Blaue Stunde gegen 17:00 Uhr vor der Festhalle. Ein Schild vor dem Treppenaufgang der U-Bahn verkündete den Weg: Placebo. Es ist früh, ich wollte mir einmal das Gelände rund um die Messe anschauen, Kastor, Pollux, Skyline Plaza. Lange war ich nicht mehr hier gewesen, sieht man einmal vom Cure Konzert neulich ab, aber da sind wir schnurstracks in die Halle gewandert.

Frankfurt, rund um die Messe, einstiger Güterplatz. Heute führt die Europaallee Richtung Kuhwald, die Lichter der Hochhäuser leuchten in den blauen Abendhimmel, ein großes Einkaufszentrum zieht Menschen an, das Skyline Plaza. Ein paar Meter nebenan ragt der Messeturm in die Höhe, ich weiß noch, wie ich Anfang der Neunziger, als der Turm gebaut wurde kurz nach Silvester mit Freunden die Baustelle geentert habe. Der Turm war nahezu fertig, es fehlte die gläserne Pyramide. Der Ableger eines wahnwitzig hohen Krans führte auf das Dach des Turms, wir aber nahmen die Stufen und erklommen die Treppen Stockwerk für Stockwerk. Ab und an entdeckten wir die Reste einer Silvesterfeier, leere Flaschen, Kippen. Wir konnten bis nach ganz oben klettern, zwei Holzbohlen führten zum Kran, an der Seite ein zerbrechliches Geländer, es war der tägliche Weg des Kranführers zu seinem Arbeitsplatz, wir blickten im Wind rund um Frankfurt, und durch die schmale Stelle zwischen den Bohlen über 200 Meter tief auf die Straße, den brausenden Verkehr, ein gleichermaßen erhabenes wie mulmiges Gefühl.

Das Licht ist schön, der Abendhimmel blau, ein guter Tag zum Fotografieren, so ich ein Stativ dabei hätte. Die Wucht der Bauten, dazwischen der Mensch, so klein. Doch das Leben reduziert sich hier auf das Arbeitsleben oder das Konsumentenleben, hier wächst nichts unbeobachtet, ob hier je ein Kind gespielt hat, ist nicht überliefert. Ich bin kein Freund dieser Einkaufszentren, der Malls. Meist gibt es hier Dinge, die ich nicht brauche oder aber zu teuer sind, die Atmosphäre unter Neonlicht lädt nicht zum Verweilen ein. Ich esse ein quietschbuntes Eis und laufe durch die Ebenen, hier gibt es viel und gleichermaßen wenig. Manch Verkäufer steht alleine in seinem Laden, tippt auf dem Handy, ich betrachte die Schaufenster, Business, steril, auch die Essensbuden laden nicht wirklich ein. Als Pia kommt, werfen wir einen Blick in den Saturn, wir brauchen noch Mini DVs, eine aussterbende Technik, eben noch State of the Art. Preise für Speicherkarten und Kleinkram werden digital angezeigt. Ich komme mir verarscht vor, wie ich mir an Tankstellen verarscht vorkomme, wenn binnen eines Tages die Preise für Sprit um über zwanzig Cent variieren. Die Strategie, das Maximale aus deinen Taschen zu ziehen, die Preisentwicklung nicht nachvollziehbar. Der Verbraucher, ein Narr, am Nasenring durch die Manege gezogen.

Wir entdecken einen Asia Imbiss, das Essen sieht brauchbar aus, der Teller für 5,90, Selbstbedienung. Menschen vor uns schaufeln Massen auf die Teller, bauen Lebensmitteltürme gleich dem Messeturm. Am Tisch nebenan eine Gruppe junger Menschen, eine junge Frau sitzt vor einem gigantischen Teller, nagt an einem Hühnerspieß – und verkündet, sie könne nicht mehr. Auf dem Teller liegen Teile toter Tiere, hochgezüchtet für den Müll. Das Essen ist grausam, die Soßen sind grausam – es ist eine Kunst, sogar Reis zu versauen, hier gelingt es. Die Frau zeigt ihren Freunden Handyfotos, ich kann nicht anders, ich sehe sie. Es sind ausschließlich Bilder ihrer selbst.

Ein Fahrstuhl führt nach oben, auf dem Dach des Gebäudes befindet sich ein Garten und eine Aussichtsplattform, Frankfurt in der Dunkelheit, auf der Festhalle weht die Deutschlandfahne, es ist der beste Platz im ganzen Gebäude, irgendwo dahinten fließt der Main. Ich rauche, der Blick schweift in die Ferne, trifft den Messeturm. Ich sehe mich dort oben, damals 1991 im Januar.

Der Supermarkt im Erdgeschoss bietet gekühltes Bier an, immerhin – und dies zu einem Viertel des Preises, der später an der Halle verlangt wird, gut zu wissen. Mittlerweile ist Thor zu uns gestoßen, Flaschensammler umschwirren uns, der Platz vor der Halle füllt sich. Der Einlass geht flink vonstatten, welch Unterschied zu den Fußballspielen, kein Geschubse, kein Gedrängel, keine unfreundlichen Ordner, die Leute sind guter Dinge, entspannt, freuen sich auf Placebo, deren erste Platte nun auch schon zwanzig Jahre auf dem Buckel hat. Ich bin auf sie gestoßen, als ich eigentlich vor allem Trance oder Goa gehört habe, Ambientgefrickel dazu und wenig Rockmusik – aber Placebo ist geblieben, konstant gut die Alben und auch die letzte Single, Jesus son lief bei mir in heavy Rotation. Live hatte ich sie noch nie gesehen, Premiere also.

Die Halle ist gut gefüllt, die Vorband schon vorbei, als wir den Innenraum betreten. Irgendwen kennt man immer, ich blicke nach oben, auf das Stahlgerüst, die Kuppel. 1909 wurde die Festhalle eröffnet, irgend jemand hat damals dort oben gesessen und die Einzelteile zusammen geschraubt. Oder genietet. Vielleicht ist er im ersten Weltkrieg gefallen, ich spüre dessen Geist und ahne die Geschichte der Halle. Hier war ein Kriegslazarett, von hier wurden Juden in die Lager geschickt, Sechstagerennen, Konzerte, Pferde.

Es wird dunkel, Placebo erinnern mit Bildern des jungen und alten Leonard Cohen an seinen Tod vor einigen Wochen. Dann kommt Every Me, every you – als Videoclip, anschließend eine kurze digitale Zusammenfassung des zwanzigjährigen Schaffens. Mit Pure Morning entern Placebo die Bühne. Ausnahmsweise hatte ich mir schon zuvor die Setlist der vergangenen Konzerte in Amsterdam und Antwerpen angeschaut, sie war nahezu gleich. Und auch in Frankfurt weicht die Band nicht davon ab. Mit Loud like Love und Jesus son kommen zwei Kracher gleich zu Beginn, dann wird es zunehmend ruhiger. Das Licht hinter der Bühne ist nicht ganz so spektakulär wie bei Cure, fotografieren ist nicht einfach, die kleine Kamera, die relative Dunkelheit, die Distanz. Ich schlendere einmal rund um die Halle. Erstaunlicher Weise ist der Innenraum nach hinten bestuhlt, aber es gibt genug Platz für alle. Brian Molko erweist sich als außerordentlich gesprächig, begrüßt die Zuschauer auf Deutsch, die Halle wiegt im Rythmus der Musik. Ich bin gerne in der Festhalle, wer Fußball gewohnt ist, den permanenten Zirkus, der wundert sich, wie entspannt alles zugehen kann trotz einer relativ großen Menschenmenge, keine Hurensöhne im Gesang, keine fliegenden Becher, nichts ist wichtiger als die Band, die Musik, die die Leute in andere Kopfwelten versetzt.

Zu Without yo I’m nothing wird David Bowie eingeblendet, er war in den Anfangstagen ein großer Förderer der Band, nun ist er tot. Wie Cohen. Oder Lemmy. Der an diesem Abend jedoch keine Rolle spielt. Mit der Zeit wird es nach der melancholische Session wieder rockiger. Jetzt erklärt uns Molko, dass es anlässlich des 20. Geburtstages ans Feiern geht, ans Tanzen. Er fordert die hinteren Reihen auf, eben jenes zu tun. Und jetzt schwebt die Halle, Special K., Slave to wage, Song to say good bye, The Bitter end und nach einer kleinen Pause Nancy Boy, Teenage Angst, Infra Red. Nach einer weiteren Pause beschließen sie das Konzert mit dem Kate Bush Cover Runnin‘ up that hill. Es wird, wie schon zuvor das letzte Lied des Abends, großer Applaus, Abgang, Licht.

Pia schaut nach Merchandise, Thor hat sich schon aufgemacht Richtung Parkhaus. ich trinke vor der Halle ein Bier. Ein Stand lässt einen Generator laufen, Placebo scheppern auch jetzt, Leute tanzen in die Nacht. Es war ein guter Abend.

Before our innocence was lost,
You were always one of those,
Blessed with lucky sevens,
And the voice that made me cry.
It’s a song to say goodbye.