Lange bevor der Wecker klingelt, bin ich wach. 6:39 zeigt das Handy, meine Bude ist einigermaßen erträglich um diese Zeit, obgleich der Ventilator aus ist. Zum einen will ich mir keine Erkältung einfangen, zum anderen laden an der einzigen Steckdose die Akkus der Kamera, des Handys und des Tablets.

Ich dusche und mache mich früh auf, Richtung Frühstück. Wie schon die Tage zuvor, besuche ich den gleichen einfachen Platz wie im Viertel gegenüber. Ein älteres Paar betreibt den Stand, die beiden sind freundlich, die Preise moderat, das Essen prima. Und wenn ER etwas lustig findet, dann keckert er lachend und freut sich wie ein kleines Kind. Sekunden später ist er wieder der würdevolle, buddhaeske Gastgeber. Außerdem hat man einen schönen Blick auf die kleine Straße. Taxis quälen sich um die Ecke, später schlendern Traveller vorbei und alle naslang bläst ein Roller die Gasse entlang. Wenn einheimische junge Damen mitfahren, sitzen sie galant im Sitz wie einst die Frauen im Damensattel hoch zu Ross, die Beine zur Seite hängend. Ich schreibe ein bisschen, anschließend gehts zurück ins Guesthouse. Dort packe ich meinen Krempel zusammen und setze mich erneut ans Wasser. Ein letzter Blick Richtung Brücke, eine letzte Dusche, ein „auf Wiedersehen“ und schon bin ich wieder auf der Straße. Aber meine letzten beiden Nächte werde ich wieder hier verbringen, in dieser kleinen, verwinkelten und leicht angeschlagenen Anlage, mit diesem phantastischen Blick. Als der junge Mann, den ich ab und zu beim Arbeiten gesehen habe um Trinkgeld fragt, gucke ich fragend. Wofür jetzt genau? In den drei Tagen hat niemand außer mir mein Zimmer betreten, selbst das Handtuch habe ich gewaschen. Aber gut, ich komme ja wieder. Es ist der Blick aufs Wasser und die Lage, die mir gefallen hat, Service war dann eher weniger.

Meinen Rucksack bringe ich ins Reisebüro, am Leib trage ich nur den Sarong, aber das ist auch gut so, Schmerzen habe ich keine mehr, aber ich plane, heute nicht mehr als nötig zu laufen. Im Gegenteil, ich setze mich wieder an den Platz, an dem ich auch gefrühstückt habe, trinke ein Pineapple Smoothie und esse dazu Reis mit Schweinefleisch und Thai Basilikum. In ein paar Stunden geht mein Bus, die Sonne scheint, ein Ventilator läuft und gegenüber steht ein kleines Wägelchen mit frischen Früchten: Mangos, Melonen, was du möchtest. Jetzt habe ich Zeit, vielleicht lasse ich mir später noch die Füße massieren.

Wie das so ist, mit dem vielleicht, es kam wieder anders, als gedacht. Aus der Idee, mal kurz über die Brücke in den gegenüberliegenden Park zu spazieren, wurde eine ausgedehnte Wanderung, verschluckt von einem Viertel, das so alltäglich für hiesige Verhältnisse ist, dass ein jeder wie überall etwas zu tun hat. Nur um Touristen kümmert sich hier niemand, keine Wechselstuben, keine englischen Hinweise, nur eine zahnlose Frau, die mich davon abhält, in die falsche Richtung zu laufen. Die Welt ist voller Engel in Verkleidung, sie sind überall und weisen dir deinen Weg. Wenn du auf sie hörst. Ich spaziere an einem Klong entlang, Dreck türmt sich an der Seite, ein 40 Zentimeter langer Gecko wackelt vor mir ins Gebüsch, ein paar Hähne glotzen aufgeregt aus ihrem Federkleid.

Zuvor hatte ich genau gegenüber der Stelle gesessen, wo ich die meiste Zeit im Guesthouse verbracht hatte. Es ist schon seltsam, eben gerade bin ich angekommen, jetzt sitzt wahrscheinlich jemand anderes in meinem ehemaligen Zimmer, vielleicht wie ich zum ersten Mal in Thailand, vielleicht geflasht, vielleicht irritiert, vielleicht weder noch. Schwach kann ich mich gegenüber erkennen.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich die in sich versunkene Welt des Viertels verlasse und eine Brücke erreichte, die ich zwar schon einige Male mit dem Schiff oder zu Fuß unterquert hatte, aber noch nie über. Mit wahnwitzigem Tempo sausen die Autos, die Busse, die Roller darüber hinweg, ich selbst war auf dem Fußgängerüberweg sicher. Am gegenüberliegenden Ende angekommen, legte ein paar Meter weiter ein Linienboot mit orangener Flagge an, Menschen steigen ein und aus, fragende Blicke von manch einem, dem das nicht geheuer ist. Ich laufe weiter, Katzen kreuzen meinen Weg, wie so oft, diese schmalen Tiere, die einem nie zu nahe kommen, was sie sympathisch macht. Und fremd dazu.

Langsam neigt sich meine Zeit in Bangkok dem Ende entgegen, ein Leben darauf gewartet und schon bald bleiben nur noch Erinnerungen, immerhin. Ich spaziere an einem Eck vorbei, wo Traveller jeglicher Couleur sich treffen, Kartenspielen, wahrscheinlich Reaggae hören und bunte Malereien an den Wänden hinterlassen die Illusion eines Hippiedaseins, welches vor zwanzig Jahren mein Traum gewesen wäre. Heute nicht mehr.

Da ich noch Zeit habe, besuche ich noch eine Tempelanlage in der Nähe von Wat Saket, ein Name, den ich mir merken kann. Geradeaus das Democracy Monument überquere ich zur Rushhour eine viel befahrene Straße. Vor dem Tempel spricht mich ein TukTuk-Fahrer an, der Tempel sei geschlossen. Auf meine Bemerkung hin, dass ich morgen eh weg bin und jetzt hinein gehe, murmelt er etwas von: „Only one hour“. Alte Masche, erklären, das xy geschlossen hat, um dann für sündhaft teures Geld ans Ende der Welt zu fahren. Ich kenne doch meine Pappenheimer. Ich weiß nicht, was das geringste Wesen im buddhistischen Wiedergeburtskreislauf ist, aber sie waren früher alle TukTuk-Fahrer. Da lob ich mir doch die Gesellen, die friedlich schlafend auf der Rückbank ihres Gefährtes auf Kundschaft warten.

Schade, dass der erhabenste Teil des Tempels eingerüstet ist, aber es ist schon erstaunlich, welche Ruhe solch ein Ort ausstrahlt, selbst unmittelbar an einer gigantischen Kreiselkreuzung. Einige wenige Mönche sind zu sehen, einer tippt hochmodern auf seinem Handy, ein anderer schneidet stoisch einen Baumbusch. Meine Uhr tickt, der Bus nach Ranong wartet.

Mein Rucksack ist schon im Businneren verschwunden, als ich ankomme. Ein paar rückentättowierte junge Thais mit freiem Oberkörper hocken rauchend davor, vielleicht waren sie es gewesen, ich mache mir keine Sorgen, wird schon schief gehen. Eine dreiviertel Stunde später sitze ich auf meinem Platz, von dem ich hoffe, das er es ist. Falls nicht, wird sich schon jemand beschweren. Langsam setzen wir uns in Bewegung, in der Ferne glänzt der nachtleuchtende Königspalast. Wir rollen über den Chao Prayo, die Rama VIII Brücke strahlt mich ein vorerst letztes Mal an, in der anderen Richtung leuchten Hochhäuser in die Dunkelheit, Thais nutzen den schönen Abend für Nachtfotografie. An einer langen Straße sitzen in endlosen Reihen Menschen und essen zu Abend, noch nie hat scheinbar ein Mensch in Bangkok zu Hause gekocht will mir scheinen. Nach einer halben Stunde erreichen wir das Southern Terminal, erstaunlicher Weise steigen alle aus. Eine deutsche Familie weiß nicht so ganz, wie es weitergeht, da geht es mir ähnlich. Vorsichtshalber befrage ich eine der drei in Uniform gewandten Stewardessen, die mich und mein Ticket verständnislos ansieht und weiter geht. Auch bei der nächsten ernte ich ähnliche Blicke. Land des Lächelns stand geschrieben. Immerhin, auf dem Bus steht VIP, 32 Plätze, Bangkok – Ranong, so habe ich es gebucht. Für einen Preis, für den du, wenn du Pech hast, auch mit einem Taxi von der City zum Airport fährst. Unsere Fahrt soll neun Stunden dauern, ich bin gespannt. Auf der kurzen Strecke bis zum Busbahnhof dudelte ein Fernseher, es riecht schwer nach Kopfhörer auf der Reise. Ich bin gerüstet. Mein Rucksack hoffentlich auch. Ich mache mir keine Sorgen. Wie man liest.

Allem Anschein nach haben wir anderthalb Stunden Aufenthalt, draußen dieseln die Motoren, man könnte die Zeit nutzen – wenn man sich keine Sorgen machen würde, dass irgendwas passiert, das nicht passieren soll. Also setze ich mich auf meinen Platz und warte, was passiert. Leider ist die Air Condition jetzt aus, sie war vorhin ganz erträglich. Bin froh, wenn es losgeht, der Aufenthalt an Busbahnhöfen, der Gestank und der Lärm sind nicht wirklich mein Hobby. Plötzlich setzt sich der Bus in Bewegung, ich bin der einzige Passagier. Aber er fährt nur ein paar Meter weiter, und stellt sich an eine andere Haltebucht, na da hätte ich aber Augen gemacht, wenn ich kurz vor neun vom Zeitvertreiben gekommen wäre.

Immerhin, die ersten Passagiere steigen ein, der TV läuft wieder und die AC geht an. Ich bin der einzige Touri, zumindest aus dem Ausland. Mein Ticket wird kontrolliert, lächelnd mir ein Wasser in die Hand gedrückt, es ist wieder alles im Lot. Hoffe ich. Der Motor blubbert im Leerlauf, der Sitz ist bequem und ich habe ewig Platz zwischen den Beinen und dem Vordersitz. Dabei ist das gar nicht die dollste Variante, aber so kann man reisen, auch wenn zwischenzeitlich die Zeit anstrengend sein kann. In Indien musste ich teilweise mit einem Bruchtteil des Platzes auskommen. Wer Indien einmal erlebt hat, für den ist Thailand ein Heimspiel. Soweit ich das jetzt mal sagen kann. Als Farrang. Gleich geht es los, ready for another day in lifes great adventure.