Alles begann mit einem Currywursttest in meinem Blog und der Anfrage Arnes, ob wir nicht Lust hätten, einen solchen in London zu machen; er wüsste dort eine Bude und bei der Gelegenheit könnten wir doch gleich mitkommen zum Auftritt von Carter USM, die sich zwar seit Jahren aufgelöst hätten, hier und da jedoch noch vereinzelt auftreten würden. Da das ganze verlockend klang und es manchmal einen guten Grund geben muss, von hier wegzukommen sagten wir zu und buchten einen Flug von Hahn nach Stansted und ein Hotel in London gleich dazu. Das Hotel cancelte ich unmittelbar darauf wieder, da die Online-Bewertungen nicht ganz unseren Erwartungen entsprachen (Wer braucht schon Schimmel und Gestank) und buchte gegenüber ein anderes – und sollte es nicht bereuen.

 Donnerstagnacht sollte es also losgehen, zunächst mit dem silbernen Golf nach Hahn, dann nach London – doch zuvor wartete noch im Museum die Vorstellung des neuen Buches von Uli Matheja, betitelt Unsere Eintracht, wobei ich ein wenig moderieren sollte. Pünktlich am Montagabend fühlte sich der Golf unwohl, lief unrund und kränkelte. Von daher ging’s am Dienstag in die Werkstatt und die Diagnose erfolgte am Mittwoch; bis dahin saß ich auf glühenden Kohlen. Mittags kam die Entwarnung, der Golf schwächelte an den Zündkerzen, am Luftmengenmesser und an einer Zündspule; Abholtermin spätestens Donnerstagvormittag, und so kam es dann auch. Leise rollten die 75 PS zurück ins Nordend – und als Matze anrief ob ich für Steffen einspringen könnte nur wenig später ins Eintracht Frankfurt Museum.

Viel war noch nicht los, hie und da verkaufte ich ein Eintrittskärtlein und wies einem Verirrten den Weg zum Fanshop, während ich nebenbei die Technik für den Abend installierte. Gegen fünf Uhr kam Pia, gegen sechs die ersten Gäste und alsbald füllten sich die Räume mit Eintrachtlern jeglicher Couleur, um das Erscheinen des Buches gebührend zu würdigen – darunter auch die Europapokalfinalisten Lindner, Lutz und Stein; auch Dr. Peter Kunter schneite vorbei und pünktlich um halb acht eröffnete Matze Thoma die Veranstaltung. Warme Worte gab’s obendrauf von Eintracht Präsident Peter Fischer und schon erzählte Uli Matheja über das Buch und dessen Entstehung und über die Notwendigkeit, am Strand Korrektur zu lesen während andere entspannen. Zwei Jahre lang stöberte Matheja in Archiven und korrespondierte mit Gott und der Welt, um aus den Schlappekicker und Himmelsstürmer Auflagen das neue Werk zu entwickeln. Er entzifferte handschriftliche Spielberichte aus den Anfangstagen der Viktoria, stellte fest, dass zu Kriegszeiten auch mal Zuschauer oder Spieler der gegnerischen Reservemannschaft einspringen mussten, um elf Spieler aufbieten zu können und bemerkte, dass in frühen Jahren der Fußball ebenso eine Randnotitz wert war, wie ein Fahrraddiebstahl. Und dass er immer noch auf der Suche nach dem Torschützen sei, der beim ersten Heimspiel nach dem Zweiten Weltkrieg für die Eintracht beim 1:4 gegen Nürnberg getroffen hatte. Unter den Zuhörern war auch die Familie des vor einem Jahr viel zu jung verstorbenen Christoph Safran, dessen preisgekrönte Arbeit mit Schülern zu der jüdischen Schuhabrik Schneider, die im Volksmund Schlappeschneider genannt wurde und ursächlich verantwortlich für den Begriff Schlappekicker ist – immerhin arbeiteten ein Großteil der Eintrachtmannschaft zu Beginn der Dreißiger Jahre in der Fabrik. Am Ende erzählte Öri noch, wie er Anfang der Achtziger Jürgen Klopp dazu gebracht hatte, die Eintracht C-Jugend zu trainieren und alsbald war die Veranstaltung zu Ende; Bücher wurden unter’s Volk gebracht, ein Schoppen getrunken und später die Technik wieder abgebaut. Als wir frisch getankt wieder im Nordend einliefen war es kurz nach Mitternacht; in drei Stunden würde die Nacht zu Ende sein – noch ehe sie angefangen hat.

Während sich Pia langsam reisefertig machte, packte ich meine Siebensachen zusammen und legte mich ein knappes Stündchen aufs Ohr. Kaum war ich eingeschlafen, ging’s schon los. Wir verstauten in der kühlen Dunkelheit unsere Habseligkeiten im Kofferraum des Golfs und schnurrten um viertel nach drei auf den Alleenring und von dort auf die Autobahn, vorbei an Ikea, vorbei an Wiesbaden, hielten uns auf der Theodor Heuss Brücke in Mainz brav an die Geschwindigkeit und folgten der Autobahn über Ingelheim und Gau Algesheim ins Hunsrück. The Sound sangen Counting the days, ab und an überholten wir einen LKW bis es bei der Ausfahrt Rheinböllen auf die Schnellstraße und von dort zum gut ausgeschilderten Flughafen ging. Dort parkten wir den Golf einige Schritte vom Terminal entfernt und wanderten zu den bunten Buchstaben Flughafen Frankfurt Hahn, was auch immer Hahn mit Frankfurt zu tun hat. Der Flughafen erwachte zum Tag, die Brezelbude wurde eingeräumt und allenthalben schimmerte die Müdigkeit der Nacht durch die Zeit.

Unser Flieger startete ab Terminal B, so mussten wir noch ein paar Meter laufen, bis wir an der Gepäckaufgabe unseren Koffer auf die Reise schickten. Einige Flugzeuge standen auf der Rollbahn und so langsam füllte sich der kleine Airport mit Reisenden. Wir marschierten durch die Passkontrolle, wurden wie auch unsere Stiefel kritisch beäugt, warfen einen Blick in den Duty-Fee-Shop und hockten uns dann in den Wartesaal am Gate, der sich gleichsam langsam füllte. Mitarbeiter mit leuchtend gelben Westen begannen ihren Arbeitstag, ein gealteter Trinker auf Krücken gönnte sich einen Flachmann und müde Reisende hingen in den Sitzen oder standen schon früh in der Schlange der Wartenden, die in Bewegung kam, als das Priority Boarding aufgerufen wurde. Bis auf den Trinker auf Krücken und eine Frau im Rollstuhl, die beide wieder zurückgeschickt wurden, weil Priority eben Geld kostet und nicht abhängig von Gebrechen ist, hatte niemand die bevorzugte Behandlung gebucht und somit änderte sich vorerst nichts. Wenig später durfte dann auch Otto Normalverbraucher das Flugzeug besteigen, wir aber blieben sitzen, bis wir als vorletzte über den Flughafen zum Flieger spazierten. Kurz nach dem Betreten wussten wir auch, weshalb sich die meisten die Füße in den Bauch gestanden hatten, reservierte Plätze sind ein Luxusgut, das bei Ryanair nicht zum Standard gehört – und obgleich wir die letzten waren, fanden sich noch zwei Plätze nebeneinander. Da die Gepäckablagen jedoch besetzt waren, quetschten wir unsere kleinen Rucksäcke zwischen die Beine und pünktlich wie die Maurer hob die 737 ab.

Unentwegt quatschte eine Stimme über die Lautsprecher zu uns, wurden Hefte oder Preislisten gereicht und wieder eingesammelt, während mein Kopf auf die Ablage fiel und ich über das Gemurmel einnickte – um nur ein paar Minuten später etwas holprig in Stansted zu landen. Mit einem Bähnchen ratterten wir zur Gepäckausgabe, wo Pias Trolly mit dem Eintracht-Aufkleber schon seine Runden drehte und gemeinsam überstanden wir die Einreiseformalitäten.

Da die Zeit in London eine Stunde zurück ist, hielten wir um 07:15 unsere Tickets für die Busfahrt in die City in unseren Händen, für 15 Pfund sollte uns Terravision zur Victoria Station und am Montag wieder zum Airport bringen; allein: möge die Übung gelingen. Aus der geplanten Abfahrtszeit um 7:30 wurde zwar 8:00, und der Bus, der mit Liverpool beschildert war fuhr mitnichten nach Liverpool, sondern nach London in die Liverpool Street – aber auch dort wollten wir nicht hin. So tranken wir einen Kaffee, vergegenwärtigten uns, dass wir nun tatsächlich in London waren und erinnerten uns daran, dass der Einheimische den Linksverkehr bevorzugt. Look right hieß also das Gebot der Stunde.

Pünktlich um acht setzte sich der Bus in Bewegung und wir rollten über die Autobahn in Richtung City. Auf den Feldern vor der Stadt schwebte der Morgennebel, aus den Lautsprechern sangen Snow Patrol von Chasing cars, während wir durch das Fenster erste Eindrücke aufsaugten. Der Millenium Dome grüßte von Ferne, später rollten wir an der Themse entlang, erkannten die London Tower Bridge, London Eye, Downing Street und den Big Ben, bis wir nur wenig später an der Victoria Coach Station unser erstes Ziel erreicht hatten.

Da unser Hotel nur ein paar Hundert Meter von der Busstation entfernt lag, orientierten wir uns kurz an einem Stadtplan und marschierten den St Georges Drive hinunter bis zum Warwick Way, derweil uns schon nach wenigen Schritten die ersten Britinnen aus dem Bilderbuch begegneten – mit Hüten groß wie Wagenräder. An jeder Kreuzung gemahnten wir uns: Look right und nach wenigen Minuten standen wir vor unserem Hotel. Wir klingelten und eine weibliche Stimme rief: Receptscheeeen und nach unserer Vorstellung: Cam iiiiiin. Der Türöffner summte und wir stiefelten eine schmale Treppe zur Rezeption hinab. Die weibliche Stimme begrüßte uns, während sie umher wuselte und erklärte uns freundlich den Ablauf der Dinge. Da wir erst um 14:00 Uhr einchecken konnten, war es kein Problem, unser Gepäck (ohne Wertsachen und Passport) im Frühstücksraum zu lassen, der ordentlich und gemütlich wirkte. Nach einer kurzen Plauderei mit der freundlichen Asiatin, verließen wir das Hotel und stürzten uns bewaffnet mit Stadtplan, Reiseführer und einem ganzen Säcklein voller Neugierde in den sonnigen Tag. Nach mittlerweile 26 Stunden ohne Schlaf (Pia) resp ohne nennenswerten (Beve) wartete nun London auf uns. Look right.

Der erste Weg führte über einen kleinen Markt zur Themse Richtung Vauxhall Bridge. Wir hatten uns entschieden, für’s erste am Fluss zu bleiben und zu sehen, wohin der Weg uns führt; da ich das erste Mal in London war und auch Pias letzte Reise hierher schon Staub angesetzt hat, sollten unsere Wege durchaus an den bekannten touristischen Attraktionen vorbei führen, die laut Plan mehr oder minder an der Themse ihre Heimat hatten.

Die Sonne glitzerte im Wasser; Schiffe und Boote jeglicher Couleur schipperten auf dem Fluss, dessen Bedeutung für die Stadt in den letzten Jahren schwer abgenommen hat. Die roten, modernen Doppeldeckerbusse sausten die Straße entlang, dazu Unmengen der schwarzen Taxis, die mittlerweile gleichfalls recht modern daherkamen. Unentwegt quengelte ein Sirene der Polizei; die ersten Jogger sausten am Ufer entlang, bis sich nach wenigen Metern der Victoria-Tower des House of Parliaments mächtig in den Himmel schob. Grimmige Wächter mit Maschinenpistolen wachten stumm, während Touristen eifrig fotografierten. In der Ferne drehte das London Eye seine Runden, während am Fuß der Westminster Bridge der berühmte Big Ben thronte. Goldglänzend ragte der Turm in den blauen Himmel, nur wenige Schritte dahinter liegt die Westminster Abbey, die wir uns jedoch für den Rückweg aufhoben. Pippa lief uns allerdings nicht über den Weg. Dafür aber Jogger, fotografierende Touristen und Menschen, die auf ihr Handy starrten.

Wir schlenderten an der Themse entlang, verzierten eine Telefonzelle klammheimlich mit einem Eintrachtaufkleber und schlugen uns vor der Blackfriars Bridge in die von Bankern mit maßgeschneiderten Anzügen belebte Gegend hinter der Uferstraße. Auch hier schien das Handy angewachsen, ein jeder telefonierte, an den Ecken aber residierten historische Pubs, bevölkert mit urbaner Klientel – davon jedoch waren die Kinder noch weit entfernt, die in großen Gruppen in Schuluniform bei St. Paul umher schwirrten. Über alles wachten Kameras, es schien, als bliebe kein Schritt unbemerkt. Weiter unten am Ufer führt die Milleniums Bridge mittenmang auf das Modern Tate Museum. Mit einem Kaffee in der Hand spazierten wir an einem Pub mit dem schönen Namen The Hung, Drawn and Quartered vorbei – unzweifelhaft näherten wir uns dem London Tower und der bekannten London Tower Bridge, ein weiteres beliebtes Fotoobjekt, nicht nur bei uns. Besuchergruppen marschierten durch den London Tower und hörten sich die gruselige Geschichte des ehemaligen Gefängnisses an, in dem neben Sir Walter Raleigh auch Lady Jane Grey oder Rudolf Heß eingesessen hatte – der im Gegensatz zur jungen Königin den Turm jedoch überlebt und sich erst später vom Acker gemacht hatte.

Wir schauten uns kurz im Shop um und marschierten über die London Tower Bridge der Sonne entgegen. Als Kind hatte ich mal ein Spiel namens Electra, es ging darum, verschiedene Dinge elektrisch mit einer Antwort zu verknüpfen und ein Glühbirnchen zum leuchten zu bringen; Auf dem Papierbogen der Sehenswürdigkeiten fanden sich neben der Rialto Brücke, der Chinesischen Mauer auch die London Tower Bridge; 40 Jahre später erinnerte ich mich daran, wie ich im staubigen Wohnzimmer meines Großvaters in Mömlingen herausgefunden hatte, dass egal welcher Bogen auf dem Spiel lag, die Verknüpfungen stets die gleichen waren – am Ende konnte ich das Spiel auch ohne Bogen.

Am südlichen Ufer der Themse wanderten wir wieder zurück, vorbei am Modern Tate und entdeckten den wunderbaren Borough Market. Pfiffige Händler boten Lebensmittel jeglicher Artfeil, auf den Grills dampften Lammspieße, frische Gnocchis wurden zur Probe gereicht; Wurst, Käse, Fish n Chips, Obst und alles was das Herz begehrt lag appetitlich zubereitet und ließ einem das Wasser im Munde zusammen laufen. Da sag mal einer, in England gibt es nichts  gescheites zu essen.

Derart gestärkt erreichten wir den Weihnachtsmarkt, der verdächtig an den heimischen erinnert, in den bekannten Holzhüttchen wurde Glühwein, und Krimskrams feilgeboten, die Kinder sausten mit einem Karussell im Kreis und lernten für ein Leben, kurz dahinter ragte das London Eye in die beginnende Nacht. Noch immer harrte eine Menschenschlange auf die Möglichkeit einer dreißigminütigen Fahrt mit Blick über das abendliche London. In der Nähe hat ein Gruselmuseum seine Heimat; Kindern liefen schreiend heraus, gefolgt von einem blutüberströmten Mann.

Mittlerweile schmerzten meine Füße gewaltig und mit jedem Schritt schien der Weg qualvoller. Blöderweise hatte ich nur meine uralten Red Wings dabei, die all die Jahre klaglos ihren Dienst verrichtet hatten – doch allein der Gedanke, am kommenden Tag die gleichen Schuhe tragen zu müssen, schmerzte gewaltig. Während Pia trotz nunmehr 36 Stunden ohne Schlaf noch recht munter wirkte, zumindest was die Füße anging, verließen mich die Kräfte. Über die Westminster Bridge schleppten wir uns zur Westminster Abbey, wofür ich angesichts meiner Füße nur einen eher müden Blick übrig hatte; selbst wenn Pippa hier vorbei marschiert wäre, hätte ich nur einen einzigen Gedanken gehabt: Schuhe aus.

Mit den Stunden hatte sich nun die Dunkelheit über die Stadt gelegt, die Augen flimmerten und nur mühsam erkannten wir im Schein der Straßenlaternen die winzige Schrift des Stadtplans; immer wieder hielten wir an, vergewisserten uns unseres Weges und landeten endlich wieder im Warwick Way. Ein kurzer Ausflug in einen Supermarkt folgte, ein Feierabendbier wanderte in unsere Tasche ebenso eine Flasche Wasser, bezahlt an einer Selbstbedienungskasse und nach wenigen Metern klingelten wir am Hotel. Receptscheeeeen. Cam iiiiiiin.

Die freundliche Asiatin erklärte uns wortreich das Hotel und die Wege, derweil wir bezahlten und uns aufs Zimmer schleppten.Der  Room 218 sollte nun für die nächsten Tage unser zuhause und uns doch nur in der Dunkelheit sehen. Das Zimmer war zwar klein, aber sauber und aufgeräumt, auch ein Blick auf Toilette und ins Bad stimmte froh und so warf ich meine Schuhe auf den Boden und winselte.

Wir teilten uns ein Heineken, ruhten ein wenig aus und entschieden dann noch einmal hinaus zu gehen, wer weiß schon, wann wir wieder einmal in London sein werden. Unsere Idee war, zur Victoria Station zu laufen um dann mit der Bahn zum Piccadilly Circus zu fahren. Dazu hatten wir die Oystercard einer Kollegin von Pia in der Tasche, eine Karte, die das Bahnfahren erschwinglich gestaltet. Diese wird mit einem Geldbetrag aufgeladen, über Lesegeräte wird die jeweilige Fahrt an den Bahnhöfen abgebucht – manchmal jedoch schlüpft jemand unbemerkt noch mit durch die Absperrung und hofft, noch etwas günstiger davon zu kommen.

Da wir am Morgen an der Victoria Coach Station für Busse gelandet sind, checkten wir zunächst unsere Abfahrstation für die Rückreise und wanderten dann erstmals in den großen Bahnhof. Die schwarzen Taxis warteten vor dem Hintereingang auf Kundschaft, wir aber irrten durch die riesigen Hallen, die tatsächlich um einiges größer sind als die Konstablerwache. Rush hour in London, Gewimmel und Gewusel, klackernde Trollies, Leuchtreklame der Geschäfte und kleine Wegweiser zur Underground. Menschenschlangen warteten vor den Ladestationen der Oystercard, Menschenmassen marschierten durch die Eingänge der Tube – und uns wurde schon vom Zuschauen schier schwindlig. Immerhin mussten wir ja noch das Procedere einer Bahnfahrt klären, doch bei all dem Trubel und unserer Müdigkeit suchten wir ein ruhigeres Eckchen. Und prompt fanden wir ein Lesegerät, vor dem niemand wartete, checkten unsere Karten und entschieden dann, über den Buckingham Palace Richtung Piccadilly Circus zu laufen. So holten wir uns ein Roadbier und schlenderten prostend aber langsam die Buckingham Palace Road entlang. Wagemutig, wie sich später heraus stellte. In einer Unterführung schliefen zwei Obdachlose auf Pappkartons, wenige Meter dahinter residiert die königliche Familie in allem erdenklichen Luxus. Seltsame Welt.

Vor dem Buckingham Palace, der nachtbeleuchtet in die Dunkelheit prangte, war es recht ruhig. Ein paar Jugendliche machten Faxen am Denkmal vor den Parks und wir wanderten weiter Richtung Piccadilly Circus; vielleicht nicht auf dem kürzesten Weg und vielleicht auch nicht schnell, aber wir kamen vorwärts. Am Straßenrand der breiten Straße The Mall hingen türkische und britische Flaggen im Nachtdunkel, Wohnmobile mit Arbeitsplätzen parkten am Straßenrand und ein Wohnwagen mit Cateringangebot versorgte die Schaffenden, wer weiß, vielleicht wird derzeit ein Film gedreht, vielleicht ist es aber auch Alltag in der Monarchie, man will schließlich informiert sein, was die Queen und ihre Zöglinge gerade so treiben.

Nach einigem Hin und her fanden wir dann tatsächlich den Piccadilly Circus; grellbunte Neonreklame beleuchtete den belebten Platz, Jugendliche hockten am Shaftesbury Memorial Fountain, Busse und Taxis sausten umher und der Platz wirkte nicht wirklich einladend – bis ich ein Schuhgeschäft entdeckte, das noch offen hatte. Schnurstracks marschierten wir hinein, und da die Preise moderat erschienen, schauten wir uns um. Kurz darauf probierte ich ein paar Pumaturnschuhe an, die zwar optisch überzeugten, aber zu groß waren. Nach zwei weiteren Versuchen hatte ich die richtige Größe erwischt und spürte, wie sich meine Füße freuten und so gar nicht glauben konnten, wie ihnen geschah. Ich wanderte zur Kasse, packte die Stiefel in eine Tüte und behielt die neuen Schuhe an den Füßen. Dass ich elfengleich geschwebt wäre, würde ich nicht behaupten, aber im Gegensatz zu vorher sah mein Gang nach dem eines Menschen aus. Die ersten Pumaschuhe meines Lebens, das bislang von adidas geprägt war.

Da wir nunmehr knapp 40 Stunden auf den Beinen und hungrig waren, erklärten wir das Sightseeing für heute beendet, spazierten in die Underground und fuhren erstmals U-bahn in der großen Stadt. Wie die Profis zogen wir die Oystercard über die Lesegeräte, und checkten die Linien.

Groß nach Restaurant und Vornehm stand uns der Sinn nicht mehr, bei einer bekannten Burgerkette erstanden wir Whopper samt Cola, hockten uns auf eine Bank im Bahnhof und lagen wenig später im quietschendem Hotelbett, nachdem wir zuvor mit verschwommenen Augen vergeblich versuchten, den Stadtplan zu lesen. Ich brauche keine Brille, ich brauche eine Lupe. Flugs den Wecker gestellt und noch im Weckerstellen fielen mir die Äuglein zu. Meine Füße bedankten sich noch ganz leise für die neuen Schuhe; die alten aber, das war beschlossene Sache, würden in London bleiben. Ein Abschied nach sechzehn Jahren kündigte sich an – und er wird eingedenk des letzten Tages ein würdiger sein.