Flüchtig ist alles, vergänglich wie eine Fußspur im Sand, von Wellen dahin gespült, nichts bleibt, außer Erinnerung, die auch vergeht. Oder wechselt alles nur die Form, so wie der Sand vor der Fußspur einfach Sand war, zuvor vielleicht ein Fels. Alles wird zu Etwas, zu allem, nichts vergeht, es wechselt, eingewoben in die große Geschichte, erzählt vom Wind, von den Bäumen, vom Meer. So wie unsre Geschichte einst erzählt wird, verstanden von dem, der zuhören gelernt hat.

Das große Zeitenrad hat sich weiter gedreht, vorausgesetzt es gibt so etwas wie Zeit. Ist das ewige Werden nicht ein ewiges Sein? Und wir klammern uns an unser Leben, wir meinen und fühlen und machen, schaffen Abbilder und Götter und Bedeutsamkeiten, die bei anderem Licht betrachtet doch bedeutungslos sind. Bedeutungsvoll und bedeutungslos zugleich. Wer Glück hat, liebt, wer größeres Glück hat, wird geliebt. Und wer geliebt wird, ist nie alleine. Einsam vielleicht, alleine nicht.

Ich bin in Thailand, wobei genauer gesagt bin ich auf Ko Payam, eine Insel in der Andamanischen See, in einer Bucht, die wenn man es genau nimmt, keinen Blick aufs offene Meer zulässt. Die Inseln vor Myanmar rahmen die Bucht ein, begrenzen den Horizont, bei klarem Wetter sind sie deutlich zu sehen, manchmal lässt der Himmel auch den Trugschluss des weiten Blickes zu.

Eigentlich bin ich bei mir, umgeben von den Dingen, die so einfach und deshalb so fantastisch sind und zeigen, was wirklich von Nöten ist, was das Herz leicht und den Alltag frei macht. Der Wellenschlag, der Sonnenuntergang, der Flügelschlag des Adlers, der Ruf des Geckos, der Garten mit Cashewnüssen, der Sand, der kleine Holzbungalow, etwas komfortabler als eine Gartenhütte, da eine Dusche und eine Toilette integriert sind. Davor die Hängematte und die Bäume, die den Blick etwas versperren, doch Schatten spenden, der Wind weht dazu, kühlt. Tag und Nacht ist Kleidung nahezu überflüssig, der Anstand gebietet, sie zu tragen. Sie dient nicht dem Herausputzen, dem Sichschönermachen, sie ist einfaches Mittel zum Zweck, die Kleidung, Flip Flops, kurze Hosen oder Sarong, Hemd, dies tragen auch die Menschen, die hier arbeiten, auch meine Gastgeber. Wobei die Jugend stets etwas kecker daher kommt, als der gereifte Mensch. Aber ein Paradies? Das ist es nicht. In wenigen Wochen kommt die Regenzeit, die meisten Gäste werden weg sein, der Regen gepaart mit der salzigen Luft wird den Dingen zusetzen, Rost, Zerfall, Vergehen. Man gewöhnt sich an den Kreislauf, wie auch wir uns an die verschiedenen Jahreszeiten gewöhnt haben, der blühende Frühling, der sonnige Sommer, der Ernteherbst und der kalte Winter, der allem zusetzt. Wir ernten Äpfel und Brombeeren, hier sind es Mangos oder Kokosnüsse, Chillies hüben wie drüben. Wohl dem, der einen Platz gefunden hat, zu sein. Little Paradise ist überall oder besser kann überall sein. Aber natürlich wäre ein Meer vor unserer Gartentüre von Vorteil.

Die Gedanken kreisen um die Heimat, um Frankfurt. Was ist wichtig? In erster Linie natürlich Pia, die sich fernab von Meer und Sonne durch den Alltag kämpft und mich hier gewähren lässt, auch wenn es manchmal schwer fällt. Meine Eltern, die immer unterwegs sind, die kleine Familie meiner Schwester, Neffe und Nichte, die so große Eintrachtfans sind, also vor allem der Junge. Das Mädchen scheint eher dabei sein zu wollen. Ich auch – lautet das Motto, der Platz im Leben will hart erkämpft sein. An euch denke ich, wie werdet ihr euer Leben leben, was wird passieren? Ich wünsche euch viel Glück auf allen Wegen.

Meine Freunde, verstreut in Deutschland, in Frankfurt und Umgebung, ein jeder mit seinem Lebensschaff, mit seinen Träumen und Widersprüchen und Unfähigkeiten, die vielleicht doch nur temporär sind. Uns verbindet und trennt das Leben, wir sind uns begegnet und haben uns nie vergessen und werden uns Geschichten zu erzählen haben, auch wenn das eigene Leben uns so beschäftigt, dass wir viel zu oft zu wenig Zeit haben.

Freiheit. Immer und immer wieder. Mach dich nicht vom Geld abhängig, brauche wenig, der Lohn ist die Freiheit, über seine Geschicke, so weit möglich, selbst verfügen zu können. Es ist anstrengend, aber in einem ruhigen Moment betrachtet ein großes Glück. Die Anhäufung von Geld, der damit verbundene Kreislauf der Abhängigkeiten, die Bevormundung, der vermeintliche Platz in der Gesellschaft, die illusionäre Anerkennung – verbunden in den allermeisten Fällen mit der Produktion von Sondermüll, materiell, geistig, und die Ansammlung von Dingen, bezahlt mit Lebenszeit – eine Kompensation des nackten Seins. Es ist gut, in diesen Zeiten etwas Geld zu besitzen, glücklich, wer es schafft, mit wenig auszukommen, verzichten zu können bis der Verzicht eine Befreiung ist. Ein langer Weg. Eine Sackgasse?

Wenn du glaubst, etwas begriffen zu haben stehst du an einem neuen Anfang; wieder der Junge in kurzen Hosen, der einen Fehler gemacht hat, der trotz aller Erfahrungen doch nur er selbst ist, ein Greis in kurzen Hosen, der nichts und dabei doch soviel dazu gelernt hat. Ein Greis, der einen Berg beiseite geräumt hat und beim Umschauen realisiert, dass es doch bloß ein Sandkorn war, oder ein Nichts. Niemals wirst du dir entkommen. Vielleicht finden. Der, der du immer warst, der sich langsam aus sich heraus geschält hat.

Ich gehe am Strand entlang, es donnert, es regnet leicht, die nächsten Boten der Regenzeit, es fühlt sich an, wie die erste Ahnung von Herbst im strahlenden Sommer. Kinder baden glucksend in der See. Hunde spielen, andere liegen wie die Muscheln im Sand; einer mit einem offenen Geschwür auf dem Rücken, Welpen versuchen von der stoisch Leidenden Milch zu ergattern. Das Wasser verspült die Fußspuren, ein Trampelpfad umgeht die scharfkantigen Felsen, die Sonne vergeht im wolkenverhangenen Himmel, beleuchtet die See. Eine Hälfte liegt im Sonnen-, die andere im Nachtlicht. Der Nachtstern aber will heute nicht recht zu mir durchdringen, die Wolken sind zuvor.