Heftig wurden an diesem Tag die Stühle gerückt. Claudia, die schon bei meiner Ankunft hier wohnte, ist für ihre letzten beiden Tage in eine andere Anlage gezogen, um näher bei ihren Freunden zu sein. Und die junge Dame, die in den letzten Tagen so emsig am PC gearbeitet hat, verbrachte ihre letzten Stunden hier weitaus kommunikativer als zuvor. Neben mir wohnt jetzt bis Samstag ein junger Mann aus Aschaffenburg.

Dazu kam noch ein Grüppchen dreier Frauen und zweier Männer, die englisch kommunizieren. Kurz nach ihrer Ankunft hing ein England-Handtuch auf dem Bambuszäunchen, welches die Sonnenanbeter auf den hölzernen Stühlen davor abhalten soll, über die Sandsäcke nach unten zu marschieren. In der Nacht schiffte eingter von ihnen an den Baum, keine fünf Meter von mir entfernt. Davon gibts natürlich keine Postkarten. Beim nächsten Mal aber vielleicht ein Youtube Video.

Cha hatte mir erzählt, dass es an der Ostküste eine kleine Insel gibt, die zu Fuß nur bei Ebbe zu erreichen ist. Die Zeichen standen gut heute, ich wartete, bis sich das Wasser zurück gezogen hatte und hoffte, zum Sonnenuntergang rechtzeitig zurück zu sein.

Zuvor hatte es recht lange gedauert, bis ich die wenigen Fotos in den Beitrag einbetten konnte, wenn das Wifi nicht will, saust die Zeit dahin. Immerhin kam ich dadurch a ins Gespräch und b zu einem Cigarettenähnlichem Etwas aus Myanmar. Anschließend warf ich mich in die bescheidenen Fluten, um später in der Hängematte auf die Ebbe zu warten. „Kakerlaken“ heißt der Krimi von Nesbœ, der in Bangkok spielt, aber etwas langatmiger scheint, wie „Songkran“ zuvor. Und deshalb wird er nach Lektüre auch auf der Insel bleiben. Vielleicht hat ein anderer Reisender Spaß daran – und ich habe ein paar Hundert Gramm Gewicht gespart. Meine beiden alten Sarongs bleiben auch hier, ich habe einige neue und nach über zwanzig Jahren ist es an der Zeit, sich zu trennen. Ursprünglich kamen sie aus Bali, haben ganz Europa bereist, waren Tischdecke und Wandschmuck, Kleidung und Strandtuch, Bettlaken und Bettdecke, haben zwei Monate in Indien gute Dienste geleistet und werden auf ihre alten Tage in Thailand als Decke für eine Liege oder als Raumteiler ein gemütliches Leben führen.

So ich auf den Elektrostarter drücke, rasselt leise der Motor. Die ersten Meter muss ich auf dem sandigen Boden noch mit den Füßen Nachhilfe geben, dann umkurve ich sorgsam die Wurzeln und roller auf die Straße. Der Fahrtwind kühlt angenehm, ab und an kommt mir ein Roller entgegen. Auch Frauen und junge Mädchen nutzen einen Scooter wie selbstverständlich als Transportmittel, da kann sich die muslimische Welt eine Scheibe von abschneiden. Auch wenn es als Farang schwer fällt, die asiatische, speziell thailändische Wesenhaftigkeit, zu ergründen, so scheinen mir viele Erscheinungsformen als sympathisch bis vertraut, wobei das Leben hier auf der Insel sich gemeinsam mit den Urlaubern entwickelt hat. Während das Händeschütteln in weiten Teilen Thailands durch den Wai ersetzt wird, erscheint hier der Handschlag auch durch Thais als nichts Besonderes. Die rituelle Begrüßung oder Danksagung, welche durch das Falten der Hände vor der Brust mit nach oben gerichteten Fingerspitzen zelebriert wird, ist eine Kunst für sich. Die Haltung wie auch die Höhe der Hände und die Dauer bezeugen die Stufe des Respekts, der dem Gegenüber entgegen gebracht wird, die Hierarchie. Und da ich einem Mönch nicht mit einem symbolischen „Gude, alter Babbsack“ begrüßen möchte und einen Taschendieb nicht mit “ Eure Exzellenz“ belasse ich es bei einem Nicken mit dem Kopf, einem Hello oder sawadee khrap. Wobei mir bis heute die Schreibweise vieler Thaiworte auch auf Latein nicht ganz klar ist. Ich bevorzuge ein Kuddelmuddel. So ist der Name der Insel Ko Phayam, wobei das ph wie Pee gesprochen wird, also Ko Payam. Und so wird es auch oft geschrieben. Ohne Haa. Ko heißt übrigens Insel. Und da wollte ich ja auch hin …

Der Weg runter zum Pier ist gut betoniert und ohne Schlaglöcher auf dem ersten Kilometer. Wenn ich Lust habe, gebe ich hier ein bisschen Gas, ohne den gelben Lastesel je einmal ausgefahren zu haben. Ich passiere das Krankenhaus und einige kleine Silos. Und damit kommen wir zu den Dingen, die ich schon die ganze Zeit schreiben wollte, die aber immer durchgerutscht sind.

Auf den Silos prangen einige Graffitis, die mit der Zeit Wind und Wetter ausgesetzt waren und etwas abgeschabt daher kommen. Ich hatte sie schon bei meinem ersten Ausflug mit dem Roller entdeckt und breit gegrinst. Von der Vorderseite blicken mich drei verwaschene Gesellen an, die ich nur allzugut kenne. City Ghosts. Genau die Geister, die dem Frankfurter Auge in der Heimat an den unterschiedlichsten Stellen ins Auge fallen, so man einen Blick dafür hat. Auf Dächern, öffentlichen Mülleimern, Eisenbahnbrücken, Autobahnbrücken und vielen Orten mehr. Sie sind ein heimliches Symbol für Frankfurt. Und ein noch heimlicheres auf Ko Payam. Heimat.

Der zweite unterschlagene Aspekt ist die Tatsache, dass ich schon beim ersten Strandspaziergang eine Muschel fand, die ich in meine Hütte trug. Etwas später schälte sich ein Krebs heraus, purzelte auf den Boden und schlich davon. Seither schaue ich mir alle gewundenen Muscheln genau an. Ich bin ja kein Häuserdieb.

Und drittens ist mein Holzdöschen, welches mir Albert geschenkt hatte, auf Reisen gegangen, der nächste Weg führte es nach Koh Phangan. Ihr wisst ja noch, dass ich aus dem Döschen eine Travellerbox gemacht habe, die von Reisendem zu Reisendem weiter gegeben werden soll, ohne je in festen Besitz zu gelangen. Gerne würde ich es eines Tages wieder sehen, um seiner Geschichte zu lauschen. Wo hat es die Box hin verschlagen, wer hat sie besessen, welche Gespräche wird sie wohl mitbekommen? Wurde sie irgendwo vergessen? Falls ihr also eines Tages eine schwarze Holzbox in der Größe einer Mandarine mit silbernem Zierrat auf dem Deckel in die Hand gedrückt bekommt, lasst es mich bitte wissen.

Unten am Pier biege ich rechts ab, tucker an einigen Restaurants entlang, durchquere eine eher mondäne Anlage und fahre hinter dem Sabai Sabai Richtung Wald. Sabai heißt übrigens: „Gesund“ und die Frage: „Wie geht es dir?“ lautet: Sabai die mai? Gesund gut nicht? Die Antwort: Sabai die, gesund gut.

Der Weg wird sandig, der Roller rutscht ein bisschen zur Seite, schafft die Strecke aber anstandslos. Einige Hundert Meter geht es zwischen Palmen hindurch auf eine Anhöhe, von dort aus kann man durch die Bäume aufs Wasser und ein Resort gucken. Zwei Kids kommen neugierig zu mir als ich den Scooter parke und wir lachen. Dann marschiere ich auf betongegossenen Stufen nach unten, passiere das Resort, krabbel unter einer Brücke durch und sehe die Insel. Als ich am Strand entlang wandere, entdecke ich auch die Furt, die nach drüben führt, noch sind Stellen mit Wasser bedeckt. Einige Bootchen dümpeln in der See, der Wind rauscht, einige Kite-Surfer sind unterwegs, die aufgeblähten Segel wehen gegen den blauen Himmel. Ich versuche mein Glück, wandere über kleine Steine und selbst dort, wo das Wasser noch vermeintlich den Weg versperrt, ist es nur maximal kniehoch. Von der andere Seite kommt mir ein Thai entgegen, wir nicken und grüßen und gehen in getrennte Richtungen weiter.

Nach einer guten Viertelstunde erreiche ich die Insel. Drei Hunde lungern betulich am Strand herum, heben noch nicht einmal eine Augenbraue, während ich auf die Bäume zulaufe und ein vorrübergehend verlassenes Resort erreiche. Ein kleiner Tempel im Vorgarten verrät den Glauben des Inhabers, Menschen sind keine zu sehen. Dafür aber eine Art Schafsbock, dessen Fell von Geschwüren durchsetzt ist. Mit Blick auf die von andere Inseln eingerahmte Bucht warten einige Bungalows auf Gäste. Ob in diesem oder nächsten Jahr steht in den Sternen. Ich laufe einige Meter, mache eine kurze Pause und kehre um, all zu lange ist es nicht mehr bis zum Sonnenuntergang.

Nunmehr hat sich das Wasser zwischen den Inseln völlig zurück gezogen, ich erreiche den Strand quasi trockenen Fußes. Unterwegs begenet mir der Mann, den ich auch schon auf dem Hinweg gesehen hatte. Er verweist auf den bevorstehenden Sunset, ich nicke, kletter an der Brücke vorbei, nehme die Stufen nach oben und holper mit der Yamaha Richtung Heimat, nachdem ich mir zuvor noch ein Päckchen Tabak besorgt habe. Es ist heimischer, durchaus rauchbar und wie alle Packungen mit furchterregenden Bilder verschiedenster Krankheiten versehen. Ich überklebe sie mit einem papiernen Aufkleber, der wohl ein staatliches Papier, eine Art Banderole ist.

Während der helle Sonnenball sich langsam orange färbt, um später ein Himmelsfarbenspiel von blau und orange zu zelebrieren, liege ich am Strand, der immer feucht ist, imerhin ist dieser Teil des Strandes bei Flut Meeresboden. Die Myanmar vorliegenden Inseln scheinen heute näher als sonst. Ich fotografiere und schaue und fotografiere, bis die Zikaden ihr Konzert beginnen und es zu dunkel für die Kamera wird und der Nachtstern am Himmel zu erkennen ist. Es ist Zeit für eine Dusche, für Aloe Vera und ein Abendessen. An den Holzstühlen weiter vorne sitzt leise ein Pärchen und schaut auf das Meer. Sie sitzen dort eine ganze Weile, auch noch als ich mich in meine Hängematte verkrieche. Die englische Crew sitzt gemeinsam an einem Tisch, sie essen, schwatzen leise bei kaum merklicher Musik und schenken sich aus einer privaten Flasche Whiskey oder Rum in die Coconutshakes, vergessend das Schild: Please bring not Food & Drink from outside to the restaurant. Thank you. Als sie sich in die erste Reihe vor das schweigend sitzende Pärchen setzen, dauert es nicht lange, bis die beiden ihre Zeit am Wasser für heute beenden.

Es war der letzte Mittwoch für mich auf der Insel. Durch das geöffnete Fenster sehe ich die Zweige eines Baumes, sehe das Meer und schlafe beim gleichmäßiges Rauschen der Wellen ein. Als ich Pia eine gute Nacht wünsche, ist es lichter Nachmittag in Frankfurt am Main, home of the City Ghosts.