Natürlich floss ein Tränchen beim Abschied, knapp fünf Wochen ohne Pia sind eine lange Zeit, die wollen erst einmal verkraftet werden. Und schon kam sie, die U-Bahn, die mich von Bornheim Mitte zur Konstablerwache brachte und wenig später auch die S8 Richtung Flughafen, vorbei am Yeboah-Haus, vorbei am Stadion. Unterwegs …

Die Skytrain brachte mich zum Terminal 2 und ohne Warterei saß ich wie so oft viel zu früh am Gate. Mein kleiner Rucksack flog separat, Nagelschere, Leatherman und Sonnenmilch sind im Handgepäck gemeinhin keine gern gesehenen Gäste. Der Flieger war pünktlich, aber natürlich verharrten wir noch eine knappe Stunde im Flugzeug, ehe die Kiste abhob. China Southern, der Plan sah einen kurzen Zwischenstopp in Changsha vor, ehe ich in Guangzhou die Maschine wechseln musste. Zwei Stunden hatte ich dafür Zeit, es sollte eigentlich klappen – aber man weiß ja nie.

In der Regel sind die Flüge ja das nervigste an solchen Trips, endlose Warterei gefolgt von endloser Sitzerei in viel zu engen Sitzreihen während routiniert gelangweilte Stewardessen durch die Gänge klappern und gekonnt Orangensaft oder Tee einschenken und Berge voll Plastik auftürmen, in denen lebensmittelähnliche Dinge gereicht werden. Kaum hoben wir ab, erblickte ich das Frankfurter Stadion, ein letzter Gruß und schon waren wir hoch oben in der Luft. Bis China sollten wir keine Wolken sehen. Wir überflogen Polen, Weißrussland, Moskau, Meile um Meile schob sich das Flugzeug voran, Stunde um Stunde verging und ich drückte mich im Sitz herum und hoffte, dass diese Zeit vergeht. Immerhin befand sich in den Kopfstützen ein Bildschirm, ich schaute Dracula untold auf englisch mit chinesischen Untertiteln, und stopfte irgendwas mit „Chicken“ in mich hinein. Glück hatte ich mit meinem Sitznachbar, einem jungen Filmemacher aus Taiwan, der in den vergangenen Wochen Deutschland bereist hatte und ein munteres Kerlchen war, wir verstanden uns prima, bis wir nach 5500 Flugmeilen chinesischen Boden berührten. Damit steht ein neuer Länderpunkt in meiner Vita. Und natürlich war der erste, der seine Rückenlehne zurück schob, mein Vordermann.

Hatten wir eigentlich gedacht, nur kurz zu stoppen und im Flieger zu warten, so hieß es plötzlich: Alle raus. Und das hieß auch: Einreiseformalitäten, Stempel im Pass, Gepäckkontrolle. Mein einziges Feuerzeug wurde konfisziert – und damit ist jetzt auch die Eintracht in China präsent. Immerhin gab es einen Raucherraum, der mit einer Art Zigarettenanzünder bestückt war, es dampfte also doch. Da keiner der Mitreisenden wusste, was jetzt genau passiert, lag eine leichte Angespanntheit in der Luft, aber ich machs kurz: Zehn Minuten später ging es zurück in den Flieger auf die gleichen Plätze – und eine gute Stunde später setzten wir erneut zur Landung an.

Guangzhou. Die aus Frankfurt kommenden Passagiere erhielten einen blauen Bapper und etwas später einen weiteren Stempel in den Reisepass. Ich verabschiedete mich von meinem taiwanesischen Freund und hoffe, dass er gut zuhause angekommen ist. Als dessen Weiterflug anstand, waren wir gerade gelandet.

Für mich war alles überschaubar, ich hatte sogar noch Zeit, eine zu rauchen. Auch hier im Raucherraum festinstallierte Anzünder. Die großen Flughäfen gleichen sich ja, wie eine Fußgängerzone der anderen. Wifi funktionierte nur via Whats App, Seiten aufrufen war nicht wirklich drin und so hielt ich mich mit schauen wach, um mit etwas Verspätung zum dritten Mal in einen Flieger zu steigen, wirklich böse war ich nicht, China zu verlassen.

Die nächsten drei Stunden brachte ich unter Anhäufung von Unmengen Plastik dann auch irgendwie rum, und schon erblickte ich den Flughafen in Bangkok. Wahnsinn, ich hatte es geschafft. Die Einreise ging problemlos und schon eierte mein kleiner Rucksack über das Laufband, wir waren wiedervereint. Am nächsten Geldautomat zog ich mir ein paar Baht, marschierte zur Bahnstation, kaufte einen Chip und wartete in einer kleinen Schlange auf die Bahn, die quasi hinter Glas hält, nur die Einstiege sind frei. Keine fünf Minuten später stieg ich quasi militärisch organisiert in die Bahn und hatte acht Stationen vor mir. Auf den vielspurigen Autostraßen, die uns umgaben, brauste der Verkehr. Linksverkehr. Obacht also. Hochhäuser und kleine Bauten zogen an mir vorbei, rund um den Flughafen lockt es nicht zum Verweilen aus der Ferne gesehen.

Es ist stets ein guter Einstieg, mit der örtlichen Bahn in die Stadt zu fahren, ob Lissabon, Tel Aviv, London oder Bangkok – die jeweilige Stadt gibt sich in der Bahn unprätentiös, die Fahrten sind günstig und sie steht nicht im Stau. Kaum dreißig Minuten später war ich am vorläufigen Ziel, und jetzt traf mich die Hitze, die Luftfeuchtigkeit, der Verkehr. Und die Müdigkeit. Hatte ich mit dem Gedanken kokettiert, Richtung Guesthouse zu laufen, so stellte ich nun fest, dass alleine das Überqueren der Straße ein Kunststück ist. Ich versuchte, mich via Navi zu orientieren, wobei der Kamerad allerdings nicht mitspielte. Und dann kam er, der gute Geist. Zunächst sprach mich ein Tuk Tuk – Fahrer erfolglos an: Im Stau zu stehen kann ich auch alleine, aber der Rollerfahrer war der Joker. Er wusste zwar nicht ganz genau, wo ich hin wollte, aber er kannte eine Eckstraße und bot sich für kleines Geld an, mich dorthin zu bringen. Und wenn du in Bangkok flott voran kommst, dann mit dem Roller. Schon hatte ich einen Helm auf und wir sausten waghalsig an allem vorbei, was sonst noch unterwegs war, knoteten uns um Autos, hupten andere Roller beiseite und rangelten um die Pole-Position an den wenigen Ampeln, die auch nur am Rande beachtet wurden. Und dann waren wir auch schon in etwa da, wo ich hin wollte. Mein Guesthouse, das versteckt am Fluss liegt, ist eh nur für Einheimische zu finden, aber die unmittelbare Nähe war bei der Hitze ein großes Glück. Eins, zwei Fragen später marschierte ich durch eine Gasse, ausgemusterte Oldtimer waren hochgebockt, und erkannte alsbald ein Hinweisschild. Diesem folgend, entdeckte ich stets neue, die Wege wurden schmaler, Vögel in Käfigen hingen an Zäunen, Thais gingen ihrem Alltag nach, und dann war ich am Ziel. Und nunmehr 25 Stunden auf den Beinen. Mein erstes Guesthouse ist ein verwinkeltes Gelände mit einigen Zimmern und Plätzen. Flip Flops stehen überall herum, Reisende plaudern, Gastgeber wuseln. Ich habe ein Einzelzimmer, klein und schmucklos mit Bett, Moskitonetz und einem Loch in der dünnen Bretterwand, über das ich einen Aufkleber babbe.

Jetzt hocke ich direkt am Fluss, habe ein Bierchen in der Hand und habe es mir nicht nehmen lassen, nach Zimmerbezug und Dusche (Backpacker-Style vom feinsten, freakig, anspruchslos und alles ein bisschen schebbelig) mir die Umgebung anzugucken. In den Garküchen wird allerlei seltsames zubereitet, Touristen gibt es hier, aber auch viele Einheimische, die auf Plastikstühlen sitzend an den Garküchen zu Abend essen, während der Verkehr durch die SamSen Road braust. Ich gönnte mir kleine Fischlein mit Reis, schlenderte an bunten Abendlichtlein vorbei und überquerte die Brücke Rama VIII, die majestätisch über dem Chao-Phraya-Fluss thront. Viele Thais brutzelten und grillten an kleinen Ständen und versorgten am Ufer sitzende Grüppchen mit Speis und Trank, minütlich schipperten Ausflugsboote mondän übers Wasser, die Abendgesellschaft lauschte dargebotenen Jazz. Ab und an tackerte ein Kahn seines Weges. Müde und voller Eindrücke marschierte ich Richtung neuer Heimat.

Ich sitze schreibend am Ufer des Flusses, hinter mir hocken Traveller und unterhalten sich, Räucherstäbchen dampfen und ich bin angekommen und mittendrin. Gegen Sieben ist es hier dunkel geworden, aber es ist warm und ich bin groggy. 10.000 Kilometer entfernt von zuhause. Dort sitzt Pia. Es wäre schön, wenn sie jetzt bei mir wäre.