Während allerorten die WM in Brasilien die Schlagzeilen beherrscht, hatten sowohl das Frankfurter Fanprojekt als auch das Eintracht Museum in den letzten Wochen allerhand zu tun. Stand am Samstag die Einweihung der Wand für Toleranz im Mittelpunkt, so wartete schon am Montag darauf ein weiterer Höhepunkt im Rahmen der Arbeit für Respekt und Toleranz.

Zum einen beteiligte sich die Eintracht zum nunmehr sechsten Male an der Stolpersteinverlegung für vertriebene und ermordete Opfer des Nationalsozialismus und hatte aus diesem Grunde die Nachfahren des 1935 vor den Nazis geflohenen Mitinhabers des Schlappeschneiders, der Firma J.C & A. Schneider, Walter Neumann eingeladen. Zu dessen Wirken hat das Eintracht Museum einen fantastischen Text erarbeitet, der den Lebens- und Leidensweg Neumanns beleuchtet.

Zum anderen sollte im Rahmen einer Doppelveranstaltung ein Denkmal eingeweiht werden, welches vom Frankfurter Fanprojekt zur Erinnerung an all die namenlosen Fußballfans errichtet wurde, welche im Rahmen der NS-Diktatur von einem Tag auf den anderen von ihren Plätzen im Stadion vertrieben wurden. Vertrieben, verfolgt, ermordet.

Gekommen waren mit Michael und Andrew Newman die Enkel Walter und Charlotte Neumanns, deren Heimat seit der Flucht des Großvaters in Blackburn, England liegt. Mit dabei auch Jacquelin Newman und Sohn Max. Treffpunkt war das Haus in der Kennedyalle 89, der letzten Wohnstätte von Walter und Charlotte Neumann und es waren so viele Menschen gekommen, dass wir den Radweg blockieren mussten und für die armen Radler kaum ein Durchkommen war. Museumsdirektor Matze Thoma hatte extra für das Ereignis ein T-Shirt übergestreift, welches neben dem Eintrachtadler das Wort „Schlappekicker“ zeigte, jenes umgangsprachliche Wort, das heute jeder Frankfurter kennt. Der Ursprung des Wortes aber liegt in der Tatsache begründet, dass viele Fußballer der Eintracht zu Beginn der dreißiger Jahre in der Firma Schneider, die vorwiegend Hausschuhe produzierte, angestellt waren.

Es war eine kunterbunte Ansammlung verschiedenster Eintrachtler und Freunde an jenem sonnigen Nachmittag. Auch Hilde Kremer war gekommen, nunmehr 92 Jahre alt, die schon als kleines Kind mit der Tochter Neumanns am alten Riederwald gespielt hatte – und schon im Alter von vier Jahren Ehrenmitglied von Ajax Amsterdam geworden ist. Sie hatte seinerzeit den Verantwortlichen bei einem Freundschaftsspiel einen Blumenstrauß überreicht und schwärmt heute noch von Walter Neumann und dessen Großzügigkeit. Gekommen waren mit Axel Hellmann und Stefan Minden auch Vertreter von AG und eV, dazu gesellte sich mit Dieter Stinka ein Mitglied der Meistermannschaft von 1959, gekommen war mit Heidi Herbst auch eine der ersten Frauenfußballerinnen in Frankfurt, damals, als Ende der Sechziger der Frauenfußball noch verboten war, gekommen war der Ortsvorsteher Christian Becker vom Ortsbeirat 5, gekommen war auch Klaus Gramlich, einstiger Präsident der Eintracht und Sohn von Rudi Gramlich und gekommen war natürlich auch Helga Roos, die mit der Geschichtswerkstatt im Gallus vor einigen Jahren die Geschichte der Firma J.C. & A. Schneider Punkt für Punkt aufgearbeitet hatte. Leider nicht dabei war Christoph Safran. Christoph hatte das preisgekrönte Projekt damals mit großem Enthusiasmus vorangetrieben – und ist im Dezember 2011 im Alter von nur 24 Jahren verstorben.

Unter den bewegenden Klängen der Klarinette von Roman Kupferschmidt wurde die feierliche Zeremonie eröffnet. Pflastersteine wurden dem Bürgersteig entnommen und statt ihrer setzte Gunther Demnig zwei Messingsteine ein, die an Walter und Charlotte Neumann erinnern. Hochbewegt nahm die Familie Newman an der Verlegung teil und lauschte den Worten von Axel Hellmann und Matthias Thoma. Rührend der Moment, als Axel aus einem Brief zitierte, geschrieben von Charlotte Neumann 1950 anlässlich des 50jährigen Geburtstag der Eintracht – nachdem die Eintracht zuvor eine Goldene Ehrennadel zur Würdigung von Walter Neumann, der 1948 verstorben war, nach Blackburn übersandt hatte:

“ Ich bin wirklich ganz gerührt über die große Freundlichkeit, daß die Eintracht mir im Andenken an meinen Mann die goldene Ehrennadel geschickt hat. Ich wünschte nur, er hätte das selbst noch erleben können. So danke ich Ihnen und den maßgeblichen Herren. Mögen die nächsten 50 Jahre der Eintracht denselben Aufstieg bringen, der sie in der Vergangenheit an die Spitze deutscher Sportvereine brachte…“

Der Originalbrief der Eintracht samt Ehrennadel wurde von den Newmans mitgebracht, Matze Thoma zitierte später daraus mit zittrigen Händen und war überglücklich, das Dokument zu sehen.

Im Anschluss an die Verlegung traf sich die Truppe im Eintracht Museum, mit dabei auch Martin Hind, der sich dankenswerter Weise als Übersetzung zur Verfügung gestellt hatte. Newmans, die zum ersten Male sowohl im Stadion als auch im Museum waren, zeigten sich begeistert. Helga Roos hatte Tafeln zur Verfügung gestellt, die die Geschichte der Firma Schneider darstellten und die Familie Newman sah etliche Fotos der damaligen Zeit zum allerersten Mal. Heute sind sie, wie auch nach der Flucht ihr Großvater, große Anhänger der Blackburn Rovers und natürlich lag es nahe, dass über ein mögliches Spiel der Eintracht in Blackburn gesprochen wurde. Walter Neumann, der nach seiner Flucht auch in Blackburn eine Schuhfabrik gegründet hatte, unterstützte finanziell aber zeitlebens, oder besser: bis zur Flucht, nur eine einzige Mannschaft: Seine Frankfurter Eintracht.

Als die Schuhproduktion in Blackburn 1999 eingestellt wurde, gab es Mitarbeiter, die vom ersten Tag an bis zum letzten für die Newmans in Blackburn tätig waren. Die Verbundenheit mit der Firma, die schon vor 1933 in Frankfurt spürbar war, hatte auch in England durch die Freundlichkeit Walter Neumanns Bestand. Und auch heute existiert die Fabrik noch in Blackburn – und vertreibt Schuhe. Zum Dank und auch zur Erinnerung an den heutigen Tag bekamen sowohl die Newmans als auch Frau Kraemer ein Schlappekicker-Shirt überreicht

Im Anschluss an den offiziellen Teil der Stolpersteinverlegung pilgerten rund 100 Eintrachtler Richtung Stadioneingang zur Enthüllung des Denkmals, welches an die vertriebenen und ermordeten Eintrachtfans erinnert. Roland Frischkorn, Vorsitzender des Sportkreises Frankfurt, beleuchtete die traurige Zeit der NS-Dikatatur: Nie wieder Faschismus sprach er, nie wieder Krieg! Und dann war es soweit, Stadtrat Claus Möbius, der seinerzeit das zweite Fanprojekt mitbegründet hatte, zog die Folie vom Denkmal, dass nun unter großem Applaus enthüllt wurde. Nebenan steht ein kleines Hinweisschild mit grundsätzlichen Informationen. Ein QR-Code verweist auf einen längeren Text auf der Homepage, der versucht, den Sachverhalt rund um die finstere Zeit 1933 – bis 1945 zu beleuchten.

Und einer war besonders glücklich, Stephan von Ploetz, von allen nur Steff genannt, der als Leiter des Fanprojektes mit seinem Team sowohl das Projekt „im gedächtnis bleiben“ initiiert, als auch das Denkmal auf den Weg gebracht und zudem die Arbeiten am Tony Yeboah Haus begleitet hatte. Für ihn und seine Mitstreiter Basti, Benni, Busi und Gabi gehen anstrengende Wochen zu Ende, großen Respekt und ein ganz dickes Dankeschön hat er sich allemal verdient. Danke Steff. Für alles.

Es folgen nun entgegen der Gepflogenheiten hier recht viele Fotos der Veranstaltungen, aber ich denke, es lohnt sich.