Kaum waren die Koffer ausgepackt und der portugiesische Sand der Algarve ausgeschüttelt, wandern wir in aller Herrgottsfrühe die dunkle Wiesenstraße hinunter und rollen mit der U4 Richtung Bahnhof. Pünktlich auf die Minute setzt sich der ICE 778 um 4:41 Uhr in Bewegung. Unser Ziel liegt diesmal etwas weiter nördlich: Hamburg. Wieder einmal.
Die Zugfahrt vergeht unspektakulär, der Tag erwacht gleichmütig – was kümmert es die Zeit, wenn wir vergehen. Hanau, Fulda, Kassel, Göttingen, Hannover, Harburg. Immer wieder fallen die Augen zu, während wir durch Deutschland reisen. Im Ruheabteil ist es leise, mehr kann man nicht verlangen. Einige Waggons weiter vorne hängen Schüler auf Klassenfahrt in den Seilen, die Köpfe auf den Tischen. Es ist zu früh für intensive Unterhaltungen.
In Hamburg angekommen, steigen wir relativ weit entfernt vom Hauptgebäude aus. Die Treppen nach oben führen nicht in die Halle, sondern auf den Steintordamm – und zufälligerweise fährt von hier unser Bus ab. Dieser kommt auch binnen weniger Minuten und bringt uns durch St. Georg zur Haltestelle Wartenau. Von dort ist unsere Unterkunft nur wenige Schritte entfernt. Ein einfaches Hotel, das alles hat, was es braucht: Die Mitarbeitenden sind freundlich, es ist sauber und es gibt einen Wasserkocher auf dem Zimmer. Wir hatten vor einiger Zeit Gutscheine für kleines Geld bei einem Discounter geschossen und fuhren bislang – ob München, Lübeck oder jetzt Hamburg – sehr gut damit. Erwartungsgemäß können wir zwar noch nicht einchecken, aber unsere Koffer unterstellen, sodass es uns gleich wieder auf die Straße treibt.
Das erste Ziel heißt wenig überraschend: Landungsbrücken. Eifrige Lesende dieses Blogs wissen, was jetzt kommt: Genau. Kettcar. Landungsbrücken raus.
Die Magie der Elbe, die Kräne gegenüber, diese mechanischen Giraffen, die Boote und Schiffe und Kähne – das Wasserleben hat eine ganz eigene faszinierende Kraft. Selbst das gelbe Gebäude des seit ewigen Zeiten laufenden Musicals König der Löwen wirkt kulissenhaft. Die gelben Fähren, die übersetzen, schieben sich auf dem Fluss entlang; weiter hinten an den Landungsbrücken warten Schulklassen auf die Stadtfähre 62 nach Finkenwerder. Und nicht alle in Hamburg woll’n zu König der Löwen. Wir auch nicht, wir wandern durch den alten Elbtunnel.
Leider hat die Fischbude auf der anderen Seite noch geschlossen. Ein Schüler ärgert eine Möwe. Es ist der gleiche, der auf dem Rückweg die Aufzugstür beim Herunterlassen anpackt und einen Anschiss vom Aufzugswärter kassiert. Landet wahrscheinlich später bei der FDP. Wir aber nehmen die nächste Fähre nach Finkenwerder, die ordentlich besucht ist. Touristen wie wir, die sich die teils absurden Preise für eine Hafenrundfahrt sparen wollen. Uns fällt auf, dass in Hamburg im Gegensatz zu Frankfurt gar kein Feiertag ist – Fronleichnam fällt im Norden aus. St. Pauli, Övelgönne, Finkenwerder. Kaum jemand steigt hier aus, fast alle fahren wie wir wieder zurück.

In Övelgönne verlassen wir die Fähre und spazieren barfuß am Elbstrand entlang. Zwei Mädchen spielen nackt an der Wasserkante. Als die Wellen eines vorbeifahrenden Schiffes mächtig ans Ufer wogen, springen sie kreischend auf und rennen zurück auf die Picknickdecke. Wir trinken in der Strandperle einen Kaffee und beobachten, wie ein kleiner Schlepper einen riesigen Kahn in den Hafen zieht. Man könnte ein Leben hier sitzend verbringen und beobachten – dem Fluss nachschauen und Miniaturen für die Ewigkeit festhalten.
Wir schlendern vorbei an den alten Kapitänshäuschen und nehmen die Fähre zurück. Auf dem Weg zum Fischbrötchen sehe ich an einem Touristand einen Rucksack, der von ordentlicher Qualität scheint und recht günstig angeboten wird. Pia hatte sich zuvor schon eine Mütze besorgt, und ich erinnere mich, dass ich mir genau hier vor Jahren einen Schal holte. Ich hebe mir die Entscheidung für den Rückweg auf. An den Landungsbrücken 10 gibt es ein schnelles Fischbrötchen auf die Hand, dann zurück zum Rucksack, den ich auch tatsächlich kaufe. Und ich bin nicht der einzige. Es schien tatsächlich ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.
Kaum checken wir wenig später im Hotel ein, beginnt es aus allen Eimern zu schütten. Wir liegen im Trockenen, lesen, gucken aus dem Fenster auf den Parkplatz des Supermarktes nebenan und beobachten die Kunst des „Regenparkens“. Einzig ein Bauarbeiter gegenüber schlurft im Shirt auf den Parkplatz, wirft ein Altteil auf den Schutthaufen und spaziert seelenruhig wieder zurück.
Abends treibt es uns in eine Wirtschaft namens Frau Möller. Viele Plätze scheinen belegt, doch für uns zwei findet sich noch ein Plätzchen, bevor die Tische reserviert sind. Reges Treiben innen wie außen; die Bedienungen haben gut zu tun, sind freundlich, Speisen und Getränke kommen flott, sodass wir keine Stunde später an der Außenalster sind. Segelbootchen gleiten leise in das Geglitzer des beginnenden Sonnenuntergangs, Jogger umrunden zu Tausenden das Gewässer, und eine Handvoll Muslime demonstriert inmitten eines wohlhabenden Wohngebietes für den Erhalt der dortigen Blauen Moschee, die wohl zurecht geschlossen ist. Plakate werben noch immer für und gegen Olympische Spiele in Hamburg. Die Hamburger:innen lehnten diese ja mehrheitlich ab. Ich hätte womöglich anders gestimmt.

Miniatur Wunderland und Cotton Club
Das erste Highlight unserer Reise stand schon seit Monaten fest: unser Besuch im Miniatur Wunderland. Für mich sollte es der zweite Besuch sein, während Pia ihre Premiere feiern wird. Tatsächlich bricht sie schon kurz nach 6:00 Uhr morgens auf, um in einem Café um die Ecke zu frühstücken. Ich hole sie wenig später dort ab, und gemeinsam rollen wir mit der U-Bahn in die Speicherstadt und laufen die paar Meter zum Eingang. Während eine kleine Menschentraube auf den Aufzug wartet, nehmen wir die Treppen – und ziehen eine Schlange hinter uns her. Der Einlass klappt binnen Sekunden. Unser Gepäck verstauen wir in einem Schließfach, und schon wandern wir an Helene Fischers Auftritt im Berliner Olympiastadion vorbei in Richtung Vereinigte Staaten.

Als Pia in Miami Flamingos entdeckt, ist sie endgültig „gecatched“ – und treibt durch Zeit und Raum, durch detaillierte Tagwelten in Skandinavien oder Hamburg und Nachtszenarien in Knuffingen oder Las Vegas. Ich hatte von meiner Begeisterung ja schon einmal berichtet, jetzt hat es auch Pia erwischt. Wir verlieren uns in den Miniaturwelten, entdecken den neuen Zug mit Udo Lindenberg und das kopulierende Paar in den Sonnenblumen, beobachten fallende Häuser in Venedig und Demonstrationen in Rom. Einzig am Flughafen und in Monaco herrscht ein ordentliches Gedränge. Es sind diese versteckten Miniaturen, die das Erleben zu einem ganz großen machen: die inszenierte Mondlandung, die Wannen am Gästeeingang des Volksparkstadions beim immerwährenden Derby, die Strafzettel und all die Wunderlichkeiten, Heidi und Clara oder Zombies.
Mal gönnen wir uns eine Kaffeepause, mal essen wir eine Currywurst – doch zieht es uns immer wieder zu den kleinen Welten, in denen irgendwo Schneewittchen mit den sieben Zwergen umherwandert, Shaun das Schaf herumsteht oder die Damen einer Rotlichtwohnwagen-Siedlung auf Kundschaft warten. Karneval in Rio ist immer. Acht Stunden später hat uns das Tageslicht wieder.
Abends treffen wir uns mit Ingo und dessen Tochter Pia vor dem Cotton Club. Der Michel spiegelt sich in den Glasfassaden eines Hochhauses. Ingo hat uns Plätze auf der Gästeliste organisiert und einen Tisch dazu. Heute stand Motown auf der Livebühne an, gepaart mit Amy-Winehouse-Vibes. Das Soulige ist ja nicht so meines – aber Motown-Klassiker kicken schon gut. Ein Sänger und eine Sängerin wechselten sich ab, am Ende tanzten nahezu alle Gäste; es war ein toller Abend in einem ehrwürdigen Club. Todmüde fallen wir nach zwei langen Tagen in die Kojen. Morgen geht es in die Provinz nach Hasloh zu Ingo und Silke. Aber vorher schlafen wir aus.
Planten un Blomen, Hasloh und Kunsthalle
Nach einem ausgiebigen Frühstück bei Frau Möller zieht es uns erstmals in die Parkanlage Planten un Blomen – die wir bei all unseren Hamburg-Besuchen bislang stets umgangen haben. Ein Fehler. Die vielfältigen Blüten bilden im Einklang mit dem dahinter stehenden Fernsehturm eine fotogene Kulisse, auf einem Stein sonnen sich Schildkröten, während irgendwo dahinter Soundflächenproben mit tiefem Bass für den morgigen Triathlon über das Gelände wummern. Im Park existiert sogar eine Flamingo-Statue – natürlich müssen wir dorthin.
Ursprünglich wollten wir ja mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hasloh fahren. Dies gestaltete sich schwieriger als gedacht – aus irgendeinem unerfindlichen Grund fuhr die S-Bahn von Eidelstedt nicht. Und durch eine Demo, die durch die Gassen zog, fiel auch die angedachte Busfahrt ins Wasser. Die Demonstranten wehrten sich gegen Kürzungen im sozialen Bereich, das ist auch gut so. Weniger gut ist, dass mittlerweile bei jeder Demo, egal welches Thema sie hat, die Palästinafahnen wehen. Diese Demos, ob gegen prekäre Verhältnisse oder gegen Gewalt gegen Frauen, werden von den Hamas-Freund:innen gekapert – die Israel am liebsten von der Landkarte löschen würden, und sie schließen nicht nur mich dadurch aus. Man muss kein Freund von Netanjahu sein und kann Teile der Besiedelung des Westjordanlandes durch Israel durchaus kritisieren. Aber man darf ebensowenig das tagtägliche Bombardement Israels, den Horror des 7. Oktobers, die Hamas-Propaganda und deren Notwendigkeit der Beibehaltung des Status quo verschweigen. Und weiße, privilegierte Mittelschichtskinder fühlen sich endlich mal als Opfer im Widerstand, indem sie Kufiyas tragen (kulturelle Aneignung) und Pali-Fähnchen schwingen? Und wo genau liegt der Zusammenhang mit Kürzungen im öffentlichen Bereich oder der immer prekärer werdenden Lebenssituation in Deutschland mit Palästina? Get off of my cloud.
Wir nehmen die U-Bahn – und danken Pia aus Hasloh, dass sie uns in Garstedt mit dem Auto abholt. Da einige Straßen gesperrt sind, fahren wir über die Hinterhöfe der Dörfer und landen auf verschlungenen Pfaden in dem kleinen Ort, den wir schon so oft besucht hatten. Ingo und Silke hatten schon den Grill und Salate vorbereitet, und gemeinsam mit Enno verlebten wir einen unterhaltsamen Nachmittag, der in einen Spaziergang durchs Moor mündete. Abends war natürlich die Situation in Deutschland Thema: die um sich greifende Zerstörung sozialer Strukturen, das augenscheinlich zunehmende asoziale Verhalten in Mikrokosmen und natürlich Israel und Palästina – und die Frage, weshalb der Angriff Russlands auf die Ukraine nicht mit der gleichen Vehemenz abgelehnt wird, dort, wo die Frage nach Schuld wesentlich eindeutiger scheint, auch wenn sowohl die Existenz der Ukraine als auch Israels auf dem Spiel steht.
Ingo bringt uns in der Dunkelheit mit dem Wagen nach Niendorf – und wir springen in den Bus, der uns zurück nach Hamburg bringt. Für die letzten Meter nehmen wir ab dem Stephansplatz noch die U-Bahn und laufen durch die Nacht ins Hotel.
Und schon ist der letzte Tag in Hamburg angebrochen. Wir schlafen aus, packen unsere Siebensachen zusammen und können nach dem Auschecken die Koffer im Hotel abstellen. Mit einem Franzbrötchen in der Hand schlendern wir zur Kunsthalle, in der neben der klassischen Ausstellung derzeit auch eine Sonderausstellung zu Edvard Munch und Maria Lassnig zu sehen ist. Es gibt viel zu gucken und zu entdecken – und es gilt vorerst, die Orientierung zu behalten. Wir treiben durch die Räume, es ist verhältnismäßig überschaubar, selbst bei den Bildern von Caspar David Friedrich ist kaum jemand. Skulpturen und Renaissance interessieren mich nicht, ich schau mich lieber in der Kunst des 19. Jahrhunderts um oder in der Moderne. Auch die Gegenwartskunst lässt mich erstaunlich kalt. Bei Munch und Lassnig ist schon mehr los, da bin ich aber auch schon am Ende meiner Aufmerksamkeitsspanne und lasse mich durch die Eindrücke treiben.

Später nehmen wir noch eine letzte Mahlzeit bei Frau Möller und holen unser Gepäck aus dem Hotel. Schon sind wir wieder am Bahnhof, der Zug ist pünktlich und setzt sich langsam in Bewegung. Natürlich schleicht er ab Offenbach, sodass wir unseren Nahverkehrsplan in die Tonne kloppen können – aber letztlich klappern wir mit unseren Koffern wieder durchs Nordend, vorbei am Park, und biegen bei der kleinen Goldschmiede um die Ecke. Die Pflanzen im Hinterhof sind noch beieinander, der Roller ist auch noch da. Heimat.
Doch wo ist sie eigentlich? Da, wo wir wohnen? Uwe meinte neulich auf Bluesky zu mir, ich sei rastlos. Das gab mir zu denken. Ist das so? Heute hier, morgen dort, immer unterwegs. Nie Ruhe. Aber Ruhe habe ich nach meinem Leben mutmaßlich noch genug. Doch überlagern einzelne Erlebnisse sich nicht gegenseitig, verdrängen Erinnerungen, wo sie vielleicht noch gepflegt werden sollten? Vielleicht verlängere ich meine Reisen auch durch diesen Blog, durch die Beschäftigung mit den Erlebnissen, den Bildern. Anhalten kann ich die Zeit nicht. Vielleicht füllen und dehnen. Vielleicht ist es eine Kunst, in aller Ruhe zu Stein zu werden. Aber wenn ich Pech habe, werde ich dann Papst, wie bei Thomas Manns Der Erwählte.
Vielleicht ist es nur wichtig, was Silke beim Abschied sagte, als sie eine Freundin zitierte: „Hauptsache, die Seele kommt hinterher.“ Und Heimat ist da, wo Pia ist. Eigentlich ganz einfach.




















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