Der Bus rollt durch Bangkok, vorbei an Industrie- und Gewerbegebieten mit meterhohen Reklametafeln. Den Reisenden wird ein Wasser und ein Milchbrötchen in die Hand gedrückt, aus meinem Kopfhörer blubbert eine der zigtausenden Café del mar Varianten und wir fahrn, ja wir fahrn, ja wir fahrn – wie Rainald Grebe einst sang.

Wir fahren über die Autobahn, sammeln später noch einige Mitreisende ein und rollen dann auf die Landstraße. Nach einiger Zeit bemerke ich, dass junge Frauen, fast Mädchen, auf der Straße in kurzen Abständen in kleinen Buden sitzen und an etwas werkeln, ich vermag nicht zu erkennen, woran. Etwas später hält der Bus an genau solch einem Stand an. Es sind eine Art blütengeflochtene Gebinde, etwas davon wandert in den Bus, die Reise geht weiter.

Wie es so ist, trotz halbwegs komfortablen Sitz ist an Schlaf nicht zu denken, irgend etwas lenkt immer ab – obgleich es im Bus sehr leise ist. Kilometer um Kilometer spulen wir ab Richtung Süden und halten mitten in der Nacht an einem Rasthof an. Eine junge Thai gibt eine Durchsage über ein Megaphon, ich habe keine Ahnung, was los ist. Während ich rauche, sehe ich die Mitreisenden in den hinteren Teil des Rasthofes gehen, es scheint Essen zu geben. Und während ich so vor mich hin denke und beobachte, verinnt die Zeit; ich zögere und wer zu lange zögert, kommt zu spät. Da ich nur ungern die Weiterfahrt verpasse, verzichte ich auf späte Nahrungsaufnahme, wasche mir die Hände und hole mir ein Bier. Ein Chang. Das heißt: Elefant. Hoffentlich werde ich müde.

Für wenige Minuten kann ich schlafen, am frühen Morgen erreichen wir den Busbahnhof in Ranong, fahren aber zu meinem Erstaunen gleich weiter, um nach einigen Minuten wohl an der Heimatadresse des Busunternehmens die Fahrt zu beenden. Keine Ahnung, wo ich bin. Keine Ahnung, wohin. Sammeltaxis und Roller versuchen, die Fahrgäste an das Pier zu lotsen, an dem die Boote Richtung Ko Chang und Ko Phayam ablegen. Die kleine Insel Ko Phayam könnte eine Idee sein, mit der ich auch kokettiere, aber mir ist gerade alles zuviel.

Bald bin ich alleine an der Station, ich möchte mir lieber in aller Ruhe ein Bild machen, doch entgegen meinen laienhaften Recherchen, liegt die Stadt Ranong nicht ein paar Meter, sondern ein paar Kilometer von meinem Aufenthaltsort entfernt, soweit ist auf mein Navi verlass. Verlass ist aber auch auf die guten Geister. Der erste in Form eines Taxirollers gabelt mich auf und bringt mich für fünfzig Baht in die Stadt, der zweite, private, Rollerfahrer fängt mich ab, als ich in die völlig falsche Richtung laufe und fährt mich kostenlos an den zentralen Marktplatz. Von hier würden auch die Sammeltaxis und Roller ans Pier abfahren, ich soll was essen und trinken und dann mal schauen sagt der gute Geist und verabschiedet sich. Ich lache und winke, er fährt wieder in seine Geschichte.

Ein paar Meter nebenan nehme ich mir ein Zimmer, ein fensterloses Etwas mit AC und funktionierendem Wlan und dazu mit einer warmen Dusche. Da stören die Barthaare meines Vormieters am Waschbecken auch nicht mehr. An jeder Toilette bislang befand sich eine Handdusche, auch die eigentlich Dusche befindet sich mit der Toilette in einem Raum. Ich dusche, spüle die Barthaare in den Orkus, mache mich fit und verlasse ohne Rucksack mein Hotel. Ohne Ballast lebt es sich leichter. Im Hotel laden die leeren Akkus. Leider nur kurz, als ich die Karte aus dem Schlitz ziehe, um die Tür abzuschließen, geht auch der Strom aus. Gut für die Stromkosten, schlecht fürs Laden – aber ich habe ja noch die kommende Nacht.

Auf dem Markt ist ein buntes Treiben, es gibt alles, Tee, asiatisches Frühstück (Reis mit Allerlei), vollständige Schweineköpfe und bunte Lichter. Mal riecht es nach Paradies, mal nach Hölle, ich trinke Tee. Dann frage ich ein Scootertaxi, ob es mich für 50 Baht ans Pier bringt, an dem die Schiffe nach Ko Phayam abfahren, er willigt ein und schon setzt sich dieses ungleiche Paar in Bewegung. Auf der Fahrt macht er noch ein paar Besorgungen und bringt mich sicher ans Ziel.

Zwei unterschiedliche Bootsvarianten verkehren auf die Insel, das Schnellboot und das normale Boot und wie durch Zauberhand bin ich zehn Minuten vor der täglichen Abfahrt des normalen Bootes am Pier gelandet. Ich löse ein Ticket, springe auf das Schiff und schon geht die Reise los. Mein Plan ist, die Insel etwas zu erkunden, um mit mehr Wissen morgen wieder zu kommen – und bei Gefallen ein paar Tage zu bleiben. Durch eine Art Kanal tuckern wir los und es zeigt sich, dass die Passagiere oben auf dem Decksboden sitzen können, frische Luft und der Ausblick zur Seite, der sich nach Verlassen des Kanals anfühlt wie bei Apocalypse now. Hier in Südostasien ist der Himmel derzeit nicht leuchtend blau und strahlend, wie am Mittelmeer, alles wirkt etwas diesig. Als wir den Kanal verlassen und aufs offenere Meer tucker, erwachsen links und rechts kleine, grüne Inseln aus dem Wasser. Ich sitze vorne an der Reling und blicke aufs Meer, das mit jedem Meter klarer wird. Die seltsamsten Boote sind unterwegs, kleine Frachter, Fischerboote und auf dem Wasser hüpfen fliegende Fische wie springende Steine über die Oberfläche. Ich bin nun dreißig Stunden wach, Bangkok. Bus. Boot.  Unterwegs, müde und zufrieden.

Die Fahrt dauert zwei Stunden. Zwei Stunden der meditative Blick auf vorbei ziehende Inseln, auf fliegende Fische, auf das Meer, in dem ab und an ein Flip Flop vorbei segelt, es ist großartig. Nicht die Flip Flops und auch nicht die Plastikflaschen im Wasser. Leider geht die Rückfahrt in genau drei Stunden los, viel Zeit zum Umschauen bleibt nicht. Im End erweist sich genau dies als perfekt. Am Pier führt ein breiter Steg auf die Insel. Einige Geschäfte warten auf Kundschaft, hoch im Kurs steht der Rollerverleih. Eine der Scooter Vermieterinnen, eine ältere Frau mit schlechten Zähnen quatscht mich an, und in dem Moment weiß ich was ich machen werde. Ich werde einen Smoothie trinken und gar nichts machen. Wir kommen ins Gespräch und vereinbaren, dass ich morgen wiederkomme. Dann leihe ich mir für drei Tage einen Roller, fahre zuerst die kleine Insel ab, suche mir eine Unterkunft und werde bleiben, Hütten und Strände seien kein Problem sagt sie und ich weiß, dass sie recht hat, denn sie schwatzt mir nichts auf. Freunde, ist das geil. Der Beve, der Roller, das Meer und ich. Pia würde es hier gefallen, sie ist ja bei mir und ich spüre es. Wenn Gott will, sind wir in einem Jahr wieder hier.

Beim Pineapple-Smoothie komme ich mit einem sympathischen deutschen Pärchen ins Gespräch, sie wollen am Ende ihrer Reise nach Bangkok, vielleicht übernachten sie ja dann auch am Fluss. Wir verabschieden uns, sie suchen sich eine Unterkunft, ich gehe eine Kleinigkeit essen, Pad Thai mit Shrimps und Meerblick, drehe eine kleine Runde und weiß, dass ich großes Glück habe. Mittendrin im Unterwegs sein ohne Plan – und er geht immer wieder auf. Geschenkt ist das nicht.

Pünktlich um zwei legen wir ab, ich werde müde; setze mich wieder ganz nach vorne aufs Oberdeck und schlafe fast ein. Mittlerweile bin ich einiges über dreißig Stunden auf den Beinen und der Jüngste bin ich auch nicht. Der Motor tackert, die Fische fliegen, wir spulen Kilometer um Kilometer ab und landen nach zwei Stunden an einem anderen Pier im Hafen. Dort werden große Eisbarren geschreddert und auf die Schiffe verbracht, die sie auf die umliegenden Inseln bringen werden. Ich springe über Bord, und laufe an einer stinkenden Brache vorbei Richtung Straße. Wo bin ich? Und wie komme ich von hier weg? Und wie ich das so denke, hupt es. Ein Sameltaxi kommt wie nicht gerufen vorbei, der Fahrer bejaht meine Frage, ob er zum Markt fährt, ich steige auf die Ladefläche, wo schon einige Thais sitzen und zudem noch zwei deutsche Bootspassagiere einsteigen.

Das Fahrzeug ist ein Datsun, eine Art Pick Up mit hölzernem Überbau als Dach, der Fahrer ein älterer Thai, mit lässig zerrissener Jeans, Kippe im Mund und einem Henkelmann im Fußraum, er fährt Barfuß und hupt kurz aber leise, wenn auf seiner Route ein optionaler Fahrgast steht. In Deutschland würde der Gesetzgeber durchdrehen, ich finde, dass dies genau der Style ist, der zufrieden macht.. Als er am Markt hält, steige ich aus, gehe schnurstracks ins Hotel, dusche und kann endlich mit Pia skypen

Frisch geduscht wandere ich später die Hauptstraße entlang. Über diee Straße sind bunte Lampions und Fähnchen gespannt.ielele Läden haben noch geöffnet, Bars, Restaurants, Karaoke. Esse gegrillte Hähnchen von der Holzkohle an einem ruhigen Platz, wo ich schreiben kann. Trinke ein Bier. Und freue mich auf morgen. Das ist doch was. Heute hat es ein bisschen geregnet.