München hat mich ja nie wirklich gepackt. Mitte der Achtziger war ich zum ersten Mal dort, damals noch mit meinem Golf 1 – in dem ich auch übernachtete, wir hatten ja nichts. An diese Reise erinnere ich mich nur bruchstückhaft: Mein alter Freund Ley war dabei, wir tranken eine Maß in der Klosterbrauerei Andechs, und ich verbrachte Stunden im Deutschen Museum. Später kam ich ein paar Mal zum Fußball nach München; zuletzt im Rahmen einer Spurensuche, als wir das KZ in Dachau besuchten. Pia wiederum kennt die Landeshauptstadt Bayerns bislang ausschließlich von Fußballspielen. Es wurde also Zeit, München noch einmal aus der Nähe zu betrachten
Touristen
Sobald der neue Fahrplan in Kraft trat, buchten wir zwei ICE-Tickets und sausen am Morgen des 6. Februars mit der U4 Richtung Hauptbahnhof. Pünktlich wie die Maurer rollt der ICE in Frankfurt ein und setzt sich ebenso just in time in Bewegung. Bei der Sitzplatzreservierung weiß man nie, in welche Richtung der Zug fährt; umso angenehmer, dass er nur spärlich besetzt ist und wir uns im Ruheabteil zwei Fensterplätze in Fahrtrichtung sichern können. Gepflegt gleiten wir durch Süddeutschland, halten lediglich in Aschaffenburg, Würzburg und Nürnberg, ehe wir punktgenau am Münchner Hauptbahnhof ausgespuckt werden. Mit unseren Rollkoffern schlurfen wir durch kilometerlange Gänge zur U-Bahn, die uns nach einer Station am Sendlinger Tor in die Unterwelt entlässt. Von dort sind es nur wenige Meter bis zum Hotel – und wir haben Glück, da wir schon vor der offiziellen Zeit einchecken können. Das Personal erscheint wie das Zimmer ausgesprochen freundlich, der Raum liegt fern der Straße nach hinten, und es gibt einen Wasserkocher. Nach Karlsruhe und Lübeck logieren wir nun zum dritten Mal im Premier Inn – und werden nicht enttäuscht.
Kaum sind unsere Habseligkeiten verstaut, marschieren wir wieder hinaus auf die Straße. Klassisch dem Tourismus ergeben, ziehen wir zum Marienplatz, lauschen um Punkt zwölf dem Glockenspiel und laufen ein paar Schritte weiter zum Dom zu Unserer Lieben Frau, kurz Frauenkirche, mit ihren markanten Kuppeln. Ein in den Boden eingelassener Fußabdruck wirft Fragen auf – die auch vor Ort geklärt werden – er ist des Teufels. Nach einigen Stufen bringt uns ein Aufzug in die Höhe, wo sich tolle Blicke über München eröffnen – allerdings nicht an der frischen Luft, sondern in einem Raum unterhalb der Kuppel. Im Süden zeichnen sich hauchzart die Umrisse der Berge ab; auf der nördlichen Seite erkennen wir neben dem BMW-Hochhaus das Olympiastadion und ganz hinten die graue Arena. Über Monitore lassen sich einzelne Gebäude anwählen, wodurch wir uns einen groben Überblick über München verschaffen.
Die Wettervorhersage verhieß bei Abfahrt nichts Gutes. Umso betrübter war ich, als ich auf dem Weg zum Frankfurter Bahnhof feststelle, dass mein Schirm noch im Ständer steckte – gottlob schickt sich der Tag an, auf Regen zu verzichten. Wir schlendern weiter zum Odeonsplatz; in der dortigen Feldherrnhalle endet 1923 der sogenannte Hitlerputsch. Der Vormarsch der NSDAP konnte seinerzeit noch gestoppt werden, zehn Jahre später sah die Welt anders aus. Leider ist die Feldherrnhalle wegen Renovierungsarbeiten eingerüstet, sodass wir durch die Innenstadt weiter Richtung Viktualienmarkt spazieren, auf dem an einem trüben Freitagnachmittag nicht sonderlich viel Betrieb herrscht. Wir gönnen uns eine Brezn und eine Leberkässemmel und wandern weiter zur Isar. Gegenüber thront das Deutsche Museum, das wir für heute rechts liegen lassen. Stattdessen rumpeln wir mit der Straßenbahn zum Englischen Garten – und landen genau an der Eisbachwelle, die heute wenig spektakulär vor sich hin plätschert. Weit und breit sind keine Surfer zu sehen, was womöglich auch daran liegt, dass die Stärke der Welle durch Umbaumaßnahmen versehentlich verändert worden ist und das folgende Drama sich zum Politikum ausgeweitet hat.
Die Wege im Englischen Garten sind matschig, das Spazierengehen macht nur bedingt Spaß; also fahren wir nach einer Weile vom Chinesischen Turm weiter zur Münchner Freiheit, suchen uns ein freundliches Café und wärmen uns bei Tee, Cappuccino und Franzbrötchen auf. Cappuccino ist übrigens die italienische Verkleinerungsform von „Kapuze“.
Langsam fordert der Tag seinen Tribut. Wir drehen noch eine wenig spektakuläre Runde mit der 19 und fahren anschließend zurück ans Sendlinger Tor, um eine Weile im Hotel zu chillen – bis uns der Hunger erneut auf die Straße treibt. Bei Max’s Beef Noodles stehen sie Schlange, bei Andy’s Krablergarten bietet sich das gleiche Bild. Wir haben uns zuvor jedoch entschieden, bei Thai Mama vorbeizuschauen – und werden nicht enttäuscht. Ich kläre vorab immer die Zutaten, da ich Brokkoli und vor allem Blumenkohl hasse. Die freundliche Bedienung zählt sie auf: Brokkoli, Blumenkohl …
Am Ende sind wir dennoch völlig zufrieden und spazieren über neonlichtbeschienene, regennasse Wege zurück ins Hotel. Während wir den Reis in uns hineinschaufelten, wurden draußen die Straßen durch den Regen gewaschen und der Schmutz in die Rinnsteine gespült. Vor Andy’s Krablergarten stehen sie immer noch, ebenso vor Max’s Beef Noodles – erstaunlicherweise auch dem Hotel gegenüber am Isar-Krankenhaus. In einem Nebengebäude scheint an diesem Abend eine Veranstaltung stattzufinden; das Gebäude ist mit violetten Strahlern angestrahlt. Später würgt sich die Eintracht zu einem 1:1 bei Union Berlin. Den 1:0-Führungstreffer egalisiert Union durch einen der überflüssigsten und miserabelst geschossenen Elfmeter aller Zeiten. Es ist einfach der Wurm drin. Wir schlafen ein wenig deprimiert ein.
Das Deutsche Museum
Für den kommenden Tag entscheiden wir uns für einen Besuch im Deutschen Museum. Erneut bringt uns die Bahn ans Isartor, wir überqueren den Fluss und landen nach einigen Metern an der Isar am Eingang. Dort lösen wir ein Ticket, verstauen unsere Habseligkeiten und lassen uns treiben. Unten sind jede Menge Flugzeuge ausgestellt; es geht um technische Details, aber auch Anekdoten werden erzählt. Hochinteressant ist die Geschichte der Flugpionierin Marga von Etzdorf. Sie fliegt 1931 als erste Frau allein von Deutschland nach Japan. Als sie ein paar Jahre später nach Australien fliegen will, wird ihr Flugzeug bei einer Zwischenlandung in Aleppo beschädigt, woraufhin sie Suizid begeht. An Bord hat sie unerlaubterweise ein Maschinengewehr.
Das Museum ist riesig; die Themenbereiche sind an einem Tag nicht adäquat abzuarbeiten – aber man kann sich hier prima die Zeit vertreiben. Von der Decke hängt ein Foucaultsches Pendel herab und verdeutlicht die Erdrotation. Optik oder Brücken, Landwirtschaft oder Musik, Eisenbahn oder Roboter – die Themenvielfalt ist extrem vielschichtig. Dabei sind im Laufe der Jahre etliche Abteilungen geschlossen oder ausgelagert worden. Nach fünf Stunden verschwimmen mir die Sinne, und ich treffe mich mit Pia, die schon früher die Segel gestrichen hat, am Gärtnerplatz. Ein Demonstrationszug mutmaßlicher Schwurbler defiliert an uns vorbei; vorgeblich sind sie für „Frieden“, begleitet von mehr Polizei als Teilnehmern. Dem Wahnsinn sind heutzutage offenbar keine Grenzen mehr gesetzt. Einer hat zwei Kinder an den Händen und dazu ein Schild mit der Aufschrift: „Russland hat schöne Frauen“. Auf der Rückseite ist „Putin ist tierlieb“ zu lesen.
Die Zeiten sind irre. Irre gefährlich für die Menschen im Iran. Für sie läuft später ein Demozug durchs Glockenbachviertel. Wir laufen ein paar Meter mit und wandern dann durch den Stadtteil mit vielen Lastenrädern, Kneipen und Läden. Gentrifiziert vom Feinsten: 50 m² für 1.500 Euro warm scheinen fast günstig. Hie und da weht ein kleiner Hauch Schanze durch das Viertel. Abends läuft im TV ein Bericht über eine Demo gegen überhöhte Mieten, die wir gar nicht mitbekommen haben. Wenn du einen Beruf ausübst, der die Gesellschaft am Laufen hält (nein, kein Content-Creator), als VerkäuferIn, ErzieherIn, ZahntechnikerIn etc., bist du aufgeschmissen, wenn du eine Wohnung brauchst. Das ist in Frankfurt ähnlich. Und das liegt nicht an den Flüchtlingen oder einem „überhitzten Markt“, sondern einzig und allein an denjenigen, die in der kapitalisierten Welt Wohnungen als Geldanlagen inszenieren und damit durchkommen – an der Gier der Vermieter und an einer Politik, die dem zu wenig entgegensetzt.
Abends sitzen wir im München 72, essen Schnitzel und Käsespätzle und laufen durchs Glockenbachviertel heim. Freddy Mercury treffen wir dabei leider nicht. Er hat ja eine Zeit lang mit Barbara Valentin hier gewohnt. Die Leute vor Andy’s Krablergarten und vor Max’s Beef Noodles warten immer noch.
Olympiapark
Am Sonntag checken wir früh aus, können unser Gepäck aber dankenswerter Weise im Hotel lassen. Wir fahren über die Isar und schlendern über die Maximiliansbrücke zurück in die Stadt. Dort entdecken wir neben einer Pumuckl-Ampel auch eine Bäckerei, in der wir solide frühstücken, und wandern weiter über die Maximilianstraße. Gucci, Cartier, Ralph Lauren, Dior. Keine Ahnung, was all die Leopolds, Maximilians und Ludwigs daran finden; überhaupt geht mir dieses Abfeiern der Könige und Prinzregenten auf die Nerven – samt ihrer Prachtbauten und dem ganzen Pomp. Wir stoßen unterwegs auf eine Michael-Jackson-Gedenkstätte vor dem Bayerischen Hof, werfen einen Blick ins Hofbräuhaus, entdecken dort die ersten Fans des FC Bayern, der heute gegen Hoffenheim kicken wird, und nehmen anschließend die Bahn in Richtung Olympiapark.
Die Blicke aus dem Fenster gefallen, wir rasseln durch die Maxvorstadt, verlassen die 20 am Olympiapark West und laufen von dort ein paar Meter bis zum Olympiastadion, das sich verschlossen gibt wie Philip Marlowe. Die Olympischen Spiele 1972 waren wunderbare Spiele. Die Ästhetik – auch die der Sportstätten –, die Plakate, die ikonischen Piktogramme, der Dackel Waldi. Heide Rosendahl, Ulrike Meyfarth, Mark Spitz, Shane Gould. Der Gegenentwurf zu Berlin 1936, den NS-Spielen. Und dann der Albtraum: das Olympia-Attentat vom 5. September 1972, die Entführung und Ermordung der israelischen Sportler durch palästinensische Terroristen.
Heute lädt das weiträumige Gelände zum Flanieren ein. Der Olympiaturm ist leider geschlossen, nicht aber der Aussichtshügel, den wir Schritt für Schritt erklimmen. Als wir in München ankamen, standen wir oben auf dem Dom und ließen den Blick schweifen; jetzt stehen wir im Norden und blicken gewissermaßen zurück. Ja, München, wir verstehen uns jetzt ein bisschen besser.
Ein letzter Weg lässt uns durch die Maxvorstadt treiben, durch das unaufgeregte St.-Benno-Viertel. Dort in der Kirche entzündet Pia ein Kerzlein, und wir wandern ein letztes Mal zurück zum Hotel. Als wir mit unseren Koffern die Sonnenstraße entlangrollen, warten schon wieder Menschen bei Max’s Beef Noodles. Ob es stets die gleichen sind?
Unser Zug ist pünktlich, im Ruheabteil kehrt langsam Ruhe ein, und gepflegt rollen wir über Augsburg, Ulm, Stuttgart und Mannheim heimwärts in die Dunkelheit nach Frankfurt. Der Zug wird nach Berlin weiterfahren – sollen andere diese Geschichte erzählen, unsere endet hier vorläufig. Wir erwischen gerade so die U4, steigen an der Konstablerwache um, treffen einen ehemaligen Arbeitskollegen und rollen gemeinsam die Friedberger hoch. Nordend, du hast uns wieder. Vielleicht fahren wir noch einmal im Sommer nach München. Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Jo mei.


















Immer wieder interessant, Perspektiven der Stadt, in der man lebt, von außen zu lesen. Wenn Ihr wieder mal kommt, sagt Bescheid! Ich zeige (und erzähle) Euch gerne was…
Der Bau der Maximilianstraße hat den Architekten Richard Bürklein übrigens in den Wahnsinn getrieben…
…und zu guter Letzt: Ja mei!
Ich habe unterwegs an dich gedacht, fürs nächste Mal, würde ich dich auch anfunken. Diesmal hats auch auf Grund der relativen Kürze des Aufenthaltes nicht gepasst. Ja mei :-)