Ein gutes Jahr lagen sie zu Hause rum, die Karten für den Akustik Auftritt der Liechtensteiner bzw. Schweizer Band The Beauty of Gemina um Kopf und Sänger Michael Sele im Nachtleben. Und so sicher wie das Amen in der Kirche kam der Abend näher. Und dann war er da.

Es ist früher Abend, Dunkelheit umschlingt den Tag, die Lichter der Autos, der Läden, zeugen von Leben, ich laufe hinunter zur Konstablerwache, zur Zeil. In meiner Tasche steckt die Sony Kamera, um den Hals baumelt die Spiegelreflex mit 50 mm Festbrennweite. Zur Not könnte ich auch mit dem Handy fotografieren – das kommt davon, wenn man sich nicht entscheiden kann. Halbherzig fotografiere ich Nachtlichter, probiere Brennweiten-Zeit Verhältnisse, Übungen. Auf der Zeil sitzt einer und trommelt, über den Schädel ein Kunstoffpferdekopf gezogen.

Der verschlungenen My Zeil-Komplex verschluckt mich, natürlich nehme ich die falsche Rolltreppe, fahre Stockwerk um Stockwerk mit Rolltreppenwechsel, statt die durchgehende zu nehmen. Die Weihnachtsdekoration steht schon bereit, Mitte November schreit sie dich an: WINTERWEIHNACHTSWELTSTIMMUNG. Kauf was! Die nächsten sechs Wochen gaukeln sie jetzt wieder Besinnlichkeit und Schneekerzenschein vor. Solche Kaufhäuser verwirren mich, doch ganz oben fristet ein Ticketshop sein Dasein – und da am Montag die wunderbare Kari Rueslåtten im Bett gastiert, sorge ich vor und kaufe ein Ticket. Es kostet 15,30 €, eine freundliche Mitarbeiterin drückt es mir in die Hand, inklusive Briefumschlag. Print-at-home hätte mich im Netz zwei Euro mehr gekostet. Das muss man nicht verstehen. Irgendwo im zweiten Stock gibt es Tumulte, Gruppenbildung, eine Frau schreit hysterisch, Wachleute. 

Markt auf der Konstabler. Zeit für eine Buttermilch, eine Bratwurst, der Weinstand platzt aus allen Nähten, ich habe noch weit über zwei Stunden Zeit, laufe den Sandweg hoch. Anfang, Mitte der Neunziger habe ich hier mal gewohnt, aus dem Eis-Café wurde eine Shishabar und ich weine den knapp vier Jahren hier keine Träne hinterher, kleines Zimmer, dunkles Bad, dunkle Miniküche und Staffelmietvertrag, arschteuer. Aber es gibt so ein „Hierhabichmalgewohntgefühl“, mein anderes Ich aus der Vergangenheit geistert durch Zeit und Raum und zwängt mir Erinnerungen auf. Ehe ich mich versehe, bin ich wieder zu Hause, packe die große Kamera auf den Tisch und lass sie dort liegen, das wird heute kein Abend zum Fotografieren, denkt es in mir.

Und so laufe ich ein zweites Mal runter zur Konsti. Der Herbstmantel wärmt, wohl dem, der einen hat. Eine halbe Stunde vor Konzertbeginn, bin ich unten im Nachtleben, im Raum sind Bierbänke aufgestellt, fast alle Plätze sind belegt, ich stelle mich an den Tresen, trinke Apfelwein. Das Publikum ist recht gemischt, jüngere Goths, gesetztere Herrschaften, Männlein, Weiblein – und pünktlich zum Beginn ist Pia da. Das Nachtleben ist gut besucht, aber nicht übervoll, eine Vorband ist nicht vorgesehen.

Die Reise beginnt mit Michaele Sele an der Gitarre, nach und nach kommt die Band dazu, insgesamt werden sechs Männer und eine Frau mit Geige auf der Bühne stehen, die Musik, wie soll man sie beschreiben? Markant die dunkle Stimme Michaels, Darkwavepop, mit Hang zu Country und Jazzanleihen? Jedenfalls zaubern sie eine auch musikalisch höchst beachtliche dunkelromantische Stimmung ins Nachtleben, erster Höhepunkt und ein kleiner Hit vielleicht „Crossroads„, im Original von Calvin Russel

Irgendwas ist ja immer, in diesem Fall die Dame, die beachtlich taktlos jetzt genau jetzt vor mir energetisch schwelgt und mir dabei immer wieder ins Bild schwenkt, egal, wo ich mich hinstelle, der gesamte Rest träumt vor sich hin, nur genau vor mir wackelt es. Nach dem Song kommt Kid an den Tresen, ich hatte ihm eine Mail geschickt, dass wir vor Ort sind – und jetzt ist er da. Obwohl er die Mail gar nicht gelesen hat. Sachen gibt’s. Ich stelle mich an die Seite, nächster Höhepunkt ist Mariannah und so geht es Schlag auf Schlag. mal steht die Geige im Vordergrund, mal das Saxophon – aber stets die Musik, unprätentiös und verzaubernd. Von der Intensität erinnernd an And also the trees – und doch anders. Sogar Personal Jesus von Depeche Mode ist dabei – und das großartig. Knapp anderthalb Stunden spielen sie und gehen dann nach und nach bei Endless time to see (so mich nicht alles täuscht) von der Bühne. Aber sie kommen wieder, einmal, zweimal und noch ein letztes Lied, Abgang, großer Beifall – und dies völlig zu Recht. Große Musik, nicht zwingend im Genre einzuordnen mit Liebe zum Detail, zeitlos. Melancholisch schön.

Später gibt die Band Autogramme, unterhält sich mit den Gästen. Wir unterhalten uns auch, ein schöner Abend. Nur zum Fotografieren bin ich nicht wirklich gekommen.