Es ist schon seltsam. Wenn man sich Freitag morgens zu einem Wochenendtrip aufmacht und Montags zurückkehrt, denkt man vielleicht spät am Sonntag an die Rückreise. Hier schwebt meine Abreise schon ein paar Tage über mir, obgleich ich noch drei volle Tage habe. Tage, die sich im Wesentlichen nicht groß von den vergangenen unterscheiden werden und doch einzigartig sind.

Ein Phänomen des menschlichen Geistes ist ja dessen Fähigkeit, sich manchmal auf Dinge zu konzentrieren, die ein Etwas, welches großartig ist, überlagern. Wenn man beispielsweise ein weißes Hemd anzieht und entdeckt einen Fleck, so realisiert man nicht, dass 99% des Hemdes rein sind, sondern hat diesen Fleck im Visier. Oder man betrachtet ein Bild, ein fabelhaftes Bild. Doch ein anderer steht davor und dessen Kopf ist im Bild. Die Gedanken kreisen um den Kopf, der etwas verdeckt, die 99%, die vom Bild zu sehen sind, scheinen getrübt. Oder man schaut in die sternenklare Nacht, dass Meer rauscht, der Mond strahlt und mit ihm eine etwas zu grelle Lampe in kurzer Entfernung daneben. Die natürliche Reaktion ist: Ach wie toll, aber es könnte noch schöner sein, wenn diese Lampe nicht wäre. Und so hüpft die Lampe in Gedanken herum, wie ein kleiner Teufel, der immer hämisch winkend durchs Bild fällt. Die Ruhe ist irritiert. Oder man tanzt zu einem fantastischen Song und irgendjemand ist so dicht bei dir, dass deine Selbstvergessenheit sich selbst vergisst und der Kopf permanent damit beschäftigt ist, wie diesem Zunahesein beizukommen ist. Geh ich woanders hin, mache ich mich bei einem leichten Schubser steif, gucke ich grimmig – es nutzt ja alles nichts, die Entspanntheit des Momentes ist dahin. Oder du liegst in einer Hängematte und blickst aufs Wasser, die Wellen schlagen sachte an, ein Gecko geckot, Vögel zwitschern, ein Idyll sondergleichen. Und dann fräst sich eine Poliermaschine ins Hirn.

Das ist alles schon vorgekommen.

Die Frage, die sich stellt, ist folgerichtig die, wie man es hin bekommt, dass jene vermeintlich störenden Einflüsse keinen Einfluss mehr auf die Gedanken- und Empfindungswelt haben; dem Ursprünglichen nicht auf den Wecker fallen. Mit einem einfachen: „Hey, Nervgedanke, verpiss dich …“ ist es ja meist nicht getan. Gut, manchmal reicht ein kurzer Ortswechsel und das Störende ist aus dem Blickfeld. Manchmal reicht auch eine Verlagerung der Schärfentiefe, aber eben nur manchmal. Meist tanzt dir der Widerspruch auf der Nase herum, bis du selbige voll hast und den Moment aufgibst, dich anderen Dingen zuwendest. Aber diesen Sieg möchte ich eigentlich dem Nervdämon nicht gönnen, ich möchte ihn geknebelt und gefesselt auf dem Boden sehen und ihn mit dem reuigen Versprechen, mich fürderhin in Ruhe zu lassen, sonstwohin zu schicken. Und dies mit der leichten Eleganz eines französischen Sommerkleides getragen von Sophie Marceau an einem lauen Sommerabend im Juli.

Doch wie geht das? Unangestrengtes, selbsverständliches Ignorieren oder Vergessen oder Nichtwahrnehmen von einem Etwas, das es genau auf das Gegenteil abgesehen hat. Ich werde in mich gehen. Falls ihr jedoch brauchbare Strategien gegen Nervdämonen habt, lasst es mich wissen. Die kann man immer brauchen.

Eigentlich wollte ich ja einem Friseur zwecks Rasur einen Besuch abstatten oder/und noch zwei Postkarten kaufen. Der gute Wille jedoch wurde durchkreuzt, ich war zu spät dran, der Friseur genoss seinen wohlverdienten Feierabend. So sause ich ziellos über die Insel, drehe eine Runde und entdecke gar nicht weit von hier einen Pfad, der zu einem mir unbekannten Strand führt. Dabei habe ich wohl einen Adler aufgescheucht, der vor meinen Augen in die Lüfte steigt. Der Weg für den Roller endet an einem Grundstück, aber zu Fuß geht es ein paar Meter weiter und schon erreiche ich einen nächsten, versteckten, Strand. Es ist Ebbe und die macht sich deutlich bemerkbar, ich bin alleine und sehe, wie die Sonne sich anschickt, den Hauptfilm des Tages zu starten. Bemerkenswert ist stets bei Ebbe, wieviele Single Flip Flops angespült werden.

Langsam trudel ich Richtung Bungalow und setze mich mit einem Cocnutshake auf einen der Holzstühle, die englischen Freunde sind unterwegs. Sie haben die Angewohnheit, hier ein Handtuch, dort ein paar Schuhe und anderhier ein Tablet liegen zu lassen, so das drei Plätze oder Tische reserviert scheinen. Dies geschieht nicht aus der Absicht heraus, die Plätze absichtlich zu beschlagnahmen, es ist der jugendlichen Unbekümmertheit geschuldet, die um sich selbst kreist und dem Außenrum wenig Beachtung schenkt, ein Zustand, den wir alle kennen – und manchmal vermissen.

Die Sonne liefert heute wieder ein außergewöhnliches Spektakel, ich versorge Pia wie jeden Abend mit einigen Momentaufnahmen und blicke in den Abendhimmel, bis die Zikaden ihr abendliches Konzert beginnen und der Nachtstern sich aus dem Farbspektakel heraus schält.

Da Pia mittags mit den Jungs Burger essen waren, hatte sich auch bei mir die Lust auf einen Burger eingestellt, und so bestand mein Nachmittagsessenfrühstück aus Bulettenbrötchen und Fritten. Das ganze war dermaßen reichhaltig, dass mir abends ein Fruchtsalat reicht. Fein säuberlich aufgeschnitten liegen Melonen, Papaya, Ananas und Mangostückchen auf meinem Teller, Stück für Stück ein Genuss, den ich mit klarem Wasser veredle. Mein Nachbar Jens sitzt neben mir, wir schwatzen von Zeit zu Zeit und werfen einen Blick auf unsere mobilen Geräte. Zu meinem großen Bedauern stelle ich fest, dass die Yamaha Fino nicht in Deutschland angeboten wird, dieser gemütlich blickende Roller, der mich seit Wochen lässig über die Insel bringt. Die meisten kleinen Scooter blicken aggressiv drein, bissige Wespen, gemacht für Jugendliche, die wilder wirken wollen, als sie es in Wirklichkeit sind – mit jeder 125er Enduro hänge ich die kleinen Biester locker ab. Aber für mich war gerade das milde Automatikgesause bei heißen Temperaturen, der leichte Elektrostarter, der Joker, der die Fahrerei so herrlich unkompliziert und gemütlich machte. Und mit so einem Scooter an einem lauen Sommerabend mal kurz in den Garten zu düsen, stelle ich mir recht angenehm vor, zumal du mit solch einem Gefährt andere Wege nehmen kannst als mit dem roten Dacia und nur einen Bruchteil an Sprit brauchst. Ich werde mich zuhause einmal umschauen, wobei ich jetzt schon weiß, dass mir eine Vespa zu teuer sein wird. Yamaha Fino. Das wäre es. Wie sangen die Fehlfarben einst: Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht. Ha – abwarten.

Für eine Weile setze ich mich auf einen der Holzstühle am Fuße des Restaurants, und blicke auf die Lichterkette der vor der Bucht ankernden Boote. Rechter Hand werfen die Bars bunte Lichtspiegelungen in die Wellen, eine Sternschnuppe saust zu Boden. Und wieder schleiche ich in meine Hütte, lasse das Fenster offen, schließe die Tür, um größere Vierbeiner fern zu halten und blicke durch das offene Fenster in die Sternennacht. Mein letzter Donnerstag auf der Insel neigt sich dem Ende entgegen, der Nachtstern zwinkert mir freundlich zu, mir ist, als kenne ich ihn.