Ende der 70er, Anfang der 80er waren wir ja große Metal Fans, Judas Priest, Saxon, AC/DC mit Bon Scott, Iron Maiden, Motörhead, Van Halen bretterten in unseren Kinderzimmern die Poster von den Wänden. Viele der Bands gastierten damals in der Stadthalle in Offenbach, später nannten sie den Sound „New Wave of British Heavy Metal“.

Dazu gehörten natürlich UFO mit dem Live Album „Strangers in the night“ oder, na klar, Phil Lynnot mit Thin Lizzy. Kurz darauf gab mir diese Musik nicht mehr viel. Lemmy liebe ich bis heute, Thin Lizzy oder UFO geht auch immer, aber das ganze Gitarrengeschrubbe mit Gepose und wehenden Mähnen hatte seine Zeit in der Zeit. Michael Schenker, der mit 16 bei den Scorpions spielte, später dann bei UFO, war damals ja das „Wunderkind“ mit seiner Flying V Gitarre. Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, 60 Öcken für das Konzert im Capitol auszugeben – aber wie es der Zufall so will, bin ich dann doch dort gelandet. Mit Höke. Unser erstes Konzert war Anfang 1979 Queen in der Festhalle, wir kennen uns also schon ganz schön lange – und haben im Capitol ein weiteres Kapitel unserer Freundschaft geschrieben, das war toll.

Vom Frankfurter Nordend bringt mich die Bahn mit Umsteigen in 20 Minuten ans Ledermuseum – das ist ein Ding. Ein Roadbier, ein paar Meter laufen und da bin ich. Ein paar Minuten später kommt Höke. Früher waren wir ja schon mittags an den Hallen, tranken Appelkorn und erlebten große Abende. Und manchmal hieß es: „Papa, kannst uns abholen?“, weil keine Bahn mehr fuhr. Ja, wir konnten damals ohne Handy kommunizieren und kamen irgendwie überall hin.

Das Capitol ist eine schöne Location, ich glaube, sie haben das Ding Mitte der 90er für das Tommy Musical aufgepeppt, seither war ich genau zwei Mal hier, Element of Crime habe ich gesehen und Tocotronic. Jetzt hocken wir das erste Mal im Oberrang. Vor dem Konzert ist Sitzen eine prima Sache, vor allem, da mein Rücken von der Hexe getroffen wurde. Aber Rockmusik im Sitzen ohne Kippenqualm ist wie Handkäs ohne Musik. Nun gut, sie ziehen ja jetzt auch Fahrradhelme auf, um älter zu werden – ohne zu wissen, weshalb sie älter werden wollen. Also nicht ihr, die anderen. Dann guckt man halt vom Oberrang zu, wie die anderen leben.

Es beginnt eine Vorband aus Stuttgart, klassischer Metal, rein optisch könnten die Jungs auch ne Indieband sein, irritierend nur, dass die große Lampe im Saal durchgehend leuchtet. Das ist etwas schäbig, die große Atmosphäre kommt nicht auf, aber sie geben alles und ziehen am End die Leute doch in ihren Bann. Mehrmals begrüßt der Sänger Offenbach, er meint nicht mich. Bei einer Kippenpause treffe ich draußen einen Mann mit einer „Frankfurt“ Jacke, er hat genau so gelitten wie ich.

Nach einer kurzen Umbaupause kommt dann die Band von Michael Schenker. Chris Glen am Bass steht während der gesamten Show wie ein Fels in der Brandung, ein Ventilator verweht die langen Haare. Michael Schenker, der Hungerhaken, kniedelt an seiner Flying V wie eh und je, leider steht er am Rand der Bühne, von uns aus kaum zu sehen. Klar, bei den ersten Tönen stehe ich auf. Um zu sehen, zu wippen, zu tanzen. Hinter mir tönt es sofort: „Hinsetzen“. Es war kein Steward, wie ich es aus England kenne, es war ein Konzertbesucher, Typ Hells Angels, böser Blick. Ich denke mir „Leck mich“. Also laut habe ich das gedacht, aber bevor die Sache eskaliert und ich mit abklingendem Hexenschuss den kürzeren ziehe, schwinge ich mich eine Reihe nach hinten. Im Oberrang sitzen alle. Kerle, die sind jünger als ich, was soll denn da noch kommen? Klar, wenn’s nicht geht, geht’s nicht – aber allein die Musik lässt dich doch zucken, deshalb bin ich doch hier. Gekrümmt kann ich ja später noch in der Bahn hocken. Sie sitzen da, noch nicht einmal der Kopf wippt. Lieber Gott, schick mich ins Jenseits, bevor ich so drauf komme.

Was soll’s, drei Sänger wechseln sich ab, Gary Barden, Graham Bonnet und Robin McAuley. Vor allem Letzterer macht seine Sache klasse, Metal Frontman der alten Schule, lange Mähne, Löcher in den Hosen und ne Kette dran. Graham Bonnet war schon das Ende von Rainbow. Mit ihm kannst du bestimmt ein Bier trinken und dich über Gott und die Welt unterhalten, aber Sänger einer Rockband ist er für meinen Geschmack nicht, war er nie und wird’s auch nicht. Gary Barden ist mehr so der Handwerker im langen Hemd, könnte auch für Journey oder so singen. Michael Schenker kniedelt. Und kniedelt. Und lacht manchmal. Der Kerl war schon mit 16 wie sein Bruder Rudolf bei den Scorpions, später dann bei UFO. Ende der 70er waren die Scorpions ja klasse, die Tokyo Tapes eine Hammer Liveplatte. Heute eröffnen sie die Expo und ich lasse die Rolläden runter. Wind of Change, eines der schlimmsten Lieder aller Zeiten. Aber Schenkers Michael ist echt ne Legende. Er kniedelt.

Gegen Ende kommen dann ein paar alte UFO Bretter, Doctor, Doctor, so eine Art „Paranoid“, Klassiker der Klassiker. Vor ein paar Jahren haben wir ja UFO im Steinbruch gesehen, eine Handvoll Zuschauer und leider ohne Schenker, aber das war auch klasse. Kein Firlefanz, simply Rock. Und auch heute sind Lights Out oder die letzte Zugabe, Natural Thing, die Killersongs. Rock Bottom kniedeln sie ne gute Viertelstunde lang, ich hole Bier und als ich wieder komme, sind sie genau so dabei, wie in dem Moment als ich ging.

Irgendwann ist die Show zu Ende, es war gut, mit Höke hier gewesen zu sein, wir haben wieder etwas erlebt und können später darüber babbeln. Ein Bier später fährt er mich zur S-Bahn. Als ich die Treppen hinunter marschiere, steht die Bahn abfahrbereit da, eine junge Frau hält lässig ein Bein in die Lichtschranke, ich falle die Tür hinein, sie schließt sich. Ein paar Minuten später warte ich an der Konsti auf die Straßenbahn, Heimspiel. Eine gegenwärtige Zeitreise liegt hinter mir. Mein Rücken schmerzt. Weiter machen, was sonst?