Ranong, 14. April 2015, 19:00

Ich sitze in Pons Place, eine Agentur für Dienstleistungen aller Art, auch für die Nachtreise nach Bangkok und trinke einen lausigen Tee. Es ist dunkel, der Sonnenuntergang fand ohne mich statt, hallo Welt, hallo Wirklichkeit, ihr habt mich wieder.

Es war erwartungsgemäß ein Tag pendelnd zwischen der Freude, noch auf der Insel zu sein und der Traurigkeit ob des Abschiedes, der mich – und das ist ja das Schöne – näher an Pia bringt. Trotz allem verging ein schöner Tag, trotz Regen, trotz der wenig romantischen Speed Boat Fahrt, trotz der prosaischen Ankunft in Ranong. Hunderte, Tausende Traveller werden hier durchgeschleust, die Dienstleistungen werden gleichmütig routiniert verrichtet, es klappt alles, sogar Wifi, aber das Geschäft schlägt aufs Gemüt.

Früh am Morgen der letzte Gang ins Meer, besser in die See, noch einmal der Blick Richtung Myanmar, der Blick auf die Insel, toter Mann im Wasser, das jedes Gewicht trägt, der Blick auf den Bungalow, der noch meiner ist. Es wird der letzte Blick aus dieser Richtung sein, ich schwimme an Land, laufe die letzten Meter durchs Wasser über den Sand, schüttel die nassen Haare wie so oft in den vergangenen Wochen, nun zum letzten Mal. Zum letzten Mal die Dusche, die Fußbrause, und aus der kleinen Box tönt leise wie jeden Tag der Song der Oysterband, A clowns heart, der mich ewig an die Tage auf Ko Payam erinnern wird. Clams harder than a mandoline …

Ich liege in der Hängematte, mein Rucksack, meine Tasche ist gepackt, um elf Uhr werde ich den Bungalow verlassen, check out, vorbei. Tränchen kullern über meine Backe, ich bin schön traurig, packe mein Bündel, hinterlasse meinen Tisch, meinen Aschenbecher, der als Kokosnuss zur Welt kam und meinen alten Sarong, der nach über zwanzig Jahren seine neue Berufung als Decke gefunden hat. Tschüss Gecko, tschüss Bungalow, war toll mit euch. Wir sehen uns wieder, so Gott will.

Ich sitze im Restaurant und tippe, der Bungalow ist nicht mehr meiner, eine Familie kommt an, zieht aber in die Hütte, die ich während der ersten Tage belegt hatte. Es wäre auch zu traurig, zu sehen, wie er so mirnichtsdirnichts in neue Hände fällt, das hat fürwahr bis morgen Zeit.

Später die Rollertour, vorbei an den Mönchen. Diesmal halte ich an. Von hier führt ein Steg zu einem kleinem Tempel über dem Wasser, diesen Besuch hatte ich mir bis zuletzt aufgehoben. Den Roller an den Rand gestellt, eingetragen im Gästebuch, laufe ich vor zum Tempel, wie ich es die Tage geplant hatte. Einige Frauen sind vor Ort, ich luge in den Tempel, der im Moment ein Ort der Ladyphotos ist. An Land glänzt der goldene Buddha Richtung See. Ich fahre weiter, noch einmal auf das alte Pier, das womöglich doch das Neue ist, der Eintracht-Adler klebt noch, weiter gehts, vorbei am aktuellen Pier, an den Buden, die den Ankömmling begrüßen, wie ich vor Wochen erstmals staunend hier ankam, weiter vorne sehe ich Wasser auf der Straße, die Nachwirkungen von Songkran bescheren dem Beschwingten Nässe und Farbe, ich kehre um, nehme den gleichen Weg zurück. Langsam fahre ich, atme die Luft und die Blicke und das Gefühl der letzten freien Tour ohne Ziel. Ich fahre durch den sandigen Weg Richtung Monkees, stelle den Roller ab und lausche. Ein Dschungelvogelkonzert umgibt mich, die Affen aber halten sich bedeckt, so rassel ich die Strecke zurück, zum letzten Mal biege ich auf den Pfad Richtung der kleinen Anlage ab, die nächste Tour wird mich zum Boot bringen.

Viele meiner Mitbewohner habe ich den letzten Tag hier verbringen gesehen, den Rucksack gepackt, sich in den unvermeidlichen Abschied begebend, sitzend am Tisch des Restaurants. Einmal noch laufe ich den Strand entlang, es tröpfelt leicht. Später schenkt mir Aeow noch ein paar Chillies, mögen sie zuhause angehen. Ich verabschiede mich von ihr, da sie noch einkaufen muss, bedanke mich, bezahle später meine überschaubare Rechnung, Cha bringt meinen Rucksack zum Roller, ein herzliches good bye, ein take care, ein see you, schon klemmt der Rucksack zwischen meinen Beinen, der Roller surrt und ich holpere über die Wurzeln durch den Garten. Ich drehe mich nicht um, es regnet stärker, vorbei an den Mönchen, vorbei an den Piers halte ich dort, wo ich am allerersten Tag, als ich nur für ein paar Stunden hier war, meinen Roller klar gemacht hatte. Die Rückgabe verläuft unkompliziert, drei Wochen lang war der gelbe Geselle mein Gefährte, nun steht er hier und schaut mich traurig an.

Es regnet, am Pier ist Gewusel, Menschen betreten ein Speed Boat, das bei ordentlichem Wellengang mächtig schaukelt. Kurz darauf verlassen sie es wieder. Im Visier habe ich einen Mann, der ob seines Shirts als Mitarbeiter der Agentur zu erkennen ist, bei der wir vor ein paar Tagen gebucht hatten. Ich stelle mich unter, die Rollerfahrer tragen Regenponchos, ein Kommen und gehen, bis auch ich aufgefordert werde, mit zu kommen. Jetzt laufe ich unter dem Schild hindurch, das eine gute Reise wünscht, ich hatte es bei meiner Ankunft schon gesehen und gewusst, dass dieser Moment kommen wird. Mein Rucksack wird im Boot verstaut, etwas später klettern wir hinab, es ist klitschnass, durch das Segeltuchdach tropft das Regenwasser. Songkran mal anders. Schon startet die Maschine, die beiden Yamaha Motoren senken sich ins Wasser, Gischt spritzt auf, das Boot schlägt hart auf die Wellen, wir sausen los. Ich blicke nach hinten, laut heult das Boot auf, und mit jedem Meter wird die Insel kleiner, noch erkenne ich Menschen, dann Häuser, dann verschmilzt sie ganz langsam mit dem diesigen Himmel und auf einmal weiß man nicht mehr, ob das Stück Land, das man sieht, noch diese oder schon eine andere Insel ist. Wir tackern über die See, welch ein Unterschied zum normalen Boot, das viermal so langsam ist, dafür aber Tausende kleine Blicke freisetzt. Fischerboote sausen an uns vorbei, Inselchen jagt Inselchen, schon biegen wir in den Kanal ein, der Richtung Pier führt, Stillstand, Endstation, aussteigen.

Kaum sind wir an Land, einige hatten während der Fahrt die Augen geschlossen, erwarten uns schon die Fahrer, die uns ans nächste Ziel bringen werden, zum Bus oder zum Flughafen, je nachdem wer wo hin möchte. Mit zwei weiteren Reisenden werde ich auf einen Pick Up verfrachtet und wir sausen durch Ranong, um nach einer guten Viertelstunde die Agentur zu erreichen, welche für die Weiterfahrt verantwortlich ist, und die nicht weit vom Marktplatz entfernt liegt, in dessen Nähe ich hier übernachtete. Taler wechseln den Besitzer, ein Ticket wandert in meine Tasche, knapp zwei Stunden gilt es zu überbrücken, bis es weiter geht.

Gedankenverloren und fremd wandele ich die Hauptstraße entlang, drehe eine Runde und kehre wieder um, die Magie des Ortes, das Staunen über die Dinge, die Menschen ist dem Wundern über den Alltag gewichen. Zu stark waren die Eindrücke der letzten Woche. Wie gesagt, der Tee war lausig.

Pünktlich um zwanzig nach sieben werden wir wieder auf den Pick Up verfrachtet und zur Busstation gebracht. In Reih und Glied warten die buntbeleuchteten Karossen unterschiedlichster Art und mit verschiedenen Zielen, ich finde meinen Bus, VIP, 32 Sitzer und erhalte einen Fensterplatz, was in der Nacht zwar nicht sonderlich viele Blicke ermöglicht, aber immerhin ein paar. Neben mir sitzt Martin aus der Schweiz, ein selbstgebasteltes Digeridoo in der Hand, Platz für die Füße ist ausreichend vorhanden, es gibt Wasser und Trockenkuchen und dann heben wir ab. Kilometer um Kilometer spulen wir in der Dunkelheit ab, halten vor Chumphon kurz an, zwei Soldaten steigen ein und kontrollieren die Ausweise der mitreisenden Thais.

Gegen Mitternacht halten wir an einem Rasthof, zwanzig Busse stehen Seit an Seit, alle mit laufendem Motor. Ich betrachte mir das Essen, lasse es bleiben, da unterscheiden sich die Rasthöfe der Welt in nichts. Als ich hinter den Bussen eine Cigarette rauche, das Knattern und Rattern der Motoren höre, die Abgase einatme und das Gewusel des Rasthofs betrachte, denke ich an die Momente des Wellenschlags, der Hängematte, des Adlerflugs, welch ein Kontrast. Bald darauf geht die Reise weiter, nach einer halben Stunde schlafe ich ein und erwache, als die Lüftungsklappe im Dach im Wind wackelt und herbe Schläge abgibt. Wir sind kurz vor Bangkok, noch ist es dunkel. Martin hat sich entschlossen, mit mir zum Guesthouse zu kommen, vielleicht gibt es auch für ihn noch ein Zimmer. Dem kurzen Stopp am Busbahnhof folgt ein zweiter, ein letzter Stopp, nachdem wir an der Khao San Road vorbei gefahren sind und schon die Blicke am frühen Morgen zeigen mir, dass dieser Platz nichts für mich ist. Endstation ist genau an der Stelle, an der ich vor einigen Wochen auch zugestiegen bin, ich kenne den Weg, doch noch wird es zu früh für das Guesthouse sein. Wir wandern die Gassen entlang, doch noch hat kein Café oder ähnliches geöffnet. Am Klong entdecken wir eine Art Wartehäuschen, Meditationsmusik läuft über die Lautsprecher, Eichhörnchen balancieren über Stromleitungen, Mönche in gelborangenen Gewändern spazieren vorbei. Um kurz vor Sieben brechen wir auf, gehen meinen alten Weg, vorbei an den Vogelkäfigen, und haben Glück, die Pforte steht offen. Wenig später sitze ich am Fluss, wo alles begonnen hat, schaue auf die Bögen der Rama VIII Brücke und fühle mich, als wäre ich nie weg gewesen, als wäre ich gestern hier ins Bett gegangen und hätte alles nur geträumt. Es war ein schöner Traum. Ein Traum von Leuchtwasserbläschen, Meereswellen, Geckos und einem friedlichen Platz mit Blick aufs Meer, sachte erheben sich in der Ferne die Inseln von Myanmar.

Guten Morgen Bangkok, du hast mich wieder.