Es hätte ein schöner Tag werden können. Die Sonne lachte bereits in der Frühe als ich in der Schlange beim Bäcker in der Rohrbachstraße wartete. Die Erwachsenen tippten auf ihrem Handy oder starrten ins Nichts, während ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, mit einem geflügelten Pony in der Hand, auf den Treppenstufen und Fenstersimsen herum kletterte und lachte – wie eben die Sonne.

Später radelte ich an die Konstablerwache, um mich mit Flo am Nachtleben zu treffen, wir hatten beide die Eintrachtaufleber am Rad überklebt, versprach doch unser Ziel eine möglicherweise Sachbeschädigung ob des Adlers. Genau, wir fuhren nach Offenbach, genauer an den Bieberer Berg – der ultimative Gegenentwurf zur Heimat.

Am Main tummelten sich die Wochenendler, die Radler und Skater und Sonnenanbeter, wir unterquerten die neue Brücke zur EZB, die wiederum ein begehrtes Fotomotiv abgab. Weiter hinten, am Ruderdorf, warteten Holger und Ingo auf uns, wir passierten meine alte Heimat Oberrad und den Kaiserlei und rollten am Baugebiet des neuen Hafens in OF vorbei, entdeckten zwischen Nordring und Main den Hafengarten, Hunderte von Töpfen wollten begärtnert werden. Dann der Flohmarkt, am Main lagerte eine neue Brücke während ein paar Meter weiter dahinter Gebrauchsgüter aller Art gehandelt wurden. Ein Samstag am Fluss.

Unser Ziel lag noch ein paar Kilometer entfernt, an Polizeiwagen vorbei radelten wir durch die recht leere Stadt, selbst an der Bieberer Straße war nicht viel los – abgesehen natürlich von unseren Freunden und Helfern, die nichts zu tun hatten, wir waren spät, eventuelle Massen schon im Stadion. Holger und Ingo verabschiedeten sich Richtung Gästeblock, während wir unsere Einlasskarten suchten, die vorgeblich an einem Parkplatz ausgeteilt wurden – aber nicht zu finden waren. So kam es, dass wir nach einigen Minuten der Kulisse entnehmen konnten, dass ein Tor gefallen war – und es war keines für die Eintracht, deren U23 hier beim OFC anzutreten hatte. Na toll.

Nach einigem hin und her und unter tatkräftiger Mithilfe Offenbacher Angestellten schafften wir es, die schattige Waldemar Klein Tribüne zu erreichen. Wir kämpften uns auf die Plätze der Presse, begrüßten das ein oder andere Gesicht und blickten uns um. Die besonnte Gegengerade, alles Stehplätze, war bis auf einen Sperrbereich zu den Eintrachtfans gut gefüllt, auch hinter dem Tor war einiges los. In Erinnerung an das Hinspiel hing ein Banner mit der Aufschrift Hier steht ein Huso im Tor. Eintracht Torhüter Aykut Özer hatte sich damals über den Eintrachtsieg gefreut, so etwas wird hier nicht verziehen. Ich war gespannt, ob das Banner in der zweiten Hälfte noch hängen würde.

Der Eintrachtmob war überschaubar, ein paar Hundert Leute hatten sich in die Höhle des ähem Löwen aufgemacht, ab und an wurde ein bisschen supportet. Unten auf dem Platz mühte sich die U23, außer einem Wembleytor war jedoch wenig Spektakuläres zu berichten. Die Halbzeit brachte einen Blick ins Stadioninnere, es gab Rindswurst und Cola und die Erkenntnis, dass der Geschäftsstellenleiter der Kickers Adler heißt. Das ist natürlich lustig.

In Halbzeit zwei wechselten wir die Plätze, um die Option aufrechtzuhalten, wenige Minuten vor Endes des Spiels den Rückweg anzutreten – immerhin wollten wir ja noch einiges von der Bundesligabegegnung der Eintracht in Wolfsburg via TV mitnehmen, da zählt jede Sekunde. Wir hockten uns nach vorne neben Gudrun und Nina und verfolgten das Spiel recht schweigsam, saß doch hinter uns ein einheimisches Exemplar, das durchgängig „Drecksau“, „Dreckspack“ oder „Sau“ rief. Die Stimme schien sich regelrecht zu überschlagen. Irgendwann drehte ich mich um, langsam, ohne Hast, ohne ihn zu fixieren. Ganz kurz nur streiften sich unsere Blicke. „Halts Maul du Sau“ dröhnte es kicksend. Ich hatte ja noch gar nichts gesagt. Meine Hand zuckte. Aber ich blieb ruhig, um uns herum rotweißte es – und es wäre keine gute Idee gewesen, in massiver Unterzahl auf der Haupttribüne ein Gekloppe zu beginnen. Wobei? Naja, im End ist es für einen Frankfurter kein Spaß, hier oben Fußball zu gucken – aber das ist alles andere als eine neue Erkenntnis. Am Spielfeldrand Barbara Klein.

Die Eintracht mühte sich, ab und an kochte die Stimmung hoch, doch so recht lag kein Tor in der Luft. Kickerstrainer Rico Schmitt gestikulirte ganz oldschool in Kickschuhen am Spielfeldrand. Eintracht-Trainer Alex Schur gab sein Bestes. War natürlich eine „Sau“. Irgendwann skandierten die Frankfurter Auswärtssieg. Ein paar Offenbacher ließen hämische Kommentare ab, doch wir ahnten, dass unsere Großen was gerissen hatten. Ein Blick aufs Handy bestätigte: Tor der Eintracht in Wolfsburg. Aigner. Wenn Özer den Ball hatte, pfiff ein Großteil der über 7.000, aber auch der OFC konnte trotz einiger guter Chancen keinen Treffer erzielen, der Drops war gelutscht, wir machten uns vom Acker. Noch war die Bieberer Straße ruhig, ich entfernte die Abdeckung meines Aufklebers und wir radelten gemächlich an den Main, über die Kaiserleibrücke Richtung Bornheim. Heimat, es ist immer schön, dich nach Ausflügen in Krisengebiete wieder zu erleben.

Zuhause angekommen war Halbzeit in der Bundesliga, Pia berichtete uns vom Verlauf der ersten 45 Minuten, die zweiten sahen wir dann selbst. Auch das vermeintliche 2:0 – aus unerfindlichen Gründen von Schiedsrichter Gagelmann und Co nicht gegeben. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Olic, natürlich Olic, traf zum Ausgleich und als wir uns mit dem Remis arrangiert hatten, hämmerte Naldo die Kugel aus zig Metern in den Winkel. Ende aus. Während gegen Mönchengladbach völlig unverständlich vier Minuten Nachspielzeit  angezeigt wurden, so waren es diesmal trotz etlicher Verletzungspausen, darunter ein nicht geahnteter Tritt gegen Schröck, nur zwei. Der finale Kopfball Madlungs wurde über die Latte gelenkt, Abpfiff, Ende aus.

Wieder verloren – es war nicht unser Tag. Aber vielleicht war es auch eine Mahnung: Wer nach Offenbach fährt, der wird bestraft. Man hätte es wissen können. Das Banner hinter Özers Tor war in der zweiten Halbzeit verschwunden, so clever waren sie dann doch. Schade.