Ein Sammelsurium aus dem angebrochenen Leben

Neulich an der Konsti: Helene Fischer

Natürlich war sie nicht persönlich vor Ort, jene blonde Schlagersängerin, die mühelos die größten Hallen füllt, sogar im TV, und demnächst tatsächlich auch in der hiesigen Arena konzertieren wird – da, wo sonst Bruce Springsteen oder Depeche Mode auftreten. Nein, wir kamen darauf, weil Niko grinsend meinte, es gäbe sogar Helene Fischer Ultras. Waldstadion? Ultras? Natürlich ziehen mich solche Stichworte magisch an – und ich fragte mich: Zieht sich da urplötzlich ein Riss durch die Neue Deutsche Makellosigkeit?

Mein Verhältnis zum Schlager beginnt zur Zeit meiner Einschulung, Juliane Werding trällerte „Am Tag als Conny Kramer starb“ und Klein-Beve war begeistert. Natürlich wurde fortan die Hitparade verfolgt und so wuchs ich als Grundschüler auf mit der Generation der frühen Siebziger, als Schlager noch orchestral instrumentalisiert waren – textlich sich aber meist weniger am französischen Chanson orientiert wurde, sondern an der Neuen Deutschen Belanglosigkeit – wobei Formen der Traurigkeit stets begleitend waren. Der tote Conny Kramer, der tote Baum, der Zug nach Nirgendwo oder die Barke mit der gläsernen Fracht – sie korrespondierten mit Hossa, einem knallroten Gummiboot oder den Rosen von Malaga. Mindestens zwei Titel aus jener Zeit zählen bis heute zu meinen Alltime-Favorites, nämlich Akkordeon von Daliah Lavi und Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt von Barry Ryan. Barry hatte mir sogar vor Jahren selbst in diesem Blog geantwortet – es war meine Adelung. Und Daliah Lavi war meine erste heimliche Liebe. Ich war sieben und sie 29 – wir waren damals einfach zu verschieden, als das es was hätte werden können. Aber unvergessen das Plattencover, welches ich bei einer Freundin meiner Mutter entdeckte, Daliahs Oberkörper nur von einer durchsichtigen Bluse bedeckt. So etwas prägt. Und bis heute bin ich tatsächlich begeisterter Daliah Lavi Hörer. Gut, ich höre auch die Coffinshakers, Gaslight Anthem, Madredeus oder Kettcar und natürlich Postpunk.

Ein Phänomen der frühen Jahre ist ja die Tatsache, dass die Biederkeit des deutschen Schlagers stets mit einem Hauch Exotik garniert war, oder das, was man dafür hielt. Natürlich bezog sich das auf die Texte: Mexico, Mykonos, St. Petersburg, Malaga, Taiga – dort fand die Sensucht ihre Heimat. Und die erfolgreichsten Interpreten hatten einen Migrationshintergrund. Wencke aus Norwegen, Daliah aus Israel, Bata und Dunja aus Jugoslawien, Danyel und Gilbert aus Frankreich, Gitte aus Dänemark, Siw aus Schweden, Costa, Nana und Vicky aus Griechenland, Lena aus Litauen, Rita aus Italien, Graham und Ireen aus England, Karel aus Tschechien, Adamo aus Belgien, Peggy aus Amerika. Und wer nicht aus Exotien kam, der tat so: Ivan, Chris, Rex, Mary. Natürlich gab es auch Ausnahmen. Heino. Und wovon sang er? Polenmädchen und Wigwam. Okay, auch von der Haselnuss, aber sind wir mal nicht so.

Irgendwann löste disco mit Ilja Richter die Hitparade ab – zumindest, was meine Hörgewohnheiten anging, zumal der Schlager in eine veritable Krise geriet, die musikalische Inszenierung passte sich den Texten an, mit Andy Borg war das Genre gestorben. Ich wand mich erst Uriah Heep, dann dem Heavy Metal zu und höre von Zeit zu Zeit aus nostalgischen Gründen die alten Platten meiner Mutter, von Peggy March, Adamo oder Benny. Oder Renate Kern, die so unglücklich war.

Natürlich kramten wir später die Perlen hervor, Cindy und Berts Coverversion von Black Sabbath Paranoid, Karel Gotts Cover der Stones, Schwarz und Rot (Irgendwie auch ein Eintracht Song). Neulich erst lernte ich über Charly die Scorpionscover von Sweet kennen. Die Scorpions singen auf deutsch „Fuchs geh voran“ – Fox on the run. Ironische Distanz das Zauberwort.

Von ironischer Distanz kann bei Helene Fischer (geboren in Krasnojarsk, Sowjetunion) keine Rede sein. Helene ist perfekt. Alles ist perfekt. Das Haar, die Garderobe, die Bühnensninszenierung, das Lächeln. Man möchte sie anrufen und sagen Hörma Helene, ich habe da ein Problem, kannst du mir helfen? Und sie hat den Telefonhörer unters Kinn geklemmt und wuselt in der Wohnung umher, auch im Jogginganzug makellos, und kocht eine phantastische Pasta, während sie mir einen Tipp gibt, wie ich mein Leben wieder in den Griff bekomme. Eine Winzigkeit Salz zuviel im Nudelwasser, man wird es nicht schmecken, aber sie weiß: Niemand ist fehlerfrei. Helene ist 29, wie einst Daliah Lavi.

Neulich hat die TAZ eine Polemik in die Welt gesetzt, die jetzt nicht ganz so freundlich mit Helene umspringt. Wobei neulich ist gut, das ist jetzt schon bald ein Vierteljahr her, aber erst im Zuge des Gesprächs an der Konsti ist es mir über den Weg gelaufen. Das liest sich ganz lustig, streift einge Wahrheiten – doch wie böse muss erst eine Polemik über Andrea Berg ausfallen. Vielleicht sollte ich sie schreiben – aber dafür müsste ich mich mit Andrea Berg auseinandersetzen, was ich jetzt nicht so möchte. Wobei auch hier gibt es einen ganz klaren Eintrachtbezug. Unsere U23 spielt nämlich in der Regionalliga regelmäßig gegen Großaspach – und das Team von Großaspach reiste mit dem Andrea Berg Bus nach Frankfurt. Echt jetzt. Von Andrea Berg Ultras habe ich bislang allerdings noch nichts gehört, rufe aber schonmal vorsorglich: Alles außer Helene ist scheiße.

Natürlich musste die TAZ-Polemik seitens der Helene Groupies Reaktionen hervorrufen, wurden doch unter anderem Helenes Fans pauschal als Matschbirnen betitelt. Das muss man jetzt nicht so machen – man kann es aber. Und selbstverständlich haben dann die Matschbirnen ganz matschbirnenhaft gezeigt, das sie glauben, keine zu seien. Hochempört widmete sich sich schlagerplanet.com der TAZ: Die Behauptung, dass Helene Fischer-Fans „gehirnlos“ sind, ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Damit war Gerechtigkeit wieder hergestellt. Könnte man meinen. Wenn nicht im Kommentarbereich antje s. noch einen draufgesetzt hätte: so leute finde eine frechheit helene ficher so zu beileidigen ihr seid mal ganz ruig eure zeitung kauft bei uns keiner die wird bei uns in der u bahn verkauft helene ficher ist eine der besten sengerin unf die fens halten zu ihr ihr seid dum

Da bin selbst ich, der mit dem Gedanke schwanger geht, den Helene Fischer Ultras beizutreten, sprachlos. Und grübele nebenbei, weshalb ich das alles geschrieben habe. Und: Kommt wer mit, wenn Helene Fischer im Stadion auftritt? Aber benehmt euch, nicht dass wir demnächst ein Banner mit dem Text: Ehre der Gruppe Helene Fischer Verbot aufhängen müssen.

 

8 Kommentare

  1. Kid

    Helene Fischer? Ich kann zu ihrer Musik und ihren Fans nichts sagen – ich kenne sie nicht.

    Den Artikel in der Taz habe ich aber nun gelesen, weil du ihn verlinkt hast. Na ja. Ist das eine Masche der taz, Klicks zu sammeln, indem man ohne erkennbare Not dort polarisiert, wo das lauteste Echo zu erwarten ist? Und im Gegensatz zu deinem Eintrag finde ich in dem Text der taz keine Spur von Humor oder Selbstironie.

    Übrigens: Ich finde Frau Fischer – wie auch? – nicht „scharf“ und die SPD schon lange nicht mehr „links“, habe aber in den 70ern zu den Scorpions „gerockt“. Und ich lege jetzt mal die Lovedrive oder die Tokyo Tapes auf. Nicht aus Protest, sondern damit das Lesen des taz-Artikels doch noch für etwas gut war. :-)

    PS: Für ihre Fans kann Frau Fischer wahrscheinlich so viel oder so wenig wie ein Fußballverein für seine Anhänger. ;-)

    • Beve

      Die Scorpions. Tokyo Tapes war eine klasse Platte. Nach all den Scorpions-Platten ab Ende der Achtziger kann ich sie heute nicht mehr hören, die Stimme Klaus Meines geht für mich nicht mehr. Aber lustig ist es schon, wie so viele Fäden bei der Eintracht zusammenlaufen. Obgleich die Scorpions meines Wissens nie im Stadion gespielt haben.

      Beim letzten Satz bin ich nicht bei dir, da das Angebot einer bestimmten Musik an eine Zielgruppe sich die Fans heranzüchtet, die es verdient. Und wer die Welt auf jene Art verdichtet, wie es im modernen Schlager geschieht, der weiß, wen er anspricht. Natürlich sind die Hörer keineswegs durch die Bank Matschbirnen, aber Tocotronic oder Kettcar fordern anders, was jedoch matschbirnenhaftigkeit nicht ausschließt.

      Über die SPD sage ich nichts. Nicht mehr.

      • Kid

        Das ist richtig, Beve, aber „verdichtet“ der Fußball nicht auch? Und zwar auf eine Weise, die uns – wie Schlager und TV – ablenkt? Ablenkt von den Sachen, die allemal wichtiger sind, die wir aber entweder ausblenden wollen oder – vielleicht zu Recht – meinen, nicht mehr ändern zu können? So gesehen wäre auch der Fußball wie einst die Religion Opium, eine Droge, die eine Zuflucht bietet, die gleichzeitig eine Flucht vor der Realität ist. Und wie so oft bei massenhaften Fluchtbewgungen kannst du dir die nicht aussuchen, die um dich herum dabei sind und mitmachen, weil sie ein ähnliches Ziel haben.

        Ich mache mir da nichts vor, auch wenn mein Geschreibe über die Eintracht auch immer mal „Gott und die Welt“ streift: Die Zeit, die ich in den letzten Jahren reisend, schauend und vor allem schreibend aufgewendet habe, habe ich davor in sozialpolitische Aktivitäten investiert. So lange bis meine anfängliche Naivität aufgebraucht war.

        Ich bin einer, der aufgegeben hat. Da will ich mich nicht über andere, die vielleicht flüchten, ohne es vorher wenigstens versucht zu haben, stellen und schon gar nicht über sie richten. Richter haben wir ohnehin genug. Auch ohne angeklagt zu sein. :-)

        • Beve

          Ich denke, dass Fußball, besser die Eintracht für unsereins, gleichzeitig Realität und Flucht ist. Klar kann man sich die Mitgenossen im Allgemeinen nicht aussuchen, im Speziellen schon.

          Manch einer würde sagen, das Engagement in sozialpolitischen Aktivitäten zementiert genau die Verhältnisse, gegen die man anzukämpfen gedenkt.

          Dein Blick auf die Welt, kritisch, reflektiert, ist ein wichtiger Beitrag, die Dinge zu erkennen, wie sie sind und nicht wie sie scheinen wollen. Da würde ich nicht von Aufgeben sprechen, eher von Verlagerung.

          Letztlich haben wir nur ein Leben (aller Voraussicht nach) und da sind kleine Fluchten und das Finden von Nischen eine Möglichkeit des Kräftesammels. Halte ich nicht verkehrt, solange nicht die Sinne verkleistert werden.

  2. owladler

    Erst der Gagelmann und jetzt das! Reiß dich zusammen. Ich weiß, der Abstiegskampf kostet Nerven; aber gegen Mainz müssen alle Kräfte gebündelt werden, dann erst kannst du den Gedanken freien Lauf lassen. Helene Fischer ist sowieso bloß so eine Art Dalai Lama: Kommen alle in unser Waldstadion und lenken uns von der Eintracht ab!
    Gruß aus Ostwestfalen (hier ist es schon schwer genug).

    • Beve

      Gagelmann ist weitaus schlimmer, man kann ihn nicht ignorieren. Gestern war ich in Offenbach, unsere u23 spielte dort und verlor. Ich hörte mir in der zweiten Halbzeit ununterbrochen „Drecksau“ an. Dann Gagelmann. Es war wirklich nicht mein Tag.

  3. Andi 59

    Ich kenne Helene Ficher auch nicht, ob es sich lohnt sich mal etwas auf Youtube anzuschauen?
    Gelohnt hat sich auf jeden Fall die Lektüre deines Artikels, selten so gelacht in deinem Blog, danke dafür!
    Und jetzt such ich mal nach meiner Barry-Ryan-Single ;-)

  4. Beve

    Ja, höre Barry Ryan. Es gibt sogar ein Video davon, gedreht in Baden Os. Guck dich mal auf den bekannten Video-Plattformen um, auch über Helene. Ob es sich lohnt, musst du wissen. Ich mag musikalisch eher die Pogues :-)

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