Frankfurt kann ja viel, was Frankfurt normalerweise nicht kann, ist Meister werden und öffentliche Plätze oder Gebäude gestalten. Zumindest meistens. Letzteres aber scheint sich gewandelt zu haben, die neue Altstadt und auch das neue Historische Museum künden davon.

Hinter dem großräumigen Foyer des Neubaus beginnt der Abstieg in die Ausstellungsräume, die alte und jedem Frankfurter wohlbekannte Leuchtreklame des Turm Palastes, die nun an der Wand hängt, lässt sofort das Herz höher schlagen. Schon das erste Objekt, die „Schneekugel“ lädt zum längeren Verweilen ein. Und da haben wir schon das erste Problem. Es ist unmöglich, alles sofort zu erfassen, weder das Gebäude, noch die Schneekugel, noch die Ausstellung im Gesamten, die sich im weitesten Sinne in „Frankfurt jetzt“ und „Frankfurt einst“ gliedert. Dazu kommt noch die Ausstellung im Altbau, sowie der Rententurm, der nun besuchbar ist. Alleine um die Schneekugel zu erfassen, brauchst du eine gute halbe Stunde. Acht Themen-Modelle heben sich in die Kugel, rotieren und versinken wieder, dazu Projektionen an den Wänden. Was ist dies? Wie hängt es zusammen – und wie lange werde ich für den Rest der Ausstellung brauchen. Damit ist nach wenigen Minuten klar, hier heißt es: Erst einmal einen Gesamteindruck verschaffen und dann: Wiederkommen.

Deshalb ist es auch schwierig, Kluges zu schreiben – Zu viele Eindrücke schaffen Verwirrung, die Geschichte Frankfurts ist lang und facettenreich. Einerseits faszinieren Objekte, der geschlachtete Ochse zu Ehren des Kaisers in Miniatur, der Briggegiggel mit Einschusslöchern, die alte Arminia Fahne, die Hakenkreuzfahne, die Schreibstube des Marcel Reich-Ranicki, der alte Adler, die zig Frankfurt Gesichter, das Wimmelregal mit Dingen des Alltages, das Altstadtmodell, – und dann kommen die Geschichten. Zur Stadtentwicklung, zu Menschen, zum Verkehr und der Zeit zwischen 1933 und 1945. Und zur Aufarbeitung dieser Jahre während der Frankfurter Auschwitz Prozesse, Fritz Bauer wird eh zuwenig gewürdigt. Kaiser Karl der Große, der uns all die Jahre vor dem Museum begrüßte, steht nun trocken. Dahinter ein Poster der Bahn: Alle reden vom Wetter, wir nicht.

Ist „Frankfurt einst“ ein Sammelsurium, ein vollgestopftes Wohnzimmer, in dem du dich verlaufen kannst und doch immer vor Dingen hängen bleibst, die dich beschäftigen, zuweilen scheinbar strukturlos, zuweilen finster, so ist „Frankfurt jetzt“ licht. Unten die Ernst May Küche, oben das Stadtlabor – wobei ich das gegenwärtigste der Gegenwart zunächst ausklammere. Zig Frankfurter sehen dich an, du siehst sie an. Sie hängen gerahmt an den Wänden, fotografiert im heimischen Wohnzimmer, fein zurecht gemacht oder in Socken, ein intimer Blick in die äußere Seele der Menschen.

Frankfurt, Stadt des Verkehrs, des Handels, des Buches, des Widerstandes, des Geistes, der Tat und bei den Nazis des Handwerks. Vieles findet im Museum seinen Spiegel, über alles kann man streiten, jedoch nicht hier und jetzt, jetzt und hier gilt es zu begreifen, zu sehen, wahrzunehmen, zu erkennen. Das überfordert einen kleinen Geist wie mich. Dann geht der Feueralarm los. Ist das jetzt Teil des Konzeptes oder echt? Er ist echt, aber wir haben Glück, die Feuerwehr gibt den Ort wieder frei. Fehlalarm. Selbstverständlich ist auch die Eintracht im Museum präsent: Ein zerbrochenes Apfelweinglas von der Gründung der Viktoria, es ist echt, genau so wie der nebenan stehende Kuchen von J.F. Kennedy. Na, fast. Also nicht wirklich. Eher nicht. Dazu sehen wir Heinz Ulzheimer beim Staffellauf, die Single vom Endspiel 59 (wobei hier das Cover noch umgedreht werden muss), eine Familie im Eintrachtrikot sowie Arena und Riederwald. Weitere Hinweise auf die SGE sind gerne willkommen.

Das Gigantischste aber ist: Das neue Stadtmodell. Hermann Helle und seit Team haben in knapp zwei Jahren Planung und Umsetzung ein Wimmelfrankfurt geschaffen, das dich stundenlang beschäftigen kann. Aus Tausenden Alltagsgegenständen wurde sie geformt, die Stadt, aus Klobürsten der Stadtwald, aus Spritzen und Thermometern Höchst und aus einer Art Mausefalle der Preungesheimer Knast. Der Betrachter steht quasi im Main und blickt auf die Stadt, dahinter Sachsenhausen, Oberrad, der Flughafen und das Stadion. Auch der Goetheturm steht hier noch. Wer genau hinhört, der hört die Anfeuerungsrufe der Eintrachtfans.

Die EZB ist gefüllt mit Geldschnipseln, der Pavillon im Bethmannpark, ein Spielzeugmodell, die A661 ist ein Bergsteigerseil, das sich über das Gelände schlängelt, hier leuchtet die Festhalle, da die Alte Oper, während die Dippemess in vollem Gange ist. Weiter hinten im Riederwald liegt der alte Sportplatz der Eintracht, noch ohne das neue Leistungszentrum. Fehlt nur noch meine Hängematte im Garten ein paar Meter weiter hinten. Und die Menschen stehen im Main, zeigen auf das Modell: „Da hinten ist die Berger Straße, und das die neue Bilbliothek, äh nein, das ist die Uni. Und dahinten ist Kalbach, da wohnen Müllers. Oder Meiers.“

Man könnte ewig hier verweilen, Detail reiht sich an Detail, Messer und Gabel am Lohrberg, hier kann man gut essen. Eine Antenne, klar, was sonst, ist der Fernsehturm, die Commerzbank ein Zollstock, Mensch ärger dich nicht der Boden nah der Messe. Und am Beispiel des Pavillons und des Goetheturms, die beide einem Feuerteufel zum Opfer fielen, sehen wir, dass dieses Modell so gegenwärtig es auch ist, schon jetzt ein Frankfurt zeigt, welches es so nicht mehr gibt.

Einen Besuch wert, so denn noch Kraft ist, ist der Rententurm am Mainkai, hier atmen die Steine Geschichte, neu ist die Uhr. Er ist über die Ausstellung direkt zu erreichen, aus dem Fenster schauend sehe ich die Frankfurter über den Eisernen Steg schlendern. Frische Luft, gute Idee. Und Wiederkommen auch. Natürlich wurde auch schon über das erst kürzliche Museum berichtet. Hier die FR, dort die FNP und FAZ und hier noch Das vierte Zimmer. Und sie sind völlig zu Recht voll des Lobes.