Im legendären Heimspiel der Eintracht gegen den BVB hatten wir Jacob Scholz von schwatzgelb.de auf der Waldtribüne zu Gast, nun also das Rückspiel – und in der Tasche die Einladung zu einem Gegenbesuch, den wir natürlich gerne annahmen. Also war das Dreamteam Pia, Beve und der silberne Golf mal wieder unterwegs.

Und da wir ordentlich was von einem tollen Tag haben wollten, rollten wir gegen halb elf los, tankten und waren dadurch schon einen schönen Teil unseres Budgets los. Aber was ist schon Geld, wenn die Eintracht spielt, also rauf auf die Autobahn und wir fahren, fahren und fahren. Wir fuhren durch die Farbe Grau in allen Schattierungen, hellgrau, dunkelgrau, weißgrau, schwarzgrau, graugrau – selten habe ich soviel Abwechslung in einem Farbenbild erlebt. Die Felder und Wälder zeigten sich neben dem Highway mehr oder minder schneebedeckt, zwischen Regentropfen und Nebelwänden lugte nicht ein einziger anderer Farbklecks hindurch, selbst die Hinweisschilder auf der Autobahn tauchten wie aus dem Nichts grau aus dem Grau auf. Der Golf rollte stoisch, die Scheibenwischer schluppten über die Windschutzscheibe und musikalisch unterhielten uns Yo La Tengo, Triggerfinger und auf dem Hinweg vor allem ein tiefer relaxter Housesound, leicht angetranced, um ein bisschen Farbe ins Spiel zu bringen.

Aus der Reihe Parkplätze mit phantastischen Namen bringe ich nun Krautseifen ins Spiel, ein Wort, welches die Vorstellungswelt gallopieren lässt. Krautseifen, falls ihr mal dort pausieren solltet, sagt einen schönen Gruß von uns. Wir passierten Krautseifen, auch Lüdenscheid-Süd und enterten Dortmund zu einer Zeit, wo der geneigte Ruhrpottler brav beim Mittagstisch sitzt – bei Krautwickel oder Krautsalat, wer weiß das schon. Schon fuhren wir an der Eintrachtstraße vorbei Richtung Zentrum, bogen nicht grundlos links ab in die Saarlandstraße und fanden alsbald einen Parkplatz in benötigter Größe. Also raus ins samstagmittägliche Ruhrgebiet.

Waren wir vor einigen Jahren noch im Big Boss am Borsigplatz eingekehrt, einer Spelunke die nach unserer Information schon vor dem letzten Auswärtsspiel in Dortmund geschlossen hatte (was aber gar nicht stimmte, sie ist erst letzten September abgefackelt), so verschlug es uns vor zwei Jahren in die Wilhelm Busch Stuben. Doch als wir heuer davor standen, blickten wir auf die Filiale einer Bank und so war guter Rat teuer. Jacob empfahl uns via SMS einige Gaststätten und so durchwanderten wir wohlgemut das angrenzende Kreuzviertel. Aufkleber und Fahnen zeugten eindrucksvoll von der Präsenz der Borussia derweil aber etliche Wirtschaften erst zu später Stunde öffnen sollten – jedoch die Sonne hatte geöffnet. Und Sonne ist ja nie verkehrt – vor allem an grauen, regnerischen Tagen.

Natürlich war der Laden fest in Dortmunder Hand, auf großen Bildschirmen wurden zunächst die Spiele der Zweiten, später dann der Ersten Bundesliga übertragen, etliche Gäste wetteten am Wettautomaten, derweil wir bei Pils und Fritten den Nachmittag an uns vorbei gleiten ließen. Groß war der Jubel dann nahezu allenthalben, als Mainz gegen Schalke in Führung ging, wen wundert’s hier? Da wir gegen 16:30 am Infopunkt vor dem Stadion verabredet waren, brachen wir auf und marschierten hoch Richtung Signal Iduna Park, wie das ganze hier offiziell heißt und freuten uns darüber, dass in unmittelbarer Nähe die TSC Eintracht Dortmund ihr Zuhause hat.

Am Infostand trafen wir zunächst Suse und Muelli, später dann Jacob und Tobi vom BVB, die uns mit Arbeitskarten versahen und unter der Südtribüne hindurch in Richtung einer kleinen Bühne schleusten, auf der nicht nur Stadionsprecher Norbert Dickel seinen Platz hat, sondern auch ein Teil der Stadionregie untergebracht ist. Und von dort aus wird auch das von der Fanabteilung initiierte Fan-TV namens Fanomenal produziert, welches ca anderthalb Stunden vor Spielbeginn auf Sendung geht und via Leinwände bzw Stadionfernseher gezeigt wird. Und so bekam ich einen Knopf ins Ohr und stand alsbald den beiden Borussen Rede und Antwort, beantwortete Fragen zur Eintracht und zur Waldtribüne und natürlich auch über die ein oder andere Fanproblematik. Anschließend wanderten wir durch die Südtribüne hindurch in die Gastwirtschaft Rote Erde, Frika 2,50, tranken in gemütlich-rustikaler Atmosphäre noch ein Bierchen, um mit Anpfiff auf der kleinen Bühne die erste Halbzeit zu verfolgen. Auf der Osttribüne hing ein großes Banner: Borussia verbindet Generationen – Männer und Frauen alle Nationen. Letztlich muss man darauf hinweisen, haben doch nicht zuletzt beim Auswärtsspiel des BVB in Donezk einige rechte Anhänger für einen Eklat gesorgt und Fanprojektler wie Fanbeauftragte des eigenen Vereins verprügelt. Großartige Solibezeugungen konnte man aber in der heimischen Kurve nicht entdecken, immerhin bezogen die Fanabteilung und der Stadionsprecher Stellung

Wir also neben der Süd. Und so bekamen wir nach acht Minuten nicht nur mit, wie Reus die Kugel zum 1:0 für den BVB versenkte, sondern auch wie sich um uns herum alles in die Arme fiel und zudem Norbert Dickel das ganze noch mal lautstark Revue passieren ließ. Zwei Minuten später das ganze nochmal und ich fühlte mich am falschen Ort in einer Zeitschleife gefangen. Die Umstehenden merkten an Pias und meiner Reaktion, die aus Nichtreagieren bestand, dass wir nicht wirklich dazu gehörten, störten sich aber angesichts des Zwei-Tore-Vorsprunges nicht sonderlich daran. Als Schieber dann vom Platz flog frohlockte ich innerlich, gab mich aber nach Außen hin weltmännisch souverän. Die Südtribüne pfiff bei jedem Ballkontakt der Eintracht, was die Lungen hergaben, von der Eintrachtkurve war auf unserem Platz so gut wie nichts zu hören.  „In der zweiten Halbzeit müssen wir rüber“ raunte ich Pia zu, die wissend nickte. Natürlich konnte unsere Eintracht die Überzahl nicht nutzen und so ging es mit dem 0:2 aus unserer Sicht in die Pause. Wir verabschiedeten uns von unseren freundlichen Gastgebern und wanderten unter der Westtribüne hindurch in heimatliche Gefilde.

Der Stehblock war gerammelt voll, wir fanden ein Plätzchen ganz oben und hofften natürlich, dass die 11 gegen die 10 wie im Hinspiel das 0:2 noch umbiegen – aber weit gefehlt. Die Borussia war dem 3:0 näher als wir dem Anschlusstreffer und es war dann tatsächlich Marco Reus, der mit seinem dritten Treffer die Eintracht endgültig ausnockte. Zwischendrin gab es unten Gerangel mit einem Ordner, eine gelb-rote für Inui und einen Lattentreffer von Jung. War also nichts mit einem Punktgewinn im Revier, mit dem Schlusspfiff nichts wie raus, traditionelle Glückwunsch-SMS an meine in Berlin weilende Dortmunder Freundin Susi und dann missmutig durch den Dortmunder Abend zum Golf gestapft. In den Kneipen war nun halligalli, wir aber schmissen den Wagen an, rollten Richtung Autobahn, reihten uns brav in die Reihe roter Rückleuchten ein und stauten uns langsam vor auf die A45.  Irgendwann löste sich der Stau auf, und wir fuhren zielstrebig durch die nebelverhangene graue Nacht Richtung Heimat. Wir überholten Bus um Bus, bis wir gegen halbzwölf über die A661 Frankfurt erreichten. Zwischendrin hieß es stets: Nebelleuchte an. Nebelleuchte aus. Nebelleuchte an. War ganz schön anstrengend, die letzten Hundert Kilometer hatte Pia das Steuer übernommen und sie brachte uns sicher ins Nordend zurück. Im aktuellen Sportstudio unterhielt sich dann Frau Müller-Hohenstein mit Horst Heldt, das Eintracht-Spiel war demzufolge schon abgefrühstückt – was durchaus sein Gutes hatte. Nach Eintracht-Niederlagen verweigere ich konsequent bewegte Bilder. Ruckzuck übermannte mich der Schlaf des Gerechten – und schon klingelte der Wecker: Auf dem Programm stand die Fortsetzung der Mitgliederversammlung der Eintracht.

Aber dies ist eine ganz andere Geschichte und wer weiß schon, ob sie erzählt wird. Und merkt euch: Krautseifen. Toll.

Geschichten aus der Vergangenheit findet ihr übrigens hier. Und auch hier. Boah, das war doch eben erst.

Nachtrag: Hoch interessant waren natürlich auch die Begegnungen mit dem tefonierenden Arie van Lent, mit Fjörtoft, der nach dem Ruf „Hey Übersteiger“ nett winkte und mit Lothar Matthäus, der uns in den Katakomben entgegen kam, kaum dass wir unseren Dortmunder Kollegen die Geschichte mit Grabi erzählt hatten. Aber ist er ein SV wirklich wert?