Ich hab’s schon wieder getan. Und ja, es hat mir Spaß gemacht. So ne Beziehung braucht ab und an ein bisschen Abwechslung, mal was Neues erleben, auf andere Gedanken kommen, sich als ein anderer fühlen – das ist doch was Schönes. Befreit von den Ritualen sich auf etwas Ungewisses einlassen und dennoch zuhause sein. Also, ich war beim FSV. Pia war dabei.

Irgendwie passte alles, es fing an im Eintracht Museum. Ein Taxifahrer hielt an und fragte, wo denn hier das Spiel sei. Leicht ungläubig murmelten wir etwas von Bornheimer Hang. Und wo ist das? Äh, hallo – sie sind Taxifahrer und wissen nicht wo Bornheim ist? Er so: Wisper, doch, murmel … Ich so: Volksbank Stadion, Eissporthalle. Er wieder so: Ah, jetzt ja. Und schwupps war er draußen und verdiente sich mit seiner Fahrt ein Einfamilienhaus. In Offenbach zugegeben. Wohnen in Frankfurt ist teuer, Gentrifizierung heißt das Zauberwort, Nordend, Ostend ihr kennt die Geschichten, den Strukturwandel, das Fräsen der Nerd-Brillenträger durchs alternative Leben mit dem einzigen Ziel: Mehr Wert. Frankfurt am Main klingt besser als Frankfurt am Rhein, aber das ist eine andere Geschichte und gehört eigentlich gar nicht hier hin. Sport.

Das schöne an Spielen am Bornheimer Hang ist zum Beispiel, dass du kurz vor Spielbeginn mit dem Auto angerauscht kommst und trotz bevorstehender Dippemess die berechtigte Hoffnung auf einen kostenlosen Parkplatz in unmittelbarer Nähe zum Stadion besteht – und so kam es dann auch. Der silberne Golf, er parkte brav am Ostpark in der gleichnamigen Straße und nach wenigen Metern landeten wir auf dem Richard-Hermann-Platz, der Vorplatz zum Stadion. Lautstark hörten wir schon die Aachener Kurve, die Bornheimer traditionsgemäß etwas leiser – dafür hing über über dem Rand der Stehplätze ein Banner mit dem Text nach Außen: Am So: Nein zu Rhein. Selbst der Eingeweihte musste kurz übelegen, aber klar, Am So. Am Sonntag.

Noch bevor wir uns am Kassenhäuschen anstellten, kam ein freundlicher Herr auf uns zu und bot uns Karten an; Sitzplätze. Eigentlich wollten wir uns ja stellen, von wegen Tradition und so aber als die Antwort auf die Frage des Preises Nichts lautete, griffen wir zu. Dankeschön hieß es und alsbald enterten wir die schicke Begegnungszone und marschierten ohne Kontrolle auf die Gegentribüne. Hinter uns die Autobahn, vor uns der Blick über den Rasen durch die nicht mehr vorhandene Haupttribüne auf den Bornheimer Hang, auf den Nussberg, dort wo ich als kleiner Bub auf dem Rücken meines Vaters spazieren getragen wurde. Damals, als es die Grünen noch nicht gab, keinen Tigerpalast und unter den Talaren noch der Muff von tausend Jahren steckte. Und im Prinzip jene Revolte begann, die heute mit dem versuchten Wahlaufruf der – ach lassen wir das, es führt zu weit und vom Thema weg.

Hinter der Heimkurve ragte das Riesenrad der Dippemess in die Luft, der imaginäre Geruch von Zuckerwatte, der Gedanke an eine Gürtelschnalle mit Löwenkopf, der Gedanke an eine Zeit, in der es das Größte war, Großmutter im Garten beim Mühle-Spiel zu schlagen. Der Garten, nur ein paar Schritte hinter Richtung Charles-Hallgarten-Schule, die zu meiner Zeit noch Friedrich Ebert Schule hieß, versprach glückselige Kindheit, in der Hütte stapelte Großvater Fußballhefte mit Postern von Röchling Völklingen oder der Spvgg Bayreuth. 2. Liga Süd, lang ist’s her.

Gut besetzt war sie nun, die Heimkurve, auch die Gegengrade beherbergte eine Menge Zuschauer und auch die Fans der Alemannia waren mit etlichen Bussen angereist. Zweite Liga im Jahr 2012 geht anders als damals, Mitte der Siebziger.

Dennoch ist es schon skurril, wenn man bspw. ein Zweitliga-Spiel sagen wir Düsseldorf vs Eintracht sich anschaut, 50.000 Zuschauer in der Messehalle zu Düsseldorf irgendwo in Messeland, kein atmosphärischer Unterschied zu einem Bundesligaspiel – und dann zum Vergleich das heutige Spiel am Hang mit der Baulücke der niedergerissenen Haupttribüne, dem Riesenrad im Hintergrund, den 5.000 Fans und der völlig entspannten Stimmung.

Aachen, mit Ex-Eintrachttrainer Funkel mittlerweile auf einem Relegationsplatz gelandet, begann mit großen Namen; Streit, Odonkor, Auer – jener Auer, der im Mai 2003 für Mainz im Spiel bei der Braunschweiger Eintracht vier Treffer erzielte, die dennoch nicht zum Aufstieg reichen sollten, wir erinnern uns gerne an Schurs Last Minute Treffer zum 6:3 gegen Reutlingen. Damals im Eintrachttrikot Albert Streit, der heute mit der Nummer 13 nicht sonderlich auffallen sollte.

Unsere Plätze befanden sich im Block H der Gegentribüne, also nahe am Gästestehplatzbereich, wir saßen inmitten von Aachenern und Bornheimern und es ging recht gesittet zu. Wundersamer Weise erklang der Support der Gästesteher seltsam unkoordiniert und richtig, eine überschaubare Gruppe zog erkennbar ihr eigenes Ding durch, die ACU, Aachen Ultras 99. Ein Artikel aus der Jungle World bringt erhellendes über die Hintergründe:

Lange waren die »Aachen Ultras ’99« die einzige Ultra-Gruppierung in Aachen. Im Jahr 2006 gerieten die ACU in die Kritik, weil sich in der Gruppe und deren Umfeld Neonazis – darunter Wagner – und rechte Mitläufer bewegten. Nach kritischen Medienberichten Anfang 2007 begannen die ACU umzudenken. Man verwies Rechtsextreme aus den eigenen Reihen…Das führte zu Spannungen. Manchen ACU-Leuten ging das Engagement zu weit, zumal man sich als unpolitischen Fanclub sah. Mitte 2010 verließen dann zahlreiche Ultras die ACU und gründeten eine neue Gruppe, die »Karlsbande« beziehungsweise »Karlsbande Ultras«. Bei den KBU und deren Umfeld wurden Personen wieder aktiv, die die ACU wegen ihrer politischen Ansichten oder einer Nähe zum Hooliganismus ausgeschlossen hatten. Die ACU engagierten sich auch weiterhin gesellschaftskritisch und politisch – vom KBU-Umfeld wurden sie deshalb als »Zecken« oder »Juden« beschimpft.

Die Anhänger des FSV, durchaus in der Mehrzahl hielten sich eher bedeckt, selten nur drangen die Schlachtrufe an unser Ohr, obgleich sie schon nach wenigen Minuten Grund zur Freude hatten, da Gledson das 1:0 erzielt hatte. Der Ausgleich durch Auer war zum einen nicht unverdient und zum anderen schon recht pfiffig, denn im Grunde war die Chance schon verspielt, aber Auer schob im Liegen den Ball doch noch ins Tor. Da haben sie dann gefeiert, die Aachener, letztmals an diesem schönen Frühlingsabend in Bornheim.

Kurz nach Wiederanpfiff zur Halbzeit zwei ging der FSV durch einen flotten Vorstoß erneut in Führung und fortan spielten Funkels Mannen uninspiriert derweil sich Bornheim aufs Kontern verlegte, die Zeit plätscherte dahin, die Nacht legte sich über das lustige Dorf und die Lampen am wirklichen Bornheimer Hang unterhalb der Kettler Allee leuchteten in die Finsternis wie kleine Lichtlein in den Alpen. Nachdem Aachen auch die letzte Chance versiebt hatte, war Schluss, der FSV hatte sich ein komfortables Polster auf den Relegationsplatz verschafft – was auch bitter nötig ist, denn schwere Spiele im Kampf um den Klassenerhalt stehen an.

Während die Aachener Fans wütend an den Ballfangnetzen rüttelten und skandierten „wir sind Aachener und ihr nicht“ versuchte Albert Streit mit der ACU ins Gespräch zu kommen. Obs was genutzt hat, wird die Zeit weisen. Die Bornheimer aber feierten wie die Großen, auch das Maskottchen Franky war gut gelaunt und so schlichen wir uns vom Bornheimer Hang und sind gespannt, was die Eintracht so bei Union Berlin fabriziert. Eintrachtfans sind nicht zugelassen und daran halten wir uns auch brav, denn wer will schon dem DFB in den Rücken fallen, zumal die Eintracht ja auch gewarnt hat, nach Berlin zu fahren.  Zufällig habe ich am Montag einen Termin in Berlin, vielleicht bringe ich ja eine Geschichte mit.