Freitagabend, es regnet in Strömen. Der Golf steht trocken in der Werkstatt – wie so oft in den letzten Monaten und Pia ist wegen eines Unglücksfalles nicht dabei.

Ich schlurche durch das Novemberdunkel, durch den Regen in Richtung Trambahn – die auch prompt kommt. Wie so viele trage ich einen Kopfhörer, blicke durch die regennasse Scheibe nach draußen, Autos stauen sich nebenan und fahre bis zum Bahnhof. Dort steige ich aus, eine schnelle Cigarette, dann kommt die 21 und mit einigen Mitadlern rasseln wir Richtung Stadion. Es ist noch früh, kurz vor sechs als ich aussteige und über den aufgeweichten Vorplatz zum Eingang marschiere.

Vorn glänzt der Schriftzug der Arena in die Nacht, – und nur ein einziger Fotograf mit seinem Rollwägelchen wandert vor mir auf dem Weg Richtung Haupttribüne, die hellbeleuchtet nur wenig später Tausende anziehen wird. Die kleine Waldtribüne steht schon, bald muss ich arbeiten, wir erwarten Gäste und hoffen natürlich, dass trotz des Regens einige Zuschauer kommen werden. Im Notfall läuft halt nur Musik – wer wird es schon krumm nehmen, wenn niemand Lust hat, im Regen zu stehen.

Das Museum ist voll, die Gruppe derer, die an der Spieltagsführung teilnehmen wird ergänzt durch diejenigen, die der Nässe entfliehen. Ich stöpsel meinen MP3 Player in die Anlage; Killing Joke, Chill Out, Gorgo Bordello pluggern aus den Boxen, bis es Zeit ist, A Banda von Herb Alpert zu spielen, unsere Erkennungsmelodie. Immerhin, schon jetzt stehen eine ganze Menge Leute vor unserer Bühne, einig gucken vom Oberrang herunter, derweil Frauke und ich die Moderation beginnen.

Der erste Programmpunkt ist wie immer Doc Hermann, der uns profund Anekdoten aus der langjährigen Geschichte der Partien zwischen der Eintracht und der Spvgg Fürth erzählt. Wer erinnert sich schon daran, dass neben Occean auch Amanatidis für beide Vereine gespielt hat? Da ist der Last-Minute-Treffer von Matmour zum Saisonauftakt 2011/12 doch präsenter.

Anschließend entern die Junior-Adler die Bühne, angeführt von Nina Goldstein, die sich als Mitarbeiterin der Fanabteilung um den Nachwuchs kümmert. 1.800 junge Mitglieder hat der Verein mittlerweile und einige Glückliche stehen nicht nur bei uns auf der Bühne, sondern werden später diejenigen sein, die mit den Mannschaften einlaufen. Manch einer ist zum ersten Mal im Stadion, andere haben sogar schon Auswärtsreisen auf dem jungen Buckel. Die Zukunft der Eintracht.

Michael „Öri“ Gabriel berichtet vom Fangipfel in Berlin, zu dem Union auf Grund des völlig undurchdachten Konzeptpapieres des Ligavorstandes zur Sicherheit in den Stadien einberufen hat. Fanvertreter von 49 Vereinen sind dem Aufruf gefolgt – und sind sich einig, dass dieses Papier keinen Bestand haben wird. Immerhin waren auch Vertreter der DFL anwesend, Ansätze zum Dialog sind vorhanden. Vielleicht gelingt es auch gemeinsam, Politiker vor allem der inneren Sicherheit unter Druck zu setzen, auf dass deren oft populistische Stellungnahmen bar jeder Sachkenntnis ersetzt werden, durch eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Welt.

Der nächste Gast ist vor allem den Älteren noch in guter Erinnerung. 1974 kam er zur Eintracht, Willi Neuberger, und absolvierte bis 1983 267 Bundesligaspiele für die SGE. Seine Vita ist beeindruckend, zwei Pokalsiege und der Uefa-Cup-Sieg stehen zu Buche – nur Meister wurde die Eintracht auch in den großen Zeiten nicht. Das erste Spiel Neubergers nach seinem Wechsel aus Wuppertal wurde legendär – ein 5:5 gegen den VfB Stuttgart. Unter großem Beifall wurde er verabschiedet. Dann kam Kurt E. Schmidt und verkündete die Aufstellung der Eintracht für das heutige Spiel. Mit Rode. Mit Schwegler. Und mit Occean im Sturm. Danke an alle, die bei schlechtem Wetter draußen ausgeharrt haben. Auch an mein Daddy.

Wenig später kämpfe ich mich hoch zum Block 43, dort sitzen schon Tom und Daddy, später kommen noch Stefan, Uli und Petra. Ich habe Glück, ein Platz ist frei und kaum hat der Schiri angepfiffen, liegt die Kugel im Netz. Keine 30 Sekunden sind gespielt, da kann Alex Meier einen von Grün abgewehrten Ball trocken versenken. Das schnellste Tor der laufenden Saison, vielleicht das schnellste der Eintracht-Historie? Könnte sogar sein.

Doch wer gedacht hat, die Eintracht würde gegen den Mitaufsteiger nun sicher aufspielen, der wird enttäuscht. Fürth zeigt sich unerschrocken, spielt Pressing, lässt die Eintracht ihr Spiel nicht aufziehen und erspielt sich selbst Chancen, die Trapp allesamt zunichte macht. Fürth attackiert, kommt ohne gelbe Karte davon und bei der Eintracht zeigt sich, dass außer Meier und Trapp kaum jemand Normalform erreicht. Schwegler und Rode sind ob der Verletzungen leicht gehandicapt, Inui, Oczipka, Aigner kaum zu sehen und Occean steht auf verlorenem Posten, spielt glücklos und versemmelt sogar noch eine gute Chance, derweil sich in der Abwehr riesige Löcher auftun, die aber die Spvgg nicht nutzen kann.

Mit einem glücklichen 1:0 geht es in die Pause. Unten kicken ausgewählte Fans einen Ball in einen überdimensionalen Bierkasten, AC/DC singen Highway to hell – doch die Zweite Liga scheint trotz schwachem Spiel noch weit entfernt. Unverändert geht es in Halbzeit zwei.

Und weiterhin setzen die Fürther die Eintracht unter Druck, Missmut macht sich auf den Rängen breit, einige schimpfen über Occean,  der – soviel sei verraten – 90 Minuten durchspielen wird. Einige fordern lautstark dessen Auswechslung, vor allem, als er in der Vorwärtsbewegung unglücklich den Ball verliert, die Eintracht daraufhin ausgespielt wird und Stieber mit einem Lupfer Trapp zum 1:1 überwindet.

Trainer Veh versucht es mit Wechseln, Matmour für Inui, später Köhler für Aigner und Celozzi für Rode – alleine es bringt keine spürbare Verbesserung. Den aufkeimenden Occean-raus Rufen setzt die Kurve ein Eintracht entgegen, aber mitreisend ist alles nicht. Am Ende steht ein für Fürth hochverdientes Unentschieden und hätten sie gewonnen, dürfte sich niemand beschweren. Immerhin, die Eintracht bleibt trotz des schwächsten Saisonspieles oben dabei.  Als Aufsteiger sensationell. Wir haben gesehen: Die Ansprüche des sogenannten Umfeldes steigen, alles andere als ein Championsleague-Platz scheint hochgradig enttäuschend und es ist immer gut, einen Sündenbock zu haben.

Daddy und ich verlassen das Stadion, verdrücken beim Bratwurst-Walter noch eine Wurst und wandern durch den Wald bei hellem Mond Richtung Louisa. Im Fanhaus ist es dunkel, in der Unterführung bewundere ich jedes mal aufs Neue die Tropfsteine, die von unten wachsen und als wir oben ankommen, rumpelt schon die 14 herbei. Daddy läuft zum Auto, ich setze mich in die Straßenbahn und fahre über Sachsenhausen und Zoo nach Bornheim. Menschen kommen und gehen, tippen auf ihren Handys, erwarten eine Freitagnacht, in der sich vielleicht Träume erfüllen. Durch meine Kopfhörer höre ich das Album von Kid Kopphausen, eine Kooperation zwischen Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch. Nils war früher der Sänger von Fink und ist wenige Monate nach Aufnahme der Platte im Alter von 46 Jahren gestorben. Einfach so.

An der Wittelsbacher steige ich aus, laufe über Spessartstraße und Wiesenstraße nach Hause. Pia ist da. ich bin auch froh, da zu sein.

Oh ich mache Probleme
Ich brauche Licht ich brauch Liebe
Ich erschaffe Systeme und streu Sand ins Getriebe
Ich suche nach Antworten auf Fragen wie diese
Wer bin ich

(Kid Kopphausen – Hier bin ich)