Als uns am Samstagmorgen gegen 7:00 Uhr der Wecker des mobilen Telefons mit der seit London lieb gewonnen Melodie von Boas Version von Enjoy the silence aus den Träumen riss, galt der erste Blick dem Wetter; immerhin standen knapp 500 km Fahrt vor uns und da macht sich ein Schneesturm nicht besonders gut. Doch noch war alles friedlich und vor allem trocken. Immerhin: Der silberne Golf ist mit Winterreifen bestückt und wir mit Mütze, Schal und Handschuh und waren somit gegen das gröbste Unbill gewappnet. Vor uns lagen vier Tage im Norden; die Eintracht tritt am Montag zum letzten Spiel des eher deprimierenden Fußballjahres beim Hamburger Stadtteilclub FC St. Pauli zum Spitzenspiel der Zweiten Liga an – ein Sieg und die Adler überwintern an der Tabellenspitze; bei Unentschieden oder nicht allzu hoher Niederlage jedoch drohte der Rutsch auf Platz drei, immerhin hat die Spvgg Fürth Union Berlin mit 5:0 abgefidelt. Also auf geht’s.

Der Tag ließ sich sonnig an und wir sausten über die Autobahn, keine einzige Baustelle auf der A5, das gabs noch nie. Aus den Lautsprechern pluggerte moderne Indiemusik, Motorama, Carter USM, Klaus & Kinski und in Anspielung auf unser Reiseziel eine ganze nette Version von den 15 Mann auf des toten Manns Kiste; 15 men on the dead mens chest. Hohoho and a bottle of rum.

Hinter Hessen verließ uns die Sonne, ab an und lungerte Schnee auf den angrenzenden Feldern rum, vereinzelte Regentropfen störten nicht großartig und nach knapp viereinhalb Stunden rollten wir über die Elbe in Hamburg ein.  Unser eigentliches Ziel war ja gar nicht Hamburg, sondern ein kleiner Ort in Schleswig Holstein, nur wenige Kilometer von Hamburg entfernt – da wir aber gut in der Zeit lagen, galt unser erster Besuch dem Schulterblatt, einer belebten Straße im neuen Stadtteil Sternschanze. Zwischen Rebellion und  Gentrifzierung zeigt sich hier das alternative Hamburg, dass gar nicht mehr so alternativ ist. Vor der Roten Flora stapelten sich Schlafsäcke von Obdachlosen, das gesamte Areal aber ist ein El Dorado für Fotografen von Streetart. Graffitis, Fliesen, Tags, Papierbilder, Stencils in rauen Mengen. Wir genehmigten uns im Olympischen Feuer ein Mittagessen und nach einem Ouzo gings weiter auf der B4 Richtung Hasloh. Dort wohnen Freunde von uns, die sich bereit erklärt haben, Pia und mich für ein paar Tage aufzunehmen.

Als wir ankamen, flatterten schon die Fahnen von St. Pauli und der Eintracht am Fahnenmast im Garten – und dies, obgleich Hausherr Ingo eingefleischter Werder-Fan ist und dies seinem Sohn Enno weiter vererbt hat. Klar aber, dass sie zudem für das Spiel am Montag tendenziell auf Seite der Unangepassten stehen werden.

Nach einem großen Hallo wurde uns die Gästekabine gezeigt und das Programm für die nächsten Tage ausgehändigt – und ich kann euch sagen, dass der Begriff „Freizeit“ nur spärlich auftauchte. Ein Fragezeichen ergab sich aus dem sonntagabendlichen Punkt Besuch bei Caren, Gerd und Judith – eine rechte Erklärung, was es damit auf sich habe war niemandem zu entlocken.

Hasloh. Eine 3.000 Seelen Gemeinde im Kreis Pinneberg mit Feuerwehr, Sportverein und einer CDU-Vorsteherin, die es geschafft hat, dass der beschauliche Ort im letzten Sommer über die Grenzen hinaus bekannt wurde. Hatte zunächst die junge Hamburgerin Thessa auf ihrer Facebook Seite aus Versehen öffentlich zu einem Sommerfest geladen, das massig Schlagzeilen produzierte, woraufhin findige CDUler sofort einen Internetführerschein forderten, so setzte Dr. Dagmar Steiner von der örtlichen Union noch einen drauf. Um zu zeigen, dass auch im verschnarchten Hasloh die Christdemokraten mit der Zeit gehen, entwickelte sich aus einem Aufruf zum örtlichen Sommerfest der CDU eine überaus amüsante Geschichte. Denn Dr. Dagmar Steiner beschloss, die Veranstaltung via Facebook der Welt anzukündigen – und übersah, den Aufruf privat zu halten. Somit waren neben Tausenden von Usern auch die Medien auf den Plan gerufen – bis der Veranstalter kapitulierte und das Fest kurzerhand absagte. Die Hamburger Morgenpost sorgte für die schönste Schlagzeile: Besuch im Dorf der Facebooktrottel. Wer heute die Internetseite der CDU Hasloh besucht und einen Wot-Addon im Browser installiert hat, dem wird diese Seite als bedenklich gemeldet. Kein Wunder.

Auch nicht schlecht ist die Geschichte eines Taxifahrers, der in Hamburg eine Frau aufgegabelt hatte, und diese, nachdem sie sich über den Weg beschwert hatte kurzerhand in den Kofferraum sperrte, nach Hause fuhr und sich schlafen legte. Vom Wohnhaus der Facebook-Trottelin bis zur Bleibe des Taxifahrers sind es nur wenige Meter, denn auch der Kollege wohnt in … Hasloh.

Da kommt man also aus der Hauptstadt des Verbrechens, denkt sich nichts Böses und schwuppdiupp landet man in einer Gegend, die so harmlos daher kommt und dennoch mit allen Wassern gewaschen ist. Wir waren von nun an auf der Hut. Ich las Millie in London und ging zum Rauchen brav nach draußen.

Eigentlicher Höhepunkt sollte natürlich das Spiel der Eintracht sein, dennoch absolvierten wir einige durchweg interessante Stationen zuvor. Neben einer Weihnachtsparty bei der wir allerhand Neuigkeiten aus dem Dorfleben erfuhren, waren dies der Kauf eines Weihnachtsbaumes, eine Einradvorführung sowie der Besuch eines Chors, bei dem sogar der japanische Text des Queen-Stückes Teo Torriatte vorgetragen wurde. Später verlor Mainz 05 vor unseren Augen in einer Sportbar bei Borussia Mönchengladbach und somit stand nun der Besuch bei Caren, Gerd und Judith an. Ingo, Pia und ich setzten uns in Bewegung und rollten in die Dunkelheit der Hamburger Nacht. Ein weihnachtlich geschmücktes Haus am Straßenrand beleuchtete ein ganzes Viertel, derweil wir in den Hugh Greene Weg einfuhren. Und da prangte in großen Lettern ARD bzw NDR. Nun dämmerte es uns; Ingo hatte Karten für den Sportclub besorgt, das etwas bessere Pendant zum Heimspiel des HR. Obwohl: Seien wir ehrlich, Heimspiel ist keine Sportsendung. Caren, Gerd und Judith sind übrigens Moderatoren des NDR: Miosga, Delling und Rakers. Soviel dazu.

Am Empfang gab’s für lau Jever oder Orangensaft, im Foyer zeigten Fernseher laufende Sendungen der angeschlossenen Rundfunkanstalten während peu a peu die anderen Besucher eintrudelten, doch wie zu erwarten, blieben Pia und ich die einzigen Eintrachtler.

Die Sendung wurde in Studio 3 aufgezeichnet, Tausende Lampen hingen an der Decke, Helferlein waren damit beschäftigte, die Besucher auf ihre Plätze zu geleiten, und alsbald hockten wir in einem Ecklein und betrachteten den Moderator Alexander Bommes, der uns gut gelaunt und wohltemperiert auf die Sendung vorbereitete. Studiogast war Mladen Petric, dem unaufgeregt und sachlich so manche Erkenntnis entlockt wurde und wieder einmal wurden wir belehrt, dass die Volkerhirthtisierung des Sportgeschehens nicht zwangsläufig sein muss. Es geht auch in gut.

Der nächste Tag führte uns mit der S-Bahn nach Altona und von dort über die Reeperbahn zur Elbe. Überall waren schon Eintrachtler unterwegs, Andreas zog es ins Beatles-Museum, Arno auf eine Fähre und wir marschierten am Fluss entlang und ließen uns den Wind um die Nase wehen. Später spazierten wir über das Millerntor und den Weihnachtsmarkt an der Reeperbahn Richtung Schanzenviertel, futterten Sardinen und Pastizio und trafen uns mit Ingo und Enno in der Kleinen Pause. Gestärkt mit einem Astra gings dann zum Stadion. Ingo hatte für uns schicke Plätze auf der Haupttribüne besorgt, direkt an der Ecke zum Gästeblock. Nachdem die Morgenlektüre noch gezeigt hatte, dass die Mannschaft von St. Pauli den Frankfurtern den Schneid durch Einsatz abkaufen wollte, während die Eintrachtler eher larmoyant über die lange Saison klagten, waren wir nicht wirklich siegesgewiss.

Beeindruckend ist der Innenraum der neuen Tribüne am Millerntor. Geschmückt mit Kunstwerken jeglicher Couleur, zeigte sich wieder, dass Orte in denen Fußball gelebt wird keineswegs steril und einfallslos daher kommen müssen, die Tribüne wirkte schon fast wie ein kleines Museum. Natürlich haben wir unser Museum und natürlich stellen bei der Eintracht die Fans jede Menge auf die Beine, dennoch bleibt festzuhalten, dass der Empfang hier im Norden durchaus was hat.

Nach dem Abspielen der ersten Strophe von Im Herzen von Europa, fackelten die Frankfurter ein paar Bengalos ab, die St. Paulianer entrollten einen Megajoint und ließen ihn dampfen, darunter ein Spruchband: Montag weghaschen. Oder: Montags könnt ich kotzen. Dies bezog sich natürlich auf die Anstoßzeiten der Zweiten Liga, die in der Tat vor allem für Auswärtsreisende suboptimal sind.

René marschierte an der Außenlinie entlang und fotografierte, während wir verwundert feststellten, dass Matmour im Gegensatz zu Gekas von Beginn an auflief. Leider dauerte dieser Zustand nicht allzulange, nach knapp einer halben Stunde verletzte sich Matmour und für ihn kam der winkende Grieche, was meine Laune durchaus verschlechterte. Der Eintracht-Support war eher mäßig, obgleich der Gästeblock ganz ordentlich gefüllt war, von Zeit zu Zeit gellten St. Pauli Rufe durchs Stadion, das mit über 24.000 Zuschauern ausverkauft meldete. Und es kam, wie es kommen musste; die Eintracht erspielte sich zwar die ein oder andere Chance, das Tor aber machte St. Pauli nach einer Ecke. Langsam wurde es kalt und ungemütlich und auch die zweite Halbzeit brachte wenig erbauliches, obgleich Pauli zu schwimmen schien. Pia meinte daraufhin: Pass auf, gleich fällt das 2:0. Ecke Eintracht, der Ball kommt zu Bartels, der sprintet über das halbe Feld, schiebt die Kugel nach innen und prompt führte St. Pauli mit 2:0, man hätte wetten sollen.

Caio kam später für Köhler und was das Erschütternste war: er mutierte zum besten Mann in den letzten Minuten, verteilte das Bällchen, schoss ein paar Mal und konnte doch die Niederlage nicht abwenden. Zwischendrin wurde Schwegler noch aus der Hamburger Kurve beworfen, konnte aber weiter spielen – ein Sportsmann sozusagen.

Statt auf Platz Eins rutschte die Eintracht auf drei ab, punktgleich mit dem heutigen Gegner und Paderborn und dürfte mit Leistungen wie dieser es schwer haben, das Ziel, den direkten Wiederaufstieg zu erreichen; zu wenig Leidenschaft, zu wenig unbedingter Wille und zudem keine Varianten in der Hinterhand, um das phasenweise ideenlose Spiel aus dem Mittelfeld zu peppen. Schwegler sagte nach dem Abpfiff: Ich glaube nicht, dass die bessere Mannschaft gewonnen hat, sondern die, die besser zusammmen gestanden und mehr als Mannschaft agiert hat. Damit hat er völlig Recht und auch schon einen der Gründe genannt, weshalb die Eintracht 2011 es kaum schafft, eine Basis mit der Anhängerschaft herzustellen: Wer sich nicht mit dem Team und dem Adler identifiziert, den haben wir auch nicht lieb.

Bedröppelt verließen wir das Stadion, fuhren durch die dunkle und frostige Nacht Richtung Hasloh und wärmten die Beine mit einem Blick auf Arnd Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs, in der wir die sensationell vergebene Chance der Fürthers Prib gegen die Eintracht bestimmt fünf Mal gezeigt bekamen; wenigstens etwas. Der gleiche Prib, der vorgestern beim Pokalderby in Nürnberg den Siegtreffer für die Fürther erzielte.

Am Dienstagmorgen verabschiedeten wir uns von unseren Gastgebern und brachen auf Richtung Hamburg. Einem letzten Frühstück in St. Pauli im Cafe Absurd folgte eine Fahrt durch Regenschauer und Schneefall, die Scheibenwischer schwappten ununterbrochen über die Scheibe und als wir auf die A661 wechselten, ging das Wischwasser zur Neige. Im Blindflug segelten wir zur Tanke an der Friedberger, füllten Wasser nach und entdeckten, dass sich der Öldeckel verabschiedet hatte. Nun denn, wir hatten Glück, allzuviel Öl war wohl nicht rausgespritzt und so rollten wir brav ins dunkle Nordend. Hätten wir das Programm für das Wochenende nur ernster genommen: Dort stand schon am Samstag zu lesen: Montag 20:15 – 22:00 – Heimsieg feiern.