Nach 15 Jahren spielt die Eintracht wieder mal in einem Pflichtspiel in Schweinfurt. Standesgemäß beginnt die Fahrt am Moseleck, jedoch weniger aus feuchtfröhlichen, eher aus pragmatischen Gründen.

Diesmal treffen sich für die Fahrt zum Spiel der zweiten Pokalrunde beim 1. FC Schweinfurt: Die Pia, der Basti_Red, der rote Dacia und ich an einem der trubeligsten Orte Frankfurts im Bahnhofsviertel. Es hupt. Immer. Wir lassen uns nicht groß stören und steuern über Sachsenhausen Richtung A3, dezent im Hintergrund mit dabei: Manu Chao, TV Smith oder die Chameleons, es scheint ein trockener Tag zu werden, die Uhr schlägt bald drei. Anpfiff der Partie ist um 20:45, genug Zeit also für eine gemütliche Fahrt durch den Spessart. Hinter Aschaffenburg, hinter den großen Einhausungen, geht es bei Hösbach auf die Landstraße, die wir bis kurz vor Schweinfurt nicht mehr verlassen werden. Wir rollen gemächlich durch den Waldherbst, durch gelbbraungrüne Baumalleen; auf den Straßen ist nichts los, das Gros ist auf den Autobahnen unterwegs, zwischen Baustelllen und Mittelspurschleichern. Kurz vor Lohr allerdings ist die Landstraße gesperrt, wir folgen der Umleitung und erreichen nach wenigen Kilometern dennoch Lohr, verlassen kurz die B26, passieren Steinbach und Wiesenfeld und alsbald erreichen wir Karlstadt. Wieder auf der B26 nähern wir uns rasch Schweinfurt. Die letzten Kilometer geht es auf die A70 und nach knapp 130 Minuten landen wir in der Innenstadt, parken am Spitalseeplatz und entern die City: Hurra, Hurra, die Frankfurter … Main gibt’s hier auch.

Zunächst spricht uns der Fahrer eines gepflegten Wagens an, ob wir das Stadion suchen würden, der Knopf im Ohr scheint uns verdächtig, wir ziehen weiter.  An einem Imbiss am Rande der Fußgängerzone trifft sich die Jugend in Schwarz, bei näherem Hinsehen mit grünen Einsprengseln, wir ziehen weiter, suchen eine Wirtschaft rund um den Marktplatz. Das Stadtbild ist geprägt von mächtigen Gebäuden, wie dem historischen Rathaus der Renaissance, in der Stadt selbst ist es ruhig. Ein gemächlicher Feierabend legt sich über den Tag, die Menschen vor Ort sind auf den ersten Blick freundlich und aufgeschlossen. Da im Brauhaus alle Plätze reserviert sind, landen wir bei einem Kroaten in unmittelbarer Nähe. Wir sind die ersten im Laden, doch kaum sitzen wir, füllt sich das Restaurant.

Sodann brechen wir auf Richtung Willy-Sachs-Stadion, es dürfte das einzige Stadion in Deutschland sein, welches nach einem hochrangigem SS-Mitglied benannt ist, dies scheint man hier locker zu sehen, schließlich ließ Willy Sachs einst etliche Taler für die Stadt springen. Zunächst sieht wenig bis nichts nach Fußball aus, doch nach wenigen Minuten erreichen wir die Bundesstraße, die zum Stadion führt, und nun stauen sich auch die Autos. In einiger Entfernung glänzt das Flutlicht – und kaum dachten wir, wir hätten es geschafft, werden die Kurvengäste rund um das Stadiongelände mit Trainings- und Tennisplätzen geleitet, ein Fußmarsch, der länger scheint, als der Weg von der Stadt bis zum Haupteingang, die letzten Meter sind unbeleuchtet. Am Eingang selbst herrscht ein ordentliches Gedränge, noch ist die Masse überschaubar, aber ein einziger Eingang für alle führt kurz vor den Ordnern zu einem Anflug von Massenpanik. Da ist es eine herausragende Idee der Polizei, mit mehreren Leuten gegen den Strom zu drücken, um hindurch zu gelangen, es wird ungemütlich. Aber wir überleben den Einlass und blicken in ein Oldschool-Stadion, in dem der Geist der Fünfziger Jahre atmet. Flutlichtmasten bestrahlen den Rasen, die unüberdachten Kurven fügen sich mit der ebenfalls unüberdachten Gegengerade zu einem harmonischem Oval, einzig die Haupttribüne bietet vor optionalem Regen Schutz. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Jahrzehnte vor mir tausende Männer in Mäntel und Hüten mit gespannten Regenschirmen hier stehen, umrandet von Bäumen skandieren sie „Willy Sachs“ welcher huldvoll und trunken in seiner Uniform von der Haupttribüne aus winkt.

Im Stehplatzbereich wird es langsam sehr voll, immer mehr drängen hinein, die Hütte wird voll, die maximale Kartenkapazität von 15.060 wurde ausgeschöpft, dabei sind zwei Blöcke als Puffer frei gelassen. Der Stadionsprecher weist unermüdlich darauf hin, dass auf einer Stufe zwei Reihen stehen können. Irgendwann hat irgend jemand ein Einsehen, ein gesperrter Block wird geöffnet, die Lage entspannt sich. Der harte Kern der Schweinfurter steht in der Gegengerade.

Kaum laufen die Mannschaften ein, schwenkt unsere Kurve hunderte Fähnchen, Bengalos flammen auf, Kassenrollen flattern auf die Laufbahn, Silvesterrakten steigen in den Nachthimmel von Schweinfurt. Pyro in der Nacht hat ja immer den Vorteil, dass man auch in der Dunkelheit ein paar gescheite Fotos hin bekommt. Die brennenden Kassenröllchen werden von der Feuerwehr beherzt gelöscht. Alsdann beginnt sowohl das Spiel als auch auf den Rängen ein buntes Programm mit traditionellem Liedgut. Es ist immer was los beim Fußball, mit bloßen gucken kommst du hier nicht durch. Hände hoch, Hände runter, Wechselgesang hier, Schweinfurt-Schweine, Nürnberg-Schweine, Singen, Klatschen, das geht Schlag auf Schlag. Dafür dauert es dann zuweilen etwas länger bis auffällt, dass die Eintracht ein Tor geschossen hat, Hallér hat’s gemacht, doch in der Folge friemelt sich Schweinfurt ins Spiel und kommt sogar zu Chancen. Die Anzeigetafel blinkt immer wieder vor Aufregung über Ecken oder Zuschauerzahlen, zuweilen fordern zwei animierte Hände zu gepflegtem Applaus auf – wie einst bei den Anfängen der Digitalisierung.

Die Stimmung der Umstehenden ist gelassen, manchmal schiebt sich der ein oder andere mit drei, vier Bechern Bier problemlos durch die Leute, der Stadionsprecher spricht vom Jahrhundertspiel und während der Halbzeit gibt Stepi den Pausenclown und schießt  leere Bierkisten von einer Bierbank.

In Halbzeit zwei haben die „Schnüdel„, wie sich die Schweinfurter nennen eine Riesenchance zum Ausgleich, versemmeln aber und alsbald übernimmt die Eintracht das Kommando. Erneut Hallér sowie Wolf und Blum schießen einen ungefährdeten Sieg heraus, derweil auch die „Schnüdelultras“ ein kleines Feuerwerk abbrennen. Gemeinsam wird dann noch der DfB gefeiert, doch die Verbrüderung der Fanlager währt nur kurz, um dem Anspruch der Frankfurter Arroganz gerecht zu werden, heißt es dann wieder: Schweinfurt-Schweine. Ihr dürft zwar kurz mit uns spielen, aber dann wieder ab in den Käfig. Schnüdel ist übrigens das Lederbändchen, welches die alten Fußbälle an Stelle eines Ventils zusammenhielt. „Steht auf, wenn ihr Schnüdel seid“ heißt es dann auch von uns, eine Ironie, die nicht jedem in der Kurve gefällt.

Nach 90 Minuten ist der Pflichtsieg unter Dach und Fach, die Mannschaft wird gefeiert, der Fußmarsch beginnt. Dummerweise ist der Ausgang jetzt halbiert, es gibt noch weniger Platz zum Durchkommen, aber auch diese Hürde wird gemeistert und nach einigen Gude hier und Gude da, fallen wir in einen Shuttlebus, der uns wieder zum Marktplatz bringt. Nach ein paar Kilometern auf der Autobahn halten wir uns wieder an die Landstraße, sausen mit Fernlicht durch den finsteren und einsamen Spessart, kein Mensch, aber auch kein Räuber ist nach Mitternacht unterwegs, wir verfranzen uns hinter Lohr und kaum sind wir auf der Autobahn, fällt der Regen auf die Baustellen, die LKWs drängen dicht an dicht und die Realität hat uns wieder.

Gegen halb zwei erreichen wir Sachsenhausen, ein Wegweiser weist noch immer zum Goetheturm. An der Eckenheimer entlassen wir Basti und wenige Minuten später umkurven wir das Nordend auf der Suche nach einem Parkplatz, ein lustiges Unterfangen in dunkler Nacht – doch irgendwo ist immer ein Plätzchen für den Dacia frei – und so findet auch dieser charmante Ausflug ein Ende, wie alles ein Ende findet. Vielleicht mache ich ja im nächsten Leben einen Frisörsalon auf und nenne ihn: Hairbert.