Ich weiß, ihr wartet noch auf den zweiten Teil der Geschichte von Anton Hübler. Über den Abend von Uli Stein mit Lady Luck im Museum gab’s auch noch nichts zu lesen, geschweige denn über das Spiel der Eintracht gegen die Bayern. Bislang fehlt auch eine Vorschau auf das Spiel in Mainz, sowie ein Bericht über eine Buchvorstellung zum Frauenfußball  – als Monika Staab mit Dieter Hochgesand im Museum zu Gast waren und während eines kurzweiligen Abends das im Röschen-Verlag erschienene Werk Früchte des Traums präsentierten. Seid gnädig, habt Geduld. Vielleicht kommt ja noch was.

Statt dessen erzähle ich euch von etwas ganz anderem. Nämlich von einer Band, von der ich niemals glaubte, dass sie in diesem Blog jemals Erwähnung finden würde und wenn, dann nur als abschreckendes Beispiel – und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Da wären zum einen die unglaublich geschmacklosen Cover etlicher Langspielplatten aus den Siebzigern und frühen Achtzigern. Zum anderen hat diese Band einen Titel produziert, der in einer Auflistung der schlechtesten Songs aller Zeiten von mir stets als erstes genannt wird. Wenn ihr wollt, könnt ihr ja in den Kommentaren eure schlechtesten Songs aller Zeiten benennen.

Es war kurz nach der Wiedervereinigung, ich wohnte in einer Art Aquarium in der Hegelstraße mit Balkon auf den viel befahrenen Sandweg. Ein paar Meter aufwärts rief die Ampel Ecke Kantstraße zur Ordnung. Ihr müsst wissen, während die Berger Straße am oberen Ende der Hegelstraße in etwa wie die aufgehübschte BRD daher kam, verkörperte der Sandweg die hässliche Schwester, so eine Art DDR. In der ersten Zeit hatte ich einglasige Holzfenster, die vibrierten, wenn die Motoren an der Ampel haltender LKWs dröhnten. Später wurden die Fenster ausgetauscht und die Miete erhöht – doch im Sommer stand die Balkontür  notgedrungen offen, der Lärm der Straße, den Neil Diamond 1976 verblendeter Weise als Beautiful Noise besungen hatte, drang in die Stube. Die Stimmen der Menschen, die draußen vor dem Eiscafé  in der Sonne saßen, die Motoren der Autos und  mit ihnen die Musik aus den Lautsprechern derer, die an der Ampel halten mussten. Und wie oft drang aus den Boxen das gleiche Lied zu mir nach oben; vorwiegend aus Golf Cabrios, die wir damals Erdbeerkörbchen nannten und die das Gegenteil dessen verkörperten, was wir cool fanden. Auf unseren Plattentellern drehten sich Scheiben von den Einstürzenden Neubauten oder Dead can Dance – und aus diesen Erdbeerkörbchen erklang stets das gleiche Lied. Immer. Bis heute ein Grund, weshalb ich der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber stehe.

Die die diiie … die die diie die diiie …

Gedanklich stand ich auf dem Balkon mit einer Pumpgun und schoss die Erdbeerkörbchen von der Straße. Die die diiie … die die diie die diiie … tääääääik mi to se mätischk of se moment on a glory neit…

Wind of change

Scorpions.

Die die diiie … die die diie die diiie … Dieses Pfeifen hat sich in mein Hirn eingebrannt wie in die Seele tätowierter Stacheldraht. Es war und es ist grausam.

Wobei ich sagen muss, dass sowohl die Doppellive LP Tokyo Tapes, als auch das Album Blackout zehn Jahre zuvor für Furore gesorgt hatten; musikalisch waren die Scorpions Ende der Siebziger ein paar Jahre lang wirklich eine große Nummer, Songs wie In Trance, Blackout, oder Robot Man rockten die Tanzflächen und der Peinlichkeitsfaktor galt damals nur für die Cover etlicher Scheiben, wobei das Helnwein Cover der Blackout die große Ausnahme war. Irgendwann verlor ich die Band aus den Augen – bis sie durch die offene Balkontür in mein Zimmer drang und sie für mich fortan ein Dasein auf einer Stufe mit Phil Collins fristete.

Bis vergangenen Samstag. Die Eintracht hatte in der letzten Minute den Ausgleich gegen die Bayern kassiert, die Laune war gedätscht, doch im Backstage rockten die Bembelbarjungs, die uns schon so oft nach Niederlagen das Lachen wieder gegeben hatten. Wir hockten draußen, Pia, Andi, und dazu ne ganze Menge andere Gesellen und Gesellinen, bequatschten Gott und die Fußballwelt, während drinnen Charly begonnen hatte aufzulegen. Charly ist mein Lieblings DJ. Nicht nur, weil er ein netter Kerl ist, sondern auch, weil er immer wieder unglaubliche Nummern aus dem Nichts zaubert. Wie zum Beispiel eine Coverversion von Status Quos What you`re proposing gesungen von … Desirée Nosbusch. Großartig sagt er dann immer. Der Charly. Irgendwann drangen gekannte Töne an mein Ohr, die mir dennoch fremd vorkamen. Was war dies? Die Bay City Rollers? Nein, es hörte sich an wie The Sweet. Genau, Fox on the run. Killersong. Aber es sang auf deutsch.

„Hey Charly, was ist das denn?“ Charly lachte: „Die Scorpions.“ Ich dachte erst, dass er mich verscheißert, aber bei näherem hinhören ließ es sich nicht leugnen: Da sang allen Ernstes Klaus Meine. Auf deutsch. Fuchs geh voran. Ich war von den Socken.

So hatte Charly tatsächlich eine weitere Perle der Musikgeschichte ausgegraben, die mir bislang absolut verborgen geblieben ist; textlich auf dem Niveau, das die Scorpions erst mit Wind of Change wiederholen konnten: Fuchsi Fuchs komm sei schlau, geh in den Bau.

Großartig.

Charly könnt ihr am 30. April in der Alten Liebe live erleben; er legt mit seiner Partnerin Angi zum Tanz in den Mai auf. Vielleicht sogar dieses Wunderwerk. Und wer noch nicht genug hat, für den gibt es noch die Coverversion eines anderen Sweet-Klassikers: Action; bei den Scorpions heißt dies dann: Wenn es richtig losgeht.

Viel Vergnügen.