Manchmal hat so ein Job ja unbezahlbare Vorteile. Da im Museum der Eintracht vor Beginn des Länderspieles zwischen Deutschland und Argentinien eine Veranstaltung über die Bühne ging, baumelte um meinen Hals ein Ausweis, der mir Zutritt zu allem möglichen verschaffte. So hätte ich durchaus in die Mixed-Zone spazieren können, um ein neugieriges Äuglein auf das Treiben zu werfen…

…machte ich aber nicht, da ich dort eigentlich nichts verloren hatte; wie auf eine Theaterbühne nur die Schauspieler und jene Techniker gehören, die dort zu arbeiten haben. Da mit dieser Karte aber kein fester Platz verbunden war, führte mein Weg mich auf die Terrasse im Businessbereich, der einzige Ort im Stadion mit unnummerierten Stehplätzen.

Seit Tagen waren in der Arena emsige Helfer am Wuseln, kein Vergleich zur Fifa zwar, aber das Stadion wurde fesch herausgeputzt für ein Event, dessen sportlicher Wert wenige Tage vor Saisonbeginn zwar zweifelhaft ist, welches aber als gesellschaftliches Ereignis von außerordentlichem Wert scheint.

Zuvor unterhielten sich im Rahmen der Veranstaltung der Herausgeber des Kicker, Rainer Holzschuh, mit Jürgen Grabowski, Eintracht-Legende und Weltmeister von 1974 – und ich muss sagen, es war durchaus lebendig. Da saßen zwei Größen des Fußballs, der eine als Spieler, besser als DER Spieler der Eintracht, der andere als Journalist und es ist eine Wohltat, wenn Menschen wissen, wovon sie sprechen; selten genug, vor allem im Bereich des Sportjournalismus. Bedenkenswert waren neben anderen vor allem die Ausführungen Grabis über die Nivellierung außergewöhnlicher Spieler, die ihr Können in den sogenannten Dienst der Mannschaft stellen, das schnelle Abspiel zum freien Mann unabhängig davon, ob es das Spiel im Moment weiter bringt oder nicht. Prägend für die Ära der Spielmacher, neben Grabi wohl Overath oder Netzer, war die Selbstverständlichkeit, dass diese sobald im Ballbesitz versuchten, mit der Kugel etwas anzufangen, auf kreative Art und Weise nach vorne zu spielen – auch unter der Gefahr des Ballverlustes, den die Mitspieler dann auszubügeln hatten.

Als die Stadiontore öffneten, strömten die Massen, wie man das Publikum von Länderspielen kennt. Buntbemalte Wangen, Deutschland-Öhrchen, Schwarz-Rot-Goldene Cowboyhüte mit Sponsorenaufdruck. Vor unserem Museum aber versammelten sich die, die sonst mit der Eintracht in Düsseldorf, Paderborn oder Aue dabei sind. Hilde und RedZone waren vor einigen Jahren sogar in Argentinien bei Boca-Juniors zu Gast – und sammelten mächtige Erfahrungen und Erlebnisse – das Publikum war also bei näherem Hinsehen durchaus gemischt, wobei im End die Klatschpappenfraktion dominierte.

Kurz vor Anpfiff wanderten wir auf die Terrasse und stellten uns hinter die Business-Sitze, die große Choreoraphie war schon Vergangenheit, jetzt tönte die Nationalhymne und als wir unsere Blicke durch die Reihen wandern ließen, erwachte vor allem in Pia die Gala-Reporterin. Klar, wenige Meter entfernt von uns entfernt saßen Grabi und Holz nebst Gattinnen, die beiden gehören natürlich zum Inventar. Da aber zu einem Länderspiel stets der Club der Nationalspieler eingeladen wird, defilierte an unseren Augen eine bunte Auswahl jener Kicker vorbei, die den deutschen Fußball aber auch unsere Erlebnisse mehr oder weniger geprägt haben. Abgesehen davon, dass natürlich auch etliche Spieler und Offizielle der Eintracht zu Gast waren (Meier, Nikolov, Jung, Rode, Aigner, Occean, Bruchhagen, Hellmann, Fischer etcpp) entdeckte ich aus den Augenwinkeln Olaf Marschall, der Mann, dessen Frisur sich in all den Jahren nicht verändert hatte. Irgendwo plauderte Oliver Bierhoff, in Flip-Flops schlenderten Thomas Berthold und Michael Schulz durch den VIP-Bereich, Herr Mayer-Vorfelder diesmal ohne Gattin – Lothar Matthäus hingegen mit Begleitung in flachen Schuhen, auf dass sie nicht wirken wie Benny Köhler neben Alex Meier. Stimmt, Carsten Ramelow gab es ja auch mal und kiek ma, Marko Rehmer – der ja sogar auch für die Eintracht gekickt hat. Hey, das ist doch Olaf Thon und hier Siggi Held. Später standen dann Friedhelm Funkel, Heribert Bruchhagen, Axel Hellmann und Dieter Müller auf einem Fleck, dicht daneben Manni Kaltz, der unter Magath ja Co-Trainer gewesen ist. Ja ja, lang ists her.

Unten auf dem Rasen richteten sich natürlich alle Blicke auf Messi, den besten Fußballer der ganzen Welt. Wer gedacht hatte, dass die Fans von Argentinien mit Fackeln, Rauch und Wurfchoreos ihre eigene Art des Fußballsfandaseins zelebrierten, wurde arg enttäuscht – es ging überall auf den Rängen recht brav zu. Das Spiel war zu Beginn recht flott, wahrscheinlich verfluchte sich Jogi Löw innerlich, dass er Marco Reus beim EM-Spiel gegen Italien nicht zu Beginn gebracht hatte, denn dieser spielte so, als hätte dies durchaus Sinn gemacht. Zwei Spieler dürften diese Partie so schnell nicht vergessen. Auf der einen Seite der Hannoveraner Torhüter Ron Robert Zieler, der von Beginn an den verhinderten Manuel Neuer vertrat und nach einer halben Stunde im Strafraum zum äußersten Griff, nämlich nach den Beinen von Sosa, der hinfiel und entspannt dem fälligen Elfmeterpfiff von Schiri Eriksson aus Schweden lauschte. Und wie es das Gesetz vorschreibt, hielt dieser dem deutschen Torhüter die Rote Karte unter die Nase. Bedröppelt schlich er von dannen. Dessen Platz im Gehäuse wurde nun von Marc-André ter Stegen eingenommen, für den Thomas Müller weichen musste. Elfmeter also für Argentinien, Messi läuft an, meint es gut und ter Stegen hält. Ein Raunen ging im weiten Rund umher, gefolgt von einer Welle. In der Nachspielzeit schubste Khedira nach einer Ecke den Ball unglücklich ins eigene Netz – 0:1 der Halbzeitstand.

Als ich mich auf den Weg ins Museum machte, schob sich eine ganze Menschentraube durch die Reihen, näheres Hinsehen offenbarte niemand Geringeren als den kleinen großen Diego Maradona, Sonnenbrille auf den Augen, Brilli im Ohr und eine mächtige Haartracht dazu. Ich mutierte unmittelbar darauf zum Paparazzi und hielt mit der Kamera drauf. Wahnsinn. Kurz nach Wiederbeginn trubelte es, Deutschland hatte ein Tor erzielt, welches aber ob einer Abseitsstellung nicht zählte. Ich wanderte zu meinem Platz – und wer stand nun dort neben Pia? Bernd Nickel – neben Grabi und Holz der Mann, der meine Fußballjugend und -leidenschaft über ein Jahrzehnt maßgeblich geprägt hatte.

Jetzt waren natürlich im Eintracht-Museum schon ganz viele Größen zu Gast gewesen, der Grabi, der Holz, die Neunundfünfziger, die Übersteiger, Uli Stein oder Thommy Rohrbach – einer aber hatte öffentliche Auftritte gemieden, wie der Frankfurter den Bieberer Berg, klar Dr. Hammer, obgleich er schon von vielen Seiten bekniet wurde, im Museum vorbei zu schauen. Wir hatten uns im Rahmen des Freundschaftsspieles der Eintracht gegen Valencia kurz kennen gelernt, so begrüßte ich ihn, derweil Messi das 2:0 machte. Alsbald verbrachte ich die komplette zweite Hälfte im fachkundigen Gespräch mit einem meiner Jugendidole, der es unverständlicher Weise nur zu einem einzigem Länderspiel gebracht hatte, damals 1974 auf Malta. Wer weiß, wie die internationale Karriere von Bernd Nickel verlaufen wäre, hätte Grabi seine Karriere im DFB-Dress nicht schon nach der WM 1974 beendet. So aber war die Bayern Dominanz jener Jahre zu stark, selbst Charly Körbel brachte es nur auf sechs Länderspiele – einzig Holz durfte bis Cordoba 1978 regelmäßig ran. In Malta aber standen mit Nickel, Körbel und Holz gleich drei Frankfurter auf dem Platz. Auf dem Hartplatz in La Valetta.

Also, beschweren konnte ich mich über meine Erlebnisse während des Länderspieles bislang nicht, obgleich ich es mit Nationalitäten und so nicht so habe und ein Länderspiel mir ob der Inszenierung eher Bauchschmerzen verursacht – aber so ist das natürlich was anderes. Das Spiel verflachte nun zusehends, 10 Deutsche fanden gegen die – man muss es sagen – Gauchos kein Durchkommen, ein Dreißigmeterschuss von diMaria wuppte schnurstracks zum dreinull ins Netz, ehe Höwedes per Kopf zum 1:3 Endstand traf. Da war die Fußballstimmung im weiten Rund schon recht gedämpft. Munter wurde es erst wieder als ein angezogener Flitzer über den Platz sauste, Messi abklatschte und dann unter sanfter Mithilfe zweier Ordner den Platz verließ.

Schlusspfiff, Ende, aus. Wir betrachteten das Treiben noch eine Weile, begrüßten freudig Bernd Schneider, dessen tadellose Saison 98/99 im Trikot der Eintracht ewig unvergessen bleiben wird und marschierten nach unten. Und urplötzlich fand sich Pia in den Armen von … Maradona wieder. Ich weckte den Paparazzi in mir, nestelte an der Kamera und drückte zwei Mal ab. Na, das war ja jetzt ein Ding. Pia und die Hand Gottes. Auf einem Bild. Ich schaute auf das Display und zuckte zusammen. Schwarz auf Schwarz – dazwischen … Schwarz. Irgendwie musste ich das Drehrad zu den Belichtungsoptionen verstellt haben – und wer mit einer Belichtungszeit von 1/800 in geschlossen Räumen fotografiert, der darf sich nicht wundern. Toller Paparazzi in mir. Aber das Erlebnis nimmt Pia niemand mehr – und immerhin konnte ich mithilfe digitaler Manipulation doch noch was aus dem Bild rausholen. Sieht zwar jetzt ästhetisch aus wie ein Fahndungsfoto der RAF zu Beginn der Siebziger – aber was solls.

Nachtrag:

Wie aus wohl informierten Kreisen berichtet wird, handelt es sich bei Maradona in Wirklichkeit wohl um Abi Atici. Dies erklärt, weshalb sich meine Kamera verweigert hat. Aber lustig war es allemal.