Tradition zum Anfassen, die Zwanzigste. Gäste waren Rolf Heller und Gaetano Patella, beide führten die Eintracht ab Herbst 1996 aus einer der größten Krisen der Vereinshistorie – als nach dem ersten Abstieg die Eintracht nicht nur zweitklassig spielte, sondern zudem nahezu pleite war.

Sensationell die Konsolidierung es folgten zunächst der Klassenerhalt, dann der der Aufstieg und zudem der Abstiegskrimi im Mai 1999, alles erreicht mit kleinsten Mitteln und durch einen Geist, dessen prägendste Gestalt Horst Ehrmantraut war, der das 5:1 gegen Kaiserslautern jedoch nicht als Trainer auf der Bank miterlebte. Gefeuert und durch Reinhold Fanz ersetzt, der wiederum sieben Spieltage vor Saisonende 98/99 den Stuhl für Jörg Berger räumen musste, konnte „Hotte“ die Früchte seiner Arbeit nicht mehr ernten.

Szenenwechsel. April 2012. Interview des Sportmanagers der Eintracht, Bruno Hübner, in der Bild. Es ist kein Geheimnis, dass es ab 2013 mehr Fernsehgelder gibt. Warum also nicht ins Risiko gehen und einen Vorgriff auf das TV-Geld machen, um so die Chancen auf den Klassenerhalt zu steigern, weil wir dann eine gute Mannschaft basteln können? Und es gibt noch andere Möglichkeiten. … „Stichwort Fremdfinanzierung. Es gibt ja Modelle, dass man Spieler über einen Investor finanziert, und mit diesem dann Wege erarbeitet, damit er später an sein Geld kommt.“

Rückblick:

Im Mai 1996 stieg Eintracht Frankfurt erstmals ab. Der Trainerwechsel von Körbel zu Stepanovic konnte den Totalschaden nicht verhindern. Unmittelbar nach dem Abstieg entzog der Verwaltungsrat unter Vorsitz des Deutschen Meisters Dieter Lindner dem Präsidenten Ohms das Vertrauen. Schatzmeister Erbs übernahm die Verantwortung und trat gleichfalls zurück. Interimspräsdident wurde Dieter Lindner, kritische Stimmen merkten an, dass der Verwaltungsrat als Kontrollinstanz allerdings genau so versagt habe, wie die sportliche und finanzielle Leitung. Im Amt blieben Trainer Stepanovic und Manager Bernd Hölzenbein. Merke: Wir befinden uns in einer Zeit, als die Profifußballer noch zum Verein gehörten, eine AG gab es noch nicht.

Das Interimspräsidium suchte lange nach einem Präsidenten, der in der Frankfurter Gesellschaft anerkannt ist und Türen bei potentiellen Geldgebern öffnen kann; erst im Oktober 1996 wurde man fündig und glaubte mit dem ehemaligen Höchst-Manager Hans Joachim Otto den richtigen Mann gefunden zu haben.  Vizepräsident wurde neben Hans Joachim Schröder auch der ehemalige Jugendleiter und Leiter der Fußballabteilung Rolf Heller.

Drei Wochen später wurde ein neuer Schatzmeister präsentiert, Bernd Thate, weitere sieben Tage später war alles Makulatur. Die Steuerfahndung in Sachen Yeboah am Riederwald versetzte Präsident und Schatzmeister in Schrecken, sie verkündeten die bevorstehende Insolvenz und traten zurück. Monatelang hatte die Eintracht eine Führung gesucht, jetzt standen die Verbliebenen vor dem gleichen Problem.

Favorisiert wurde zunächst der honorige SPD-Politiker Peter Rhein und während die Presse schon auf dessen Präsentation wartete, verkündete Sylvia Schenk den neuen Präsidenten. Rolf Heller. Dessen Vize-Job übernahm Peter Lämmerhirdt, wenig später übernahm der ehemalige Bankier Gaetano Patella die Position des Schatzmeisters.

Die Aufgaben waren heikel; es galt einerseits positive Stimmung zu erzeugen, die Banken wieder auf seine Seite zu bekommen und einen ausgefuchsten Plan zu generieren, die Eintracht am Leben zu erhalten. Ganz nebenbei besaß außer Patrick Glöckner kein Spieler einen Vertrag über das Saisonende hinaus. Und ganz, ganz nebenbei taumelte die Eintracht in Richtung Tabellenkeller – nach dem 2:3 gegen Oldenburg im Dezember 1996 trennte die Eintracht trotz der kurzfristigen Verpflichtungen von Houbtchev und Janßen nur das bessere Torverhältnis von einem Abstiegsplatz in der zweiten Liga – der sportliche Tiefpunkt in der Vereinshistorie. Noch im November hatte Bernd Hölzenbein sein Amt als Manager niedergelegt.

Noch am gleichen Tag entließ das Präsidium Trainer Stepanovic, Bernhard Lippert übernahm das Team für die letzten beiden Spiele des Jahres 1996, die Eintracht suchte fieberhaft nach einem neuen Coach. Michael Skibbe, Jahrgangsbester beim Trainerlehrgang wurde geprüft und für zu jung befunden, die Eintracht aus dem Sumpf zu ziehen, das Modell Weise/Bommer scheiterte an den Verpflichtungen Weises als Nationaltrainer von Liechtenstein – übrig blieben Eckhard Krautzun und Horst Ehrmantraut und nach der Zusage von Frau Ehrmantraut ward der neue Trainer gefunden, der ehemalige Eintrachtspieler und langjährige Trainer des SV Meppen sollte es richten.

Schatzmeister Gaetano Patella sorgte auf finanzieller Seite für Entlastung, haftete jedoch mit seinem Privatvermögen, das mühsam gebaute Häuschen stand auf dem Spiel. Patellas Ideen und Kontakte sorgten Schritt für Schritt für Entlastung. Das Vertrauen zu den Banken war wieder hergestellt, ein Freundschaftsspiel gegen Bayern München sorgte ebenso für finanzielle Entlastung wie die Teilnahme am Hallenturnier in Dortmund; beides keine Selbstverständlichkeit. Zudem wurden die teuren Spieler Zachadse, Menze und Dworschak abgegeben – dafür kamen mit Kutschera, und den schon genannten Janßen und Houbtchev Akteure, die zwar weitaus günstiger waren, sich aber sportlich als umso wertvoller erwiesen.

Als Clou erwies sich auch, das Gespräch mit dem DSF zu suchen. Patella reiste nach Düsseldorf! und erreichte, dass die Eintracht elf Mal montags antreten durfte – die Fernsehgelder waren gut zu gebrauchen. Noch im November 1996 schlachteten Kinder ihre Sparschweine, um der Eintracht zu helfen. Besonders die Geschichte eines todkranken Jungen im Rollstuhl rührte zu Tränen. Der Junge überreichte sein Sparschwein der Eintracht mit den Worten: Ich habe doch nur die Eintracht, wenn es sie nicht mehr gibt, habe ich gar keine Freude mehr. Und die Eintracht sollte dem Bub Freude machen.

Für die Saison 97/98 investierte Eintracht Frankfurt 1.265.000 DM in die Mannschaft; andere kauften für diesen Betrag Klopapiere. Sogar die Rückkehr von Uwe Bein stand zur Debatte – erwies sich aber als zu kostspielig. Die Spieler besaßen nun allesamt nur Verträge für die zweite Liga und darunter, an einen Aufstieg dachte niemand. Dieser sollte erst zum 100-jährigen Jubiläum 1999 realisiert werden – doch alles kam ganz anders.

Nikolov, Bindewald, Schur, Weber, Zampach, Gebhardt, Epp, Güntensberger, Sobotzik, später im Winter auch Brinkmann (der vom BV Cloppenburg kam; zuvor war über die Rückkehr Gaudinos nachgedacht worden, die Mannschaft aber hatte dessen x-te Rückkehr abgelehnt) und Westerthaler spielten sich in die Herzen der Fans und an die Spitze der Liga, auch wenn Akteure wie Cengiz, Dashi oder Mehic nicht der Rede wert waren. Im Winter, als der Aufstieg tatsächlich denkbar wurde, stand das Präsidium vor der heiklen Aufgabe, Spielerverträge auf die erste Liga auszurichten oder aber eben nicht – insofern der Kandidat für nicht erstligatauglich befunden wurde. Heikel insofern, als ein Spieler, der weiß, dass er im nächsten Jahr nicht mehr dazu gehört, in der Regel nicht mehr über die Schmerzgrenze hinaus spielt. Der Spagat gelang, auch wenn im Nachhinein Vorwürfe laut wurden, weshalb ein Spieler, der später ob seines Vertrages in der Fanbetreuung aktiv war, über vier Jahre an die Eintracht gebunden wurde. Die Vertragsdauer war der Preis für ein niedriges Grundgehalt – immerhin brauchte die Eintracht das bisschen vorhandene Geld ja nicht nur für die Aufstockung der bestehenden Verträge, sondern auch für optionale Neueinkäufe.

Was niemand zu Beginn für möglich gehalten hatte, wurde zur Realität – Eintracht Frankfurt stieg mit einer Truppe der Freaks sensationell als Erster in die Bundesliga auf. Die Fans stürmten den Rasen und Rolf Heller und Gaetano Patella hatten aus dem Nichts die Eintracht wieder ans Licht geführt – Patellas Tränen der Befreiung werden unvergessen bleiben. Horst Ehrmantraut, der manchmal skurrile aber stets akribisch arbeitende Trainer hatte Unglaubliches mit seiner Mannschaft geleistet. Die SGE war wieder da. Wohl selten in der Historie gab es solch eine verschworene Einheit von Fans, Mannschaft und Präsidium – und diese Einheit wurde belohnt.

Auch die Neueinkäufe für die kommende Bundesligasaison hielten sich im Rahmen des finanziell machbaren. Aus Jena kam Bernd Schneider; Heller kannte ihn noch aus seiner Zeit als Leiter der AOK in Thüringen – und lotste ihn ablösefrei mit dem Versprechen an den Main, dass er bei einem Angebot eines Championsligisten für zwei Millionen wechseln könne. Klaus Schlappner hingegen empfahl den chinesischen Stürmer Chen Yang, der nach langen Verhandlungen Patellas mit den chinesischen Vereinsvertretern zur Eintracht wechselte. Nicht zur Eintracht wechselte hingegen Bruno Labbadia – Ehrmantraut sprach sich gegen den Stürmer aus. Neuer Werbepartner wurde Viag Interkom; Mitsubishi, die der Eintracht in Liga Zwei das Überleben sicherten wurden ausbezahlt und stimmten dem Deal zu. Die Eintracht hatte eine Mannschaft, die sich zum Großteil aus den Aufstiegsakteuren plus Verstärkung zusammen setzte und deren Ziel zunächst der Klassenerhalt war.

Einer aber sorgte für Schlagzeilen. Urs Güntensberger, der Mann, der sich in Freiburg so schwer verletzt hatte, musste in seiner Heimat eine Haftstrafe antreten – der Grund: Alkohol am Steuer. Leider verpasste er auf Grund seines verspäteten Haftantritts die Saisonvorbereitung – zudem war die Eintracht überrascht, dass aus dem angekündigten Monat drei Monate wurden. Da nutzte es auch nichts, dass Eintrachtfans dem Inhaftierten einen Kuchen mit eingebackener Feile schickten; die Eintracht kündigte Güntensberger und damit war es auch vorbei mit dem Gesang: Mit Urs, mit Urs auf Bundesligakurs.

Immerhin konnte der Verein nun eine eigene Homepage samt Forum sein Eigen nennen – die Fans Andy Klünder und Mathias Scheurer entwickelten unter tatkräftiger Akzeptanz des Präsidiums diese Errungenschaft der neuen Zeit und schenkten diese ihrem Verein, Eintracht Frankfurt war online.

Sportlich lief es zunächst nicht rund, der Eintracht wurden Grenzen aufgezeigt und sie fand sich nicht unerwartet im Tabellenkeller wieder. Der Verein reagierte auf verschiedene Art und Weise. Mit Tore Pedersen und Jan Aage Fjörtoft kamen neue Spieler an den Riederwald und auch Präsident Heller bekam Verstärkung. Heller, der sich von der AOK für zwei Jahre hat beurlauben lassen, führte von 96 an die Eintracht ehrenamtlich und verkörperte in dieser Zeit in Personalunion die Jobs, die heute Peter Fischer, Heribert Bruchhagen und Bruno Hübner machen – ein immenses Pensum. Mit dem langjährigen Trainer und Direktor von Girondins Bordeaux, Gernot Rohr, installierte die Eintracht einen neuen sportlichen Leiter. Rohrs Arbeit in Frankreich galt als vorzüglich, die Eintracht schien einen Glücksgriff getätigt zu haben und Heller kehrte kurz an seine alte Arbeitsstätte zurück, blieb der Eintracht als Präsident jedoch erhalten.

Von nun an änderte sich das Wesen des Clubs. Der manchmal seltsame aber hochrespektierte Ehrmantraut wurde zum Entsetzen der Fans entlassen – ein Fehler, wie Rolf Heller heute reumütig zugibt – und mit Reinhold Fanz kam ein Vertrauter Rohrs zum Zug. Fanz brachte mit Bounoua auch gleich einen neuen einen Spieler mit – der sich jedoch wie sein Trainer als Megaflop erwies. Fanz kann man zu Gute halten, dass er keine echte Chance bekam, zu tief saß der Verlust des von den Fans geliebten Ehrmantraut, der zum Zeitpunkt seiner Entlassung zum einen die Bayern geschlagen hatte und zum anderen nicht auf einem Abstiegsplatz stand.

Fanz aber langweilte die Spieler bei seinen Reden, holte kaum Punkte, ließ Fjörtoft zu Gunsten eines Nachwuchsspielers (Zinnow) auf der Bank schmoren und redete selbst ein 1:4 bei 1860 München schön. Als er in Leverkusen ohne Stürmer antrat war das Maß voll und Fanz Geschichte. Kurz darauf war auch die Ära Rohr beendet – Trainer aber wurde ein alter Bekannter: Jörg Berger.

Und dieser schaffte das Unfassbare; die nahezu abgestiegene Eintracht berappelte sich, holte zunächst ein paar Pünktchen, um die letzten vier Spiele allesamt zu gewinnen – legendär dabei das 5:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern. Und da der Club (der 1. FC Nürnberg) tatsächlich zu Hause gegen den SC Freiburg unterlag, hatte die Eintracht die Sensation geschafft – und blieb weiterhin erstklassig. Für viele Fans war jener 29. Mai 1999 der schönste Tag des Lebens.

Jörg Berger aber sagte: In der Stunde des Erfolges werden die größten Fehler gemacht. Wie recht er damit haben sollte, zeigt der zweite Teil der Geschichte – die bis heute noch nicht abgeschlossen ist.