Es gab eine Zeit, in der für mich drei Instanzen von eminenter Bedeutung waren. Beginnend in der Kindheit. Die Frankfurter Eintracht, die Frankfurter Rundschau und die SPD. Dagegen standen der OFC, die FAZ und die CDU. Gut und Böse, Cowboy oder Indianer, wir mussten uns entscheiden. Für Grabowski, den Schlappekicker und Willy Brandt.

Mit Gründung der Grünen hatte sich die SPD von meiner Hitliste verabschiedet, obgleich sich Grundsympathien, irrationaler Art, nicht ganz bis heute, aber noch sehr lange gehalten haben. Die Eintracht und die Rundschau aber standen und stehen für Kontinuität, für das Immerwährende in Zeiten, in denen, dem eigenen Alter geschuldet, die Vergänglichkeit triumphiert. Und je älter ich werde, desto deutlicher zeigt sich, wie schwer es ist, einen Ist-Zustand zu bewahren, der von Innen und Außen der Korrosion ausgesetzt ist.

Die SPD hat sich in Teilen Deutschlands zur Splitterpartei entwickelt, Grüne, die Linke, sie alle tragen Positionen in sich, für welche die Spezialdemokraten lange Zeit alleine standen, Gründe dafür sind vielfältig, die Welt hat sich geändert. Auch die Frankfurter Rundschau spielt schon lange nicht mehr in der Liga, in der ich sie einst durch das bis heute bestehende lebenslange Abonnement meiner Eltern kennen gelernt hatte. Die alte Heimat, das Rundschauhaus, existiert nicht mehr, zum Leidwesen der Frankfurter Stadtgeschichte eingeebnet. Heute wird der Mantelteil in Berlin produziert, die Frankfurter Mitarbeiter sitzen im Hause des einstigen großen Konkurrenten der FAZ – wenn man so möchte ist die Rundschau das 1860 München des Zeitungswesens. Ein tragischer Niedergang einer einstmals großen Zeitung.

Und ich glaube, dass ich mich nicht zuweit aus dem Fenster lehne, wenn ich postuliere, dass es die FR ohne Eintracht Frankfurt nicht mehr geben würde. Die Berichterstattung über die Eintracht bewegt noch heute die Massen, sorgt für Auflage oder Online-Klicks – und sichert das Überleben einer Zeitung, deren Ableben mich alleine schon aus nostalgischen Gründen erschüttern ließe.

Die Kernfrage: Wie überlebe ich auf hohem Niveau? hat Stand heute von allen dreien, der FR, der SGE und der SPD eindeutig die Eintracht am besten beantwortet. Sie spielt relativ kontinuierlich in der höchsten deutschen Liga, phasenweise gar international – gemessen am Ausgangspunkt, dem meinigen, hat sie sich seit Beginn der 70er nicht allzusehr in die Tiefe bewegt, obgleich sich mehrfach ein Niedergang anbahnte – stets wurde er aufgefangen. Aus sich selbst heraus – wie zuletzt nach dem Abstieg 2011. Mit Hilfe von Außen – wie nach dem Lizenzentzug 2002. Oder mit Hilfe der Fans, die nach dem desaströsen Abstieg 1996 dennoch in Scharen ins Stadion strömten.

Im Zusammenhang mit der Frankfurter Rundschau eine durchaus komfortable Situation. In diesem Zusammenhang existiert seit 2007 2006 ein Blog, Blog G, der sich vorwiegend über Eintracht Frankfurt definiert. Mit mehreren Leuten beginnend, zeichnet sich heute der Kollege Stefan Krieger für den Betrieb und die Moderation des Blogs verantwortlich. Meines Wissens war es der erste Blog, der sich mit der Eintracht beschäftigte – für die FR ein weitsichtiger Schachzug, der zu Beginn womöglich als Experiment begann.

In Zeiten der digitalen Kommunikation, die dem kommerziellen Subjekt Aufmerksamkeit, Klickzahlen und damit verbunden Einnahmen beschert, multipliziert sich durch regelmäßige Verlinkung von Artikeln rund um die Eintracht die Reichweite. Oftmals als Grundlage für Diskussionen dienend, damit verbunden die Reichweite der Rundschau. Eine geniale Idee, die noch dadurch aufgewertet wird, dass Stefan Krieger einer der besten Sportfotografen Frankfurts ist und in der Plattform Blog G eine Möglichkeit hat, Fotos zu publizieren.

Während viele Blogs durch die jeweiligen Eingangsbeiträge leben und der Kommentarbereich eher selten genutzt wird, stellt sich im Blog G die Situation anders dar. Der Blog lebt vorwiegend durch die Möglichkeit, dass Kommentatoren zeitnah diese Funktion nutzen und in einer Art Chat miteinander kommunizieren, wobei der Eingangsbeitrag eine Richtung vorgeben kann, aber nicht muss.

Anders aber ähnlich stellt sich die Situation im Forum der Eintracht seit Ende der Neunziger Jahre dar. Eintrachtfans diskutieren dort über dies und jenes – im Hause der Eintracht. Da das Forum der Eintracht von weit mehr Menschen frequentiert wird als Blog G, stellt sich dort die Situation zuweilen unübersichtlich dar – beide Instanzen aber bedürfen einer Moderation, um die guten Sitten zu wahren, aber auch rechtliche Belange zu berücksichtigen. Wer im Hause der Eintracht diskutiert, sorgt indirekt für Einnahmen der Eintracht, wer im Hause der FR kommuniziert, für Einnahmen der FR. Jeder der Foristen oder Blogger dürfte sich im weitesten Sinne als Fan der Eintracht definieren. Für die Teilnahme an der einen wie der anderen Plattform mag es mannigfaltige subjektive Gründe geben, manch einer nutzt gar beide. Was raus muss, muss raus.

Und es muss viel raus. Bei den Journalisten der FR, bei den Usern im Blog G, bei den Foristen. Interessanterweise scheint sich über die Entwicklung der Eintracht in der zurückliegenden Zeit eine Identitätsbildung einzelner User in Abgrenzung zum jeweils anderen Medium auszubilden. Auch die Journalisten, allen voran Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein von der FR, stehen im Fokus, kassieren Vorwürfe, die im Terminus Lügenpresse gipfeln.

Jetzt kann man sich sicher zu Recht die Frage stellen, weshalb im Falle der Eintracht in den vergangenen Jahren ernsthafte und spannende Themen seitens der FR kaum angegangen wurden und wenn zu spät, wie die finanzielle Entwicklung des Vereins, der ja mehrheitlicher Eigentümer der Fußball AG ist, die Saison der U19 oder die Ausrichtungen und augenscheinlichen Spannungen innerhalb der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Auch kann durchaus die Berichterstattung über die Eintracht und deren nunmehr Ex-Trainer Thomas Schaaf kritisch hinterfragt werden.

Wir wissen, dass Teile der Mannschaft unzufrieden sind, wir wissen aber nicht konkret, weshalb. Wir wissen, dass dem Vernehmen nach Teile des Aufsichtsrates und des Vorstandes gegen den Trainer Schaaf waren, wir kennen aber nicht die Gründe – nebulös die Berichterstattung, sicherlich – unwahr deshalb? Wohl nicht. Von daher verbietet sich der Begriff der Lügenpresse im Zusammenhang mit der FR, auch einzelne Attacken auf Journalisten erscheinen, angefangen von unlustigen Namensverballhornungen bis hin zu deutlicheren Angriffen von alleine. Alleine hat die Fr versäumt, die Tatsache, dass es Informanten aus verschiedenen Reihen der Eintracht gab, kritisch zu hinterfragen – und den jeweiligen Interessen deutlicher auf die Finger zu schauen. Wer böswillig ist, könnte aus der Berichterstattung der FR den Vorwurf konstruieren, willfähriger Helfer derer gewesen zu sein, die gesungen haben, um ein tendenziöses Gesamtbild zu beschwören, welches konkreten Interessen einträglich ist. Zu beweisen ist nichts.

Vermeintlich Schnee von gestern. Weniger Schnee von gestern als vielmehr Regen von heute sind etliche Kommentare im Blog G, welche seit geraumer Zeit alles was von der Eintracht kommt, sagen wir: Verunglimpfen. Ob Funktionäre, Spieler, Verein, AG, Fans – sie alle bekommen auch sprachlich weit unter der Gürtellinie ihr Fett weg, die gröbsten Fehltritte werden seitens der Moderation bei Seite geräumt, vieles jedoch bleibt stehen. Mich hatte es schon im Laufe der Saison verärgert, mein Rückzug aus dem Blog war die Folge. Nunmehr scheint sich die Situation zugespitzt zu haben. FR/Blog G versus Eintracht.

Die Rundschau hat heute einen Artikel veröffentlicht, in dem Kommentare auf Facebook, welche dir FR betreffen unter Nennung der Usernamen zitiert werden, im Laufe des Tages wurden die Nachnamen auf den Anfangsbuchstaben gekürzt. Es wäre ein Leichtes gewesen, ähnlich ungehörige Attacken auf die Eintracht in gleicher Form zu präsentieren, die Überlegung kam mir in den Sinn, hätte aber den Tenor verfälscht, da es durchaus anderslautende Meinungen gab und es ein Gesamtgebilde Blog G ebensowenig gibt, wie ein Gesamtgebilde Facebook oder Eintracht. Zumal es mir ein wenig wehleidig erschien, so hat jeder andere Schmerzgrenzen.

Wenn ich mal mit dem Eintracht-Fußball zufrieden bin, sind wir zwingend gerade Meister geworden und selektives Vergessen hat bereits eingesetzt.  

Dieses Zitat eines Users erklärt einiges. Es liefert ob der Unzufriedenheit als Paradigma jedoch nachweislich den Grund, diejenigen, welche für die Unzufriedenheit vermeintlich verantwortlich sind, zu attackieren oder der Lächerlichkeit preiszugeben. Und zwar dauerhaft, unabhängig von den handelnden Personen, da die Eintracht aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zeit nicht Meister werden wird. Schöne Aussichten.

Letztlich bleibt, dass sich vor allem der Blog G von der Eintracht ernährt, ein Umstand, von dem der Wirt jedoch nicht profitiert. Vielleicht sollte ich mich als FR Fan outen, mit dem Anspruch, dass ich solange unzufrieden bin, solange dass Blatt nicht wieder zur internationalen Spitzenklasse zurück gefunden hat, in der es phasenweise verortet war. Und meine Unzufriedenheit darüber – sagen wir im Eintrachtforum – täglich aufs Neue verbreiten. Im Vokabular, welches ich anderweitig vorfinde. Wobei, wäre dies nicht albern? Es wäre es.