Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Freiheit auf zwei Rädern?

Rollerfahren macht Laune – zumindest solange du nicht in die Nähe von Autos gerätst. Und dies lässt sich in Frankfurt nicht immer umgehen. Weil die Wahnsinnigen unterwegs sind.

Was bin ich schon durch diese Stadt gefahren. Mit dem Auto, dem Motorrad, dem Fahrrad oder dem Taxi, damals in den deprimierenden Nächten mit netten Fahrgästen und kaum nennenswerten Umsatz. Gelaufen bin ich auch, endlose Meilen. Zum Spaß, aus Notwendigkeit und überhaupt. Jetzt also Roller. Automatik, 50 Kubik, erlaubte Höchstgeschwindigkeit 45 km/h. Da fängt es schon an. Ich war ja neulich völlig überrascht, dass die Höchstgeschwindigkeit bei Mopeds irgendwann von 50 auf 45 km/h begrenzt wurde. Wer macht denn so etwas? Und weshalb? 50 ist die meist erlaubte Höchstgeschwindigkeit, die meisten sind schneller – aber dann darf man sich im Falle eines Hindernisses oder Blitzers nicht beschweren. Aber mit 45 bist du allen im Weg, du bist die Nervbacke im Verkehr, der deutlich sichtbare Pickel im Gesicht, die Heidi Mund des Straßenverkehrs. Du gehst allen auf den Sack, mit staatlicher Erlaubnis. Und gefährdest dich selbst dabei. Hirnrissig.

Jetzt haben die meisten Rollerchen von Werk aus soviel drauf, dass sie die 50 km/h Grenze reißen, das dürfen sie nicht, macht aber Sinn (was man rein sprachlich nicht sagen sollte), da auch mein Kamerad dadurch gut im Verkehr mitschwimmen kann. Wenn, ja wenn die Wahnsinnigen nicht wären.

Man kennt sie ja, die Trottel, die trotz roter Ampel mitten auf die Kreuzung fahren, obgleich sie sehen, dass es nicht vorwärts geht. Die, die jede Kreuzung und Einfahrt zu stellen, auf dass auch ja niemand vor sie fährt. Im harmlosen Fall aus Unachtsamkeit. Wobei: Wer zu blöde ist, einfachste Zusammenhänge im Sinne des Miteinander nicht zu raffen, sollte zuhause bleiben und wie gewohnt, die Kommentarspalten von Spiegel oder FR zuspammen und sich nicht im Straßenverkehr bewegen. Der Rest hätte Platz und schont die Nerven. Aber eines muss man diesen Trotteln lassen, sie gehen einem zwar auf den Sack, gefährden aber nicht zwingend die Gesundheit der anderen.

Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, der kann sich zwar auch mit den anderen rumärgern, die zu blöde sind, um zu verstehen, dass die Einbahnstraße von Radlern auch in der Gegenrichtung zu befahren ist, aber er ist immerhin in der Lage, sich seine eigene Route durch die Stadt zu fräsen – und damit den gröbsten Gefährdungen aus dem Weg zu fahren. Der Motorradfahrer hat gelernt, vor allem auf sich selbst acht zu geben. Er weiß, dass aus jedem Eck irgend ein Wahnsinniger unvermittelt vor den Vorderreifen trollen kann. Der Motorradfahrer kann bremsen. Dort wo der Rollerfahrer ob seiner kleinen Reifen unweigerlich auf die Fresse schmiert, kann er stehen bleiben. Kann. Dass es nicht immer klappt, zeigen die Statistiken. Und der Motorradfahrer kann mit einem Dreh am Gasgriff dem Inferno entrinnen.

Versucht einmal, euch mit einem 50er Roller sich strikt an geltendem Recht festhaltend in der Stadt zu bewegen, es ist ein Suizidkommando. Abgesehen davon, dass jedes Schlagloch, jeder Pflasterstein, sogar jeder auflackierte Richtungspfeil und jede Straßenbahnschiene dich ins Nirwana befördern kann und du jeder Zeit die Straßenverhältnisse im Blick haben musst, ist jederzeit mit allem zu rechnen. Der SUV, der aus der Nebenspur anrollt, selbstverständlich fährt er auf deine Fahrspur ohne anzuhalten. Hättest du es nicht vorher gewusst, klebtest du im zersplittertem Fenster. Der, der aus der Einfahrt kommt, selbstverständlich fährt er langsam in die Gegenrichtung und bleibt mitten auf deiner Spur stehen, weil von rechts auch jemand kommt. Jeder Spurwechsel, jedes kreuzen zwecks abbiegen ist trotz Blinker Adrenalin pur, weil du weisst, dass sie dich sehen aber ignorieren. Weil sie wahnsinnig sind. Oder blöde. Oder beides zusammen.

Man muss sich wehren. Doch wie? Jede Kasperei, die du auf dem Roller machst, und wenn es nur das Heben der Hand ist, bringt dich näher ans Grab. Selbst in Großstädten wie Bangkok oder Rom, dort, wo der Verkehr eigenen Regeln folgt, klappt ein Miteinander. Jeder macht zwar, was er will – aber er schaut dem anderen dabei in die Augen und kann im Zweifel reagieren. Und das macht er auch. In Deutschland wird weggeguckt. Man hat Recht. Wer bremst, verliert. Freie Fahrt für freie Bürger. Ichichichich. Vollidioten.

Und wenn du dich mit dem Roller mal im Geläuf verirrst, wo du nicht fahren darfst, es aber deiner Gesundheit nachweislich zuträglich ist, dann kommen die anderen. Die mit Hund oder Kinderwagen, denen 10 Meter Wegbreite nicht ausreichen. Hier haben sie was zu sagen – und das machen sie dann auch. Weil: Sie haben Recht. Und dann muss alles raus, was in ihrem Leben schief gelaufen ist. Und du fühlst dich schuldig und fährst zurück auf die Straße, wo VaterMutterHundebesitzer in ihrem SUV dir die Vorfahrt nehmen und du mit dem Hirn in der Windschutzscheibe hängst, während sie noch ihre SMS fertig schreiben.

Spaß machts trotzdem – aber es könnte soviel einfacher sein.

18 Kommentare

  1. Andi

    Heidi Mund des Straßenverkehrs, lass das mal nicht die Frauen in Schwarz hören ;-)
    Aber warum hast du das Rollern vorher nicht mal getestet?
    Du hast?
    :-O

  2. Beve

    Hab ich. Und es macht mir bis heute einen riesen Spaß. Wenn die Vollidioten nicht wären ;-)

  3. John

    Deutschland: Autos. Hunde. Autos. Schnitzel. Autos.

    • Beve

      Fußball :-)

  4. adlerkadabra

    Frankfurt am Main – Preungesheim, Theobald-Ziegler Volksschule, 1. Klasse, Lesefibel Bd. 1, 1. Satz:

    Heiner fährt Roller.

    Am Anfang war das Wort – schon 2 Worte zuviel. Wittgensteins „Die Welt ist alles was der Fall ist“ – nachgerade geschwätzig.

    Mehr braucht kein Mensch. Heiner fährt Roller.

  5. Beve

    Heiner, Wittgenstein, Adlerkadabra. Unbezahlbar :-)

  6. Daniel

    Gude Beve,
    genau die von dir beschriebenen Idioten haben mich veranlasst meinen 50er nach knapp zwei Jahren wieder zu verkaufen.
    Obwohl es echt jede Menge Spaß macht und in der Großstadt super praktisch ist.

    LG Daniel

  7. Beve

    Jede Menge Spaß und super praktisch. Genau so ist es. Ich plane, ihne zu behalten :-)

  8. mike

    Mit ner Simson wäre das nicht passiert… (http://www.fen-net.de/~ea1370/pub/Hobbies/Motorrad/Simson/KBA_Erforderliche_Fahrerlaubnis_Abschrift.html )
    Aber Du hast recht.

    Pro-Tip: immer nahe der Mittellinie fahren, dann kommen die nicht so oft auf die blöde Idee zu überholen … und wenn doch, hat man nach rechts noch Ausweichmöglichkeit. Nebeneffekt: man hat auch mehr Platz gegen Nasen „von“ rechts.

    • Beve

      Ich schwanke noch, fährst du in der Mitte, fühlt sich manch einer genötigt – und will dich da weg haben. Aber ganz rechts ist keine gute Idee, das habe ich auch schon gemerkt.

  9. Wolfgang

    Och, auf dem Roller ist es nur gefährlicher mangels Knautschzone.

    Idioten gibt es auf den Geräten auch zu Hauf, nicht nur in den Blechbüchsen auf vier Rädern (die gibt es nur weit häufiger, die Blechbüchsen).

    Da wird gern mal ohne Rücksicht auf die eigene Unversehrtheit ein Weg durch eine verstopfte Kreuzung gewählt und wenn das schief geht, ist ja der Autofahrer schuld und man hat bezahlten Urlaub.

    Da fahren Leute auf diesen Hobeln, deren Fahrstil den Schluß bedingt, daß die eigentlich nicht mal Fahrrad fahren dürften. Zur eigenen Sicherheit!

    Häufig ist das Röllerchen auch mal ein wenig „verbessert“ worden. Trotz eines mehr als unsicheren Fahrstils…

    Ausweichmöglichkeiten auf schnell befahrenen Straßen nutzen? Ach wo, da kommt man doch nie wieder heile raus! Zumindest, wenn man, wie gewohnt, die Spiegel nicht benutzt…

    Da machen wir uns besser mal nichts vor: Egal, welches Fahrzeug bewegt wird oder ob die biologisch vorgesehenen Transportmittel genutzt werden, im Volk macht sich eine Ansicht breit, die nicht gut sein kann. Die Ansicht, daß Regeln im Zweifel nur für die anderen Gültigkeit haben, aber niemals für einen selbst.

    Ich erlebe die Folgen davon jeden Tag. Ich bin Fahrlehrer. Wenn Fehler gemacht werden, sind extrem häufig nicht die Fahrschüler diejenigen welchen, sondern die „gestandenen“ Verkehrsteilnehmer beiderlei Geschlechts sind die Verursacher. Und wähnen sich im Recht. Egal ob vier oder zwei Räder, mit oder ohne Motor…

    • Beve

      Rechthaben. Und Ignoranz, da fehlts in der Tat. Wobei ich als Autofahrer die Roller kaum wahr genommen habe. Waren wohl ganz ok.

  10. Siewurdengelesen

    Hänge doch vor die 50 eine 7 davor oder eine 0 dahinter. Dann nerven die Autofahrer und Du suchst den Wimpel am Vehikel der Vierradfraktion.
    Um wieviel einfacher wäre das Leben – nicht nur im Strassenverkehr – wenn sich jeder etwas zurücknimmt und den neben sich akzeptiert, wie er ist.

    Manchmal trägt das Leben auch parodistische Züge. Da nölt der eintreffende Autofahrer über die Radler, fährt auf den Wanderparkplatz und kaum sind die Tretmühlen vom Halter geschraubt, nerven die Autofahrer…

    …das Leben kann so grausam sein;-)

    • Beve

      Uffresche ist die Hautptsach‘ … sagt der Frankfurter.

  11. mike

    Da fahren Leute auf diesen Hobeln, deren Fahrstil den Schluß bedingt, daß die eigentlich nicht mal Fahrrad fahren dürften.

    Und an wem liegts? Genau, den Fahrlehrern! :p
    Nee ernsthaft, als Mopedfahrer hab ich natürlich auch ein Auge für sowas und kann das (für andere) hier in meinem Radius nicht bestätigen. Natürlich gibt’s auch Heizer mit übel getunten Buden, aber die gibt’s beim KFZ auch.

    Häufig ist das Röllerchen auch mal ein wenig “verbessert” worden.

    Logisch, mit 45km/h biste einfach nur ein künstliches Verkehrshindernis. Setz dich ma auf son Plastehobel und fahr 1000km in der Stadt.

    Ich hab leider keine Zahlen, aber ich möcht wetten, dass die Zahl der Unfälle seit dem Herabsetzen auf 45 gestiegen ist. Den unsäglichen §5/4 kennste sicherlich. Gibt da zwar paar halbwegs sinnvolle Gerichtsurteile zu, aber von denen weiss der Opa mit Hut nix.

  12. Eintracht-Laie

    Und so hat jede Verkehrsteilnehmergruppe seine eigene Leier, und alle haben wahrscheinlich sogar Recht.
    Ich gebe zu, die Texte zu diesem Thema ermüden langsam etwas, egal von welcher Fraktion….weil so austauschbar.
    Und weil immer die anderen Schuld haben, was wahrscheinlich sogar auch stimmt.

    • mike

      Subjektiv haben natürlich alle (mehr oder weniger) recht, objektiv ist hier aber der Gesetzgeber hauptsächlich das Arschloch.
      Allerdings: wenn Dich die Statements zum Thema ermüden, dann hast Du 2+ Möglichkeiten:
      – an der Debatte weder lesend noch schreibend teilbehmen
      – übern Telerrand schauen und Nuancen feststellen … oder wiederum die Babbel halten
      – andere Dinge*

      * Deinen Kommentar zum Thema kann man austauschbar unter ausnahmslos jede x-beliebige Diskussion schreiben. Kurz: er ist unreflektierter Hartmüll.

  13. Beve

    Das Problem ist halt, dass der Rollerfahrer mangels Knautschzone und fragilem Untersatz bei eventuellen Fehlern als erster dran glaubt. Das war mir dann auch neu. Fahr ja erst seit ein paar Wochen.

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