Was haben schwimmende Radiergummis, gestapelte Tiere, Osterfeuer oder Wasserwerfer vor Zäunen gemeinsam? Richtig, dies alles finden wir in Bremen – und wenn wir schon einmal dort sind, nehmen wir euch kurz mit.

Bremen, das hieß für uns auch eine Art Familientreffen – und nicht zuletzt aus diesem Grund reisten wir schon am Karfreitag an. Der Dacia, die Pia, der Tim und ich. Und wir stolperten von Stau zu Stäuchen, verließen bei Tecklenburg die Autobahn, um das Schlimmste zu umfahren, bei Lotte aber hatte uns das schnöde Betonbett wieder. Sechs lange Stunden waren wir unterwegs, mit dabei waren auch The Manges, Teenage Bottlerocket, Sir Reg, Red City Radio oder Carter USM. Musikalisch ging es also rabaukig zur Sache. Aber wir waren heilfroh, als wir gegen halb fünf über die Weser rollten. Unsere Unterkunft lag im Viertel, will sagen, keine 10 Fußminuten von den Bremer Stadtmusikanten aber auch vom Weserstadion entfernt, einfache Zimmer mit Kühlschrank und TV, sauber und reinlich inklusive Rauchverbot – auch am Fenster. Und so sah man des Öfteren einen qualmenden Beve in Flip Flops bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt auf der Straße stehen und die Vorbeiziehenden freundlich grüßen.

Abends ging nicht mehr viel, ein Rundgang zu den Musikanten, die recht versteckt in einer Ecke am Rathaus stehen, ein Abendessen im Daheim welches sogar im gesamten unteren Gastbereich einen Raucherraum ausweist, was uns zunächst gar nicht aufgefallen ist, und in Erinnerung an London vor ein paar Tagen die Verfilmung von About a boy in der Glotze.

Da wir uns, wie gesagt, auch zwecks familiärer Zusammenkunft hier eingefunden haben, halte ich es für eine ziemlich gute Idee, euch mit den Details nicht zu belasten, im Ernst, wer will schon von fremden Familienzusammenkünften lesen. Meist ja noch nicht einmal von den Zusammenkünften der eigenen Familie. Aber, soviel sei verraten, es war ganz nett. Wir waren in der Kunsthalle oder Shoppen, haben Werder beim Training zugeguckt, wobei ich natürlich vor die Kamera von DeichStube geschoben wurde, eine Art Fan-TV von Werder und wir standen in der Dunkelheit am Osterfeuer irgendwo hinterm Deich. Und dann kam der Spieltag.

Nach einem Frühstück im Café Sand auf der anderen Seite der Weser, welches wir durch eine kurze Fährfahrt erreichten, ging es mit eben jener Fähre wieder zurück. Nunmehr mussten wir uns sogar anstellen, viele Bremer nutzen die Fährverbindung, um auf die Stadionseite der Weser zu kommen. Anschließend folgte ein Spaziergang am Ufer, bis es hunderte von Metern vor dem Weserstadion zur Gästetrennung kam. Die Werder-Anhänger mussten hoch zur Straße, die Eintrachtler hielten sich am Ufer, getrennt durch Zäune und Sichtschutz. Vor dem Gästeeingang lümmelten einige Pferde rum, dazu ein Wasserwerfer. Ein rundum sorglos Paket also, welch ein Unterschied zu dem Spiel in Dortmund vor ein paar Wochen, als sich alles kunterbunt mischte, gemeinsam Wurst vertilgte und Bier trank. Kein Wunder, dass sich die Stadt Bremen, die Kohle für diese Einsätze von der DFL oder dem Verein wieder holen möchte, so leicht kommst du sonst nicht an Geld für Personal und Material, welches man eigentlich gar nicht braucht.

Strengen Kontrollen folgte der Gang zu den Stehplätzen, die in Bremen über den Sitzplätzen der meist „neutralen“ Zuschauer sind. Jetzt galt es strategisch zu denken. Links standen die Ultras, deren Fahnen sehen zwar im TV nett aus, verhindern aber die Sicht auf’s Spielfeld. Ebenso wie die Dachträger. Die hängende Anzeigentafel aber verhindert den Blick zu den Flutlichtmasten. Es ist wirklich nicht einfach mit den simplen Dingen, aber wir fanden in rechter Höhe ein Plätzchen für uns. Zumindest erstmal. Wenigstens warf der Flutlichtmast einen schönen Schatten auf das Spielfeld. Getippt hatte ich 1:1, überlegte aber kurz, aus Gründen der Unsicherheit ob des Verbleibs von Niko Kovac einen Werder Sieg abzuleiten. Ach wo, ein Pünktchen ist drin.

Jetzt, im Nachhinein, bin ich natürlich schlauer. Gesunde Analyse auch im Hinblick auf den symbolischen Faktor schlägt naive Hoffnung. Ist es nicht eine Narrenwelt? Vor allem, da jetzt das Commando Gießen die Fahne ausgepackt hatte und diese munter vor unseren Augen schwang. Wie auch immer, Werder ging mit 1:0 in Führung, etwas später Rebic vom Platz. Vielmehr humpelte er. Ferndiagnose: Muskelfaserriss. Für ihn kam Fabian und die Eintracht ins Spiel. Auch in Halbzeit ging es munter weiter. Mit der Fahne – aber auch mit einer starken Eintracht, die nach einer schönen Kombi von Fabian von außen, Boateng mit der Hacke und Jovic ins Netz uns jubelnd in die Arme fallen lässt. Na also, geht doch.

So weit ich dann sehen konnte, entwickelte sich ein munteres Spielchen, welches auf ein gefälliges 1:1 hinauslief. Sauber, Auswärtspunkt und volle Ausbeute im Tippspiel. Meine Eintracht. Ich wartete halbwegs gespannt ab, brüllte ein paar Mal Eintracht und guckte dann blöd aus der Wäsche. Drin. Das Ding war drin. Es IST drin. Werder jubelte und uns ward klar, dass unser wechselwilliger Keeper die Kugel irgendwie durch die Handschuhe fluppen ließ. Werder führte und niemand wusste so recht, weshalb. Außer dem, der den Fußball symbolisch und womöglich ein klein wenig psychologisch zu deuten weiß. Natürlich auch mit dem Blick auf dies, was gemeinhin „Kismet“ oder aber Schicksal genannt wird. Es musste so kommen, es gab kein Entrinnen. Der Club, welcher die Tage zuvor am ruhigsten dahin schipperte, hatte den latent verunsicherten Club durch einen Treffer geschlagen, in dem der Torhüter, Lukas Hradecky den tragischen Narr gibt – und bestraft wird. Ausgerechnet der, der den Club wie auch immer verlassen will, kassiert einen der lächerlichsten Treffer überhaupt. Wer braucht schon Shakespeare, wenn er mit der Eintracht wahrhafte Tragödien wie auch Narreteien binnen weniger Minuten frei Haus geliefert bekommt. Wenigstens stirbt dabei keiner. Hamlet oder Macbeth gehen ja immer bei drauf.

Verloren. Wieder einmal. Und dann kam natürlich ein Abgang, der durch gezielte Absperrungen und Weisungsbefugten in Uniform gesteuert wurde. Alles, was aus dem Gästeblock kam, wurde nach links geschickt. Egal, wer wo hin wollte. Da komme ich ja immer besonders gut drauf, du knabberst an der Niederlage und musst in die falsche Richtung laufen. Es ist manchmal so sinnlos. Wir dackelten also Richtung Irgendwo, trafen natürlich die ein oder andere Pappnase von uns, hier war die Familie Leichtfuss, dort der Mario und ehe wir uns versahen, landeten wir an einem Restaurant, welches vom Ufer aber auch von der Straße erreichbar war. Gut geschützt durch eine kleine Polizeikette, bot es dennoch zumindest die Option eines Durchganges. Und siehe da, höfliches Fragen erwirkt zuweilen Wunder – nach einer kurzen Erklärung unsererseits fanden wir den Durchschlupf und waren wieder im Freien. Ein Roadbier später hockten wir in einer Pizzeria und trafen auf den Rest, die Bremer feixten, die Frankfurter guckten blöd und suchten nach Erklärungen. Später latschten wir noch über die Osterwiese, so eine Art Dippemess. Das war ganz schön bunt.

Am nächsten Tag sprich Ostermontag sind wir noch nach Münster gefahren, da gibt es viele alte Kirchen. Börne oder Thiel haben wir aber nicht gesehen, das wäre ja ein Ding gewesen. Die Eintracht hatte immer noch verloren, sowas geht ja nicht so schnell vorbei. Im Gegensatz zu unserem Osterausflug. Denn der Dacia rollte abends wieder ins Nordend, wo er hingehört. Und wir ja irgendwie auch. Der Ausflug aber wird in Erinnerung bleiben. Auch durch Geschichten wie diese.