Eigentlich fehlt hier ja noch der Bericht über das Auswärtsspiel auf Schalke, das 1:0 der Eintracht, die nervenzerfetzenden letzten 10 Minuten – aber private Umstände und viel Arbeit ließen mich nicht dazu kommen. Jetzt stand für mich erstmals seit 12 Jahren eine Reise zum Spiel in München an.

Eigentlich wollte ich ja das Schlauchboot in Bayern nicht mehr besuchen, die Masse an Kunden, die Plätze ganz oben, die ewigen Klatschen, aber die Option, am Abend vor dem Spiel eine Veranstaltung der Fanabteilung mit Peter Fischer zu moderieren, war eine große Ehre und so hielt ich plötzlich wieder ein Ticket für ein Spiel der Eintracht bei den Bayern in den Händen.

Mein ICE sollte am Freitag kurz vor neun Frankfurt in Richtung München verlassen, aber klassische Verzögerungen ließen uns erst eine halbe Stunde später starten. Mir war es recht egal, ich hatte keinen Anschlusszug und so setze ich mich ans Fenster, als wir langsam den Hauptbahnhof und peu a peu auch Frankfurt hinter uns lassen. Südbahnhof, Oberrad, die Stadt zieht an mir vorbei, wie so ein Leben manchmal vorbei zieht, ein Leben, welches manchmal am seidenen Faden hängt und angesichts eine nahen Todes alles verblasst und der Gedanke daran in Tränenform in die Augen schießt, weil womöglich von einem auf den anderen Moment alles anders ist.

Der Süden Deutschlands zieht an mir vorbei, die grünen Wiesen und Hügel des Spessarts, Kirchtürme ragen in den blauen Himmel, aus meinen Lautsprechern perlen leise die Casualties of Cool, Gedanken fließen und zerfließen, das Fleshtones-Konzert im Yachtclub vom vergangenem Mittwoch war doch eben erst und scheint schon lange vorbei. Über Aschaffenburg, Würzburg, Nürnberg und Ingolstadt rollt die Bahn mit 40 Minuten Verspätung in München am Hauptbahnhof ein. Mein Hotel liegt nur ein paar Meter vom Bahnhof entfernt, nach einer kleinen Ehrenrunde checke ich ein und stehe wenig Minuten später wieder auf der frühlingswarmen Straße. Henning von der Fanabteilung wird später nachkommen, ich besorge für ihn noch einen Adapter und lasse mich durch die Stadt treiben. Vor 30 Jahren war ich für ein paar Wochen hier, und dann immer nur ganz kurz. Während ich in Berlin oder Hamburg kaum einen Stadtplan brauche, scheint für mich hier vieles Neuland. Erstmals war ich 1985 hier, mit meinem ersten Golf. Seinerzeit wollte ich das Deutsche Museum besuchen, und habe mangels Kohle im Auto gepennt.

Über den Stachus erreiche ich die Fußgängerzone, hier steht die Liebfrauenkirche, dort lande ich am Marienplatz. Wahrscheinlich sind heute mehr Leute hier, als am Tage der 1234. Meisterschaft der Bayern. Natürlich gehört eine Leberkässemmel dazu. Am Viktualienmarkt sitzen sie, schlürfen Austern, trinken Schampus auf Eis. Biergärten locken, wer Geld hat, kann hier gut leben, wer keines hat, guckt mit großen Augen auf die Dinge die für andere möglich sind. Aber das ist woanders auch nicht anders. Mit einem Eis in der Hand treibe ich Richtung Isar, am Ufer sitzen Menschen, entspannen mit freiem Oberkörper, ich laufe am Ufer entlang und biege nach einer Weile ab Richtung Hotel. Vorbei am Paulanerbräu, vorbei an türkischen Gemüseläden. Immer wieder röhrt ein großer Wagen vorbei.

Mittlerweile ist Henning gekommen, er ist im gleichen Hotel wie ich unter gebracht und wenig später laufen wir hinter ins Augustiner Bürgerheim in der Bergmannstraße, dem Ort der heutigen Veranstaltung. In der Tasche habe ich die Shirts, die Brady bei einem Wettspiel des Eintracht Museums gewonnen hat und drücke sie ihm wenig später in die Hand. Ein wunderbarer Tag, die Kastanien blühen und wir trinken ein heimisches Bier und ein essen ein famoses Schnitzel. Wenig später trudeln die ersten Münchner Adler ein. Der hiesige EFC hat über 100 Mitglieder, die den Adler auch in der bayrischen Diaspora repräsentieren, das Bürgerheim wird später proppevoll sein. Mit leichter Verspätung kommt dann auch Peter Fischer direkt von einem Radiointerview. Der Präsident ist gleichermaßen hungrig wie durstig und sogleich umringt von den Münchner Adlern. Für sie ist es natürlich etwas Besonderes, die Eintracht hautnah zu erleben – und nachdem Peter auch von einer Adlerin mit einem Schnitzel versorgt wurde, geht es los. Ein gesonderter Bericht wird in der nächsten Ausgabe des Clubmagazins zum Heimspiel gegen den HSV erscheinen, aber soviel sei verraten: Natürlich ging es um den Abschied von Niko Kovac, um die Kommunikation der Bayern, es ging um Peters Haltung zur AfD und über die Zukunft von Alex Meier. Auch Jürgen Klopp und Campino spielten eine Rolle.

Auch nach der Veranstaltung, als Peter schon längst wieder mit Trainerneuverpflichtungen und Meetings beschäftigt ist, stehen wir mit einem Augustiner in der Hand auf der Straße und schwatzen über die Eintracht. Es war ein prima Abend, der EFC Münchner Adler hat wie die Fanabteilung wunderbar zum Gelingen beigetragen und in meiner Hosentasche steckt ein Bändchen, welches zur Teilnahme an der morgigen Fahrt mit dem Münchner Äbbelwoiexpress berechtigt, eine Fahrt, die seit 10 Jahren vom EFC anlässlich des Gastspiels der Eintracht in München organisiert wird. Spät in der Nacht trinke ich mit Henning noch letztes ein Bier an einer Trinkhalle, bis ich gegen 2:00 in einen unruhigen Schlaf falle.

Am nächsten Morgen schäle ich mich gegen 8:00 Uhr aus dem Bett, dusche eiskalt und frühstücke. Das Hotel war für das Gebotene sündhaft teuer, aber ich hatte was im Magen, als ich wenig später auschecke und mich vom Hauptbahnhof Richtung Ostbahnhof aufmache. Zuvor suche ich noch die Schließfächer und verstaue meinen Rucksack. Unten an den Gleisen sehe ich in ein Gesicht und denke, das kenne ich doch. Da wir aber nicht in Frankfurt sind, verwerfe ich den Gedanken, bis mir Charly auf die Schulter klopft. Gude Beve. Tatsächlich, ich hatte Tine gesehen. Charly und sie sind auf dem Weg zu einer Hochzeit. Großes Hallo und schon sitze ich in der Bahn.

Die Sonne bestrahlt den großen Platz, an dem sich die Adler zur Straßenbahnfahrt treffen. Überall ein großes Hallo und schon rattert die Bahn an, geschmückt mit Eintrachtfahnen und Bannern, aus den Boxen plockern Adam & die Mickys „Unser Auto fährt mit Äbbelwoi …“ Die Bahn ist rappelvoll mit Eintrachtlern, wir rollen durch die Stadt, vorbei am Stachus, durch die Innenstadt, an der Isar entlang bis hin zum Gründwalder Stadion und weiter. Apfelwein fließt in Strömen, Eintrachtlieder werden geschmettert. Passanten bleiben stehen, zücken die Handys, manch einer schüttelt den Kopf, andere winken, der Zug fällt auf.

Nach mehreren Pausen ist am Sendlinger Tor nach guten drei Stunden Feierabend. Wir umkreisen die Haltestelle mehrmals, der Fahrer hat sichtlich Spaß und alsbald verstreuen sich die Adler in die Stadt. Ein Teil marschiert in eine Kneipe, andere brechen auf Richtung Stadion. Es war ein sehr lustiges Erlebnis, vielen Dank dafür. Ich bin noch immer unschlüssig, was zu tun ist, esse erst einmal eine Leberkässemmel und entscheide dann, zumindest einmal zur Arena zu fahren. Die Bahn ist schon am Sendlinger Tor recht voll, am Marienplatz platzt sie aus allen Nähten. Robben, Schweinsteiger, Ribery, alle an Bord und mittendrin ein paar Frankfurter, die dicht an dicht in drückender Hitze nach Fröttmaning rumpeln.

Massen strömen aus der Station Richtung Stadion, ich treffe ein paar Münchner Adler wieder und wander dann mit Chris in Richtung der unbeleuchtenden Arena. Seppl und Maria machen Selfies, tausende rote Trikots – ich gebe es zu, ich bin kein Freund der Bayernkunden. Vor lauter Leipzig und Wolfsburg vergisst man ja zuweilen, was die Bayern im Gesamten für ein Haufen sind. Der Einlass funktioniert überraschend gut, immer wieder ruft einer „Rollstuhlfahrer“ und die Menge macht Platz. Wir müssen das Stadion im Innenrund einmal fast umrunden und quälen uns die Stufen hoch zu unserem Platz. Hier sind Stefan und Dario, dort sitzt Käthe, überall ein Gudewie, während die Aufstellung der Bayern vermuten lässt, dass heute hier die A-Jugend spielt. An die weißen Telekom-Männchen habe ich schon gar nicht mehr gedacht, stimmt, die sitzen ja auch da unten.

Bei der Vorstellung der Eintracht wird Kovac ausgepfiffen, Hrgota spielt überraschend von Beginn an, ich bin jetzt schon müde. Ein blauer Himmel lacht uns aus. Die Eintracht hält das 0:0, hat Chancen, die teils kläglich versemmelt werden und kassiert dann durch einen Konter das 0:1. Wagner auf Dorsch, der in seinem ersten Bundesligaspiel trifft.

In Hälfte zwei nicke ich beinahe ein, es ist ruhig im Stadion, ich muss mich zusammenreißen, beim gebotenen Sommerfußball nicht vollends weg zu dämmern. Und dann kommt, was kommen musste. Die Bayern machen das 2:0, die Eintracht macht irgendwas, was nicht wirklich an Fight und Pressing erinnert, Haller stolpert aber dennoch den Anschlusstreffer ins Netz, der postwendend mit einem weiteren Bayerntor beantwortet wird. Lethargisch schleiche ich zur Toilette, ein weiterer Treffer fällt, das 4:1, die Eintracht verliert ein Spiel in München, welches so nie hätte verloren werden dürfen. Aber seit dem verkündeten Abschied von Kovac reissen sie eine Saison ein, die so viel versprochen hat und am Ende dann wohl nichts hält. Gut, es gilt: 34 Spieltage müssen gespielt werden, davor ist noch nichts wirklich passiert. Wer zu früh feiert, wird bestraft, wer zu früh weint, ist selbst dran schuld. Und Kovac hat mit seinem Abschied die Luft aus dem Eintrachtball raus gelassen. Danke Niko!

Mit tausenden anderen schlängele ich mich zur U-bahn, quetsche mich in einen Wagen und bin eine halbe Stunde später wieder am Sendlinger Tor und gut in der Zeit. Ich hole meinen Rucksack aus dem Schließfach, schiebe mir noch eine Pizza in den Magen und sitze alsbald neben Henning, Stefan und Dario in Wagen 22 des ICE522 Richtung Dortmund. Während der VfB in Leverkusen gewinnt, schaut der Inder im Sitz vor mir dezent Pornovideos. Wir fahren in die Dunkelheit, sind gut in der Zeit und landen gegen Viertel nach Elf in Frankfurt. Ich habe Glück, Stefan ist mit dem Auto vor Ort und kann mich ein Stück mitnehmen, Pia ist noch im Feinstaub, auf ein letztes Bierchen schneie ich vorbei und falle wenig später todmüde in die Koje. Es kann gut sein, dass es wieder 12 Jahre dauert, bis ich in München die Arena betrete – es sei denn, wir spielen ein Pokalhalbfinale dort. Ansonsten ist Münschen wirklich eine Reise wert. Nur ohne Fußball halt.