Im Sommer 1999 hatte die Eintracht den Klassenerhalt geschafft. Eine neue Saison stand bevor – und eine neue Ausrichtung der Frankfurter Eintracht. Während Schatzmeister Patella davon sprach, dass von einer echten Konsolidierung noch keine Rede sein könne und er mit insgesamt fünf Jahren des soliden Rechnens plante, dachten andere verwegener.

Patellas Idee, mit jungen Spielern aus der Jugend wie Gemiti, Jones, Preuß oder Streit und günstigen Neueinkäufen die Strategie der soliden Schritte fortzusetzen und zudem das Stadionhotel in eine Art Jugendinternat nach dem Vorbild von Ajax Amsterdam umzubauen, stieß vor allem im Verwaltungsrat und dessen Vorsitzenden Bernd Ehinger auf keine große Gegenliebe. Im Gegenteil, der Mann, der neben Heller die Eintracht aus dem Sumpf gezogen hatte wurde verspottet.

Nun zog der Verwaltungsrat, dessen eigentliche Aufgabe die Kontrolle der Geschäfte war, das Heft des Handelns an sich. Durch einen vom VW ausgehandelten und von Heller unterzeichneten Vertrag mit der Agentur ISPR war im Grunde die Ära Patella besiegelt. Über die genauen Zahlen und die genauen Bedingungen herrscht noch immer Unklarheit.  Die Zahlen in der Presse belaufen sich auf ein Vertragsvolumen um die 20 Millionen Mark.  „Wir haben nur einen Agenturvertrag abgeschlossen, der sich auf die TV-Rechte beschränkt. Unsere Vermarktungsrechte und damit die Seele unseres Vereins werden wir auch weiterhin nicht veräußern“, erläuterte Heller.

Dies bedeutete, dass die Eintracht urplötzlich in (geliehenem) Geld schwamm. Durch den Verkauf der internationalen TV Rechte an ISPR stand eine gigantische Summe zur Verfügung – als Darlehen, rückzahlbar als Erstligist in Raten von zwei Millionen Mark. Später stellt sich heraus, dass Eintracht Frankfurt durch dieses Darlehen gegen Lizenzauflagen verstoßen hat, die eine massive Neuverschuldung ausschlossen – aber der Verwaltungsrat nahm dies in Kauf, um an Europa anzuklopfen. Jener Verwaltungsrat, der als Kontrollinstanz zum Handelnden mutierte. Das Präsidium ließ ihn tatkräftig gewähren.

Auch sportlich wandelte sich das Gesicht der Eintracht. Trotz des Klassenerhaltes zog es Bernd Schneider nach Leverkusen, die Ausweitung der Championsleague von zwei auf vier Teilnehmer machte dies möglich, Bayer war qualifiziert – und zahlte die vertraglich festgeschriebene Ablöse von zwei Millionen DM. Thomas Sobotzik wechselte ablösefrei nach Kaiserslautern und Ansgar Brinkmann wurde für eine Million zu Tennis Borussia verscherbelt. Das gegen Saisonende so stark aufspielende Mittelfeld war Geschichte. Und die Eintracht klotzte. Teuerster Neuzugang der Vereinsgeschichte wurde Bachirou Salou, der für sieben Millionen DM aus Dortmund verpflichtet wurde, dazu kamen Horst Heldt (2,5 Mio), Rolf Christel Guie Mien (4,5 Mio), Thorsten Kracht (1,2 Mio), Erol Bulut, Jens Rasijewski und Tibor Dombi. Wer nicht kam, war Gerald Asamoah – der eine Million gekostet hätte. Die Eintracht wollte unbedingt den Hochkaräter Salou.

Das Unternehmen Europapokal ließ sich gut an, die Eintracht besiegte im ersten Saisonspiel die Spvgg Unterhaching mit 3:0 und im ersten Auswärtsspiel den SC Freiburg mit 3:2. Dabei drehten drei Tore von Salou das Spiel, in dem die Eintracht schon mit 0:2 zurück lag und brachten die Frankfurter an die Tabellenspitze. Dann wendete sich das Blatt.

Nachdem Patellas Idee der soliden Planung auf dem Misthaufen der Geschichte landete, wurde er zum Vizepräsidenten „befördert“, wenig später trat er zurück. Während die Eintracht ihn ohne großen Dank ziehen ließ, wussten die Fans, was sie dem deutschen Italiener verdankten: Zwei große Choreografien ehrten den Mann, der großen Anteil daran hatte, dass die Eintracht nach dem ersten Abstieg nicht in der Versenkung verschwunden war. Die Mannschaft aber verkrampfte, verlor sieben Spiele am Stück (darunter das Pokalspiel in Köln) – teils unglücklich – und Torwart Nikolov spielte die schwächste Phase seiner Karriere bei Eintracht Frankfurt.

Wer weiß, was geschehen wäre, hätte die Eintracht am fünften Spieltag gegen die Bayern gewonnen, deren Torhüter Oliver Kahn in der 52. Minute beim Stand von 1:0 für die Eintracht durch Salou einen Elfmeter von Fjörtoft abwehren konnte. Nur drei Minuten später verletzte sich Kahn bei einem Zweikampf mit Kuffour und wurde durch Ersatzkeeper Bernd Dreher ersetzt. Weitere sieben Minuten später musste auch Dreher verletzt das Feld verlassen, für ihn zog sich Feldspieler Michael Tarnat das Torwartdress über. Dieser aber zeigte sich für die Eintrachtler als zu großes Hindernis und als Elber und Kuffour die Bayern mit 2.1 in Führung brachten, war wieder einmal ein Spiel verloren, dass die Eintracht nie und nimmer hätte verlieren dürfen. Trotz eines zwischenzeitlichen 4:0 gegen die Hertha betrug der Rückstand nach Ende der Hinrunde 8 10 Punkte auf das rettende Ufer, das 0:3 in Ulm bedeutete einen neuen Tiefpunkt. Am folgenden Tag wurde Trainer Berger zum zweiten Mal als Trainer der Eintracht entlassen.

Vereinspolitisch wehte weiterhin ein rauer Wind; Nachfolger für den zurückgetretenen Gaetano Patella im Amt des Schatzmeisters wurde der vom Verwaltungsrat eingesetzte Rainer Leben. Und mit diesem beginnt eine Geschichte, die bis heute nicht aufgeklärt ist. Nach Lebens Worten wurde er installiert; weil man eine Unterstützung bei Bankenkontakten brauchte und mehr Ordnung ins Finanzwesen bringen wollte.  Relativ bald aber begann er mit der Umsetzung der Neustrukturierung.

Klar ist, dass die Eintracht Thomas Sobotzik, der im Sommer ablösefrei gegangen war, noch im Dezember für zwei Millionen Euro aus Kaiserslautern zurück holte. Klar ist auch, dass Felix Magath Nachfolger von Jörg Berger wurde und klar ist auch, dass mit Dirk Heinen und Tommy Reichenberger im Januar zwei weitere Spieler an den Main kamen – für geschätzte drei Millionen Mark. Dadurch hatte sich Eintracht Frankfurt, deren Finanzspritze von ISPR durch die Sommereinkäufe aufgebraucht war, in weitere Schulden gestürzt. Ob die Spielerkäufe vom Verwaltungsrat abgesegnet waren, ob Falschinformationen im Spiel waren, ob es Formen von Intrigen gab, lässt sich heute auf die Schnelle nicht klären. Fakt war aber, dass die Eintracht, die mit dem 5:1 gegen Kaiserslautern im Sommer 99 noch vor einer rosigen Zukunft stand, nun sowohl sportlich als auch finanziell am Abgrund lehnte. Treibender Motor war längst der Verwaltungsrat – und was Schatzmeister Leben trieb, das wusste niemand genau. Dazu kam, dass die von Vizepräsident Lämmerhirdt geführte Marketing-GmbH zwar dem Geschäftsführer laut Medienberichten ein Jahresgehalt von 350.000 DM einbrachte – als Gewinn für die Eintracht jedoch nur um die 15.000 DM auswies.

Zeitgleich schritten die Planungen der Stadt Frankfurt für ein neues Stadion voran, verschiedene Konzepte wurden ent- und dann auch wieder verworfen; mit eingebunden waren sowohl die Fans als auch die Eintracht selbst. Während Präsident Heller bei Aufnahme des Darlehens von ISPR noch davon sprach, die Seele des Vereins, nämlich (Teile) des Vereins nicht zu verkaufen, so lebte unter Leben ein anderes Konzept auf – die Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Gesamtverein gegen entsprechende Bezahlung an einen Investor. Und nun wird es völlig dubios.

Einer der Hauptvorwürfe an Leben war, dass dieser ein konkretes Eigeninteresse an einem Abschluss haben solle, zu undurchsichtig waren dessen Verhandlungen am Präsidium und womöglich am Verwaltungsrat vorbei. Auf der anderen Seite stand der Vorwurf, Leben sei eine Marionette des Verwaltungsrates, immerhin wurde er durch diesen erst ins Amt gebracht.

Es ging um viel Geld. Die Stadt Frankfurt zeigte bei der Finanzierung des neuen Stadions großes Interesse daran, dass der Investor bei Eintracht Frankfurt auch der Stadionbetreiber sein solle. IMG galt lange als Favorit vor allem von Sylvia Schenk, ehemalige Leichtathletin und und nun Sportdezernentin Frankfurts. Rainer Leben hingegen verhandelte unabhängig vom Stadionbau mit der Kinowelt AG und dem ominösen Swiss Invest als potentiellen Investor. Zu Vorwürfen, er habe aussichtsreiche Verhandlungen mit der Deutschen Städte Marketing (DSM) über den Abschluss eines 10-Millionen-Vertrages zur Eintracht- Sanierung platzen lassen, sagte Leben: „Diese Summe liegt signifikant unter dem eigentlichen Wert der Eintracht.“ Heller beteuerte, dieser Vertrag habe nichts mit dem Verkauf der Eintracht zu tun, sondern beträfe ausschließlich die Vermarktungsrechte.

Im Januar kam es zu folgenschweren Entscheidungen. Noch im Dezember dementierte Leben ein Millionenloch; wenige Wochen später verkündete er dem Präsidium und dem Verwaltungsrat ein millionenschweres Defizit – im Raum standen 13 Millionen DM. Heller bestätigte dies, betätigte aber auch ein Konzept, wie dies auszugleichen wäre. Noch am gleichen Tag trat das Verwaltungsratmitglied Ernst Maul von der Eintracht-Hausbank BfG aus dem Verwaltungsrat zurück – jener Maul der mit Ehinger Leben erst  ins Amt gehoben hatte. Die Eintrachtseele kochte, auf der kommenden Mitgliederversammlung stand die Abwahl des Verwaltungsrates bevor. Interessant dabei auch, dass Schenk die Projektierung des neuen Stadions am Präsidenten vorbei mit Leben und Ehinger betrieb. Auch interessant, dass Bernd Ehinger als Inhaber eines Großelektrobetriebs Jahre später „den Zuschlag für die Medienverkabelung (der Commerzbank-Arena) erhielt „

Der große Knall erfolgte auf der von einer Hundertschaft Polizei geschützten Mitgliederversammlung im Januar 2000. Zum Vorfeld der Versammlung schrieb der Focus:

Im Präsidiumszimmer der Frankfurter Eintracht schepperte das Mobiliar. Und durch den Raum hallten Schimpfworte im niedersten Fäkaljargon. Allein Geschäftsführer Klaus Lötzbeier verhinderte dann die Keilerei im clubinternen Kommandostand. Er trennte, einem Boxrichter gleich, Schatzmeister Rainer Leben, im Zivilberuf Unternehmensberater, und Vizepräsident Peter Lämmerhirdt, Ex-Vorstandsvorsitzender der Henninger Brauerei. Die fuchtelten schon mit den Fäusten, um sich – wie der Hesse sagt – die „Fress zu poliere.“

Der vom Verwaltungsrat und der Stadt demontierte Heller trat in einer hochemotionalen Versammlung zurück, die Initiativen gegen den amtierenden Verwaltungsrat verhedderten sich und der Verwaltungsrat machte den Mitgliedern schmackhaft, dass der geforderte Rücktritt ein Vakuum hinterlassen würde, das in der jetzigen Situation die Eintracht handlungsunfähig machen würde.

Und somit war der Kreis geschlossen; Patella und Heller Geschichte. Die Eintracht saß auf einem Schuldenberg, beschlossen aber wurde auf der Mitgliederversammlung die Ausgliederung der Profifußballer aus dem Verein. Präsidiumssprecher wurde ausgerechnet Bernd Ehinger, dessen Verwaltungsrat die finanzielle Situation erst geschaffen hatte, statt diese zu verhindern.

Sowohl Leben als auch der Verwaltungsrat verhandelten weiterhin auf eigene Faust mit einem Investor. Einer der Höhepunkte war dabei der geplatzte Deal mit IMG, der in der Presse schon als perfekt gemeldet wurde. „Es hat im Magistrat einige Irritationen über das Verhalten der Eintracht gegeben, um es ganz vorsichtig zu sagen. Dieser Umgang ist in hohem Maße problematisch“, erklärte Bürgermeister Achim Vandreike. Der Stadionneubau wird sich durch die europaweite Ausschreibung nun um etwa ein Jahr verzögern.

Dadurch war klar, dass der Investor unabhängig vom Stadion gefunden werden musste. Während Leben sich nicht in die Karten blicken ließ, verhandelte der Verwaltungsrat auf eigene Faust. Eine Eintrachtpressemitteilung verkündete im April: Als richtungsweisender Schritt wurde die Gründung einer Holding AG beschlossen und eingeleitet. Bis zur endgültigen Besetzung aller Organe der Holding AG, auch unter Berücksichtigung des noch abzuschließenden Beteiligungsvertrages, wurden diese gestern interemistisch besetzt. Der Aufsichtsrat setzt sich zusammen aus den Herren: Wolfram Tröger, Rudi Sölch, Dr. Josef C. Wolf. Den Vorstandsvorsitz der Holding AG übernimmt Rainer Leben.

Vier Wochen später erfolgte der Rücktritt von Leben, das Chaos war perfekt: „Das Präsidium ist in der Vergangenheit vom Verwaltungsrat entmündigt worden, aber ich bin keine Marionette dieser Herren. Der Verwaltungsrat ist mitverantwortlich für die jahrelange Misswirtschaft. Er will zu viel Macht statt seiner Aufgabe als Kontrollorgan nachzukommen.“  erklärte Leben nach seinem Rücktritt.

Neuer starker Mann wurde – wen wundert es – Bernd Ehinger. Kurz darauf wurde Octagon als Anteilseigner präsentiert und schon der nächste Präsident, Peter Fischer war nicht mehr verantwortlich für den Profifußball, sondern nur noch für den Verein. Interimsvorstand der neuen Eintracht Frankfurt Fußball AG war zunächst neben Steven Jedlicki Bernd Ehinger, der nach wenigen Monaten einen Sitz im Aufsichtsrat bekam und diesen bis vor wenigen Jahren inne hatte. Noch heute ist Ehinger Mitglied im Beirat der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Und nur zwei Jahre nach dem Einstieg von Octagon, im Sommer 2002, war Eintracht Frankfurt erneut pleite, stand ohne Lizenz und quasi ohne Mannschaft da und musste sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um weiter im bezahlten Fußball spielen zu dürfen.

Der DFB aber reagierte im Jahr 2000 auf die Lizenzverstöße und zog der Eintracht noch während der laufenden Saison zwei Punkte ab und verdonnerte die Diva zu einer Geldstrafe von 500.000 DM. Trotz des Handicaps schaffte es das Team um Trainer Magath erneut am letzten Spieltag die Klasse zu halten. Ein schwer umkämpfter 2:1 Sieg gegen den SSV Ulm sicherte ein weiteres Jahr erste Liga. Doch zum Feiern war nur den wenigsten zu Mute. Und wenn die Eintracht im Sommer 2012 in die erste Liga zurückkehrt, dann wird die letzte Rate des ISPR Darlehens fällig; 13 Jahre nach Salou, Kracht und Heldt, die schon lange keine Rolle mehr spielen.

Eines aber fehlt gewiss, nämlich die Freund- und Herzlichkeit eines Gaetano Patella und der offene Umgang der Verantwortlichen mit den Fans, wie es Rolf Heller in all seinen Jahren vorgelebt hat. Beide haben mit der Sanierung 1996-98, dem Aufstieg 1998 und dem Klassenerhalt 1999 unvergessliches für die Eintracht geleistet. Und beide bleiben deshalb zu Recht selbst unvergessen.