Camp Nou. Mythos, Legende, Fußballtempel – Heimstätte des großen FC Barcelona; Camp Nou, das ist der Traum eines jeden Fußballbegeisterten, hier einmal ein Spiel zu erleben, das wäre es – so könnte man meinen.

Der Großteil unserer Reisegruppe hatte sich schon vor Wochen Tickets für das Spiel gegen Atletico Madrid geordert, 59 Euro das Stück plus Versand. Es waren die günstigsten Karten, auch in Barcelona selbst. Gegentribüne, ganz oben – mit Blick über das Stadionrund und die Lichter der Stadt, die Gegentribüne ist höher als die Haupttribüne.

Mir erschien dies zu teuer. Noch hatte ich stets egal wo günstigere Karten auf dem Schwarzmarkt erhalten, so wollte ich auch hier mein Glück auf die Probe stellen – im Zweifel hätte ich mir das Spiel bei einem Estrella oder San Miguel in einer Kneipe angeschaut. Wie wohl auch diejenigen Arbeiter, Schüler oder Studenten, welche sich die Karten nicht leisten können.

Zwei Metro-Haltestellen spucken in kurzen Zeitabständen die Besucher aus, Sprachgewirr, Spanisch, Valencianisch, Deutsch, Englisch – viele der Mitreisenden tragen nagelneue Trikots, erworben bei einem der unzähligen Stände oder Läden in der Stadt. Neymar, Messi, Suarez. Barcelona ist auch im Januar für Touristen interessant, man ist selten alleine.

Das Camp Nou ist nur ein paar Hundert Meter von der Station Collblanc, an der wir aussteigen, entfernt. Die Bildschirme in den Kneipen zeigen Vorberichte, die Menschen strömen dem Stadion entgegen. Nüchtern. Weder in der U-Bahn, noch auf den Straßen hören wir Fangesänge, niemand torkelt, keiner fällt. Anhänger von Atletico sehen wir nicht. Es ist dunkel.

Zwei Asiaten versuchen, zwei Tickets zu verkaufen, noch kosten sie sechzig Euro – schon in der Stadt erfuhren wir, dass noch Tickets erhältlich sind, auch die Schnäppchen für 59 Euro. Die meisten halten Din A4 Zettel in der Hand, die Vorausdrucke, so auch wir. Später fällt für mich ein Ticket für 40 Euro ab – das ist mir eigentlich immer noch zuviel, aber einmal im Leben kann man es ja machen.

Wir umrunden das Camp Nou, alle naslang ein Stand mit Souvenirs, findige Händler verkaufen Bier, die Dose Estrella für einsfünfzig, Essensstände sind rar – wenn es überhaupt welche gibt. An einer Einfahrt zum Stadion drängen sich die Menschen, hier fährt wohl der Mannschaftsbus ein – der von Atletico, wie wir erfahren sollten. Denn nach einigen hundert Metern wird es eng, die Straße ist abgesperrt, an den Gittern drängen Hunderte Fans bzw. Zuschauer bzw. Neugierige. HIER wird der Bus des Heimvereins also vorbei kommen. Wir drängen uns hindurch und erreichen eine Meile mit Verkaufsläden. Trikots, Karten, Speisen – alles hochoffiziell. Der Eintritt ins Museum kostet 14 Euro – vielleicht ein andermal. Ich erwerbe einen Pin und wir ziehen weiter, vorbei an Oldschool-Tickethäuschen – die noch offen haben. Weiter hinten, ein paar Schritte vom Stadion entfernt eine Gaststätte, Bier und Burger, nicht teuer. Plastikbecher stehen bereit, die Bierflaschen umzufüllen – für den Weg ins Nichtraucher Camp Nou.

Der Einlass geht schnell an Gate 84, wir erklimmen die grauen Stufen nach oben, Treppe um Treppe schrauben wir uns die Gegentribüne hoch – bis hin zu dem Moment, wo du über den Stufen den flutlichtenen Himmel siehst und weisst: Mit dem nächsten Schritt wirst du den Rasen sehen, die Ränge und die Atmosphäre dazu.

Und so war es auch, es offenbarte sich ein riesiges Stadion, der Rasen leuchtete weit unten, die Haupttribüne war leer – und es war still. Noch war es eine halbe Stunde bis zum Anpfiff, die Gästekurve suchten wir vergeblich – genau so wie Banner, Fahnen und eigentlich alles, was zum Fußball gehört. Allmählich füllte sich das weite Rund – an der Atmosphäre änderte sich jedoch wenig bis nichts. es war einfach still. Bemerkenswert, dass auch keine Musik vom Band lief, auch der Stadionsprecher war, abgesehen von der Mannschaftsaufstellung und einer Ehrung für Lionel Messi als Rekordtorschütze, kaum zu hören. Noch dachte ich, dass mit Anpfiff das Camp Nou erbeben wird, mittlerweile war just zu diesem Zeitpunkt auch die Haupttribüne besetzt, um uns herum jedoch etliche freie Plätze. Kurz vor Beginn umstanden die Mannschaften den Mittelkreis für eine Schweigeminute anlässlich des Attentats auf die Mitarbeiter von Charlie Hebdo. 90.000 standen auf.

Anpfiff, Anstoß Atletico. Auf der Heimtribüne hinter dem Tor wedelten ein paar Fahnen, wenn es hoch kommt vielleicht dreißig – und es blieb nahezu still. Ab und erklang ein „Barca, Barca“ dazu kam später noch ein Messi, Messi – lebendig wurde es höchstens nach den Toren. Und die sollten auch fallen. Die kleinen Männchen unten kickten fröhlich vor sich hin, Barca ging verdient durch Neymar in Führung, Suarez erhöhte nach 35 Minuten auf 2:0. Beide Treffer fielen nach Vorarbeit von Messi. Es war langweilig, Atletico kam überhaupt nicht ins Spiel und auf den Rängen wird im Vergleich sogar bei den Bayern ein Feuerwerk gezündet. Ich überlegte kurz, in einer Kneipe weiter zu gucken.

Halbzeit, wir gingen nach unten, um zu rauchen, trafen dort auf ein paar junge Spanier, deren Cigaretten schon dampften und wussten, was passiert: Ordner schickten uns wie Schulbuben die Treppe runter, auf jedem Absatz blieben wir stehen, wurden aber stets verscheucht, bis wir ein Plätzchen fanden, um halbwegs ungestört mit Gleichgesinnten unserem Laster zu frönen. Dann ging es weiter.

Ein zweifelhafter Elfmeter für die Mannen aus der Hauptstadt, verwandelt durch Mandzukic, der mit Handschuhen spielte, brachte Atletico zurück ins Spiel, das nun hitziger wurde. Nun konnte man von den Rängen ab und an Beschimpfungen hören, Puta oder Puto, die Klassiker – atmosphärisch dicht aber geht anders. Kurz vor Schluss machte Messi dann den Deckel zu, 3:1 – das war auch der Endstand. Im Nu leerte sich das Stadion, wer nicht gehen wollte, wurde von den Ordnern nach draußen geschickt. Kehraus. Die Massen strömten zur Metro, kurzes Gedränge, Abfahrt, umsteigen. Auf dem Heimweg erfuhren wir noch, dass nach 23 Uhr selbst in den Spätis kein Bier mehr verkauft wird. Zumindest meist. Wir hatten Glück.

Das war es also, das vermeintliche große Fußballerlebnis FC Barcelona vs Atletico Madrid im Camp Nou. Im Ernst, selbst der FSV würde die Einheimischen an die Wand singen. Hier läuft die große Fußballerlebniswelt mit den teuersten Spielern und fantastischen Trikot-Umsätzen, durchorganisiert und zum Sterben langweilig. Nächstes Mal geht es in die Kneipe, ins Stadion nur, wenn die Eintracht hier spielt. Würde mir persönlich aber den FC Valencia wünschen.

Am nächsten Morgen waren die Gazetten natürlich voll mit Berichten über das Spiel. Eine Karikatur widmete sich den Fouls an Neymar. Eine Zeichnung des blutenden Knöchels untertitelten sie mit: Je suis Neymar. Ich nicht.