Eindruck, sodass wir beim Weiterfahren Richtung Timmendorfer Strand beschlossen, morgen einen schönen Strandtag zu machen. Mit Strandkorb, Decke, Strandlektüre und Strandverpflegung. Machte ich letztmals 1978 auf Föhr und ist eigentlich gar nicht so mein Ding – aber die Vorstellung war durchaus entzückend. Zumindest für einen Tag.

Weiter Richtung Timmendorfer Strand wurde es insgesamt wieder ungemütlicher, wie es eigentlich zu erwarten war, und so bogen wir zwischen Autos und Urlaubern auf die Route Richtung Lübeck ab. Das Idyll durch Dorfstraßen fand ein jähes Ende, als der Autoverkehr irgendwo bei Offendorf durch eine winzige Dorfstraße umgeleitet wurde und es zuweilen selbst für Räder kein Durchkommen gab. Die Autos stauten sich aufs Ungemütlichste und wirbelten beim Weiterfahren Staub auf, der sich in der Luft schön lange hielt. Hölle. Augen zu und durch – bis irgendwann kein Auto mehr von hinten anrollte. Wahrscheinlich hatten sie sich endgültig verkeilt und wir konnten in aller Ruhe über die Feldsteinkirche Ratekau und Bad Schwartau nach Lübeck radeln. Wie auf der anderen Seite der Trave begleiteten uns einige Industriegebiete – doch letztlich rollten wir wohlbehalten wieder in Lübeck ein. Ein erlebnisreicher Tag neigte sich dem Ende entgegen. Hinten auf der Insel drehte sich das Riesenrad, es glänzten die Lichter des Stadtfestes in die anbrechende Nacht.

Pläne …

Es folgte der Tag, an dem einiges schiefging. Aber nicht alles. Zunächst hatte Pia nach einer angenehm temperierten Nacht entdeckt, dass die Fahrradmitnahme in der Bahn in Schleswig-Holstein nicht kostenlos ist. Du brauchst eine Tageskarte für sechs Euro für jedes Rad. Da wir dies für eine Strecke von 13 Minuten unverhältnismäßig fanden, brachen wir gleich mit den Rädern auf, rollten langsam aus der Stadt und merkten deutlich den Temperaturanstieg, der heute seinen Höhepunkt finden sollte. Doch der Weg führte über kleinere Wege und Dorfstraßen durchaus unaufgeregt am Karls Erlebnis-Dorf und Häven vorbei nach Niendorf. Mann und Maus, Kind und Kegel machten sich auf den Weg zum Strand – und uns schwante Arges, als unser gestern erwählter Strandkorbverleih „ausgebucht“ verkündete. Und Gleiches widerfuhr uns an allen Verleihern, die wir fragten. Die meisten hatten schon ein Schild vor der Hütte. Wir hätten es ahnen können, waren aber zu naiv. Um 11:30 Uhr meldete Niendorf: Ausgebucht. Nichts geht mehr.

Wir hockten uns nach ein paar Metern mit unseren Franzbrötchen auf eine Bank am hinteren Ende des Strandes, die erstaunlicherweise nicht belegt war. Vom Ufer aus führte ein Steg ins Wasser; ich wähnte mich kurzzeitig in Korfu. Doch als ich die Leiter hinunterstieg, landete ich schnell wieder in der norddeutschen Ostsee-Realität. Um mich herum trieben Quallen und vor allem Seegras. Ich watete durchs knietiefe Wasser, schob mit der ortstypischen Handbewegung das Gras beiseite und wusste nun, weshalb kaum jemand schwamm. Während Pia mich noch im Wasser suchte, latschte ich schon wieder über den Steg zurück. „Okay, lass uns fahren“, waren wir uns schnell einig. Ich hatte meine Schuhe noch nicht an, da waren die Plätze schon wieder belegt.

Diesmal war auf dem Weg über das Brodtener Steilufer einiges mehr los als gestern – obgleich die Blicke aufs Wasser immer noch faszinierend waren. Auch die Hermannshöhe schien ordentlich besucht, das Fischbrötchen kaum belegt und die Fischnuggets eher schlecht. Unfreundlich war der junge Mann hinter der Essensausgabe – kurz: Zum Kaffeetrinken ein feiner Ort, alles Weitere bitte weiträumig umfahren. Wenig überraschend dann das Chaos in Travemünde. Autos suchten noch in den letzten Sackgassen am Strand nach Parkmöglichkeiten, verkeilten sich beim Wenden, und ein ähnliches Bild bot sich am Strand. Hätte mir jemand gesagt, hier sei der Ganges – ich hätte es geglaubt. Milliarden bunter Sonnenschirme reihten sich dicht an dicht, dahinter Tausende Strandkörbe. Gewimmel, Gewusel. Ein Albträumchen.

Wir drehten neben der Strandpromenade eine Radrunde, ein Auto umfuhr eine Straßensperre auf dem Bürgersteig und wir rollten mit unseren Rädern auf die Fähre nach Priewall. Die Sonne brannte vom Himmel, immer wieder befeuchteten wir unsere um die Schultern gelegten Tücher mit Wasser und nach wenigen Fähr- und Fahrminuten füllten wir unsere Vorräte beim örtlichen Edeka auf. Geradeaus führte der Weg an die Sandstrände, wir aber machten uns auf den Heimweg, der uns rund um einen See nach Dassow führen sollte und dann über schattige Radwege nach Lübeck. Und dort sollte noch ein Einkaufsbummel folgen. Dachten wir.

Im Schatten der Allee lag die Fahrbahn. Den See konnten wir anhand der geparkten Fahrzeuge nur erahnen – auf die Radwege knallte die Sonne, der Asphalt glühte. Kilometer um Kilometer schoben wir uns voran, feuchteten alle paar Minuten die kühlenden Handtücher an, nutzten jedes Schattenplätzchen und quälten uns durch Mecklenburg-Vorpommern am heißesten Tag des Jahres. Mal fuhren wir auf der Straße, mal auf holprigen Radwegen und keinen Meter am See. Zwischenstopp beim Penny auf der Strecke. Deutschlandfähnchen hingen hie und da aus den Fenstern. Hinter Selmsdorf zog es sich ein kleines bisschen zu; je mehr wir uns Lübeck näherten, umso schattiger wurde es – und so langsam kehrten die Lebensgeister zurück. Über die Wakenitz und die Moltkestraße erreichten wir dann doch noch die Altstadt, wieder etwas besserer Dinge.

Nach über 30 Kilometern rollten wir in Lübeck ein – und Pia konnte sich noch vor Ladenschluss in einem Klamottenladen umschauen, wurde aber von einer Verkäuferin beäugt, als hätte sie die Krätze, und so verließ sie ohne Ware den Laden. Wir stellten die Räder wie vereinbart ab und kamen im Hotel unverhofft in den Genuss der Happy Hour und planmäßig in den Genuss einer Dusche. Eiskalt spülte das Nass den anstrengenden Tag aus den Knochen.

Abends waren alle Plätze bei unserem erwählten Griechen zwar belegt, doch bevor die Laune sich völlig verschlechterte, fanden wir Unterschlupf in der Alten Schmiede, futterten versöhnt mit Gott und der Welt unser Abendessen und stießen auf uns an.

Abschied

Nach einer weiteren kühlen Nacht frühstückten wir zum letzten Mal für wer weiß wie lange im Café Schüler, packten dann unsere Habseligkeiten zusammen und stellen das Gepäck im Hotel unter. Dann brachen wir für einen letzten Rundgang in die Stadt auf. Am Holstentor spendet ein Trinkbrunnen auf Knopfdruck kaltes, klares Wasser – eine Institution, die wir in den vergangenen Tagen weidlich nutzten. Das mächtige Tor, etwas windschief, begeistert mich jedes Mal aufs Neue. Wie viele Menschen zu unterschiedlichsten Zeiten haben es seit 1478 gesehen? Das Tor trotzt der Zeit und behält alle Geheimnisse für sich. Beispielhaft. Geschrieben steht auf dem Holstentor: Concordia domi foris pax („Eintracht innen, draußen Friede“). Du entkommst der Eintracht irgendwie nie.

Kaum sind wir bei den Salzspeichern, weist uns ein Hinweisschild auf die Möglichkeit hin, von der Petrikirche über die ganze Stadt zu blicken – eine Option, die wir gerne annehmen. Ein Aufzug bringt uns gemächlich nach oben. Wie ein Spielzeugtor wirkt das Holstentor jetzt; wir erkennen die Marienkirche, den Dom und natürlich das historische Rathaus sowie die Musikschule nah an der Trave.

Ein letzter Rundgang führt uns an die malerische Obertrave. Enge Durchgänge führen in die Hinterhöfe, die Wäsche flattert auf der Leine – es ist ein harmloser Frühsommertag, die Hitze entschleunigt – könnte man fast meinen. Wir hocken uns auf die Treppenstufen für ein kleines Päuschen. Schon gestern sind uns kleine, leise Bootchen aufgefallen, die gemächlich über die Trave mäandern. Und als wir den Blick nach links wenden, fällt uns auf, dass wir fast am Bootsverleih sitzen. Spontan können wir eines der Elektroboote chartern, und nach einer kurzen Einweisung schweben wir rückwärts aus dem Parkslot und gondeln langsam los. Sechs Kilometer die Stunde maximal, ich fahre langsamer. Die Lenkung funktioniert zeitverzögert, daran muss man sich auch erst einmal gewöhnen. Gechillt schiffen wir leise über die Trave, unterqueren die Brücken mittig, wie gelernt, und schauen uns die Stadt von einer völlig neuen Perspektive an. Das ist toll.

Eine gute Stunde brauchen wir für die Umrundung, dann müssen wir das Boot wieder abgeben. Die Zeit geht viel zu schnell vorbei – aber ich weiß, was ich noch mal machen werde, sollte ich im Sommer wieder hier sein. Anschließend geht es noch einmal zurück ins Hotel, Frau Missmut drückt uns die Koffer in die Hand und wir verlassen das Hotel, in das wir doch eben erst eingecheckt haben.

Der Regionalzug nach Hamburg ist pünktlich, und da wir in der Stadt an der Elbe noch ein bisschen Zeit haben, treibe ich runter an die Alster und passiere auf dem Rückweg die Kunsthalle, die wir vor ein paar Wochen noch inspizierten. Unser Zug nach Frankfurt scheint sich jetzt um fünf Minuten zu verspäten; wir nehmen es sportlich und stellen uns am Gleis 14 in den Schatten. Der Zufall will es, dass wir Barbara treffen, quasi Familie. Auch sie will zurück nach Frankfurt. Wir warten. 10 Minuten. 20 Minuten. 30 Minuten. Mittlerweile zeigt das Hinweisschild am Gleis nicht mehr unseren Zug an, sondern den nächsten, der über Frankfurt nach Stuttgart fährt. Für Beruhigung sorgt eine Frau, die sich an der Info erkundigt hatte und in Erfahrung bringen konnte, dass unsere Bahn fahren soll. Die Anzeige sei systemisch defekt. Derweil fallen die Züge nach Köln und München aus, wie die Lautsprecherstimme nicht müde wird zu betonen.

Barbara, die keine Sitzplatzreservierung hat, nimmt erst mal einen Regionalzug. Wir warten. Laut App sind wir gleich in Hannover. Es wird skurril: Mittlerweile warten wir seit 45 Minuten bei über 30° im Schatten. Immerhin zeigt die Anzeigetafel jetzt unseren Zug an, korrigiert aber die Ankunftszeit alle fünf Minuten. Nach weit über einer Stunde Wartens brandet Beifall auf – unser Zug rollt tatsächlich ein. Es irritiert bloß die Wagenreihung: Wo die Eins sein sollte, fährt Wagen 26. Also rennen alle in die jeweils andere Richtung, Fahrräder knallen in meine Wade – die Ersten verlieren die Nerven.

Immerhin, Wagen vier ist an Bord, auch unsere Sitze sind frei. Gegenüber schluchzt eine ältere Frau völlig aufgelöst. Es stellt sich heraus, dass sie schon seit Stunden unterwegs ist, mit ihrer schon etwas älteren Tochter im falschen Waggon gelandet ist und die Tochter keinen Schritt mehr laufen kann. Von hinten drängen Passagiere – aber gemeinsam bekommen wir die Situation beruhigt. Als der Zug sich in Bewegung setzt, haben alle einen Platz gefunden. Leichte Aufregung in Harburg, aber auch hier wird trotz massivem Verkehr niemand vom Sitz verdrängt. Nächste Station: Hannover.

Wir quälen uns Meter um Meter vorwärts, halten hier, halten dort, die Sonne brennt, doch die Klimaanlage funktioniert. 100 Minuten nach der geplanten Ankunft landen wir in Hannover. Die Frau steigt mit ihrer Tochter halbwegs gelöst aus. Der Rest steht und wartet. Es folgt eine Durchsage, dass Fahrgäste, die nach Göttingen oder Kassel wollen, den Zug wechseln müssen. Helle Aufregung allenthalben. Die einen stürmen aus dem Zug, die anderen fragen sich: Was ist mit Frankfurt? Mannheim, Karlsruhe? Basel?

Keine Sorge, der Zug fährt nach Frankfurt. Mittlerweile hat die Bahn nach Kassel Hannover verlassen.

Unser Zug jedoch nicht. Dann die ernüchternde Ansage: Unsere Bahn fährt erst mal gar nicht weiter, wir sollen alle in den kommenden Zug nach Stuttgart umsteigen. Der, bei dem bis auf ein paar Plätze in der Ersten Klasse der Rest völlig ausgebucht war. Sitzplatzreservierung ade. Immerhin verlassen einige Fahrgäste den ICE in Hannover und der Zugwechsel klappt in unserem Bereich relativ reibungslos; wir finden sogar zwei Sitzplätze bei zwei Frauen an einem Vierertisch. Als sich alles beruhigt hat, findet auch Barbara, die in Harburg wieder zu uns gestiegen ist, einen Platz.

Dann wird es hektisch. Die Ersten, die weiter hinten eingestiegen sind, drängen in unser Abteil, es staut sich. Neben mir steht ein kräftiger Mann mit Glatze und einem Shirt, auf dem ein in Deutschlandfarben gefülltes Bierglas prangt. Aber die ganze Gang ist friedlich, auch wenn der Ruf „Hier ist ein Ruheabteil!“ im Nirgendwo versandet. Der Zugführer weigert sich fürs Erste, ob der Überfüllung vor allem im Mittelteil weiterzufahren – die Jungs rund um das Deutschlandbier steigen brav aus. Ein Zugbegleiter kämpft sich wortlos durch die Abteile – und dann geht es tatsächlich los. Was die Menschen machten, die nach Basel wollten, entzieht sich meiner Kenntnis – wir sausen in den Abend, später in die untergehende Sonne. Die Mitfahrerinnen am Tisch erweisen sich als nett, Amy Macdonald besingt den vierten Juli und das Leben. Mit knapp zwei Stunden Verspätung erreichen wir dann doch Frankfurt. Es ist warm und dunkel. Keine fünf Minuten später sitzen wir in der U4, direkt im Anschluss rasselt die Linie 12 an der Konstablerwache ein und bringt uns fast nach Hause.

Erstaunlich gelassen öffnen wir die verschlossenen Fenster und lassen die sich nur langsam abkühlende, frische Luft in die stickigen Räume. Durchatmen. Und ein kühles Getränk. Auf uns und das Unterwegssein. Man erlebt ja doch immer was.