Enjoy the silence. Dies ist ein Lied von Depeche Mode, von Phillip Boa gibt es eine Coverversion und mit dieser weckte uns der Wecker im Handy früh um halb acht, ein neuer Tag will schließlich genutzt werden. Irgendwann im Laufe des Tages sollten auch Andi und Arne zu  uns stoßen, dank mobiler Kommunikationstechnik sollte ein Zusammenkommen ja kein Problem darstellen und so duschten wir und schlängelten in den Frühstücksraum, wo wir von einer freundlichen jungen Dame aus Rumänien willkommen gehießen wurden. Während Pia sich für Cornflakes, Toast und Saft entschied, wählte ich die einheimische Variante: Spiegelei, Speck und Bohnen. When in Rome, do as the Romans do. Dazu gabs Toast und natürlich Kaffee oder Tee. Morgen werde ich die Variante ohne Bohnen nehmen. Wir frühstückten in aller Ruhe, plauderten mit der Bedienung, die auch unser Zimmermädchen war und freuten uns auf den Tag. An meinen Füßen trug ich selbstverständlich die Piccadillycircuspumaturnschuhe – die Stiefel lagen in einer Plastiktüte auf dem Zimmer und dort sollten sie bis zum letzten Tag auch bleiben.

Frisch gestärkt marschierten wir zur Victoria-Station und nahmen die Underground nach Notting Hill. Die Victoria-Line sollte über das Wochenende nicht verkehren, was für uns allerdings erst am Abend ein Thema sein wird, dann wartet Brixton auf uns, doch der Reihe nach. Mind the Gap!

Hinter der Station Notting Hill Gate liegt die Portobello Road und dort zieht es den Reisenden zum Portobello Market – und die Damen in die Geschäfte. Man könnte meinen, dass alle die gestern noch am Big Ben fotografierten sich nun hier herumtrieben, überall blitzte ein Fotoapparat auf, klickte ein Handy, während sich Stand um Stand präsentierte. Gegrillte Hühnchen waren im Angebot, aber man konnte auch alte Fußbälle oder Cigarettenfußballsammelbildchen kaufen, natürlich auch Klamotten und CDs oder weiter unten sogar alte Singles britischer Bands. Bunt bemalte Häuschen reihten sich an Restaurants und Pubs, ein geschäftiger Trubel beherrschte das Treiben unter einem wolkenlosen blauen Himmel in Notting Hill. Mittlerweile waren auch Andi und Arne in London eingetroffen und wir lotsten sie in die Portobello Road – und tatsächlich entdeckten wir die beiden nur wenig später im geschäftigen Treiben. Da die beiden erst später im Hotel einchecken konnten (sie residierten nur wenige Meter von uns entfernt) trieben wir uns ein wenig im Stadtteil herum, und tranken einen Kaffee, während Pia einen Gap-Laden entdeckt hatte. Mädels werden ohnehin magnetisch davon angezogen werden, aber auch Andi nutzte die Möglichkeit, sein spärliches Reisegepäck ein wenig aufzupeppen; immerhin war er seit Wochen in anderer Mission unterwegs gewesen und direkt von Meißen über Berlin nach London eingeschwebt. Alsbald sahen wir eine glückliche Pia mit einer Einkaufstüte in der Hand und die Londoner sahen kurz darauf ein munteres Grüppchen in der U-Bahn verschwinden, das kurz darauf wieder an der Victoria Station auftauchte und in den Warwick Way marschierte.

Als wir uns wiedertrafen hatte sich heraus gestellt, dass die Online-Buchung von Arne nicht wirklich im Hanover-Hotel angekommen war; kurzerhand wurde beide im gegenüberliegende Airways Hotel einquartiert, das von außen zwar mächtiger als unser bescheidenes Enrico daher kam und auch einiges teurer war, sich im End aber als ein Laden erwies, der länger als eine Nacht nicht zu gebrauchen ist; Schimmel in der Dusche ist nicht jedermanns Sache.

Wir wanderten nun über den kleinen Markt den wir schon gestern entdeckt hatten, gönnten uns leckere Lammcurries und Kebabs und tigerten dann zu einem Eckladen, der Bierdosen offerierte. Während Andi sechs Lech Dosen für den Preis von fünf erwarb, lungerte ich rauchend vor dem Laden herum und entdeckte einen Aufkleber, der verkündete, dass Trinken auf der Straße nicht erlaubt sei und den Verlust des Getränkes sowie von 500 Pfund bedeuten könne. Neben dem Laden hockte ein Grüppchen Trinker und kümmerte sich nicht darum.

Wir ploppten unsere Dosen, prosteten uns zu und setzten uns Richtung Vauxhall Bridge in Bewegung, derweil ich Arne von dem soeben gelesenen erzählte. Wir schwatzten und lachten und entdeckten einen Autofahrer, der von einem Polizisten angehalten wurde, der wie so viele hier eine leuchtend gelbe Warnweste trug. Und während wir noch brav an der Ampel auf grün warteten. kam besagter Cop zu uns und herrschte uns an: Put the can down. Es dauerte ein winziges Weilchen, bis der Penny fiel; die Trinker weiter oben waren mutig – und wir naiv. Wir stellten unsere Bierdosen auf den Boden, einzig Pia konnte die ihrige noch unbemerkt unter der Jacke verstecken. Der Ordnungshüter hielt in recht rüder Art einen Vortrag, wir taten so, als verstünden wir nur mäßig englisch und alsbald notierte ein freundlicherer Kollege unsere Adressen als Nachweis getaner Arbeit mit der beruhigenden Information, dass wir außer dem Verlust der Bierdosen nichts zu befürchten hätten. Ansonsten hätte uns der Spaß auch schlappe 1,500 Euro Pfund kosten können. Es ist aber auch ein mieser Job; ich meine wenn du Dope oder Koks konfiszierst, dann kannst du dich und alle deine Kumpels damit bis an das Lebensende versorgen, bei angebrochenen Bierdosen fällt das dann schon entschieden schwerer. So ist das Leben im Bezirk Westminster; drüben auf der anderen Seite der Vauxhall Bridge in Lambeth geht es dann schon entspannter zu – und es erwies sich von Vorteil, dass wir sechs für fünf erworben hatten; somit teilten wir uns die restlichen Dosen und tranken darauf, dem Ruin von der Schippe gesprungen zu sein.

Derart gestärkt liefen wir am südlichen Ufer der Themse in Richtung Modern Tate; vorbei am London Eye, vorbei am Weihnachtsmarkt und erreichten das berühmte Museum in der anbrechenden Dunkelheit. Während bspw. der London Tower oder das London Eye eine schöne Stange Geld Eintritt kosten, haben staatliche Institutionen den Vorteil, dass sie kostenfrei sind; wer mag kann eine Spende hinterlassen. In dem ehemaligen Kraftwerk an der South Bank hat eine bedeutende Kunstsammlung ihr zuhause gefunden; alte Meister sind ebenso zu begutachten, wie hochmoderne Kunst und wir spazierten hinein.

In der alten meterhohen Turbinenhalle lagen die Gäste auf dem Boden, gegenüberliegend wurde ein Super 8 Film auf die gigantische Wand projiziert. Während Pia sich mit mir in die Abteilung Poetry and Dream aufmachte, zog es Andi und Arne zur zeitgenössischen Kunst. Unterwegs begegneten mir nebenbei Pablo Picasso, John Heartfield, Constant, Joseph Beuys und sogar die Millionen Sonnenblumenkerne von Ai Weiwei. Natürlich ersetzt so ein Spaziergang nicht einen Vormittag im Museum, im dem man sich sicherlich auch einen ganzen Tag aufhalten kann, aber angesichts der Fülle von Eindrücken kann alles nur Stückwerk bleiben, wie im Grunde das ganze Leben nur Stückwerk ist. Irgendwas verpassen wir immer, irgendwas passiert immer, es ist nur die Frage, wie wir all dies gewichten.

Pia hatte es sich mittlerweile in einem der Stühle vor der Ausstellung bequem gemacht, während ich noch einen Abstecher in die Abteilung Energy and Process absolvierte. Bilder flimmerten vor meinem Auge, hier ist die Moderne zuhause, Kunstkunst – nicht alles geht an mich, obwohl es schon einen Hauch von Poesie hat, dem Wind beim sanften Zerwirbeln von Müll zu zusehen. Eine hängende Polyester-Treppe haut mich jedoch nicht vom Hocker.

Lustig wurde es, als ich mit Andi in einem Raum war, in dem ein Film lief. Kaum hatten wir den Raum verlassen, erklang ein Ton – und Andi fragte, zu welchem Kunstwerk er wohl gehören möge. Ich deutete auf den Raum den wir soeben verlassen hatte und meinte: vielleicht hier, die Leute strömen ja alle hierher. Darauf Andi: Kann sein, obwohl es hier lauter ist. Der Securitymann, der uns dann die Treppen hinab komplimentierte war allerdings kein Bestandteil eines Kunstwerkes, er folgte den Anweisungen, was bei einem Feueralarm zu tun ist und schickte die Besucher nach unten. DAS war Kunst, interaktives Happening unter Einbeziehung der Gäste. Und wir mittendrin. Vor meinem geistigen Auge spielten sich Szenen der Verzweiflung in einer brennenden Tate ab, Familienangehörige suchen einander, glückliches Wiedertreffen und bitterlicher Abschied. Wo war Pia? Doch das Szenario dauerte nur kurz, auf der dritten Ebene trafen wir uns alle wieder, gesund und munter.

Wir verließen das Museum und wanderten nun in der Dunkelheit zur Millenium Bridge; direkt gegenüber am anderen Ufer leuchtete St. Pauls und in einiger Entfernung wartete ein japanisches Restaurant auf uns, in dem es sogar noch freie Plätze gab. Gut, der halbe Liter Bier für fünf Euro, da muss vorläufig ein kleines genügen, aber immerhin: die Nudeln waren lecker und wir halbwegs satt, so dass wir uns nun Richtung Brixton aufmachen konnten. Mobile Handies können ja nicht nur Barcodes scannen oder die Höhe anzeigen, sondern sie dienen auch von Zeit zu Zeit als Stadtplan. Wie so viele folgten wir von nun an dem Handy wie ein Wünschelrutengänger und erreichten tatsächlich einen Bus der Linie 35 Richtung Brixton Road. Erstmals in meinem Leben saß ich also in einem dieser legendären knallroten Doppeldeckerbusse, nach wenigen Metern kletterten wir nach oben und sahen aus dem Fenster. Hier war es weniger gelackt, als in den schicken Stadtteilen, in einem Frisörladen ließ sich ein Afrokaner die Haare machen, an der nächsten Ecke warb ein Nagelstudio um Kundschaft, alles war ein wenig dunkler, ein wenig abgerissener als am Ufer. Hier gibt es andere Probleme, als ein Bier in der Öffentlichkeit zu trinken.

Ein freundlicher Brite erklärte uns, wann wir aussteigen müssen und als wir Brixton Station erreichten, einen wirbeligen Platz buntgemischter Nationen, erklärte uns ein weiterer den Weg zur Brixton Academy, dem Ort, in dem wir heute Abend den Auftritt von Carter USM verfolgen würden. Die Academy, die heute unter einem anderen Namen firmiert ist, ein altes Kino mit Kuppelvorbau; die Buchstaben des Namens der Band werden in alter Tradition auf der Leuchtreklame befestigt. Carter USM 19.11.2011 Sold Out.

Gut, dass Arne Tickets reserviert hatte, wir holten die Karten ab und wanderten die Brixton Road hinauf zum Jamm, dem Club, in dem heute die Aftershow-Party stattfinden wird, für die Arne auch Tickets organisiert hatte. Vor dem Eingang war ein Zelt aufgebaut, vor dem Gebäude standen etliche Konzertbesucher, rauchten und tranken Bier und vertrieben sich die Zeit bis zur Show. Am Eingang Security, doch auch hier hatte die Reservierung bestens geklappt und so streckten vier Frankfurter resp ein Neuberliner die Arme aus und wir bekamen zu unseren Tourshirts und den Tickets auch ein Bändchen für den kommenden Abend. Indiemusik schrammelte durch den dunklen Laden, wir sanken mit einem Bierchen in die Sessel, wippten mit den Füßen und sammelten Kraft für die kommenden Stunden. Ein paar Tische waren schon belegt und als Carter USM lief wurde lautstark mitgesungen, die Stimmung war ausgelassen, das Warm Up lief. This is how it feels …

Als die Zeit gekommen war, besorgten wir uns gegenüber in einem Laden für alles noch einen Schoppen auf die Hand und tigerten mit vielen andern die Brixton Road hinab zur Academy. Fast jeder trug ein Carter-Shirt, 30 Something, You fat Bastard – ein bunter Haufen aus vielen Ecken Europas traf sich in London, um einen der seltenen Gigs zu genießen – und wir mittendrin. Der Einlass ging flott, kurzer Sicherheitscheck und schon standen wir in den heiligen Hallen. Am Merchandising organisierte sich Pia noch einen Carter Hoodie, dann gab’s oben noch ein letztes Bierchen, dazu offerierten knapp bekleidete Mädels einen Jägermeister für kleines Geld. Wir kamen mit einem HSV Fan aus Hannover in Kontakt, unschwer erkennt man den Deutschen hier am Dialekt und schon suchten Pia und ich unsere Plätze im Oberrang, während Andi und Arne sich im Stehplatzbereich einfanden. Kaum hatten wir unsere Plätze eingenommen, zuckte eine Lichterwand und die Herren Jim Bob Morrison und Fruitbat peitschten zum Drumcomputersound ihre Songs ins grelle Licht. Die knallroten Docs des Sängers leuchteten wie sein rotes Hemd zur schwarzen Hose bis in den Oberrang. Surfin USM; Bababaaabababbabbabaadaa. Es folgte eine neunzigminütige Abfolge der Songs, die zum Teil über zwanzig Jahre auf dem Buckel haben und doch so frisch klingen, als seien sie brandaktuell. Die Lichterwand tauchte die Bühne in weiß, Blitze zuckten, die Halle tobte und im Oberrang stand kein Mensch obgleich ein Schild verkündete, dass das Stehen streng verboten sei. Vor zwei Jahren hatten Ordner die Stehenden wohl massiv aufgefordert, sich zu setzen – und erst nach einer Weile den Kampf aufgegeben – heuer stand alles, sang, klatschte und manch einer konnte sein Shirt nach dem Konzert auswringen. Zwei Mal konnte das Publikum die Band zu einer Zugabe bewegen und nach knapp zwei Stunden war die Show zu Ende, die Jungs verabschiedeten sich und allenthalben sah man glückliche Gesichter. Hier die Tracklist des Konzertes vom 19.11.2011:

Surfin USM
Murder Mile
Tulse Hill
Billy Smart Circus
Re Educating Rita
Paupers Grave
While You were Out
Shoppers Paradise
Anytine Anyplace
Lean On Me
Lets Get Tatoos
Glam Rock Cops
Falling on a Bruise
Sing Fat Lady Sing
Do Re Me
Bloodsport
New Cross
Watershed
Imposible Dream
Drop the bomb

Encore:

My Defeatist Attitude – live string section, Fruity on bass.
This Is How It Feels – live string section
Tube Station At Midnight
Sheriff Fatman
GI Blues

 Der Hunger trieb uns ein paar Meter Richtung Brixton Station hinunter, die nun umsäumt war von Konzertbesuchern, Grasdealern, Junkies und Nachtschwärmern aus allen Herren Ländern. Während KFC langsam seinen Laden schloss und damit auch die Toiletten,  blieb auf der anderen Seite nur noch das große M. Da mein Hunger mich zu einem gut bewachten Laden nebenan trieb und dabei ein paar Dosen Carlsberg abfielen zogen Pia, Andi und Arne zum M. Als ich wiederkam herrschte dezente Aufregung, da der große schwarze Security Mann den Gang zur Toilette verweigert hatte und auch ein ihm eilends auf dem Boden kredenzter Burger nicht zu einer Änderung seiner Haltung bewog, entsponn sich ein Palaver dem ich mich alsbald wieder entzog, um eine neue Ladung Carlsberg zu holen. Neben allerlei zwielichtigen Gestalten orderte ich für die Crew noch ein paar Dosen, während sich die Situation allmählich zuspitzte. Andi zuckte zwar noch ein paar Mal, aber dann dackelten wir doch ab Richtung Jamm und feierten bis spät in die Nacht; London Calling, Panic, Love will tear us apart – die Musik machte Laune, irgendwo dampfte ein Joint, einer schlief an der Tanzfläche während hinten in der Halle eine Carter-Coverband aus Japan namens Clinton USM vor versammelter Meute groß aufspielte; sie hatten sich auf einer Videoplattform präsentiert, wurden entdeckt und waren nun schon mehrmals im Jamm zu Gast, es muss ein großes Erlebnis für die Jungs, sein; eben noch im heimischen Wohnzimer – und jetzt in Brixton vor ein paar Hundert Leuten zu spielen. Die Zeit kreiselte, die Helden wurden müde und nachts um drei cruisten wir in einem privaten Taxi durch die Nacht und landeten wohlbehalten im Warwick Way. Pia und ich zogen ins Hotel, während Andi und Arne sich noch die paar Meter ins Airways vorkämpfen mussten. Spät ist’s geworden und erlebnisreich, so dass wir rechtschaffen müde in die Kojen fielen. This is how it feels to be lonely, this is how it feels to be small, this is how it feels, when your word means nothing at all … (ab 4:02)

So, und nachher spielt die Eintracht.