Als der Wecker klingelte, war es zu früh für meine Verfassung aber es half nichts. Ich musste raus in die Welt, die in diesem Fall etwas zu kühl war. Gegen halb zehn sollte ein Bus Richtung Freiburg fahren, das erste Auswärtsspiel der Rückrunde, das erste Spiel nach der Winterpause überhaupt. Tschüss Pia, bis heute Abend.

Den schwarz-weißen Museumsschal um den Hals gewickelt, wanderte ich zum Backstage; das ist das praktische, wenn du mit dem EFC Backstage fährst: Binnen fünf Minuten bist du am Treffpunkt bzw von dort auch wieder zuhause. Also zumindest ich. Vor der Kornkammer stehen die Kunden wie jeden Samstag um diese Zeit Schlange, so wie einst in Ost Berlin, wenn es mal wieder keine Apfelsinen nicht gab. Hier im Frankfurter Nordend warten in der Regel Väter mit ihren Kindern vor der kleinen Bäckerei, die sogar in diversen Kriminalromanen erwähnt wurde. Danke Jan Seghers, dass der Brötchenerwerb hier mittlerweile einen Vormittag in Anspruch nimmt. Also kurz mal rein, Kaffee, Brötchen holen und wieder raus – vergiss es. Immerhin hatte schräg gegenüber eine weitere Bäckerei geöffnet, ergo gab es eine Laugenstange und einen Kaffee für mich. Eigentlich trinke ich derzeit keinen Kaffee, aber mir war danach. War spät gestern. Im Feinstaub.

Der Bus war schon vor Ort als ich eintrudelte, auch jede Menge Mitreisende. Gude hier, gude da, Getränkekisten in unvorstellbaren Mengen wurden in den Bus gehievt, Frikadellen aus dem Backstage besorgt, Plätze klar gemacht und schon rollten wir los. Nichtraucherbus mit Toilette – ungewohnt.

Neeko hatte an Musik gedacht und kramte eine CD aus seiner Tasche und mit den Takten der Coffinshakers verließen wir unsere schöne Stadt am Main Richtung Freiburg im Breisgau, welches stets mit dem Attribut „beschaulich“ beschrieben wird. Auswärtsspiel der Eintracht beim Tabellenletzten, der in der Winterpause den Stürmer Nils Petersen ausgeliehen hatte, der einst auch unter Trainer Schaaf für Bremen auf dem Platz stand. Unter der Woche wurde vor dem Spieler gewarnt. Unser Tag aber begann mit Sonne und führte über Schnee zum Regen.

Unaufgeregt ploppten die ersten Flens auf, aus den Boxen ploppte Suzy is a Headbanger von den Ramones oder London Calling von Clash, wir passierten den Parkplatz Fuchsbuckel und hielten in Heppenheim, um einige Mitreisende abzuholen. Heilige Zeit für Nikotin, der Reiseplan sah immerhin zwei Stopps vor, auf dass der Busfahrer auch zu seinen notwendigen Pausen kommt und wir ohne Scherereien für ihn durch die Zeit schippern können. Da sind wir genau. Oder vielmehr der Busfahrer.

Karlsruhe, Baden Baden Oos. Zu Baden Baden Oos fällt mir immer Bary Ryans Song Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt ein, ein Lied, dass ich seit frühester Kindheit kenne und durchaus schätze. Ein frühes Video, das wohl eher ein Film war, wurde Angang der Siebziger am dortigen Bahnhof gedreht. Musik. Neekos CD lief mittlerweile zu dritten oder vierten Mal, seven or eleven, snake eyes watching you. Wir überholten einen LKW, BVB Fahrschule stand in großen Lettern hintendrauf. Brüller. Ein weiteren Stopp am Rasthof Renchtal förderte auf unerklärliche Art und Weise neue Musik in den Bus. Und glaubt mir meine Freunde der reisenden Zunft, es waren die schlechtesten CDs, die jemals das Licht der Auswärtswelt erblickten. Coverversionen von Liedern, die irgend ein Wahnsinniger als Fußballsongs definiert hat. Coverversionen irisher Songs. Oder Lieder aus dem Hofbräuhaus. Oans, zwo, gsuffa. Dann lieber zum siebten Mal „I’ll beg your pardon, I never promised you a rose garden“ Daran sollten wir auch während des Spiels erinnert werden, dass uns niemand einen Rosengarten versprochen hat.

Wir schlängelten durch Freiburg, die Dreisam zur Linken und Plakate zum Stadionneubau an den Laternen erwarteten uns. Das ist hier nämlich das ganz große Thema. Der Neubau: Bundesligafußball vs Segelflieger. Heute wird per Bürgerentscheid darüber abgestimmt, ob der SC ein neues Stadion bekommt. Noch aber spielen die Frei?burger im Dreisam-Stadion, welches nunmehr Schwarzwaldstadion heißt. Ein passender Name, steigen doch hinter der Heimkurve bewaldete Hügel in die Höhe. Nach ein paar Wendemanöver hatten wir das Gelände erreicht, die Gästebusse parkten wie immer auf der Straße genau vor dem Eingang. Das Problem in Freiburg ist, dass der Gästebereich überschaubar klein und durch die Ecklage die Sicht auf das Spielfeld und das Tor in der Gästekurve nicht wirklich im Blickfeld ist. Da nur ein einziger Eingang den Block flutet, wird der, der zu spät kommt bestraft, in dem man gar nichts mehr sieht – außer das liebliche Panorama des Schwarzwaldes auf der anderen Seite. Also beschlossen Johannes und ich, uns frühzeitig einen Platz zu sichern. Hat auch geklappt, auch wenn die Einlassuntersuchung hochpenibel und korrekt durchgeführt wurde. Freiburg also.

Ein buntes Programm für die ganze Familie wurde abgespult, Werbung, Unterhaltung und als emotionaler Höhepunkt ein Video der VAG mit den spektakulären Einblendungen. Achtung! Spannung! Winken! Schuss! Winken. Wer macht so etwas? Und weshalb? Gut, im Gegensatz zu Hoffenheim wird der Text des Badener Liedes nicht eingeblendet. Einszunull für Freiburg. Von Pia erfuhr ich, dass Hasebe und Inui in der Startelf der SGE stehen, Zambrano und Piazon auf der Bank, Kadlec nicht im Kader. Kann losgehen. Doch zuvor wird der verstorbene Malanda aus Wolfsburg mit Applaus der Zuschauer verabschiedet, wenn man das so sagen darf, eine schöne Geste. Die Freiburger präsentierten zudem eine Choreo für den Stadionneubau. Ja!

Und kaum hat das Spiel begonnen, führt die Eintracht, ganz in weiß, mit 1:0. Marco Russ hatte einen von Stendera getretenen Freistoß ins Netz bugsiert. Na holla, so kann es weiter gehen. Und ging es irgendwie auch, die Eintracht spielte gefällig, Freiburg profitierte ab und an von einem Abwehrschnitzerchen der Unseren, schien die Eintracht aber nicht wirklich gefährden zu können. Die Fans auf den Rängen supporteten fröhlich vor sich hin, im Block roch es, wie in einem Coffeeshop in Amsterdam und in der Halbzeit fehlte allen so ein bisschen das 2:0. Nebenbei fehlte auch Alkohol im Bier, was mir aber relativ egal ist, da ich eh kein Stadionbiertrinker bin. Gude Christian, gude Basti, gude Matze war schön, euch zu gesehen zu haben.

Die zweite Hälfte brachte zunächst eine fabelhafte Chance der Eintracht, doch Aigner passte zu ungenau auf Seferovic, der keine Chance hatte, an den Ball zu kommen. Dann folgten wahrhaft deprimierende Minuten, deren Hauptdarsteller Nils Petersen hieß, der zur Halbzeit auf Seiten des SC ins Spiel gekommen war. War er am Ausgleich der Freiburger per Elfmeter noch unbeteiligt, so stand er im Folgenden binnen 24 Minuten drei Mal an der richtigen Stelle. 2:1. 3:1. 4:1. Während die Angriffsbemühungen der Eintracht meinen oft vergeblichen Versuchen, in völlig überfüllten Clubs am Tresen ein Getränk zu ordern, ähnelten, marschierte der SC Freiburg durch unsere Abwehr wie ein warmes Messer durch Butter. Daran konnten auch die eingewechselten Piazon und Kittel nichts ändern. Als Alexander Madlung dann eingewechselt wurde – als Angriffsspieler – sah ich in Gedanken die Herren Hölzenbein, Yeboah und Cha traurig an einem Tresen sitzen, wo sie sich das Spiel anschauten und wortlos betranken. 1:4 in Freiburg, es ist kalt und ich bin 300 km von zuhause entfernt, wo es Tee gibt und Schokolade, meine Jogginghose und natürlich Pia. Wenigstens konnte ich noch ein Frikadellenbrötchen erhaschen.

Wir tuckerten los. Während um mich herum die meisten versuchten, den Frust in einen Rausch umzuwandeln, um das so eben Gesehene möglichst schnell zu vergessen, starrte ich missmutig auf mein Handy, auf die Tabelle und begrub meine Träume von einer erneuten Europacup-Saison an der Biegung des Flusses. Irgendjemand rief Samba.

Der CD-Player weigerte sich nunmehr „Der Meister heißt Eintracht“ abzuspielen. Alle Songs liefen klaglos durch, nur da streikte er. Haben CD-Player doch eine Seele? Die Leuchtreklamen der Firmen am Autobahnrand glimmten in die Dunkelheit, die Getränke wurden langsam knapp. Ein Kasten Bier pro Person ist aber auch verdammt eng kalkuliert. An einer Raststätte holte ich mir einen Darjeeling und eine Ritter Sport. Senioren Rock’n‘ Roll. Irgendjemand rief Samba.

In Heppenheim entließen wir einige Mitfahrer, rollten bei Weiterstadt am Parkhaus des Loop5 vorbei, der irgendwie an das Düsseldorfer Stadion erinnert, passierten den Parkplatz Rosemeyer, dessen Namensgebung ebenso umstritten ist, wie am heutigen Tag der Trainer Eintracht bei ungusteligen Zeitgenossen. Kurz darauf erreichten wir Frankfurt, schleppten die leeren Kästen in den Keller des Backstage und tranken noch eins, zwei Bierchen auf uns und die Welt und den Frust, gegen den SC Freiburg vier Tore kassiert zu haben. Jenen SC, der zuvor in siebzehn Spielen insgesamt nur 17 Treffer erzielen konnte. Den Auftritt von Alex Meier und Haris Seferovic im aktuellen Sportstudio schenkte ich mir. Ich hatte genug gesehen. Und jetzt alle: Winken!