Pfingsten 79, wir machten Druck gegen Darmstadt 98, es ging um den letzten Platz beim C-Jugend Pfingsturnier, den traditionell unser Verein belegte, da die anderen Nachwuchskicker bei renommierten Clubs spielten. Bei der Eintracht, Grashoppers oder dem 1.FC Köln. Das Spiel fand auf dem Acker statt, wie wir sagten, ein holpriger Rasenplatz, auf dem jeder Ball versprang.

Und da lag die Kugel vor meinen Füßen, ein Zucken und der Ball war drin, 1:0, es war das Endergebnis, wie wurden Vorletzter, die Lilien landeten hinter uns auf Rang acht. Ein großer Erfolg, der mir meine erste Siegprämie einbrachte, eine Sinalco.

Neun Jahre kickte ich in der Jugend der SG Dietzenbach, von der E-Jugend an bis zur A-Jugend. Zwei Mal die Woche Training, am Wochenende dann das Spiel. Viele von uns hielten lange durch, andere hat der Tod von der Straße gefegt. Kai wurde von einem LKW zermalmt, Christof ist unweit der Sportplatzes an einem Baum gelandet, Martin und sein Motorrad gingen zusammen kaputt, Peer wurde Fasching zum Verhängnis, sein VW landete in der Windschutzscheibe eines LKWs. Später kickte ich mit meinem Nachbar Axel in Steinberg. Auf dessen Beerdigung stand ich neulich auch.

Neun Jahre bin ich mehrmals die Woche zum Sportplatz, stets mit dem Fahrrad die Klagemauer hoch, die letzten Meter durch einen grün umsäumten Weg neben der Straße, im Sommer dazu noch ins Schwimmbad, welches hinter dem Sportplatz liegt. Unser höchster Sieg war ein 16:0 gegen Dudenhofen, die höchste Niederlage ein 0:10 gegen die Eintracht am Riederwald, Bruno Pezzey hockte noch in der Kabine, als wir kamen. In Dietzenbach hatten wir mit der A-Jugend gegen die SGE nur 0:5 verloren, Thomas Berthold hat mich damals bespuckt. 1981 standen wir im Kreispokalfinale, an dem Tag, an dem die Eintracht gegen Kaiserslautern Pokalsieger wurde. Wir verloren auf der Rosenhöhe gegen Obertshausen. Oder in Obertshausen gegen die Rosenhöhe.

Neun Jahre SG Dietzenbach. Neun Jahre Platzwart Schorsch, dessen bloße Existenz und Angst eingeflößt hatte. Ich glaube, er fuhr einen der ersten Hondas in Deutschland und führte ein eisernes Regiment. Alle hörten auf ihn, keiner mochte ihn. Dass er uns nicht verprügelt hat, war alles. Unser Trainer kickte in der ersten Mannschaft der SG und fuhr uns jahrelang mit seinem NSU zu den Auswärtsspielen. Nach Offenthal, Dreieichenhain, Rumpenheim oder Sprendlingen. NSU war damals ein Auto. Mit dabei waren auch immer einige Väter. Der Vater von einem weiteren Axel mit dem grünen Ascona, der von Max mit dem Volvo.

Einer von uns, Sven, hatte es sogar zur Eintracht geschafft. Nach einem Jahr aber war er wieder da. Der größte Rivale war der FC Dietzenbach. Dort kickten die anderen, obwohl wir teilweise in die gleiche Schule gingen, kannten wir auf dem Platz keine Gefangenen. Trainiert wurde auf dem Acker oder auf dem Hartplatz, zerschundene Knie gehörten zum Alltag, die Bälle waren oft abgeschabt und unrund.

Es war eine große Zeit, als ich zu alt für die Jugend wurde, wechselte ich nach Steinberg, kickte Junioren und ein Jahr erste Mannschaft. Wir wurden sogar Stadtmeister, 1985. Eine Sensation. Vor allem, da sie im Dietzenbacher Waldstadion errungen wurde, der alten Heimat. Dort traf ich einmal auch auf meinen eigentlichen Club – und kassierte meinen einzigen Platzverweis. Ich wurde vom damaligen Spielertrainer gefoult, lag am Boden und der Drecksack gab vor, mir aufhelfen zu wollen, stand aber mit seinen Stollen absichtlich auf meiner Hand. Im liegen trat ich ihm wütend in den Rücken. Glatt Rot, 16 Wochen Sperre, es war das letzte Spiel vor der Winterpause. Es folgte ein langer, harter Winter, die Plätze waren gefroren, Spiele wurden Woche für Woche verschoben. Als die 16 Wochen Sperre abgelaufen waren, war der Winter vorbei, ich hatte kein Spiel versäumt. Von meinem alten Verein, der SG hatte ich nie wieder etwas gehört.

Anlässlich eines Treffens mit alten Freunden in der einige Hundert Meter vom Sportplatz gelegenen Vereinsgaststätte schaute ich nach Jahrzehnten wieder einmal auf dem alten Sportplatz vorbei. Jetzt hat der ehemalige Rivale, der FC Dietzenbach direkt am Sportplatz eine Gaststätte. Die Gummiplätze, auf denen wir Sonntags noch lange nach meiner aktiven Zeit zum Spaß kickten, vergammeln. Teilweise hat sich der Belag gelöst, darunter kommt blanker Stein zum Vorschau. Der Acker ist nunmehr ein Hartplatz, der Rasen rund um den Hauptplatz ein bisschen zu hoch, ein Hauch von Verfall liegt über dem Gelände. Und Fußball bei meinen alten Verein gibt es gar nicht mehr, Fußball bei der SG Dietzenbach ist Geschichte. Die alten Pokale aber stehen noch heute wie damals in der Gaststätte. Dort, wo einst einer der ersten Space Invaders Automaten unser Taschengeld fraß und die Weihnachtsfeiern stets mit der großen Tombola endeten. Wo wir Pommes mit Jägersoße futterten und Spezi tranken. Und später um Getränke würfelten. Auf meiner ersten Weihnachtsfeier Mitte der Siebziger hatte ich ein Schlauchboot gewonnen. Ich schleppte es mit dem Fahrrad nach Hause, meine Eltern waren ausgeflogen. Ich pumpte es auf, stellte es vor den Fernseher (Schwarz-Weiß) und legte mich hinein. Als meine Eltern zurück kamen, lag ich im Schlauchboot und pennte. Später ist ihm im Badesee in Nieder Roden die Luft ausgegangen.

Es waren schöne Zeiten damals, mit Max und Stefan, Axel und Matze, Sven und Ralf, Kai und Christof, Michael und Martin, Arne und Thomas oder Trainer Jürgen, später Horst. Lang ist’s her. Ich grüße euch.