Es muss 78 oder 79 gewesen sein. Unser Leben war bestimmt von Popmusik, Pickeln und Fußball.

Wir starrten den Mädchen hinterher und da es meist beim Hinterherstarren blieb, kompensierten wir die unausgegorenen Sehnsüchte mit Musik. Laut musste es sein, AC/DC zum Beispiel – aber wir hatten grundsätzlich ein Herz für Rockmusik; Led Zeppelin, Golden Earring, Jethro Tull, Uriah Heep aber ich scheute mich nicht vor den sentimentalen Momenten, in denen Barclay James Harvest lief, oder America oder die Dire Straits.

Ein ganz großer Song war für uns Neil Youngs Like a Hurricane. Acht Minuten waren ja damals keine Zeit, wir tanzten ja sogar auf Iron Butterflys In a gadda da vida. 16 Minuten, eine ganze LP-Seite lang. Zugegeben, das machten wir nicht oft.

Vielleicht war ich fünfzehn, hielt den Daumen in den Wind und trampte von Dietzenbach nach Frankfurt, meine einstige Heimat. Irgendwie trampten wir immer, Geld war knapp, wir brauchten es für Platten und für die kleinen Dinge, die es auf dem Flohmarkt in Sachsenhausen zu kaufen gab, Buttons von Bands zum Beispiel. So auch an diesem Tag. Ich war alleine unterwegs, schob mich durchs Gedränge und wanderte dann über den Eisernen Steg in die Stadt.

Am Eschenheimer Turm gab es damals einen alten Bus, der als Bistro umgebaut war, für mich war das Großstadt, die große weite Welt und Anlaufpunkt, wenn ich in Frankfurt war. Dann marschierte ich runter zum 2001, einen Buch- und Plattenladen, den es heute noch gibt und dort entdeckte ich die neue Platte von Neil Young, Comes a time. Mein Taschengeld wanderte über den Tresen, ich wanderte zurück zum Wendelsplatz, hielt den Daumen raus, wurde mitgenommen und spazierte schnurstracks in mein Kinderzimmer. Dort stand eine eher billige Kompaktanlage (Radio, Cassettenrecorder und Plattenspieler in einem), die zu den damaligen Zeiten hochstrapaziert wurde. Ich hockte mich auf mein Bett, trank wahrscheinlich einen Vanilletee und war gespannt. Alleine schon das Herausnehmen einer neuen Platte war ein Erlebnis, das Cover in der Hand zu halten, um anschließend in der Musik zu versinken. Vergessen die Pickel, die Mädchen und aller Ärger.

Schon Comes a time, der Titelsong, gefiel mir außerordentlich gut, ich hatte einen guten Griff getan. Motorcycle Mama wollte mir nicht so gefallen – aber dann kam es: Four strong winds, ein Lied für die Ewigkeit, ein Lied für die Traurigkeit. Immer und immer wieder legte ich die Nadel auf die Rille. Four strong winds that blow lonely, seven seas that run high. All those things that don’t change come what may. If the good times are all gone, and I’m bound for moving on – I’ll look for you if I’m ever back this way.

Ich wusste damals gar nicht genau, was Neil Young sang, aber da war ein Gefühl von schöner Traurigkeit in mir. Später sagte jemand, zum Heulen schön. Das ist es, und jenes Gefühl ist bis heute geblieben. Und von daher gehört dieser Song zu meinem Leben, wie die Erinnerung an einen Tag, der vielleicht doch ein bisschen anders war. Wer weiß das schon. Und erst später wurde mir bewusst, dass dieser Song eine Coverversion ist. Geschrieben wurde er von Ian Tyson – schon 1963.

Viel Vergnügen im Herbst 2012 mit Neil Young: