So wie es einst in der Nacht begonnen hat, so endete es auch: Mit einem Bad unter dem Sternenhimmel, dazu die sich im Wasser spiegelnden Lichter der Bars, der Blick auf die Bucht und die Insel und dazu die leuchtenden Meeresbläschen, geschaffen von Gottes Hand oder doch eher dem Nachtlicht des Resorts nebenan geschuldet, was machts für einen Unterschied?

Das Ende ähnelt dem Anfang, das Gefühl ist ein nämliches, das nackte Glück, zu sein, jetzt in diesem Moment. Ich sitze mit einem Glas Rum auf Eis und Cola auf meiner Veranda, bin nass vom nächtlichen Bad, blicke auf die See und rauche. Ein einziges Erwachen ist geblieben vom Beginn, als ich erstmals hier her kam und nicht wusste, wie lange ich bleiben werde. Hier, an diesem Ort, den ich schon bald little paradise nannte. Der Himmel ist klar, der Nachtstern leuchtet, der sich beim Sonnenuntergang zuvor versteckt hatte. Die Uhr hat Mitternacht geschlagen, morgen ist heute, Bangkok wartet, der Rum wirkt, ich lege mich zur Nacht und schaue noch kurz aus dem stets offenen Fenster.

Es war ein toller letzter Tag, begonnen hat er in aller Frühe mit dem täglichen Wegbrausen der Geckokacke meiner Mitbewohner, mit Tippen und Tee und den mühsamen Versuchen, Bilder für die Galerie ins Netz zu stellen. Wie so oft in den letzten Wochen. Und wenn du langsam am Wifi verzweifelt, lässt du die Sache ein wenig ruhen und schon geht es später leicht von der Hand. So war es nahezu an jedem Tag, den ich hier morgens saß, mit Blick auf die Inseln von Myanmar. Wie jeden Morgen werden die Geisterhäuschen von Kin oder Aeow mit Getränken und Lebensmittel, Räucherstäbchen und Kerzenlicht versorgt, jene kleinen Minitempel auf Stelzen, die in fast jedem Haus ihren Platz haben.

Von Songkran merke ich hier nichts. Sobald der tägliche Text im Netz steht, starte ich die gelbe Yamaha, ich brauche Geld und das gibt es zu eher ungünstigen Konditionen am Pier. Wie immer ohne Helm und leicht bekleidet umkurve ich die Wurzeln auf dem Weg vom Gelände zur Straße, wie immer muss ich auf den ersten Metern mit den Füßen nachhelfen. Unten an der Kreuzung nehme ich wie so oft nicht den geraden Weg, sondern fahre die Strecke, die mich an den Mönchen und dem alten Pier vorbei bringt. Manchmal begegnet mir ein Farang auf einem Roller, augenscheinlich die Farbe im Gesicht, ich bin gespannt, was mich erwartet. Zunächst einmal ein Anfahrt auf das Pier, wo heute ausnahmsweise einmal Menschen sind und genau wie ich sonst den Scooter unter dem kleinen Häuschen geparkt haben. Ich werfe einen Blick auf die Inseln, an denen ich morgen vorbei sausen werde und tucker weiter Richtung Pier. Auf halbem Wege werde ich angehalten, junge Menschen stehen auf der Straße, bemalen mein Gesicht sanft mit wohlriechender Farbe, schütten mir etwas Wasser über und wünschen mir ein Happy New Year. Derart verziert geht es weiter, als ich die Wechselstube betrete fällt mein Äußeres nicht weiter ins Gewicht, ich bekomme meine Baht und sehe zu, dass ich meinen Roller bezahle. Da jedoch niemand vor Ort ist, verschiebe ich das Vorhaben auf morgen und tucker weiter. An Straßenrand stehen an allen Ecken und Enden Menschen, vorwiegend Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene und bespritzen die vorbei Fahrenden mit Wasser aus allem, was Wasser hergibt. Wasserpistolen, Schüsseln, Eimer, Schläuche. Ich mache extra langsam, genieße die Blicke, verborgen eventuelle Unsicherheiten, wie wird die Langnase reagieren, und empfange alle naslang einen Wasserschwall. Happy New Year ruft es allenthalben und auch die ganz Kleinen lassen es sich nicht nehmen, den Farang ordentlich zu taufen. Als ich oben ankomme, bin ich bis auf die Knochen nass, im Gesicht verschmiert und glücklich. Gut jedoch, dass ich nicht an diesem Tag die Insel verlassen musste, mein Rucksack und alles darin wäre batschnass gewesen, so bins nur ich. Am besten ist es natürlich, wenn man sich ohne Vorhaben ins Getümmel wirft, fürs nächste Mal bin ich gebrieft. Mein erstes Songkran. Happy New Year.

Ich lese, nach Siddhartha nun Knulp. Auch dieses Büchlein habe ich zuhause, auch hier hilft mir das Internet, die Hängematte schaukelt sachte vor sich hin, ein Vogel oder ähnliches pfeift derartig frequent, man könnte meinen, eine Sirene warnt vor meinem bevorstehenden Abgang. Gegen Mittag bewölkt sich der Himmel von Osten her, es grollt leise, und wie schon gestern könnte man meinen, der Herbst kündige sich an. Und tatsächlich beginnt es, zu regnen. Der Wind fegt einen Ast zu Boden und eine Matte davon, ein Vorgeschmack dessen, was in den nächsten Monaten zu erwarten ist. Da durch den Regen die Hitze etwas verdrängt wurde, bietet sich ein Spaziergang an. Es wird ein buntmelancholischer Spaziergang, erstmals zu Fuß den verwurzelten Weg nach oben, den ich so oft mit dem Roller gefahren bin. Palmen, Cashewbäume, Hibiskus und vieles weitere wächst brav vor sich hin, sogar ein Mangobaum steht hier, der aber noch keine Früchte trägt. Die Königin der Früchte aber, die Mangostane, sehe ich nicht. Ehrlich geagt kenne ich sie auch erst seit einigen Minuten, Cha hat sie mir gezeigt, die kleine Wunderfrucht, wohlschmeckend und gesund. Auf der regenstaubigen Straße marschiere ich gen Norden, scheuche ein paar Vögel auf, passiere einige Bars, die meist menschenleer sind und wandere durch ein Resort an den Strand, nass wurde ich nicht mehr, das einzige Wasser schütteten Urlauber von einer Bar auf vorbeifahrende Thais.

Die frühen Morgenstunden und die bewölkten Momente sind die von Thais bevorzugten Stunden des Badens, während sich der Europäer bevorzugt bei brütender Hitze in die Fluten wirft – und dies in Badehose; der oder die Thai trägt auch hierbei meist noch ein Shirt. Andere schleppen große Kameras mit sich herum, Stative dazu, die Damen posieren, die Herren fotografieren kenntnisreich. Irgendwo ragt ein Selfiestick aus dem Wasser, derweil sich die Sonne einen schmalen Streifen zwischen See und Himmel ausgesucht hat, um unter zu gehen. Ich lasse meinen Blick zunächst in die Ferne schweifen, dann auf den Boden, eine Muschel aber, wie ich sie an einem der ersten Tage auf die Weiterreise in die See geschickt habe, finde ich nicht mehr. Sie bleibt bei mir in der Erinnerung an die schönen Tage, zwei Adler kreisen hoch oben am Himmel, kommen sturzflügig näher und schweben mit dem nächsten Aufwind davon.

Als ich zurück komme, glänzt die See golden, die Sonne klemmt zwischen Wolken und Wasser. Auf einem der Holzstühle sitzend, tauche ich den Plastiklöffel in mein wohl letztes Coconutshake. Neben mir sind derzeit nur zwei Pärchen auf dem Gelände, sie genießen die Zeit sichtbar, schlagen Purzelbäume am Strand, liegen jeweils nebeneinander und bestaunen die untergehende Sonne. Wir haben nur wenige Worte gewechselt, doch sind sie beides angenehme Zeitgenossen, die das Wunder dieses Platzes erfasst zu haben scheinen und einen zufriendenen Eindruck vermitteln.

Langsam legt sich die Nacht über die Insel, Kinder spielen im Wasser, Mr Trip kommt von einem Ausflug zurück, die Lichter des Bootes glänzen im Wasser, der weiße Kahn bringt die Ausflügler sicher an Land. Später tuckert das Boot einige Meter hinaus auf die See und wird zur Nacht vertäut. Als ich aufsehe, entdecke ich ein Brandloch in meinem weißem Hemd, auch hier ist es dann an der Zeit, good bye zu sagen. Eigentlich wollte ich ja das blaue hier lassen. Wegen der Brandlöcher.

Ich sitze auf meiner Veranda, auf dem Holztisch, der neulich noch Treibgut war, steht ein Glas mit Eis, dazu eine Coke und eine kleine Flasche Rum, Sang Som, in der Ferne tuckert ein Boot. Nachdenklich aber glücklich bedanke mich bei meinen Geistern für die schönen Tage. Und so wie es einst in der Nacht begonnen hatte,, so endete es auch: Mit einem Bad unter dem Sternenhimmel, dazu die sich im Wasser spiegelnden Lichter der Bars, der Blick auf die Bucht und die Insel und dazu die leuchtenden Meeresbläschen, geschaffen von Gottes Hand oder doch eher dem Nachtlicht des Resorts nebenan geschuldet, was machts für einen Unterschied?