Overstay. Ein Tag ohne Visa in Thailand. Ich hätte es besser wissen müssen, jetzt ist es zu spät und so schmuggle ich diesen Bericht kassibergleich unter größter Geheimhaltung aus meiner Zelle. Joe nebenan wurde mit fünf Gramm Marihuana erwischt, wann wir raus kommen ist ungewiss, aber wir leben.

So in etwa die schlimmsten Befürchtungen, aber im End ging alles dann doch halbwegs glatt. Nach dem finalen Frühstück mit Bergen von Mango, Melonen, Papaya und Ananas samt Kaffee in einem wifi-freien Café und einer letzten Cigarette am Ufer des Chaio Phraya packe ich mein Bündel, verabschiede mich und ziehe los, frischgeduscht und schwitzend. Noch ein letztes Mal führt mich der Weg an Rollern und Vogelkäfigen vorbei, keine fünf Minuten wartet ein Roller-Taxi auf mich, was der gute Mann bis eben noch gar nicht wusste. Der Brauch will, dass eine Fahrt zum Bahnhof Phaya Thai 100 Baht kostet, Helm inklusive und schon brause ich durch die Stadt, gut, dass mein Rucksack so klein ist, und zwischen die Beine des Fahrers passt. Obgleich die Strecke zu Fuß knappe fünf Kilometer beträgt, zieht sich die Fahrt, vorbei an Tempeln, Hauptstraßen und viel Grün. Die Ampeln werden durch ein Signal begleitet, welches die verbleibende Zeit der Rot- bzw Grünphase in Sekunden runter zählt, in der ersten Reihe stehen stets die Scooter, die bei Grün wie ein Pfeilschwarm davon ziehen. Mein Fahrer fährt ruhig aber zielstrebig, wir landen am Bahnhof und er will tatsächlich seinen Helm zurück, den hätte ich fast vergessen. Der Zug Richtung Bahnhof fährt an einem Nebengebäude ab, als ich nach kurzer Suche dort ankomme, steht er schon bereit, und bald setzt sich die Metro für meine letzte Stadfahrt durch Bangkok in Bewegung. Reisende, Thais und ein alter Mann im weißem Gewand mit zotteligen Bartsträhnen, gestützt auf einen gewunden Stock aus Astholz begleiten mich. Mir scheint, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.

Augenscheinlich die Widersprüche der Metropole, die kleinen, verwinkelten Gässchen, die offenen Bretterverschläge, die als Wohnungen dienen, gigantische Büro- und Hochhäuser, Behausungen, an denen die Bahn direkt vorbei fährt, mehrspurige Autostraßen auf Stelzen, die sich durch die ganze Stadt ziehen, Obdachlose, die dazwischen schlafen und vor dem Flughafen buhlen riesige Werbetafeln um Aufmerksamkeit. Durch die Roller- bzw Metrofahrt entwickelt sich ein langsamer Abschied aus Bangkok, die Stadt zieht langsam an mir vorbei, die Hitze bleibt außen vor, sie wird erst wieder spürbar, als ich vor dem Flughafen rauche, keine Stunde habe ich gebraucht.

Da ich noch eine weitere Stunde bis zum Check in Zeit habe, gehe ich noch einmal nach draußen und genieße die Hitze Bangkoks im April, die Rundumwärme, die dich Tag und Nacht begleitet. Von nun an stehe ich unter dem Diktat der Klimaanlage bis Frankfurt.

Der Check in nur mit Reisepass klappt tadellos, 12,6 kg Gewicht bringt mein Rucksack auf die Waage, über 5 kg mehr als auf dem Hinflug, immerhin ist die lange Hose jetzt drin und jede Menge Krimskrams dazu, wie auch der Reiseführer, der auf der Anreise noch ins Handgepäck durfte.

Jetzt gilt es die Visahürde, meinen Overstay zu umschiffen. Mit Ärger rechne ich nicht wirklich, hoffe aber, dass ich keine 500 Baht bezahlen muss, doch wie trügerisch ist die Hoffnung – und ich um 500 Baht ärmer, aber ich habe es geschafft, ich bin mein Gepäck los, nicht im Knast und mein Flugzeug geht heute und nicht etwas gestern. Nach einer Rundtour durch den Airport und dem Wieimmerwundern über die astronomischen Preise an solchen Orten, suche ich noch einen Raucherraum, finde ihn und stelle wieder fest, dass Raucherräume die unwirtlichsten Orte sind, die ich kenne. Außer Offenbach vielleicht. Raucherräume. Wenn diejenigen, die Raucherräume gestalten, sagen wir auch Essensräume für Fleischesser konzipieren würden, liefe das Blut der geschlachteten Tiere von den Wänden und Filme aus Schlachthöfen in Dauerschleife dazu.

Pünktlich das Boarding, halbwegs pünktlich der Start Richting Guangzhou, gefahrlos die Landung in China. Dann wurde es wild, die Reisenden mit Ziel Frankfurt sollten sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen finden, niemals zuvor in der Luftfahrgeschichte sind echtere Freundschaften entstanden, als in den folgenden Stunden. China.

Planmäßig der Stopp in Guangzhou, ein Flugzeugwechsel steht an, alle raus heißt es, Bordkarte zeigen, Kurzzeitvisum ausfüllen, Stempel in den Pass und weiter. Doch wohin? Eine Chinesin erklärt kurz den Weg, aber niemand hat so recht den Durchblick, Wegweiser sind rar, überall tummeln sich Mitreisende auf der Suche nach dem rechten Weg. Auskünfte werden eingeholt und wieder verworfen, wer etwas in Erfahrung gebracht hat, teilt dies den anderen mit, Bordkarten werden geholt, geprüft, geholt, geprüft, einige stellen sich an, und fest, dass sie falsch sind, langsam drängt die Zeit. Wir folgen dem Hinweis einer freundlichen Dame und stürmen Treppen nach oben. Dort warten Hunderte auf den Securitycheck, den wir ja schon in Bangkok hinter uns gebracht haben. Irrsinn macht sich breit, Verzweiflung macht sich breit, zumal niemandem so recht klar ist, ob wir überhaupt durch müssen. Kurzerhand wird die Schlange für die erste Klasse geentert, sorry darf ich mal, Zeit drängt und so. Es klappt, wir sind richtig und durch und jetzt steht sie da, die Dame mit Schild: Frankfurt. Jetzt. Wir zeigen unsere Bordkarten noch ein paar Mal vor, bekommen neue Karten in die Hand gedrückt, die uns sogleich wieder abgenommen werden, gondeln dann noch ewig und drei Tage mit einem Bus über den Flughafen, bis wir irgendwann im Flieger hocken und Richtung Changsha abheben. China. Und ich weiß, was uns blüht.

Der nächste Halt, der nächste Ausstieg, erneutes Ausfüllen eines Visazettels feat Anstehen zwecks Passkontrolle, erneuter Securitycheck mit Warteschlange, und nach einer Ewigkeit zur Belohnung eine Cigarette, wir stehen beieinander, quatschen, rauchen und machen uns die Situation erträglich, was bliebe sonst zu tun. China, mit uns wird das so schnell nichts mehr. Vor lauter Hin und her vergesse ich beinahe, dass ich vor wenigen Tagen noch in Little Paradise in der Hängematte aufs wellende Meer blickte. Da war China noch weit.

Immerhin, wir sitzen alle wieder im gleichen Flieger auf den gleichen Plätzen, haben neue Stempel im Pass und erneut kontrollierte Bordkarten, es muss ja alles seine chinesische Ordnung haben. Alsbald heben wir ab, schweben hoch in die Lüfte, es wäre toll, so mein Gepäck in der gleichen Maschine fliegen würde, die gegen 6:10 in Frankfurt landen soll. Dann bin ich wieder zuhause, Pia wird kommen und ich werde Geschichten erzählen aus China, aus Bangkok und Ranong, aus Little Paradise, von Geckos, Adlern und Monkees; von Meeresbläschen und Nachtsternen, Sunsets und Zikaden, von Cocnutshakes, Cashewnüssen und der stets rauschenden See, von meiner Hängematte und der Zeit, die nun vorbei ist.

Danke fürs Begleiten, es war ein phantastische Zeit meines Lebens, mal schauen, ob und was hängen bleiben wird, der Wunsch, ins Little Paradise zurück zu kehren, sowieso. Hallo Frankfurt, Beve ist wieder da. Und Freunde werden China und ich so schnell nicht, das könnt ihr mir glauben. mit Thailand und Ko Payam sieht das schon anders aus.