Es war Mitte der Achtziger und The Cure traten schleichend in mein Leben, In between days hieß der erste Song, den ich bewusst hörte samt der dazugehörigen Platte The head on the door, dazu lief „Rise“ von PIL hoch und runter. Kurz darauf schrieb ich mich an der Uni ein – und alles änderte sich, vor allem musikalisch.

Mein Musikgeschmack war ein steter Wandel mit festen Größen, ich war nie Mod, Punk, Rocker oder Hippie ich war alles und nichts. Andere trennten die Sex Pistols von Pink Floyd, Barclay James Harvest von Bob Marley oder Clash von Bap. Bei mir passte das alles zusammen. Genesis neben den Ramones? Das ging genauso wie Sweet neben Blondie, Jethro Tull neben Motörhead, oder Bruce Springsteen neben Saxon. Mit Cure begann ein Wandel, oder besser: An der Uni. Genesis oder Barclay James Harvest waren so out wie nur irgendetwas sein konnte, Schwarz war das neue Bunt und während ich auseinander fiel, die Welt aus der heimatlichen Welt bei den Eltern in ein neues Leben mündete, von Böll zu Adorno, vom Fänger im Roggen hin zu Herbert Marcuse, taumelte ich ahnungslos ob meiner selbst in diese aufregende universitäre Welt, immerhin mit „Rise“ oder „In between days“ im Gepäck, die Eintrittskarten zur Anerkennung derer, die weiter waren. Die vermutlich weiter waren. Während wir Provinzler zuvor in der Darmstädter Krone oder Montags in Lopos Werkstatt tanzten, gingen die anderen in die Batschkapp, oh und wir waren Provinz. Freundlich naiv und ahnungslos von der großen Welt. Ich meine, wir hatten jede Menge Spaß, mit Kallis Sciroocco, in dem ausschließlich Black Sabbath lief oder mit Leys Roller, mit dem wir an die Konsti gerollert sind, um für 10 Mark ein Piece zu kaufen. Abends lungerten wir entweder kiffend im Stadtwald herum oder hörten in unseren Buden Genesis. Natürlich mit Peter Gabriel. Manchmal waren wir auch im Höhenkoller oder im Jazzica am Holzgraben. In der Batschkapp aber waren wir nie. Aber kaum war ich an der Uni, war ich in der Batschkapp. Boys don’t cry. Und hier lag es, das wahre, das richtige Leben, zumindest: Womöglich. Auch Adorno manifestierte, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben würde und er lag damit ja nicht so völlig daneben.

Es war die Zeit der Independend Bands, in die ich mich unsterblich verliebte, Cure, New Model Army, Pogues, The Men they couldn’t hang, The Smiths, Jesus and Mary Chain, The Waterboys, Joy Division, Sisters of Mercy, Red Lorry Yellow Lorry, Violent Femmes, Alien Sex Find, Anne Clark, Laurie Anderson, Killing Joke traten in mein Leben und hielten zusammen, was nicht zusammen zu halten war, ein fragendes ich – und diese Fragilität spielte in den Songs eine große Rolle. Wir konnten jetzt stundenlang im Zimmer liegen und Faith von Cure hören – und es war ein anderes Wir. Und alle tanzten den Robert Smith Style, mit den Fußspitzen imaginäre auf dem Boden liegende Kippen austretend, ein Arm immer leicht am Rudern, existenzialistisch bis zum Anschlag, Killing an Arab, Camus, Boheme – Kill your Ideals sang Phillip Boa später und wir sangen mit und wollten so sein wie Robert Smith. Verliebt sein hieß traurig sein. Entweder sehnsüchtig leiden oder aber die Dinge, sprich die Liebe ging nie zusammen. Während andere an ihrer Karriere oder Familie bastelten, hörten wir traurige Musik und tranken zuviel. Irgendwann fiel alles auseinander, das Ich, die Unizeit, die Leute. Die erhoffte Revolution fiel aus, übrig blieb die Depression, die innere Revolte des kleinen Mannes. Ian Curtis war schon tot, bevor wir Joy Division überhaupt kannten: Just for one moment, thought I’d found my way, Destiny unfolded, I watched it slip away.

Mit Cure kam ich an die Uni, mit Cure ging ich auch wieder hinaus: Friday I’m in love.

Die Festhalle erlebte ich erstmals im Februar 1979, Queen traten auf, wir hockten im Oberrang und waren aufgeregt wie sonst nur an Weihnachten. Oft war ich nicht dort, unsere Bands spielten eher in Offenbach oder Neu Isenburg, Barclay James Harvest habe ich hier mal gesehen, Jethro Tull, AC-DC erstmals ohne Bon Scott, Sisters of Mercy mit den Ramones und noch ein paar andere. 1987 Cure, aber das war langweilig. Das letzte Mal sah ich hier 1996 David Bowie, es kann auch 1995 gewesen sein, es war die Outside Tour und ausgerechnet in der Phase, in der mir Bowie am wenigsten gefallen hatte, musste ich ihn sehen. Cure sah ich noch einmal in Glastonbury Mitte der Neunziger, es war genau so langweilig wie in der Festhalle. Lustloses Gekniedel.

Jetzt also Cure in der Festhalle, zwanzig Jahre später – eine Zeitreise der Erinnerungen an Tage, in denen ich in die Welt hinaus spazierte und Cure eine Eintrittskarte waren. Und es wurde ein buntes Konzert, untermalt von Lichtern, die den einzelnen Songs eine visuelle Erscheinung gaben, atmosphärisch dicht. Zuvor traten The Twillight Sad auf, eine schottische Band, die im vergangenen Jahr noch als Support der Editors fungierten – beide Auftritte waren klasse, obgleich die Festhalle natürlich eine Nummer zu groß war; sollten sie als Hauptact in der Batschkapp spielen, bin ich wieder da.

Ein Problem von Cure ist, dass sie für sehr vieles stehen. Die einen lieben die alten, düsteren Sachen, die anderen eher die poppigen, nur Boys don’t cry mögen alle. Und so bewegte sich die gesamte Halle erst komplett bei den finalen Zugaben, eine kleine Ansammlung von Hits. Manch einer bemäkelte auch den Sound, ich bin da nicht so hellhörig. Für mich war es okay, ich brauche auch keine Unterhaltung außerhalb der Musik, von daher konnte ich mit Smith‘ wenigen Ansagen gut leben. Dass sie nicht „Killing an Arab“ spielten, wunderte mich – oder auch nicht. In den heutigen Zeiten muss man ja aufpassen, was man so sagt oder singt. Faith spielten sie auch nicht, seventeen seconds ebensowenig wie den Plainsong oder Fire in Cairo. Aber sie standen zweieinhalb Stunden auf der Bühne, die gingen stehenderweise zwar in den Rücken, aber recht schnell vorbei – und der Abend war der Beste, den ich mit Cure erleben durfte. Zwar derwischte Simon Gallup etwas zu aufgedreht über die Bühne, aber wir wollen ja niemandem vorschreiben, wie er sich on Stage zu verhalten hat. Die Präsentation von Lullaby war vielleicht die stärkste des Abends, creepy Spinnweben auf der Leinwand verwoben mit Lichtstrahlen passten hervorragend, zuweilen zeigte die Leinwand auch die Sicht der Band auf das Publikum, welches wenn auch nicht hochgradig verzückt so durchaus wohlwollend die Halle verließ. Es war ein schöner Abend in der Festhalle, nicht nur ein sentimentaler Ausflug in die Vergangenheit, sondern durchaus gegenwärtig. Und jetzt sitze ich hier, Pictures of you, läuft und ich vermenge ein Gestern mit dem Heute – ob ich viel weiter als damals bin, das weiß ich auch nicht. Aber heute habe ich ein T-Shirt mit der Aufschrift Boys don’t cry, das ist doch auch etwas. Und ich habe den Abend mit Pia und Flo bei Cure in der Festhalle im Erinnerungsgepäck. Das ist schön.