Enjoy the silence.

Da Frühstück nur bis um viertel nach neun serviert wurde, schälten wir uns nach knapp fünf Stunden Schlaf aus dem Bett und schlappten in die Dusche. Mit hängenden Augenlidern saßen wir bei Kaffee, Spiegeleiern, Cornflakes und Toast im Frühstücksraum, die Worte der freundlichen Rumänin glitten an uns herunter, während wir uns gedanklich auf den Tag vorbereiteten. Da Andi und Arne das Hotel früh verlassen mussten, trafen wir uns gegen zehn vor dem Domizil der beiden und schlenderten müde Richtung Hyde Park. Noch war der Sonntag leicht neblig, in und außerhalb von uns und so nahmen wir die U-Bahn Richtung Arsenal, um einen Blick auf das dortige Stadion und das angeschlossene Museum zu werfen. Neun Stationen dauerte die Fahrt und wir waren beileibe nicht alleine. Arsenal heißt die Haltestelle am Stadion, Schilder wiesen schon beim Ausstieg darauf hin, dass bei internationalen Spielen der Genuss von Bier vom Weg der Haltestelle zum Stadion verboten sei, doch auch heute stand uns der Sinn nicht wirklich danach. Ein Aufkleber der Dortmunder Ultras klebte bereits auf der Strecke, wundersamer Weise gesellte sich noch einer der Frankfurter Eintracht dazu.

Schon nach wenigen Minuten erreichten wir das neue Stadion und marschierten im Nebel über eine Brücke zum Museum; es wird der Tag kommen, an dem wir auch wieder einmal unsere Eintracht hier um Punkte spielen sehen; vorerst aber begnügten wir uns mit der Geschichte des Gastgebers. Am Eingang hockte ein älterer Kassierer neben einem Securitymann, wir stellten uns als Museumsmitarbeiter der Eintracht vor, verschenkten Pins und erhielten im Gegenzug ermäßigten Eintritt zur Historie des mehrfachen englischen Meisters, dessen Motto Victoria Concordia Crescit lautet. Victory grows out of harmony. Könnte sich die Eintracht hinter die Löffel schreiben.

Filme kündeten von großen Siegen, so gegen Liverpool zur Zeit eines Charlie George im Highbury, Trikots, Fußballschuhe, Pokale – es gab einiges zu sehen, obgleich uns das Museum recht unstrukturiert vorkam. Der Eintritt kostete für Erwachsen sieben Pfund, da soll noch Mal einer über die fünf Euro bei der Eintracht meckern. Und da eben jene Eintracht sich in wenigen Minuten anschickte im heimischen Stadion gegen Alemannia Aachen anzutreten, war für uns schon die Zeit gekommen, eine Kneipe zu suchen, die zumindest die Konferenz überträgt. Zu diesem Zweck hatte Arne zwei Adressen aus dem Eintracht Forum aufgegabelt, die angeblich deutschen Fußball zeigen. Eine davon war ein Bayrisches Brauhaus nur zwei Bahn Stationen von hier entfernt, nahe Old Street. Nach einige Minuten Fahrt und einem kurzen Marsch erreichten wir auch den Laden, in dem sich allerdings die Kellnerin in einer Art Dirndl außerstande sah, den Projektor zu bedienen. Schweren Herzens verzichteten wir auf Schweinebraten, doch nun war guter Rat teuer. Die Eintracht führte mittlerweile mit 2:0 und wir entschieden uns, mit dem Taxi nach Lambeth zur zweiten Adresse zu fahren; Zeitgeist heißt der Pub der letzten Hoffnung. Nach ein paar Minuten hatten wir es geschafft und saßen zu viert in einem der geräumigen schwarzen Wagen und fuhre an einem kleinem Häufchen Occupy London vorbei Richtung Themse, überquerten diese und landeten in der Black Prince Road direkt vor dem Zeitgeist.

Zeitgeist ist ein schönes Wort und hier trafen wir auf einen ehrwürdigen Pub, der einstmals den Namen Jolly Gardener trug und nun die schwere Gemütlichkeit der englischen Pubs mit deutscher Leichtigkeit kombinierte. Die Leichtigkeit war in diesem Fall die tadellos deutsch sprechende Kellnerin, die für uns die Leinwand herab ließ und den Beamer anwarf. Wir wählten uns ein Bier aus zig Sorten aus und stellten fest, dass die Eintracht noch immer mit 2:0 führte, während der FSV in Fürth nach allen Regeln der Kunst demontiert wurde. Außer uns waren nur wenige Gäste anwesend und als Auer den Anschlusstreffer für Aachen erzielte, wurde es noch stiller. Das 3:1 im Gegenzug durch Hoffer stellte den alten Abstand wieder her, und unsere Laune dazu. Prompt verkürzte die Alemannia auf 3:2 und wir sackten in uns zusammen. Als Funkels Mannen kurz darauf gar den Ausgleich erzielten wurde aus der latenten Depression eine echte, aus der wir Minuten später nach Matmours 4:3 brüllend übereinander fielen. Schlusspfiff. Sieg. Wahnsinn. Du sitzt ein paar Hundert Meilen vom Stadion entfernt, wo du zu diesem Zeitpunkt sonst immer bist, denkst an deinen Dad, der wie immer auf seinem Platz sitzt und vor unseren Augen schickt uns die Eintracht durch Wellentäler, um am Ende des Tages wieder obenauf zu sein. Zur Belohnung gab’s wahlweise Burger mit Chips oder Käsespätzle, die hervorragend schmeckten – für Arne zumindest so lange, bis er erfuhr, dass sein Flug gecancelt war. Nun begann das hin und her, vor allem weil der soeben gebuchte Ersatzflug nur wenig später gleichfalls gestrichen wurde. Da Andi später nach Berlin fliegen wollte und nichts gegenteiliges gehört hatte, wanderten wir im Hochgefühl des Sieges bald über die Vauxhall Bridge Richtung Hotel und kurz darauf zur Victoria Station. Wenig später verabschiedeten wir uns von den beiden, die mit der Bahn Richtung Heathrow sausten und machten uns auf den Weg Richtung Soho.

Über den St. James Park, den Piccadilly Circus und vielen kleinen Wegen erreichten wir den weltbekannten Stadtteil, der nun tief im Dunkeln lag und dennoch gut besucht und durch die die Reklamen gut beleuchtet war. Kneipe reihte sich an Kneipe, Lädchen an Lädchen, in Chinatown hingen die gebratenen Enten in den Schaufenstern, dort, wo die Straßenschilder in englisch und chinesisch verfasst waren. Weiter führte uns der Weg nach Covent Garden, durch kleine Wege wie den Neal’s Yard oder große Straßen, in denen sich die Geschäfte wie an der Perlschnur aufreihten. Bei einer Pizza erholten wir uns von den Fußmärschen und sammelten Kraft für einen nächsten, der uns über Soho und den dunklen St. James Park führte, wo wir in der Ferne das London Eye leuchten sahen.  Noch einmal liefen wir zur Westminster Abbey und den nachtbeleuchteten Big Ben, wer weiß schon, ob und wann wir diese Monumente wieder sehen würden. Sicher bewacht von unzähligen Kameras marschierten wir dann zurück ins Hotel und fielen in einen langen traumlosen Schlaf. 4:3, fünf Tore in 12 Minuten, das erlebt man auch nicht alle Tage.

Neblig begann der Tag.  Enjoy the silence fiel diesmal aus.

Pia war schon ein paar Minuten früher wach; immerhin galt es, unsere Siebensachen zusammen zu packen und nach dem Frühstück das Zimmer zu verlassen. Ein letztes Mal orderte Pia ihre Flakes samt Orangensaft, während ich meine Spiegeleier mit Speck futterte, und einen Kaffee nach dem anderen trank. Ein letzter Weg zum Zimmer, und schon stellten wir unser Gepäck in den Frühstücksraum, verabschiedeten uns von der freundlichen Bedienung, versprachen wieder zu kommen, gaben den Schlüssel an der Rezeption ab und brachen erneut auf in die Stadt, die uns die letzten Tage verschluckt hatte. In der Hand trug ich die Tüte mit meinen alten Red Wings – die Zeit des Abschieds war gekommen, sechzehn Jahre lang hatten sie mich begleitet, doch einmal ist alles vorbei – obwohl, eigentlich waren sie ja noch ganz gut … aber ein Gedanke an die schmerzenden Füße vom vergangenen Freitag brachte die Entscheidung. Ich stellte sie an einem Zaun ins Gebüsch, bedankte mich bei ihnen und verabschiedete mich.

Den Blick voraus gings zum Hyde Park, in dem nicht allzuviel los war. Wir spazierten an der Serpentine entlang, vereinzelt wurden die Wasservögel gefüttert, die ein mords Theater machten, neblig ruhig zogen wir unsere Bahn, ab und an wurden Hunde ausgeführt, ab und an joggte ein Londoner seines Wegs, während unter einem Buschrondell ein Obdachloser die Nacht verbracht hatte und noch schlief. Weitläufig streckte sich der Park eher unspektakulär bis zur Brücke, an der wir Richtung Speakers Corner abknickten, der von allen guten Geistern verlassen eher ein Ort der Stille schien. Über die Oxford Street erreichten wir die Carnaby Street, erinnerten uns an Swinging London – wir nuckelten damals allerdings noch am Fläschchen – und durchquerten Soho diesmal im Hellen. Wir guckten in einzelnen Läden nach hübschen Kleidungsstücken für Pia und wurden sogar hie und da fündig. Dann zogen wir erneut durch Chinatown, kauften uns in Covent Garden eine riesige Portion Fish ’n‘ Chips und genossen das traditionelle englische Essen gemeinsam mit einer Schar Tauben, die schmerzfrei auf ihren Anteil hoffte. Bis ins British Museum schafften wir es dann, bewunderten die mächtige Halle, ägyptische Mumien und Uhren aus aller Welt und aus allen Zeiten, bis die Zeit drängte und wir nach einem Kaffee in Holborn über den Trafalgar Square wieder im St James Park landeten. Die grauen Eichhörnchen kamen neugierig angeflitzt und fraßen anderen Besuchern aus der Hand, wir aber hatten nichts für sie übrig und marschierten über die Buckingham Place Road Richtung Hotel; entstanden aber zuvor noch einige Souvenirs, wie es sich für ordentliche Touristen gehört. Wenig später am Eccleston Square standen meine Stiefel noch am gleichen Fleck, allerdings hatte sie jemand in der Hand gehalten, die Schuhe standen nun mit der Spitze nach innen und somit war mein Geist gebannt und ich konnte in Frieden fahren.

Da wir keinen Schlüssel mehr hatten klingelten wir ein letztes Mal am Hotel und aus dem kleinen Lautsprecher schepperte das gekannte: Receptscheeeeen. Cam iiiin. Die asiatische Mitarbeiterin hatte über das Wochenende frei und ihre Zeit damit verbracht, die vom Nachwuchs unter Wasser gesetzte Wohnung auf Vordermann zu bringen. Einem herzlichen Abschied folgte das Klackern des Trollys auf dem Gehweg zur Victoria Coach Station, ein Bus nach Stansted wartete dort schon. Obgleich wir eigentlich für den nächsten gebucht hatten, konnten wir mitfahren, allerdings nicht nebeneinander sitzen und ehe wir uns versahen, rollten wir am Westminster Abbey, am Big Ben und am London Eye vorbei. Eine Weile ging es an der Themse entlang, dann leuchteten die Fenster der Bürohochhäuser in die Dunkelheit, mächtig staute sich der Feierabendverkehr, der sich erst auf der Autobahn lichtete. Erstmals vermisste ich meinen MP3 Player, den ich voller Absicht im Golf zurück gelassen hatte, so ließ ich die Reise noch einmal Revue passieren, bis wir nach 85 Minuten den Airport erreichten. Einer letzten Cigarette auf britischem Boden folgte die Gepäckaufgabe und der Blick in die Läden in Stansted. Hinter der Passkontrolle hatten wir noch ein bisschen Zeit, noch war das Gate nicht bekannt, und so tauschten wir die letzten Pfund gegen einen Tee und einen Schlüsselanhänger. Dann hieß es: Gate 42. Etwas mehr als eine halbe Stunde verharrten wir geduldig in der Schlange, sahen durch das Fenster den Flieger anrollen und die Gäste aussteigen, die nun einige Tage London vor sich hatten. Dann hieß es: Alles einsteigen; diesmal waren einige dabei, die die bevorzugte Behandlung gebucht hatten, doch da der Flieger nicht ausgebucht war, gab es für alle einen Sitzplatz und Raum in der Gepäckablage dazu. Pünktlich rollte der Flieger an, erhob sich in die Luft und nach dem üblichen Gequassel der Crew vertiefte ich mich in den Reiseführer, während Pia so langsam die Äuglein zu fielen. Sanft die Landung in Hahn, flott der Abgang, rasch die Einreise; auch der Trolly lag schon auf dem Förderband und so marschierten wir nur wenig später klackernd durch die Dunkelheit zum Parkplatz, wo der Golf schon mit gefrorenen Scheiben wartete. Wir warfen das Gepäck in den Kofferraum, kratzen die Scheiben sauber und schon schnurrte der silberne Golf über die Schnellstraße Richtung Autobahn, aus den Lautsprecher sangen Cure The same deep water as you und die Wombats knödelten:  Let’s dance to joy division, and celebrate the irony, everything is going wrong, but we’re so happy, let’s dance to joy division, and raise our glass to the ceiling, ´cos this could all go so wrong, but we’re just so happy, yeah we’re so happy, während sich der Nebel über die Straßen im Hunsrück legte und eine Sternschnuppe am Himmel entlang sauste.

Soundtrack London 2011

The Sound – Counting the days

Snow Patrol – Chasing Cars

Phillip Boa – Enjoy the silence

Carter USM – Prince in a Paupers Grave

Carter USM – Surfin USM

Carter USM – While You Were Out

Carter USM – This is how it feels

The Clash – London Calling

Joy Division – Love will tear us apart

The Smiths – Panic

The Cure – The same deep water as you

The Wombats – Let’s dance to Joy Division