Seit ich denken kann, ist der Platz auf einem Friseurstuhl für mich ein Ort des Grauens. Egal wo. Bis auf eine einzige Ausnahme. Ich meine, Friseure sind nette Menschen, müssen sich womöglich ganz viel unsinniges Zeug anhören und machen eine Arbeit, die nötig ist. Geschenkt.

Wenn ich – was höchst selten vorkommt – zu einem Arzt gehe, brauche ich Hilfe. Dieser schaut mich an, untersucht mich – und ich bekomme Hilfe. Aber seid ihr jemals zu einem Arzt gegangen und wurdet gefragt: Wie hätten sie’s denn gerne? Oder: Soll’s mal was freches sein? Da fängt es an.  Wenn ich bei einem Arzt in der Sprechstunde bin, sitze ich mit ihm alleine in einem Raum. Und beim Friseur? So ich Glück habe, blicken nur die Mithäftlinge von der Gala oder InTouch auf, wenn ich nach dem Waschen mit einem albernen Handtuch auf dem Kopf zum Stuhl schreite. Wenn ich Pech habe, zücken Passanten ihr Handy, fotografieren mich durch die Scheibe und ich lande in einem der antisozialen Netzwerke. Der Gang zu einem Friseur gleicht dem Gang zur eigenen Hinrichtung. Aber habt ihr euch schon einmal nach einer Hinrichtung scheiße gefühlt? Da geht es dann weiter.

Schon als Kind wurde mir die Kommunion durch einen Friseur versaut. Auf dem Bild stehe ich stockensteif mit einer Kerze in der Hand und blicke grimmig mit dem albernsten Pony der Menschheitsgeschichte in die Kamera. Der passende Gelbstich rundet die Sache ab. Ich habe das bis heute nicht verdaut. Wenn man mich fragt, weshalb die Hälfte der Menscheit traumatisiert ist, so liegen die Ursachen meist nicht in frühkindlicher Misshandlung oder anderen fürchterlichen Gewaltszenarien, nein, es sind die Frisuren, die wir tragen mussten, die uns gequält haben und worüber wir nie offen sprechen konnten. Bist du schwul, Alkoholiker oder stehst auf Schweißfüße? Kein Problem, spätestens im nächsten Stadtteil gibt es eine Selbsthilfegruppe. Aber der Kampf mit den Frisuren und Friseuren ist bis heute ein nicht gebrochenes Tabu. Anonyme Frisurenselbsthilfe? Gibts nicht.

Ich sage es offen heraus, ein Friseur ist für mich das, was für einen Vegetarier der Metzger ist. Nichts ist entwürdigender, als auf einem Friseurstuhl zu sitzen und die grobporige Gesichtshaut in diesen fiesen Spiegeln zu betrachten, eingepackt in diese Polyester-Überwürfe am besten mit Kragen. Und von hinten beugt urplötzlich sich dieser riesige Schatten über dich, die Schere in der Hand. Der Sound von Psycho. Wieeeeeek, wieeeeeeek, wieeeeeeek. Dabei fängt alles so schön an, du liegst am Waschbecken, aus der kleinen Handdusche läuft mildwarmes Wasser, gepflegte Frauenhände massieren dir Shampoo in die Haare, achten darauf, dass nichts in die Augen läuft – und rubbeln die Haare leicht trocken. Und genau jetzt ist eigentlich der Zeitpunkt gekommen, sich zu verabschieden. Aber nein, zack, kommt das Handtuch auf die Rübe. Spiegel. Und genau jetzt gucken sie alle. Ich weiß das, denn ich guck ja auch, wenn ich noch am Warten bin und denke das, was alle denken: Gott seht ihr scheiße aus. An dem Tag, an dem ich Alufolie im Haar haben sollte, weil es mal wieder etwas freches sein soll, laufe ich Amok.

„Na, wie soll es denn werden?“ „Wenn ich das wüsste, würde ich es selber machen…“ möchte ich schreien, doch ich murmel etwas von „e bissi kürzer“ oder „vorne nicht so komisch“ oder was von „stufig“. Meine Finger bedeuten dabei eine Handbewegung, die meist zwischen drei und 15 Zentimeter interpretiert wird. Die Friseuese beginnt, schneidet ein bisschen ab und fragt jovial: „Recht so?“ Soll ich dann sagen: „Ne, länger“? Neulich hatte ich sogar ein Video von einer bescheuerten Band dabei, dessen Sänger eine ganz akzeptable Frisur hatte. Das habe ich mir beim nächsten Mal auch geschenkt, es war einer der Tiefpunkte meines an Tiefpunkten nicht gerade armen Lebens. Aus dem Handy tönte es blechern und die Blicke der Umsitzenden werde ich nie vergessen. Entwürdigend. Die Frisur war dann: Typähnlich.

Ich lasse das Rumgeschnipsel über mich ergehen wie man „Älterwerden“ über sich ergehen lässt. Klaglos mit debilem Blick  – sich seinem Schicksal überlassen, das kann ich. Man weiß, was kommt, kann aber nichts daran ändern. Goldene Regel Nummer Eins: Niemals bei einem Friseur sich föhnen lassen. Obs draußen hagelt, -25° hat oder ein Weg von mehreren Stunden vor mir liegt: Never ever lasse ich einen fremden Föhn an meine Haare. Föhnfrisur, das ist das Pur unter den Frisuren, das haargewordene Abenteuerland. Könnt ihr euch Ghandi, Che Guevara, Joey Ramone oder Sid Vicious mit geföhnten Haaren vorstellen? Wollt ihr euch Ghandi, Che Guevara, Joey Ramone oder Sid Vicious … Eben!

Jahrelang trug mich meine Haare schulterlang, Spitzenschneiden erledigte meine Mutter oder Freunde. Und das war schon eine Qual. Wobei es mir lieber war, als dieser dämliche Hinweis: „Ey, du hast Spliss.“ Ja mein Gott, na und? Ehrlich gesagt, habe ich mir die Spitzen nur schneiden lassen, weil ich diese Frage nicht mehr hören wollte. Dann trug ich die Haare raspelkurz. Mit dem Rasierer drüber, fertig. Das war ok, ich wusste, was dabei rumkommt. Jetzt sitze ich nach vollbrachter Tat auf dem Stuhl, glotze mit nassen, gekämmten Haaren in den Spiegel und dann kommt unweigerlich die Frage: „Gut so?“ Was soll ich da sagen? „Nein, scheiße wie immer?“ Es wäre ehrlich, aber ich Trottel hoffe stets, dass sich das Ganze nach dem trocknen noch zum Guten wendet und murmel „Jo, ist okay“ in meinen Bart, schüttel wild meinen Kopf, zahle, verschwinde und weiß, dass es sich noch nie zum Guten gewendet hat. Es ist ein Elend.

Ehrlich, wenn ich zum Zahnarzt gehe, bin ich guter Dinge. Eine Spritze kommt für mich nicht in Frage, nicht weil ich Angst vor Spritzen habe, pah, nein, ich brauche sie einfach nicht. Aber beim Friseur, da wo ich eine brauchen könnte, da wurde ich noch nie gefragt. Nach einer Operation bleibst du im Krankenhaus, nach dem Friseurbesuch wirst du nach draußen geschickt, da läuft etwas grundsätzlich falsch, ich sag’s euch. Einmal, ein einziges Mal war ich bei einem Friseur glücklich. Damals, 2004 in Indien. Mit einer Schere schnitt Gott meine Haare so gleichmäßig kurz, wie es mit dem Rasierer nicht geht. Er flammte meine Ohrläppchen aus und rasierte mich mit einem Messer, dass ich mich wochenlang nicht rasieren musste. Ich duftete nach allem, was das Herz erfreut und fühlte mich frei und leicht. Dazu trug ich einen Stein in der Tasche, der jede Blutung nach einer Rasur sofort stoppt. Heute werde ich leicht melancholisch, wenn ich daran denke.