Krachgarten. Kuhschnappel. Straight to hell. War was?

Ja, das Los bescherte der Eintracht in der ersten Runde im DFB-Pokal einen Ausflug nach Aue. Eigentlich hatte ich ja schon vor Wochen entschieden, das Spiel mit Pia in einer Wirtschaft zu gucken, um die Sommerpause noch ein paar Tage zu verlängern. Aber als Marc anfragte, ob wir mit einem Neunerbus nach Aue mitkommen würden, konnte ich nicht nein sagen. Pia schon. Also blieb sie mit dem silbernen Golf in Frankfurt, während ich mit dem Rad durch die frühmorgendliche sommerheiße Stadt sauste, um jenes Rad in einem Hauseingang im Bahnhofsviertel zu verstauen und flotten Schuhs zur Südseite zu eilen. Ich war ein paar Minuten zu spät, aber ich war da. Im Rücken ein 0:5 der U23 gegen Hoffenheim II am Bornheimer Hang.

Da saßen sie schon, meine Mitreisenden, Ariane, Neeko, Steffen, Holger, der braungebrannte Thorsten und Chris, der sich bereit erklärt hatte, uns zurück zu fahren. Eigentlich bin ich ja davon ausgegangen, dass ich einen Teil des Hinwegs bestreite – aber da nur ein Fahrer eingetragen war, fiel dieser Teil aus. Immerhin, unser Auto war ein schwarzer Mercedes Fiat mit schlappen 12.000 Km auf dem Tacho, Klimaanlage und CD-Player. Da war es ganz praktisch, dass ich mir noch eine CD eingesteckt hatte – der Filmsoundtrack zu dem Spaghettiwestern Straight to hell sollte es richten. Straight to hell, also gut.

Über die Gutleutstraße rollten wir auf die A5, die Klimaanlage hielt die Temperatur im Wageninneren erträglich, ob des Sonntages ohne LKWs auf dem Highway kamen wir gut voran. Der Nachteil eines Mietwagens (zumindest für Raucher) ist meist der, dass zum Rauchen kleine Pausen notwendig sind – und exakt mit dem Ende des 28 und letzten Liedes fuhren wir auf eine Raststätte und drückten uns Nikotin in die Lunge, während der Fahrt aber kletterte das Außenthermometer nahezu minütlich um ein Grad höher. Jetzt nach Portugal ans Meer, ich hätte nichts dagegen gehabt.

Alsbald verließen wir das ehemalige Westdeutschland und mit einem Mal erschien die Autobahn ausgebauter und komfortabler als je zuvor. Hinter Eisenach pickten wir noch eine Mitfahrerin, Maria, auf, die auf der Raststätte Waltershausen schon auf uns wartete. Erstaunlicher Weise hielten wir just zu dem Moment dort an, als die CD zum zweiten Mal durchgelaufen war. Straight to hell, es hätte uns zu Denken geben können. Das ist ja generell das Schöne vor dem ersten Saisonpflichtspiel, man kann ungestraft davon träumen, den Pokal zu holen und evtl. mal wieder Meister zu werden. Als Frankfurter muss man diese Zeit nutzen.

Der nächste Stopp hieß Jena. Die meisten von uns kennen Jena ja nur durch die Plattenbauten in Lobeda, die von der Autobahn gut zu erkennen sind, die Stadt selbst aber empfing uns freundlich, einige Häuschen erinnerten an Disneyland, und da war auch schon Marc, der sich in aller Herrgottsfrühe mit dem Zug aus Bayern aufgemacht hatte und nun mit uns weiter fuhr. Der arme Kerl trug lange Hosen – hatte aber zum Glück noch eine kurze im Gepäck. Und so rollten wir fröhhlich schnatternd und trinkend durch Deutschlands Osten. Stets wenn ich hinter Jena weiter gefahren bin, hieß das Ziel Berlin, heute aber sausten wir auf den Highway Richtung Aue. Die letzten Kilometer ging es über die Landstraße durch das schöne Erzgebirge und in Aue selbst parkten wir nur wenige Hundert Meter vom Stadion entfernt auf einem Supermarktparkplatz. Violette Trikots mengten sich mit schwarz-roten, es war der heißeste Tag des Jahres, überall Bekannte und Unbekannte derweil direkt neben dem Stadion ein Wildbach rauschte. Die Begegnungen mit den Einheimischen waren freundlich und von lässiger Entspanntheit geprägt, und wie immer, wenn der Gastgeber die Eintracht hoch favorisiert, weiß ich was kommt. Duisburg. Paderborn. Nun Aue. Ich erstand einen Spielschal, stand ein paar Minuten am Einlass und blieb sparsam mit dem Fotografieren, da mein Akku schon seit Jena blinkte. Alsbald erklomm ich die Kurve, traf auf Holger und Chris, während die Auer Kurve eine kleine Choreo präsentierte. 1946 in lila weiß, die Sonne brannte.

Die Eintracht begann mit Trapp im Tor und im Sturm mit Occean und es sah zu Beginn auch ganz gut aus. Immerhin hatte ich Andi und Arne entdeckt, die kurzfristig aus Berlin angereist waren, ein freundlicher Helfer spritzte mit einem Schlauch Wasser in unsere Kurve und plötzlich leuchtete es Rot in die Luft. Nein, keine Bengalos, es war die Karte, die Schiri Siebert (Berlin) unserer neuen Nummer eins unter die Nase hielt. 20 Minuten hatte es also gedauert, bis Oka Nikolov wieder im Tor der Eintracht stand, es ist unfassbar. Ähnlich unfassbar war die Tatsache, dass Erzgebirge Aue durch den fälligen Elfmeter mit 1:0 in Führung ging. Sollte das Ende aller Träume tatsächlich nur 20 Minuten nach Anpfiff des ersten Spieles gekommen sein? Ich nehme es vorweg: Jawoll.

Die Eintracht mühte sich mit 10 Mann bei annähernd 40°, erspielte sich aber kaum Chancen, Aue stand hinten sicher, 3000 Frankfurter feuerten ihr Team an, Wasserfontänen spritzen unentweg in die Kurve. 60 Minute 2:0. Das war’s. Ein Platzverweis für Aues Schröder stellte die zahlenmäßige Überlegenheit der Gastgeber auf Ausgeglichenheit zurück, allein für die Eintracht nutzte es nichts. Das 3:0 in der letzen Minute besiegelte das Erstrundenaus der Eintracht, die nun wenigstens nicht in der zweiten Runde bei den Kickers spielen muss. Straight to hell.

Ich verabschiedete mich von Andi, spazierte gemächlich Richtung Parkplatz – nicht ohne den einen oder anderen Schwatz – und wenig später hockten wir alle wieder zusammen im Bus, Chris steuerte uns souverän auf die Autobahn zurück, die wir bald wieder verließen, um einen Gasthof anzusteuern, der erst aber noch zu finden war. Nachdem wir einige Kilometer durch Orte wie Kuhschnappel gerollt waren, befragten wir einen der wenigen sichtbaren Einheimischen nach einer Lokalität. Obgleich der Dialekt gewöhnungsbedürftig ist, rollten wir nach seinen Anweisungen durch die Gassen und schon entdeckten wir den Gasthof Goldener Stern in St. Egidien – und ich sage euch: Sobald ihr hier in der Nähe seid, lasst euch dort blicken.

Die Speisekarte sagte uns zu, die Preise nickten freundlich und so hockten wir im Garten, wurden von der entspannten Bedienung umsorgt, futterten Gurkensuppe oder Schnitzel  und ich glaube, die meisten hätten nichts dagegen gehabt, so die Nacht nach einem Spaziergang in einem Hotelbett geendet hätte. Wir aber mussten weiter in die Dunkelheit und nach Frankfurt.

Bald lagen Aue oder Zwickau weit hinter uns, wir näherten uns Jena als von hinten Stimmen nach einem Rast ertönten. Nun wusste ich, dass nach wenigen Metern die Raststätte Teufelstal kommt, eine Raste wie viele andere auch. Ein paar Minuten dahinter liegt jedoch die Miniraste Schorbaer Berg und ich dachte, es sei eine gute Idee, diese anzusteuern, das Bier ist günstiger, der Platz freundlicher – nunja, die Toiletten eher nicht – aber das wusste ich gar nicht so genau, da ich in den letzten Jahren stets auf der anderen Seite der Autobahn gehalten hatte. Groß war also die Empörung hinter mir, als wir an Teufelstal vorbeirauschten – dabei hatte ich es doch nur gut gemeint, aber ihr wisst ja: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Naja, wir hielten bei Schorba, tranken, rauchten und schon ging es weiter durch Thüringen. In Tabarz verabschiedeten wir uns von Maria, tankten die Kiste noch vor Frankfurt voll und irgendwann fielen mir die Äuglein zu. Als ich erwachte, hatten wir Frankfurt erreicht, und der finale Stopp brachte uns zurück an die Südseite, Chris hatte uns sicher über 800 km durch Deutschland gelenkt, jetzt hieß es die letzten Kilometer mit dem Fahrrad zurück ins Nordend. Auch das schaffte ich tadellos, als ich ankam schlief Pia natürlich schon. Ich rauchte noch eine Cigarette, und schwatzt noch ein bisschen mit ihr, die dann doch noch die Äuglein geöffnet hatte. Dann fiel ich in einen langen traumlosen Schlaf. Schön war es gewesen. Wenn nur der verdammte Fußball nicht wäre.